Martin | Der  schottische Prediger | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 252 Seiten

Martin Der schottische Prediger

überarbeitete Auflage
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7502-2610-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

überarbeitete Auflage

E-Book, Deutsch, 252 Seiten

ISBN: 978-3-7502-2610-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



James erlebt wie sein Onkel, ein schottischer Geistlicher, durch seine charismatische Persönlichkeit und seine fesselnden Reden, einen kometenhaften Aufstieg erfährt und bald Modeprediger in London wird. Binnen kurzem begeistert sich dieser für apokalyptische Endzeitgedanken und unterstützt eine junge Bewegung, die spätere apostolisch-katholische Gemeinschaft, und verliert daraufhin seine Anstellung. Als in der Folge sogenannte Geistesgaben, wie Zungenreden und Krankenheilungen auftreten, wird der angehende Advokat immer kritischer, aber die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten. Er versucht verzweifelt ihn davon abzubringen, bricht sogar mit der Kirche, muss aber mitansehen wie sein Onkel ins Unglück rennt.

Dr. Frank Martin (Autorenname: Frank Phil Martin), geboren 1963 in West-Berlin; Naturheilmediziner, Studium der Philosophie, Promotion im Fachbereich Gesundheitswissenschaften. Verheiratet, zwei Kinder. Seit 1991 freiberuflich tätig in Süddeutschland). Der Autor publizierte bereits einige medizinische Fachartikel. Der Roman, Der schottische Prediger, ist sein belletristisches Debüt. Wertvoll, zur Verarbeitung dieses Themas, sind seine fundierten Kenntnisse der biblischen Geschichte.
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Kapitel - Ankunft in London


Erste Szene - Hunger


Es war ein herzlicher, ja überschwänglicher Empfang am gestrigen Donnerstagabend. Nachdem uns Maria, Onkel Edwards Haushälterin, die Tür geöffnet hatte und wir in den geräumigen Flur eintraten, nahm ich den Geruch von eingelagerten Äpfeln wahr, der sich mit dem von kaltem Rauch vermischte. Am Ende des Flures bemerkte ich eine Kellertür, die leicht offen stand und rechter Hand verlief eine steile Eichentreppe, die in den ersten Stock führte. Die Räume wirkten düster und wurden nur durch einige Kerzen, die seitlich an den Wänden in Glaslampen angebracht waren, erhellt. In diesem Augenblick brauste Onkel Edward die Treppe vom Eingangsflur hinunter, wobei die Absätze bei jedem Tritt erbarmungslos knarrten und seine Arme mit jeder Stufe weiter auseinanderflogen, um unten angekommen in die Arme meiner Mutter zu fallen. Seine Erscheinung faszinierte mich jedes Mal, er war ungewöhnlich groß und seine kohlschwarzen Locken fielen fast bis auf seine breiten Schultern herab. Sein Gesicht wirkte etwas blass, aber das Ungewöhnlichste seiner Merkmale war wohl sein eigenartiges Schielen auf dem rechten Auge. Sein Habitus hatte etwas von einem Zigeunerbaron oder sogar, das eines Räuberhauptmanns. Diese imposante Erscheinung und sein Auftreten zogen jeden sofort in seinen Bann. Reichlich geküsst und geherzt führte uns Onkel Edward zunächst durch die Räumlichkeiten. Die Wohnung und Ausstattung des Hauses war eher spärlich und bescheiden. In der unteren Etage waren Empfangs- beziehungsweise das Speisezimmer, eine Badestube, der Flur und die Küche. Im ersten Stock befanden sich das Arbeitszimmer von Onkel Edward, sein Schlafzimmer und ein Gästezimmer. Im zweiten Stock, dem Dachgeschoss, waren mein Zimmer und ein Raum, der derzeit nicht benutzt wurde. Ich selbst wurde in die obere Etage einquartiert, ein Raum der zumindest nicht allzu beengt schien, ein kleiner Sekretär, eine Bettstatt und ein Schrank waren die einzigen Möbel, die mich hier fortan umgeben sollten. Immerhin hatte das Zimmer einen kleinen Kamin, sodass die Kälte, wenn sie denn im Hause herrschte, vertrieben werden konnte. Dennoch, ich war erschrocken und, Gott möge mir verzeihen, auch enttäuscht von der Spärlichkeit und Schlichtheit dieser Behausung. Onkel Edward führte uns in das Speisezimmer, das, wie sich später herausstellte, für alle ankommenden Besucher die erste Anlaufstation war. Nachdem wir unsere Grüße bestellt und einen ausführlichen Reisebericht abgeliefert hatten, stellte uns Maria eine dampfende Suppe auf den Tisch. Nach einem nicht enden wollenden Tischgebet von Onkel Edward - ich ertappte mich bei dem Gedanken, die Suppe könnte kalt werden - nahmen wir die leicht wässrige Mahlzeit, die den vermuteten und erhofften Inhalt jedoch vermissen ließ, dennoch als willkommene Wärme mit einigen Brotscheiben in uns auf. Onkel Edward meinte, dass diese Mahlzeit am Vorabend des Karfreitags angemessen sei, zum Gedenken und in Respekt an unseren Herrn Jesu Christi, von dem jedenfalls nicht bekannt ist, in üppigen Verhältnissen gelebt zu haben. Nach Onkel Edwards Aussage von vorhin hätte sich wohl auch Jesus selbst bei uns wohlgefühlt. Aber ich fragte mich, was hatte ich mir vorgestellt, ein Schloss, ein prunkvolles Herrenhaus mit einer Armada von Dienern, die nur damit beschäftigt waren, einem jeden Wunsch von den Augen abzulesen, um ihn sogleich zu erfüllen?

Nein - dies hier war eher das Gegenteil und ich hoffte insgeheim, dass die neue Anstellung meines Onkels auch ein komfortableres Auskommen mit sich bringen würde. Im Augenblick konnte die kleine Gemeinde, die etwa fünfzig Gläubige schottischer Herkunft umfasste, das Salär für Onkel Edward gerade so aufbringen. Aber war das überhaupt ein realistischer Wunsch? Eingedenk der Tatsache, dass mein Onkel in all seinem Wesen und seinen Ansprüchen eher ein bescheidener Mensch war und bedacht, dies auch nach außen durch sein stetes Vorbild zu vermitteln. Ich sollte mir nichts vormachen, es stand mir wohl eine armselige Zeit bevor, deren Umstände ich selber, und da musste ich ehrlich sein, nur bedingt beeinflussen konnte. Auch mein Ausbildungsgeld wurde noch für ein knappes Jahr unter die Hoheit meines Onkels gestellt, sodass ich auch aus diesem Fundus, nach meiner Einschätzung, nicht viel erwarten konnte. War ich verwöhnt, besaß ich zu hohe Ansprüche? Nein, ich denke nicht, aber was hatte ich für Alternativen, sollte ich mich ganz und gar darauf einlassen? Auch das gefiel mir nicht. Vielleicht konnte ich zunächst Maria als meine geheime Verbündete gewinnen? Sie würde sicher für meine unvermittelten Hungerattacken Verständnis aufbringen, ich beschloss, mich an Sie zu halten, wenn es wieder mal nur Londoner-Suppe gab.


Zweite Szene - Verstörend


Nach einer etwas unruhigen Nacht, obwohl mir keine Bettwanzen untergekommen waren, es war wohl der neuen Umgebung und der ganzen Umstellung geschuldet, schlüpfte ich in meine Festtagsgarderobe. Im Speisezimmer, wo bereits meine Mutter und Onkel Edward zugegen waren, gab es zum Frühstück dünnen Kaffee und Toast mit etwas Aufstrich. Immerhin so viel davon, wie es brauchte, jedenfalls war meine heimliche Befürchtung, durch zu wenig Nahrung im Wachstum gehemmt zu werden, vorerst beruhigt. Ansonsten waren das Verhalten meiner Mutter und meines Onkels und der ganze Karfreitagmorgen selbst von einer geschäftigen Betriebsamkeit geprägt, die einzig und allein dem Gottesdienste und deren Vorbereitungen gewidmet war. Während Onkel Edward, leise vor sich hin murmelnd, seine Predigt überflog, nestelte Mutter minutenlang an ihrer Festtagskleidung herum. Ich blickte aus dem Fenster, es waren Unmengen von Menschen unterwegs, wollten sie alle in das kleine Kirchengebäude, ich vermutete jedenfalls, dass es nicht allzu groß war? Sie strömten geradezu aus jeder erdenklichen Richtung, die Straßen waren von den ankommenden Menschenmengen fast verstopft. Onkel Edwards Wohnung lag, welch ein glücklicher Umstand, direkt neben dem Kirchenlokal von Hatton’s Garden. Durch eine kleine, unscheinbare Verbindungstür, die sich unterhalb der Eingangstreppe befand, führte ein direkter Zugang zur Sakristei, den wir benutzten konnten. Onkel Edward blieb dort, um sich vorzubereiten, nicht ohne uns mitzuteilen, dass er bereits drei Plätze, auch für Maria, freigehalten hatte. Wir gingen durch die Seitentür in das Kirchenschiff. Als wir eintrafen, war das Kirchenlokal bereits voll besetzt. Ich vermute, es waren, nach einer kurzen Schätzung an die zweihundert Gläubige, vielleicht sogar mehr, die dicht gedrängt in den Reihen saßen und versuchten, sich sogar seitlich am Kirchenraum einen Platz zu beschaffen.

Nach einiger Zeit sammelte sich die Gemeinde und es wurde zunehmend ruhiger, bis hin zu einem vollständigen, minutenlangen Schweigen, das wie auf Absprache entstand. Dann begann der Gottesdienst und lief nach der üblichen presbyterianischen Liturgie ab. Nach dem Eingangslied der Gemeinde, „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, bestieg Onkel Edward, oder sollte ich in diesem Fall besser sagen Reverent Irving, die Kanzel und schaute wohlwollend und achtsam, lange schweigend in die Gemeinde, bevor er bedächtig zu Reden begann:

„Geliebte Brüder und Schwestern in dem Herrn, liebe Gemeinde“, erhob er zunächst leise die Stimme, es war so still, dass man glaubte, die Kerzen brennen zu hören.

„Das letzte Abendmahl, die letzte Begegnung Jesu mit seinen Jüngern, der letzte Ruf des Herrn im Garten Gethsemane, als er zu Gott seinem Vater flehte: „Vater, Vater, ist´s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“. Wie oft flehen und beten wir, was wünschen wir uns? Dass all dies was uns abverlangt wird, an dem wir scheinbar zerbrechen, all unsere Trauer, unsere Bitternis, ja unsere Leiden, an welchen wir manchmal verzweifeln könnten, genommen werden? Was aber hat der Herr getan? Er konnte alles in Gottes Hand geben, als er sagte: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände, aber nicht mein sondern Dein Wille geschehe.“

Seine Stimme schwoll langsam etwas an und wurde eindringlicher:

„Was tun wir, können wir das auch, sind wir bereit Gott, unserem himmlischen Vater, die Regentschaft zu überlassen oder schreiben wir dem Herrn vor, was er für uns tun soll und wissen vielleicht am Ende selbst am besten, was für uns gut und richtig ist? Was war passiert, war das Leiden am Kreuz, dieses unfassbare, grausame und unmenschliche Geschehen das Ende? Hatte Jesus kapituliert, war seine Mission gescheitert? Glauben wir wirklich, dass jemand Gott den Schöpfer des Himmels und der Erden, den Herrn aller Herren, hindern kann, etwas Gutes, etwas Neues entstehen zu lassen? Ich sage Euch, kein Leid bleibt ungesehen, kein Schmerz ungeteilt, keine Trübsal unbemerkt. Und wenn wir meinen, innerlich zu zerbrechen, dann ist Gott auch da, führt uns aus dem Tal heraus und er wird abwischen alle Tränen.“

Das war freilich nur ein kurzer Prolog und wie könnte ich mir in solch einem Maße selbst Ehre zutragen, wenn ich behaupten würde, die gesamte Predigt von einer Stunde wiedergeben zu können. In diesem Moment kamen mir die beiden Zeitungsartikel in den Sinn und ich erlaubte mir, auch ein kritisches Ohr hinzuzufügen. So wie er angefangen hatte, blieb es nicht, es wurde pathetischer, nach meinem Eindruck auch etwas schwülstiger und mitunter sogar dramatisch, begleitet von heftigen und zuweilen ungraziösen Gestikulationen, aber, wie ich fand, nicht unbedingt tiefgründiger. Was mir nicht unangenehm war, denn jeder soll sich ja selbst Gedanke machen und aus einer Predigt eigene Schlüsse ziehen. Es ging unaufhaltsam weiter:

„Es ist notwendig, die Welt unter die Autorität Christi zu...



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