Martin | Erbe wider Erwarten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

Martin Erbe wider Erwarten


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-86305-298-0
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 100 Seiten

ISBN: 978-3-86305-298-0
Verlag: Verlag Peter Hopf
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Als die beiden Freundinnen Alexandra und Marie einen Toten in der Jauchegrube auf dem Grundstück ihres Weinhofes finden, den sie gemeinsam betreiben, stellt sich die Frage, was der Geschichtsprofessor bei ihnen gesucht haben könnte. Die Ermittlungen von Hauptkommissar Jan Berger und der früheren Gerichtsmedizinerin Alexandra führen in die Gastronomie-Szene und auf die Suche nach einem verschollenen Kochbuch. Unvorhersehbare Wendungen werfen jedoch bald noch ganz andere Fragen auf ... Dieser Roman wurde bereits unter dem Titel ?Rosas Vermächtnis? veröffentlicht und von der Autorin für die vorliegende Fassung neu bearbeitet.

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2.


»Dieser Balduin Hafner muss ein netter Mensch gewesen sein«, sagte sie beiläufig, als sie abends mit Marie bei der Abrechnung des letzten Tages saß.

»Ach, es geht also wieder los?«, antwortete die Freundin mit einem besorgten Seitenblick.

»Vor dir kann man auch nichts verheimlichen!« Alexandra lächelte schwach. »Ja, es scheint so, aber ich bin froh, dass ich mit dir darüber reden kann. Trotzdem will ich noch mehr über ihn herausbekommen.«

»Was sagt der Kommissar denn dazu? Eigentlich darfst du das doch gar nicht.«

»Stimmt. Deswegen weiß er auch offiziell nichts davon.«

»Aha, so habt ihr das also geregelt!« Marie grinste. »Und wie soll das jetzt weitergehen?«

»Mich lässt der Gedanke nicht los, dass Hafner vielleicht nicht zufällig hier war. Irgendetwas hat er gewollt!« Alexandra stand auf und begann ruhelos hin und her zu laufen. »Aber was? Ich muss zu ihm in die Wohnung, vielleicht finde ich dort einen Hinweis.«

»Aber unseren Wein verkaufst du zwischendurch auch noch, oder soll ich das jetzt ganz allein machen?«

»Natürlich nicht, nach Geschäftsschluss ist ja schließlich auch noch Zeit.«

Hauptkommissar Jan Berger hatte sich in den Kopf gesetzt, den Zufall aus dieser Sache auszuschließen. Die Geschichte mit den Fuchsjägern schien durchaus plausibel zu sein, und ihm war in seiner Praxis schon so mancher versehentliche Jagdunfall untergekommen.

Berger, obwohl selbst aufgrund seines Berufes an Waffen gewöhnt und mit ihren Risiken vertraut, war trotz allem ein Gegner der Jagd. Das Machtgefühl über die niedere Kreatur, das aus so manchen Jägeraugen leuchtete, war ihm verhasst. Mochten sie sich noch so sehr als Regulativ der Natur verstehen, das kranke Tiere auszumerzen oder eine angeblich übergroße Population zu dezimieren half, für Berger war dieser Grund oft nur vorgeschoben. Die Einzigen, die dieses Recht hatten, waren für ihn die Förster und ihre Forstgehilfen, alles andere erschien ihm unrecht. Der Grund dafür, dass nur wenige Jäger, nämlich jene, denen ein wirklicher Einklang mit der Natur am Herzen lag, vor seinen Augen Gnade fanden, lag lange Jahre zurück. Auch Jans Vater war passionierter Jäger gewesen, der seinen kleinen Sohn schon früh an die Jagdgewohnheiten heranführen wollte und ihn daher mit auf die Pirsch nahm. Das Kind sollte von vorneherein mit diesem Bewusstsein aufwachsen, oder anders gesagt, ein Gefühl der Überlegenheit den Tieren gegenüber entwickeln, kurz, es sollte in den Augen des Vaters schon früh ein richtiger Mann aus ihm werden. Jan jedoch erbrach sich, als der Vater ihn zu dem erschossenen Reh führte, das blutend und in seinen letzten Zuckungen am Boden lag. Als der Vater das Wild schließlich aufbrach, die Eingeweide herausnahm, die blutig und dampfend in der kühlen Herbstluft lagen, und der Gestank für Jan unerträglich wurde, war es mit seiner Fassung vollständig vorbei. Der Vater, der ein solches Verhalten nicht akzeptieren wollte, zwang den Sohn, ihn weiterhin bei der Jagd zu begleiten. Der Zehnjährige begann schlecht zu schlafen, verlor den Appetit und zog sich immer mehr in sich zurück. Die Mutter, die die Not des Kindes zwar traurig erlitt, war aus eigener Schwäche heraus jedoch außerstande, ihm zu helfen und zog es vor, sich den Wünschen ihres Mannes zu beugen.

Der Höhepunkt des Leidens war erreicht, als der Vater, wütend über Jans sogenannte Verstocktheit, zum Gewehr griff und dessen geliebte Katze vor seinen Augen erschoss. Von diesem Tag an hatte Jan kein Wort mehr mit ihm geredet und war kurz darauf in ein Internat gekommen. Auch hier war es schwer gewesen, aber trotzdem besser, als die Kälte und Verbohrtheit des häuslichen Umfeldes ertragen zu müssen.

Obwohl es bei seiner Vorgeschichte eher paradox erschien, dass er nach dem Abitur das Studium an der Polizeischule aufgenommen hatte, war es für Jan eine logische Konsequenz gewesen. Sein Sinn für Gerechtigkeit – oder besser Ungerechtigkeiten, die jemand erleiden musste – ließ ihm keine andere Wahl. Aber er musste während seiner Ausbildung auch lernen, sein emotionales Gerechtigkeitsempfinden zurückzustellen und durch professionelles Abwägen und Handwerk zu ersetzen. Trotzdem gab es immer wieder Situationen, in denen ihm das schwer fiel. Bei Verhören zum Beispiel, in denen dem offensichtlich schuldigen Täter nichts nachzuweisen war und der Kommissar und der Polizeiapparat an seine Grenzen gerieten. In der Regel verließ er dann den Raum, weil er fürchtete, handgreiflich zu werden, und bis auf ein paar Ausnahmen war es ihm bisher gelungen, ruhig zu bleiben. Auch seinem Vater hatte er damals den Tod gewünscht, und etwas von dieser beängstigenden Energie, die je nach Situation – dessen war er sich sicher – jeden treffen könnte, unter diesen Umständen also, erlebte er.

Trotzdem war aus dem ehemals verängstigten Kind ein Mann mit optimistischer Ausstrahlung und positivem Wesen geworden, der von seinen Kollegen respektiert und gemocht wurde. Wie viel innere Arbeit und welchen Reifungsprozess es dazu gebraucht hatte, ahnte niemand, aber Jan war davon überzeugt, dass die lebensbejahende Art wirklich seinem Charakter entsprach und schon immer ein Teil von ihm gewesen war, auch wenn das früher nicht so schien.

Im nächsten Schritt seiner Ermittlungen hieß es jetzt also, die Waffenbesitzer der näheren Umgebung ausfindig zu machen, ihnen einen Besuch abzustatten und ihre Schusswaffen überprüfen zu lassen. Außerdem musste er herausbekommen, ob es in Alexandras Gegend Leute gab, die illegale Gewehre oder Pistolen besaßen – auf jeden Fall lag ein gutes Stück Arbeit vor ihm. Gleichzeitig musste er mit den Nachforschungen zu Balduin Hafners Person vorwärtskommen. Jan seufzte – die Sisyphusarbeit gehörte halt zum Geschäft.

Alexandra beschloss, ohne die Sache mit Jan abzusprechen, sich ein Bild von Hafners Wohnung zu machen. Da der Tote außerhalb gefunden worden war, war die Wohnung bereits untersucht, aber nicht versiegelt worden; die Polizei hatte den Schlüssel allerdings sichergestellt. Aber wie das bei Mietshäusern oft der Fall war, bestand durchaus die Wahrscheinlichkeit, dass ein Nachbar oder eine Nachbarin einen Ersatzschlüssel besaß, sodass Alexandra sich einen guten Grund ausdenken wollte, um Zugang zur Wohnung zu bekommen.

Marie staunte nicht schlecht, als Alexandra, die legere Kleidung liebte, am späten Nachmittag in einem eleganten schwarzen Kostüm vor ihr stand.

»Mensch, Alexandra, du siehst ja klasse aus!« Marie musterte ihre Freundin aufmerksam. »Vielleicht ein bisschen spießig, sieht aber trotzdem gut aus. Wen willst du denn damit beeindrucken?«

»Wenn ich Zutritt zu Hafners Wohnung bekommen will, muss ich doch vertrauenerweckend aussehen. Meinst du, das geht so?« Alexandra drehte sich langsam um die eigene Achse.

Marie lachte. »Auf jeden Fall! Ich selbst würde dir unbesehen jedes Märchen abnehmen, das du mir erzählst.«

»Okay, dann hoffe ich, dass es Hafners Nachbarn genauso geht. Du kommst doch in der letzten Stunde allein klar? Heute war ja sowieso nicht so viel los.«

»Jetzt geh schon, vorher gibst du ja doch keine Ruhe. Sicher schaffe ich das hier allein.«

Eine gute halbe Stunde später stand Alexandra vor der imposanten, hellen Jugendstilfassade des Acht-Parteien-Hauses in der Bonner Südstadt und überlegte, wo sie klingeln sollte. Hafner hatte in der zweiten Etage gewohnt, und da es von der Anordnung der Klingelknöpfe so aussah, als lägen je zwei Wohnungen auf einer Etage, drückte sie auf den Knopf, der sich unmittelbar neben dem Schild mit dem Namen Hafner befand.

»Ja bitte?«, tönte eine weibliche Stimme aus der Sprechanlage.

Alexandra beugte sich zum Lautsprecher vor.

»Guten Tag, Frau Schröder, bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich heiße Alexandra Lindner. Ihr Nachbar, Balduin Hafner, war mein Bruder.«

»Bitte kommen Sie doch herein«, antwortete die Stimme, dann ertönte der Summton, der die Tür öffnete.

›Das ging ja leichter, als ich dachte!‹ Alexandra schlug der Geruch frischer Farbe entgegen, als sie den terrazzobelegten Hausflur betrat, und sie schickte sich unter Herzklopfen an, das glänzend weiße Treppenhaus bis zur zweiten Etage emporzusteigen. Frau Schröder, eine schlanke Mittfünfzigerin, deren brünettes, mittellanges Haar von attraktiven grauen Strähnen durchzogen war, erwartete sie bereits – ein bedauerndes Lächeln im Gesicht.

»So sehen Sie also aus, ich war schon gespannt!« Sie musterte Alexandra skeptisch. »Eine Ähnlichkeit zu Ihrem Bruder kann ich aber überhaupt nicht feststellen.«

»Das geht vielen so, die uns kennen. Es liegt wahrscheinlich daran, dass wir zwei verschiedene Väter hatten«, beeilte sich Alexandra, die Unsicherheit der anderen zu entkräften. »Hat mein Bruder Ihnen das nie erzählt?«

»Nein, so vertraut waren wir nicht miteinander. Einen Kaffee oder ein Glas Wein haben wir ab und an zusammen getrunken, wenn ich seine Blumen während seiner Abwesenheit gießen sollte. Und meistens hat er mir eine nette Kleinigkeit als Dankeschön mitgebracht, wenn er zurückkam.« Sie lächelte. »Arbeiten Sie auch an der Universität?«, setzte sie unvermittelt hinzu.

»Nein, ich bin selbstständig. Ich besitze eine Weinhandlung.«

»Dann haben Sie ja doch etwas Gemeinsames! Herr Hafner war ja auch ein großer Weinliebhaber.«

»Das stimmt.« Alexandra setzte ihr traurigstes Gesicht auf und senkte den Kopf.

»Furchtbar, was mit Ihrem Bruder passiert ist. Er war ein so feiner Mensch!« Frau Schröders Augen röteten sich. »Ein solches Ende hat keiner verdient.«

Alexandra nickte ernst, dann sah sie Frau Schröder an. »Es...



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