E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
Martin Gefangen in der Oase der Leidenschaft
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7337-1721-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
ISBN: 978-3-7337-1721-6
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
'Sebastian Oakfield, zu Ihren Diensten.' Emmas Herz klopft wie rasend! Weil dieser gutaussehende Fremde quer durch den Nil zu ihrem kleinen Segelschiff geschwommen ist? Weil er ein verwegener Abenteurer zu sein scheint? Oder weil er unter dem ägyptischen Mond ihre Hand zu seinen Lippen führt und sie zärtlich küsst?
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1. KAPITEL
Emma beugte sich über den Rand des Segelbootes und streifte mit den Fingerspitzen über die Wasseroberfläche. Es fühlte sich angenehm kühl an. Eine erfrischende Abwechslung in der heißen Nachmittagssonne.
„Vorsicht“, sagte Ahmed freundlich. „Sie wollen doch sicher nicht, dass die Krokodile Ihnen die Finger abbeißen.“
Sofort zog Emma die Hand zurück und blickte misstrauisch auf die dunklen Fluten des Nils. Sie hegte den Verdacht, dass der Ägypter sie nur auf den Arm nehmen wollte. Zwar wusste sie, dass es diese gefährlichen Reptilien im Fluss gab, aber gewiss wagten sie sich nicht in die Nähe der Feluken.
„Krokodile kennen keine Angst“, sagte Ahmed, der anscheinend ihre Gedanken lesen konnte. „Sie haben schon kleine Schiffe angegriffen, wenn sie auf Beute aus waren.“
Emma rückte von der Bootswand ab und schaute von der Wasseroberfläche auf.
„Nur noch ein paar Minuten“, sagte Ahmed, der sich in den Schatten des Segels zurückgezogen hatte, und schloss die Augen. „Beobachten Sie weiter das linke Ufer.“
Sie schaute prüfend auf die Böschung, konnte aber kein Anzeichen von Zivilisation erkennen. Sie waren nur noch eine Stunde von ihrem endgültigen Ziel Kairo entfernt, aber momentan interessierte sich Emma nur für das, was hinter der nächsten Flussbiegung auf sie wartete.
„Der Tempel des Horus“, flüsterte sie. Sie umrundeten die Kurve, und dahinter waren deutlich die geraden Linien und Kanten eines Gebäudes zu erkennen. Es bot einen erhabenen Anblick. Sandfarbene Säulen ragten in den Himmel empor, und als sie näherkamen, konnte sie sogar Statuen des falkenköpfigen Gottes Horus links und rechts vom Tempeleingang erkennen.
„Haben wir noch Zeit auszusteigen?“, fragte Emma sehnsüchtig, auch wenn sie die Antwort auf diese Frage bereits zu kennen glaubte.
Seit zehn Tagen segelten sie den Nil hinunter, obwohl für diese Reise eigentlich nur acht Tage eingeplant waren. Anfangs war der Besitzer der Feluke noch geduldig gewesen und ihren Wünschen entgegengekommen, wenn sie an jeder alten Ruine am Flussufer anhalten wollte, aber es war ihr klar, dass er keine weitere Verzögerung dulden würde.
Ahmed redete in schnellem Arabisch auf den Bootseigner ein, und Emma setzte ein gewinnendes Lächeln auf.
Sie verfolgte mit angehaltenem Atem die hitzige Diskussion, bis Ahmed sich ihr kopfschüttelnd zuwandte.
„Er sagt Nein. Bedauerlicherweise kann er keinen Zwischenstopp mehr einlegen.“
Emma vermutete, dass der Mann sich wesentlich unhöflicher ausgedrückt hatte.
„Aber es ist doch der Tempel des Horus“, brachte sie vor.
„Sie werden noch viel Zeit haben, um Tempel und Gräber zu besichtigen, Sitt“, meinte Ahmet, der sie mit der respektvollen arabischen Anrede ansprach. „Hier geht es doch erst richtig los.“
Emma wusste, dass er recht hatte, aber sie konnte den Blick nur schwer von dem majestätischen Tempel losreißen. Davon hatte sie immer geträumt und sich alles in ihrer Fantasie ausgemalt. Andere Mädchen hatten von reichen Ehegatten und klangvollen Titeln geträumt, doch sie sehnte sich stets nach exotischen Ländern. Ihr Vater war ein bekannter Ägyptologe gewesen und hatte viele Jahre in Kairo gelebt. Als sie noch ein Kind war, hatte er ihr oft Geschichten von Pharaonen und Göttern der Vergangenheit erzählt, aber auch vom heutigen Staat Ägypten. Schon immer hatte Emma sich gewünscht, das alles einmal mit eigenen Augen zu sehen, und jetzt war sie hier.
Sie tastete nach der dünnen Schriftrolle, die sie in der Tasche ihres Rocks verborgen hatte. Bald würde sie so viele Abenteuer erleben, dass der Horustempel dagegen verblasste. Was für wundervolle Entdeckungen wohl noch auf sie warteten, wenn sie der geheimnisvollen Karte auf der Rolle folgte …
Aus dem Augenwinkel fiel ihr eine Bewegung auf, und sie blinzelte in die Abendsonne. Etwas lief sehr schnell zwischen den Säulen des Tempels. Sie richtete sich gerade auf und strengte die Augen an, um erkennen zu können, was es war.
Ein Mann. Ganz sicher. Ein Mann rannte wie gehetzt davon, als hinge sein Leben davon ab. Sie blickte sich um, um zu sehen, ob noch jemand etwas bemerkt hatte. Ahmed schien eingenickt zu sein, und der Eigentümer der Feluke schaute geradeaus, nicht zu dem Tempel auf der linken Seite.
Emma beobachtete, wie der Flüchtende zwischen den zwei Statuen hindurchsprintete und dann auf der Böschung zum Fluss hinunterrutschte. Einen Augenblick später wurde deutlich, warum der Mann es so eilig hatte. Sechs Männer in den traditionellen weißen Dschallabijas der Ägypter stürmten hervor aus dem Tempel, schrien etwas auf Arabisch und gestikulierten wütend mit den Armen. Erstaunt sah Emma, dass sie mit Krummsäbeln bewaffnet waren, mit denen sie wild in der Luft herumfuchtelten.
Der Mann war jetzt am Fuße des Abhangs angelangt und warf einen Blick zurück. Seine Verfolger begannen gerade mit dem Abstieg. In wenigen Augenblicken würden sie ihn erreichen. Er schaute sich nach links und rechts um, aber es gab keinen Ausweg. Plötzlich sah er hoch und blickte ihr ins Gesicht. Er grinste und zwinkerte ihr zu.
Emma riss die Augen auf, denn noch nie hatte jemand ihr so unverschämt zugeblinzelt. Dennoch konnte sie den Blick nicht von dem Mann losreißen. Sie sah zu, wie er das, was er in den Händen hielt, hastig in seine Tasche stopfte und dann kopfüber in das schnell fließende Wasser des Nils sprang.
Sie hielt den Atem an. Er schien bereits eine Ewigkeit unter Wasser zu sein, und sie suchte mit den Blicken die Oberfläche nach Lebenszeichen des Mannes ab. Entsetzt überlegte sie, ob er womöglich von der Strömung abgetrieben worden war, oder ob ihn ein Krokodil gefressen hatte. Sie schaute noch intensiver hin, voller Angst, sie würde einen roten Blutfleck im trüben Wasser entdecken.
„Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen?“, fragte eine leise Stimme direkt neben der Bootswand.
Emma zuckte so heftig zusammen, dass sie fast ins Wasser fiel.
Sie schaute nach unten und sah zu ihrem Erstaunen, dass der Mann, den sie beobachtet hatte, bis zum Boot getaucht war und die ganze Strecke unter Wasser zurückgelegt haben musste.
Er lächelte sie an, und sie lächelte unwillkürlich zurück.
Mit seinen starken Armen zog er sich über die Bootswand der Feluke und brach dann auf Deck zusammen.
Mohammed, der Schiffseigner, war sofort bei dem Mann und hielt ihm drohend seinen Dolch an die Kehle.
„Dreckiger englischer Grabräuber“, knurrte er auf Englisch mit starkem Akzent. „Ich sollte Sie sofort wieder über Bord werfen und den Krokodilen zum Fraß überlassen.“
„Das werden Sie nicht“, sagte Emma in erstaunlich energischem Ton.
Mohammed, Ahmed und der Engländer drehten sich überrascht zu ihr um.
„Sie haben die Lady gehört“, sagte der Engländer. „Ich habe eine Beschützerin.“
Emma kniff die Augen zusammen. Hatte sie etwa eine Spur von Belustigung in seiner Stimme gehört?
Mohammed schnaubte. „Ich sollte ihn von der Kehle bis zum Bauch aufschlitzen und zusehen, wie seine diebischen Gedärme hervorquellen.“
Emma trat einen Schritt vor, doch Ahmed hielt sie am Arm zurück.
„Das würde aber sehr viel Dreck machen und der Dame gewiss nicht gefallen“, sagte der Engländer gelassen. „Sie müssten danach das Deck schrubben.“
Emma hatte noch nie gesehen, dass jemandem ein Dolch an den Hals gehalten wurde. Aber war es normal, dass jemand, der den Tod vor Augen hatte, solche Scherze machte?
Ein paar Sekunden lang starrten sich Mohammed und der Engländer finster an, dann brachen beide in ein breites Grinsen aus.
„Scheint so, als schuldetest du mir dein Leben, Oakfield“, sagte Mohammed und klopfte dem tropfnassen Engländer auf den Rücken.
„Sind wir quitt?“
„Sie kennen einander?“, fragte Emma und merkte, dass ihr Hitze in die Wangen stieg.
„Ja, leider. Auch wenn ich es nur ungern zugebe, habe ich gelegentlich mit diesem zwielichtigen Burschen zu tun“, sagte Oakfield.
Emma schnaubte. „Wahrscheinlich ist es eher Mohammed peinlich, mit Ihnen gesehen zu werden.“
Der Engländer lachte und trat auf sie zu, um ihre Hand zu ergreifen und zu küssen.
„Sebastian Oakfield, zu Ihren Diensten, Madame.“
Als er den Kopf wieder hob, schaute er ihr direkt in die Augen, und Emma erschauerte. Seine Augen waren leuchtend grün, wie ein Farbfleck in seinem sonnengebräunten Gesicht. Sie sah die feinen Fältchen in seinen Augenwinkeln – offensichtlich war er ein Mann, der gern lachte.
„Bitte lassen Sie die Hand der Sitt los“, sagte Ahmed und trat näher.
Sebastian wandte sich zu Ahmed, als sähe er ihn zum ersten Mal, aber ihre Hand ließ er nicht los.
„Verzeihen Sie meine Dreistigkeit“, sagte er, obwohl seine Miene keinerlei Reue zeigte. „Aber man sieht nicht oft eine Frau den Nil hinabsegeln, die an Schönheit Nefertari gleichkommt.“
Bei diesem Kompliment kam Emma endlich wieder zur Besinnung. Sie zog ihre Hand aus seiner und trat einen Schritt zurück. Dabei versuchte sie, sich von seinen honigsüßen Worten unbeeindruckt zu zeigen. Schließlich war sie kein junges, unerfahrenes Ding mehr, sondern eine Frau von fünfundzwanzig Jahren. Obwohl sie nicht allzu viel von der Welt wusste, war es ihr klar, dass man den unaufrichtigen Komplimenten eines Gauners keinen Glauben schenken durfte. Einmal vielleicht … aber dann nicht mehr.
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