Martin | Und alle so yeah | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Martin Und alle so yeah

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8321-8652-4
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)

Roman

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-8321-8652-4
Verlag: DuMont Buchverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: Wasserzeichen (»Systemvoraussetzungen)



Elina ist neunzehn Jahre alt und hat alle Möglichkeiten dieser Welt. Sie hat gerade ihr Abitur hinter sich gebracht, sehr viel Geld mit ihrem ersten Roman verdient und niemanden mehr, der ihr etwas vorschreiben kann. Aber es gibt ein Problem, mit dem sie nicht allein ist: Sie hat überhaupt keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anstellen soll. Und so lässt sie sich treiben. Von einer Party zur andern, von Gin zu Kokain, von Berlin über Heidelberg in die Schweiz. Immer begleitet von ihrem älteren Bruder - und der großen Frage: Und jetzt so? Rebecca Martin hat einen Roman geschrieben, der viel mehr ist als eine Coming-of-Age-Geschichte. Es gelingt ihr, das einfühlsame Por-trät einer gehypten Bestsellerautorin zu entwerfen, die in Wahrheit ein ganz normales Mädchen ist. >Und alle so yeah< fängt das Lebensgefühl einer Generation ein, die verzweifelt auf der Suche nach einer Aufgabe ist.

Rebecca Martin wurde 1990 in Berlin geboren. 2008 Veröffentlichung des Romans >Frühling und so<, 2009 Abitur. Ausbildung zur Werbetexterin an der Texterschmiede Hamburg. Im Sommer 2012 erschien der zweite Roman >Und alle so yeah< im DuMont Buchverlag. Seit September 2013 Drehbuchstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. www.yeahundso.de

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REWIND Ich stehe hinter einem parkenden Auto und weine. Ich weiß nicht, was ich mehr bin: beschämt oder überfordert. Ich rufe Nicole an und räuspere mich, während es tutet. »Hallo Schätzchen, hast du schon Schluss?«, zwitschert Nicole mit der üblichen Hektik in ihrer Stimme. »Du hast doch donnerstags sonst immer bis vier, alles klar? Rufst du an wegen dem Termin später? Wir treffen uns um fünf vorm … Schätzchen, ist was?« »Hier steht eine Frau …« Meine Stimme klingt weinerlich. Ich ärgere mich darüber. »Wo? Was meinst du? Was für eine Frau?« »Eine blonde Frau … vom Fernsehen … und das Fernsehteam steht, glaube ich, um die Ecke und …« Meine Stimme bricht weg, und ich ducke mich tiefer hinter das Auto. »Sie lungert vor der Schule rum und fragt die Leute über mich aus.« Für einen Moment herrscht Stille. »Vor der Schule hast du gesagt?« Ich nicke und füge erst dann ein »Mhm« hinzu. Plötzlich stand diese Frau mit dem blonden Pagenkopf vor mir und stellte unablässig Fragen. »Ich möchte, dass Sie jetzt gehen. Sofort. Ich möchte nichts damit zu tun haben.« Sie wiederholte unbeirrt ihre Formel: »Aber Sie wollen das doch auch, oder nicht?« Und sie meinte die Aufmerksamkeit, die Fragen, das Kamerateam. Sie wirkte wie eine Puppe, die etwas auswendig Gelerntes stur aufsagte, und sie tat es mit einem so offensichtlich falschen Lächeln, dass ich ihr am liebsten die Augen ausgekratzt hätte. Stattdessen schüttelte ich nur hilflos den Kopf und verschwand hinter dem Auto, um Nicole im Verlag anzurufen. Der Pagenkopf ließ von mir ab und ging die Straße hinunter. Gefolgt von den Blicken der Schüler, die auf der Bank vorm Kiosk Buttercroissants verzehrten. Ich erzähle das alles Nicole am anderen Ende der Leitung. Für ein paar Sekunden höre ich es nur knistern. Tränen haben sich zwischen meinen Lippen angesammelt. Ich presse sie aufeinander, der salzige Geschmack verteilt sich auf meiner Zunge. »Ich komme sofort, bleib wo du bist.« »Was?« »Ich bin in zehn Minuten da.« Ich begreife, dass Nicole hierherkommen möchte. Vor meine Schule. Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. »Lieber nicht, Nicole … Es ist schon okay. Das war nur so ein Schock, es geht schon wieder … Ich weiß auch nicht. Nur ein Schock. Wie gesagt, geht schon wieder. Wirklich.« »Ich komme«, sagt Nicole. Ich fühle mich erschöpft. Ist sowieso alles zu spät, denke ich. Es klingelt zum Unterricht. Die anderen Schüler treten ihre Kippen aus, schmeißen die Kaffeebecher in den Mülleimer und schlendern plaudernd zurück in das Schulgebäude. Ich hocke mich auf die Bordsteinkante und starre ihnen nach, während es in meinem Kopf kreuz und quer schlägt. Mir fällt es schwer, das alles einzuordnen. Ich traue mich nicht, zurück in meine Klasse zu gehen. Ich grabe meine Fingernägel in meine Handfläche, bis sichelförmige Abdrücke zurückbleiben, und warte auf Nicole. Das Erste, was ich von Nicole sehe, sind ihre Füße, die in Sechs-Zentimeter-Absatz-Schuhen stecken. Sie steigt aus einem Taxi, schwingt ihre Tasche über die Schulter und schaut sich suchend nach mir um. Nicole ist groß, und es gibt viel von ihr. Viel Bein, viel Hüfte, viel Taille, viel Busen, viel Lippen, viel Haar. Ich meine schwarzes, dickes, langes Haar. Haar, nach dem sich andere Frauen auf der Straße umdrehen. Sie ist wirklich eine erstaunliche Erscheinung. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich sie gesehen habe: spontane Begeisterung. Ich wollte ihr Gesicht mit Küssen bedecken, so schön ist sie. Es gibt solche Frauen. Frauen, die etwas an sich haben, dass ich mich auf den ersten Blick in sie verknalle. Ich würde nicht sagen, dass Schönheit unbedingt ausschlaggebend ist. Eher eine bestimmte Aura, von der ich noch nicht einmal mit Sicherheit sagen kann, was genau sie ausmacht, aber sie ist nun mal da, und dann ist es vorbei mit mir. Andererseits gewöhnt man sich natürlich auch an diese Frauen. Die Aura wird alltäglich, und andere Seiten treten in den Vordergrund. Bei Nicole gibt es tausend andere Seiten. Ich stehe auf, klopfe mir den Straßendreck vom Po und winke ihr. Sie stürmt auf ihren Killerheels auf mich zu und ruft laut: »Schätzchen, oh mein Gott, ist alles in Ordnung?« Die Welt ist ja nicht untergegangen. Nur ein ganz kleines bisschen. Ein Bruchteil. Ein Splitter. »Ich hab eigentlich Schule, Nicole.« »Sollen wir nicht lieber einen Tee zusammen trinken?« Ich schaue hinauf zum Chemiesaal und sehe hinter der Glasscheibe die Hinterköpfe meiner Klassenkameraden. Ich kann die monotone Stimme unseres Lehrers hören, und alles in mir drin sträubt sich dagegen, mitten in die Stunde hineinzuplatzen. Ich würde ohnehin schwänzen. Es ist nun mal nicht zu ändern. »Okay«, sage ich. »Aber ich brauch was Starkes.« Wir sitzen in einem gemütlichen Café und reden über die letzten vierundzwanzig Stunden. Das tun wir seit der Veröffentlichung meines Buches relativ häufig. Ich habe mich schnell an Nicole und unsere gemeinsamen Rituale gewöhnt. An den Duft ihres Parfums. An die heiße Milch, die sie stets für uns beide bestellt – und bei der sie heute den Honig durch einen großzügigen Schuss Whiskey ersetzt. An die Pressemappen, die sie den Journalisten überreicht. An die Gespräche über Schule, Männer und Nicoles wechselnde Jobs. Über die Zeit, bevor sie zu meinem Babysitter auserkoren wurde, lässt Nicole allerdings nur selten und nur äußerst undeutlich Details durchschimmern. Aber wenn sie es dann doch mal tut, dann mit einem Lächeln, dass die wildesten, gefährlichsten und schönsten Erlebnisse vermuten lässt. Ich habe deshalb mehrere Theorien aufgestellt. Entweder, sie hat sich nach ihrem Abitur in einem norddeutschen Kaff so sehr gelangweilt, dass sie mit einundzwanzig Jahren in die Stadt geflüchtet ist, wo sie eine Weile ziellos herumtrieb, bis sie über einen Artikel in einer Frauenzeitschrift namens Ihr Leben oder Die Moderne Frau auf das Escort-Business gestoßen ist und spontan in einer solchen Agentur anrief, um sich umfangreichere Informationen zu beschaffen. Die Leiterin der Escort Agentur fiel beim ersten Treffen mit Nicole beinahe um vor lauter Glück, bot ihr auf der Stelle einen Vertrag zu unüblichen Konditionen und vermittelte sie an unglaublich gut aussehende, steinreiche und überdies von der Art äußerst angenehme Herren, die sie mit Schmuck und Geschenken überhäuften und mit denen sie jede Woche neue, exotische Länder bereiste und dabei auch noch Unmengen an Geld kassierte. Irgendwann wurde ihr das zu blöd, sie schrieb sich an der Uni ein und schloss vier Jahre später mit Auszeichnung ab. Der Rest ist Geschichte. Oder aber sie war bis zum Abitur sehr, sehr hässlich und sehr, sehr dick, weil sie tagein, tagaus mit einer Familienpackung Frosties vor dem Fernseher saß und die Fragen aller existierenden Quizshows korrekt beantworten konnte. Als sie nach Beendigung der Schule noch mehr Zeit hatte, um vorm Fernseher sitzen zu können, klopfte eines Tages ein junger Mann an die Haustür, der sich in ihrem norddeutschen Kaff verirrt hatte und nach dem Weg fragen wollte. Nicole verliebte sich auf der Stelle, tauschte die Brille gegen Kontaktlinsen ein, machte Diät und fuhr, als wunderschön schillernder Schmetterling, nach Berlin, um ihren Prinzen ausfindig zu machen. Sie fand ihn tatsächlich nach intensiver Recherche in Spandau, mit einer hochschwangeren Freundin namens Jane an seiner Seite und einer Vorliebe für ausgestopfte Vögel, die von der Decke hingen und die er damals, an dem denkwürdigen Tag in dem Kaff von Nicole, ausgespäht und abgeschossen hatte. Drei Tage später wurde Nicole als Plus-Size-Model von einem international angesehenen Agenten entdeckt, bereiste die Welt und verprasste ihr gesamtes Einkommen bei Casinobesuchen an der Seite champagnerbäuchiger Geschäftsmänner in Monte Carlo. Oder aber, und das ist meine liebste Theorie, Nicole heißt gar nicht Nicole, sondern Carlotta. Ihr Mann ist der meist gesuchte Mann Europas, und sie lebt seit mehr als zehn Jahren undercover. Sie hat sich jahrelang nicht zur Ruhe setzen können, weil sie ihren Mann so sehr liebt, und ist ihm bis nach Neuseeland gefolgt. Sie hat ein falsches Gebiss, und ihre Nase ist operiert. Inzwischen hat sie die Identität einer bedauernswerten Deutschen angenommen, die vor mehr als fünfzehn Jahren spurlos verschwand – und einen gefälschten Lebenslauf, mit dem sie den einzigartigen Job als meine engste Vertraute ergattert hat. Abends, wenn sie ohne ihr falsches Gebiss im Bett liegt und an die Decke starrt, spricht sie zu ihrem Geliebten, von dem sie nie weiß, wo er sich im Moment befindet beziehungsweise ob er nicht längst im Zuge einer aufregenden Verfolgungsjagd erschossen wurde. Er meldet sich nur alle paar Monate, verschlüsselt seine Botschaften und beteuert ihr seine ewige Verbundenheit und leidenschaftliche Liebe. Sie befriedigt ihren Gerechtigkeitssinn, indem sie sich jeden Tag schön macht und einen Mann nach dem anderen abblitzen lässt. Wie dem auch sei – nach ein paar Gläsern Milch mit Schuss hat Nicole es geschafft, mich aufzumuntern. Draußen ist es längst dunkel geworden, und um Hausaufgaben zu machen, bin ich viel zu betrunken. Wir umarmen uns zum Abschied, dann verschwindet Nicole in die Nacht. Gestern ist der Artikel erschienen. Das Erste, was ich gedachte habe, war: Es geht los. Dabei hatte ich keine Ahnung, was genau ich mir unter »losgehen« vorstellte. Gedacht habe ich es trotzdem. Es lag an der Auflage: Drei Millionen. Es lag an der...



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