Abgesang
Es war der vorletzte Samstag im März und Karsamstag. Obwohl der kalendermäßige Frühling bereits Einzug gehalten hatte, hatte ein leichter Schneefall eingesetzt.
16:30 Uhr zeigte die große Bahnhofsuhr an, als wieder ein Fernzug langsam in den Bahnhof einfuhr. Voller Erwartungen blickten die zahlreich Wartenden in der großen offenen Halle dem langsam ausrollenden Railjet entgegen.
Die modernen Triebwagentüren öffneten sich beinahe lautlos, und trotz spätem Nachmittag entstiegen noch immer sehr viele Reisende dem Zug und eilten je nach Erkennen und Vorfreude den Wartenden entgegen.
Ganz hinten, in der Ecke der großen Empfangshalle, dort, wo einem ein guter Überblick zu den einfahrenden Zügen gewährt wurde, saß ein alter Mann und blickte immer wieder mit erwartungsvollen Augen auf die herannahenden Reisenden, die sich nun bereits in mehr oder minder liebevoller Begleitung befanden. Aber auch in den Gesichtern jener, auf die keine Begleitung gewartet hatte, zeigte sich Vorfreude auf den beginnenden Abend.
Mit einer gewissen Mitfreude schaute der alte Mann, dessen Kleidung schon sehr abgetragen wirkte, auf die vorbeihastenden Menschen. Der dunkle Hut, der graue Mantel, die abgetragenen, hohen schwarzen Schuhe nahmen dem alten Mann, dessen Antlitz von vielen Falten durchzogen war, nicht die Würde des Alters. Nein! Vielmehr strahlte es eine wunderbare innerliche Zufriedenheit aus, die nur jenen Menschen eigen ist, die ihr Leben, trotz Armut und Schicksalsschlägen, durch ihren Glauben, durch ihre Hoffnung und durch und mit ihrer Liebe zum Leben gemeistert hatten.
War er glücklich zu nennen, ein Mann, dessen Leben durch schwere, harte Arbeit geprägt, durch den allzu frühen Tod seiner Frau mit vier Kindern allein gelassen, ein kaum lebenswertes Dasein bewältigen musste? Drei seiner Kinder, seine Töchter, waren verschollen – nein, sie lebten irgendwo und wollten sich wegen ihres Vaters – wegen ihrer sozialen Herkunft nicht schämen müssen! Man hatte ja schließlich hohe gesellschaftliche Verpflichtungen zu pflegen! Da passte einfach ihr alter Vater nicht mehr hinein!
Deshalb hatte man den Kontakt, trotz vieler, vieler Briefe vom Vater, die mit der Zeit als überaus lästig empfunden wurden, für immer ausklingen lassen. Das war ja nicht böse gemeint, oh nein, sondern man wollte einfach nur seine Ruhe haben. Schließlich konnte man sich ja seine Eltern und seine soziale Herkunft leider nicht aussuchen.
Nur das vierte Kind, sein einziger Sohn, schrieb hin und wieder, ein- bis zweimal im Jahr, je nach Erinnerungsvermögen, aus der weiten, weiten Welt an ihn, seinem Vater. Alle schon abgegriffenen Ansichtskarten vom Buben lagen sorgfältig verpackt im weiß-schwarz gefärbten Schuhkarton und wurden fast allmonatlich hervorgeholt und immer wieder gelesen.
Ein unruhiger Junge war er immer schon gewesen! Nur schade, dass er nie geheiratet hatte! Wie sehr hätte er sich über etwaige Enkel gefreut. Aber der liebe Gott würde schon wissen, warum es so war, wie es war. Sein Bub – bald, ja bald würde er da sein!
So stand sein schon leicht vergilbtes Foto, umgeben von den Hochzeitsbildern seiner drei Schwestern, unter dem Kruzifix auf der Anrichte, deren Furniere sich an manchen Stellen bereits etwas gelöst hatten.
In der Mitte jedoch stand das Bild seiner verstorbenen Frau.
All diese Fotos – es war eben seine Welt – wurden jeden Morgen, noch bevor er sich sein Frühstück machte, liebevoll bedacht. Während er frühstückte – ein Stück Brot mit ein oder zwei Schalen Filterkaffee –, setzte er sich immer so, dass er die Fotos im Blickfeld hatte. So konnte er auch Zwiegespräche mit seiner Frau und den Kindern führen. Niemand störte ihn dabei, da er ja alleine im vierten Stock in einer kleinen Gemeindemietswohnung lebte.
***
Seit über zwei Stunden saß er nun dort, ganz in der Ecke, und wartete voll Hoffnung auf seinen Sohn, der heute, ja heute zu ihm, seinem Vater, kommen wollte.
In liebevoller Hoffnung griff er immer wieder nach dem in seiner Mandeltasche zusammengefalteten Brief. Er würde nun ja gleich kommen! Der nächste Zug würde ihn sicher zu ihm, seinem alten Vater bringen! Seinen Buben, den er schon so lange nicht mehr gesehen hatte!
Wie er wohl aussehen würde?
Wahrscheinlich mager, wie immer!
Hoffentlich tat er nicht zu viel rauchen.
Vielleicht hatte er gar damit aufgehört?
Und so wartete er nun auf ihn, auf seinen Buben!
***
Wie hatte er sich geplagt, seine kleine Wohnung auf quasi Hochglanz zu bringen.
Ja, das Alter, das ließ einem bei der Arbeit immer wieder spüren, dass die Zeit nahte!
Aber der Bub sollte sich zu Hause wohlfühlen!
Und er konnte bleiben, so lange er wollte!
Wie würde er seinen Buben verwöhnen, wenn er endlich da war!
Wie hatte er gespart! Jedes Geldstück wurde zweimal umgedreht, bevor es leider manchmal ausgegeben werden musste.
Aber dann, ja dann war die Summe beisammen, die ein großzügiges Einkaufen im Supermarkt für das in diesem Jahr sehr frühe Osterfest zugelassen hatte.
Seinen Lieblingskuchen hatte er beim Bäcker gekauft, und als große Überraschung für den Ostersonntag war ein Hühnchen bereits bratfertig hergerichtet und wartete nur noch im Gefrierfach auf seine Fertigstellung im kleinen Grillgerät, das – obwohl auch schon in die Jahre gekommen – noch immer klaglos funktionierte.
***
Kaum noch Fernzüge fuhren ein. Doch alle, die noch kamen, fuhren bei anderen Bahnsteigen ein.
Langsam wurde es immer dunkler, der frühe Abend setzte ein. Immer noch schwebten die Schneeflocken lautlos hernieder.
Stiller war es nun auch in der großen Bahnhofshalle geworden. Selten waren noch Menschen zu sehen, die auf einen Zug warteten. Hin und wieder durchquerten Bahnhofbedienstete die Halle.
Nur dort in der Ecke der großen warmen Empfangshalle, dort, wo einem ein guter Überblick zu den einfahrenden Zügen gewährt wurde, saß ein alter Mann und blickte immer wieder mit erwartungsvollen, schon sehr wässerigen Augen in den Abend hinaus, dort, wo die Geleise lagen, auf denen sein Zug endlich heranrollen sollte!
Er hatte sich sehr gewissenhaft erkundigt, auf welchem Bahnsteig die Züge aus dem fernen Land einfahren würden, von wo sein Sohn kommen sollte.
Um sicher zu gehen, um sich ja nicht zu irren, hatte er noch einmal etwas umständlich einen Schaffner und einmal den vorbeieilenden Bahnhofsvorstand befragt.
So saß er nun da und wartete. Gott sei Dank waren die Sitzplätze sehr bequem, sodass er noch keine Kreuzschmerzen verspürte.
Schon seit einiger Zeit hatte der Bahnhofsvorstand diesen alten Mann beobachtet.
Er ahnte, dass dieser alte Mann auf jemanden mit und in einem Zug erwartete, der wahrscheinlich gar nicht kam.
Mitleid empfand er für den alten Mann!
Bis 00:00 Uhr blieb die große Halle geöffnet. Dann, ja dann wurde sie geschlossen, und alle, die nicht nur vergebens auf jemanden warteten, mussten die Empfangshalle verlassen. So sah es nun einmal die Dienstordnung vor. Da war nichts zu machen.
Außerdem fuhren um diese Zeit sowieso keine Züge mehr ein.
Kurz entschlossen griff er zum Hörer und ließ sich mit der Bahnhofsmission verbinden.
Langsam näherte sich die sehr mollige, noch sehr jugendlich wirkende Frau dem alten Mann, um sich dann zwei Sitze weiter weg etwas ächzend niederzusetzen.
Ein wenig später begann sie sehr vorsichtig zu fragen: „Warten Sie noch auf einen Zug?“
„Ja“, erwiderte der alte Mann zögernd.
„Auf Ihre Tochter?“
„Nein!“
„Welcher Zug soll es denn sein?“
„Der, der auf dem Bahnsteig 20 kommen soll!“
Aber auf dem Bahnsteig 20 fuhr seit zwei Stunden kein Zug mehr ein, und für heute war auch kein Fernzug mehr zu erwarten. Die riesige Anzeigetafel schien offensichtlich zu verwirrend für diesen alten Mann zu sein.
Betroffenheit machte sich bei der dicken Missionsmitarbeiterin bemerkbar. Wie sollte sie dies dem Mann verständlich machen? Sie kannte solche Schicksale nur zu gut! Nicht nur zu Weihnachten, sondern auch zu Ostern wurden aus solchen Schicksalen meist Tragödien
„Ist es Ihr Sohn, der da kommen soll?“, fragte sie freundlich weiter.
„Ja!“, erwiderte der alte Mann, und sein Antlitz begann sich etwas zu verklären. Es störte ihn nicht, dass diese junge Frau so neugierig war. Ganz im Gegenteil! So holte er den Brief seines Sohnes hervor, um ihn dieser offensichtlich sehr, sehr netten jungen Frau zu zeigen.
„Das“, ergänzte er voller Stolz, „das hat er mir...