E-Book, Deutsch, 512 Seiten
Martín Blutrote Tulpen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27667-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 512 Seiten
ISBN: 978-3-641-27667-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit der Idylle der baskischen Kleinstadt Gernika ist es vorbei, als ein perfider Killer die Region erschüttert. Drei vollkommen unterschiedliche Morde, die nur eins gemeinsam haben: Bei jedem der Opfer wird eine rote Tulpe gefunden. Julia wird als Teil einer Spezialeinheit einberufen, um den Fall zu lösen, doch jede der Spuren, die sie und ihr Team verfolgen, verlieren sich ins Nichts. Wo liegt die Verbindung zwischen den scheinbar willkürlich gewählten Mordopfern? Und was bedeutet die rote Tulpe? Schließlich führen sie die Ermittlungen zu einem alten Kloster an den rauen Klippen des Naturschutzgebiets - und in Julias eigene Vergangenheit…
Ibon Martín wurde 1976 in Donostia geboren. Er studierte Journalistik und begann seine literarische Karriere zunächst mit einem Reiseführer über das Baskenland, darauf folgten mehrere Kriminalromane. 2019 wurde er zu einem der herausragendsten Thriller-Autoren Spaniens gekürt. »Blutrote Tulpen« ist der Auftakt einer neuen Thriller-Reihe des Autors.
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2
19. Oktober 2018, Freitag
»Bist du bereit?«, fragt Julia und zieht die Handbremse an. »Das wird alles andere als angenehm.«
Raúl neben ihr auf dem Beifahrersitz nickt mit ernstem Gesicht. Wenn ein Mensch von einem Zug überfahren wird, ist es meist besonders hart. Züge sind gnadenlos, wenn sie auf einen menschlichen Körper treffen.
Die Tropfen, die sich auf der Windschutzscheibe ansammeln, schimmern blau vom Licht des Streifenwagens, der die Zufahrt zum Unfallort blockiert. Julia und Raúl, die der Ertzaintza, der baskischen Autonomiepolizei, angehören, wechseln einen letzten resignierten Blick, bevor sie aus dem Auto steigen. Sie müssen auf den Gleisen nach Hinweisen und biologischen Überresten suchen. Und das momentan Wichtigste tun: das Opfer identifizieren und die Angehörigen benachrichtigen. Es ist schon nicht leicht, an einer Tür zu klingeln, um jemandem den Tod eines geliebten Menschen mitzuteilen, doch die Nachricht zu überbringen, dass dieser geliebte Mensch Selbstmord verübt hat, ist noch schlimmer. Wie erklärt man jemandem, dass sich sein Sohn, seine Schwester oder der Ehemann das Leben genommen hat? Eine Tat, die die ganze Familie unvermeidlich mit schwer zu überwindenden Schuldgefühlen erschüttert?
Julia spürt, wie ihr die Regentropfen übers Gesicht laufen. In diesem Jahr ist die Kälte früher gekommen als sonst. Wo sind die eigentlich zu dieser Jahreszeit üblichen Tage des Südwinds? Wenigstens haben sie noch ein paar Stunden bei Tageslicht, denkt sie mit Blick in den Himmel. Denn es ist noch etwas ganz anderes, sich einer derart grausigen Szenerie bei künstlichem Licht zu stellen.
»Da ist der Ehemann«, teilt ihnen der Polizist mit, der die Straßensperre überwacht. »Er ist am Boden zerstört.«
»Der Ehemann?«, fragt Julia mit gerunzelter Stirn. »Wer hat ihn benachrichtigt?«
»Niemand. Er war schon hier, als wir gekommen sind. Er ist der Lokführer.«
Julia und Raúl, die, wie bei derartigen Ermittlungen üblich, Zivil tragen, tauschen diesmal einen verwunderten Blick. Warum hat die Frau, um sich das Leben zu nehmen, den Zug ihres Mannes gewählt? Sie schlüpfen gebückt unter dem Absperrband hindurch und gehen auf den Mann zu. In seiner Uniform des baskischen Eisenbahnunternehmens EuskoTren sitzt er auf einer Betonmauer und weint mit schmerzlich verzerrtem Gesicht.
»Wir können ihn nicht davon überzeugen, dass es besser ist, mit uns zu kommen«, erklärt einer der Sanitäter, die sich um ihn kümmern.
»Natalia …«, stammelt der Lokführer. »Warum sie? Natalia …« Nur wenige Schritte entfernt steht als stummer Zeuge des schmerzhaften Klagens der weiße Regionalzug auf dem schmalen Gleis. In der Luft liegt der bei Zugunglücken unverwechselbare metallische Geruch.
Julia legt dem Mann eine Hand auf den gebeugten Rücken. »Unser herzliches Beileid. Wir wissen, dass dieser Moment nicht einfach für Sie ist.« Sie ärgert sich, dass ihre Worte so floskelhaft klingen, denn jedes einzelne tut ihr weh.
Der Lokführer nickt leicht und trocknet sich die Tränen mit dem Jackenärmel. »Sie hat dort gesessen … mitten auf den Gleisen«, berichtet er mit einem Blick, der ins Leere gerichtet ist. »Wer hat …?« Wieder beginnt er zu weinen. Es ist ihm unmöglich, weiterzusprechen.
»Bitte kommen Sie«, sagt der Sanitäter. »Wir müssen Sie mitnehmen.«
Vom Ende des Zugs her nähert sich ihnen einer der Polizisten, die vor ihnen am Unfallort waren. Seine Schritte knirschen auf den Schottersteinen.
»Sie haben sie an einen Stuhl gebunden«, erklärt er und greift sich ans Handgelenk. »Hier und an den Fußknöcheln.«
Julia spürt, wie diese Nachricht all ihre Sinne in Alarmstimmung versetzt. Das ändert alles. Nun geht es nicht mehr um Suizid.
»Mord!«, presst sie zwischen den Zähnen hervor und sucht den Blick ihres Kollegen.
Raúl fotografiert gerade die Lokomotive. Von ihrem Standort aus kann Julia die Vorderseite des Zugs nicht sehen, aber sie fürchtet, dass sie voller Blut ist.
»Ich konnte nicht mehr bremsen«, sagt der Lokführer schluchzend.
»Wo ist sie?«, fragt Julia den Kollegen, der gerade hinzugekommen ist.
»Dort hinten, etwa achtzig Meter entfernt. Der Körper wurde nicht von den Rädern der Lok erfasst, sondern beim Aufprall vom Gleisbett geschleudert, ist also noch einigermaßen intakt.«
Julia bedenkt den Kollegen angesichts seines mangelnden Taktgefühls mit einem tadelnden Blick. Dann wendet sie sich wieder an den Lokführer: »Wir werden denjenigen finden, der Ihrer Frau das angetan hat.«
»Ich konnte nicht mehr bremsen«, stammelt er. »Ich konnte es nicht …«
»Gehen Sie mit ihnen«, bittet Julia und weist auf die Sanitäter und den Krankenwagen. Sie stehen mit einigen der wenigen Passagiere zusammen, die deutlich schockiert sind. Zwei Polizisten und mehrere Sanitäter sind mit der restlichen Evakuation des Zuges beschäftigt. »Sie werden sich gut um Sie kümmern. Wenn es Ihnen etwas besser geht, werden wir mit Ihnen reden.«
Dann geht sie dorthin, wo der Leichnam liegt, und gibt die Nummer des Kommissariats in ihr Handy ein. Sie muss Silvia Bescheid geben, der Psychologin, die sie üblicherweise begleitet, wenn sie zum ersten Mal mit den Familienangehörigen sprechen, und sie ins Krankenhaus schicken, in das der Lokführer nun gebracht wird.
»Und wenn er gar nicht der Ehemann ist?«, wendet Raúl ein, der zu ihr tritt.
Julia versteht, was er meint. Auch sie hat schon daran gedacht. Der Schock bei so einem Unglück kann dazu führen, dass das Gesicht des Opfers von dem eines nahestehenden Menschen überdeckt wird. Vielleicht ist das bei dem Lokführer der Fall. Was die Dinge für die beiden Polizisten jedoch nicht allzu sehr verändern würde. Denn in jedem Fall wurde hier auf den Gleisen eiskalt eine Frau ermordet.
»Wir werden es bald erfahren«, meint Julia seufzend, während sie sich die Szene vorstellt. Das Geräusch des sich nähernden Zuges, das Vibrieren der Gleise, während man selbst an Händen und Füßen gefesselt darauf wartet, von dem eisernen Monstrum überrollt zu werden. »Was diese Frau durchgemacht hat, muss furchtbar gewesen sein.«
»Natalia«, spricht Raúl den Namen aus, den der Lokführer ihnen genannt hat.
»Gleich werden wir wissen, ob sie es wirklich ist.« Julia reicht dem uniformierten Kollegen, der die Leiche bewacht, die Hand.
»Der Körper ist relativ unversehrt«, erklärt dieser zur Begrüßung.
»Ja, das haben wir schon gehört.« Julia beugt sich über den Leichnam.
Der Stuhl ist in mehrere Teile zerbrochen, doch das Opfer hat noch alle Gliedmaßen. Allerdings sind das Gesicht und andere Teile des Körpers arg in Mitleidenschaft gezogen worden.
»Sie wurde beim Aufprall weggeschleudert«, bestätigt ihr Kollege.
Julia runzelt die Stirn, als sie die Blume sieht, die das Opfer in der rechten Hand hält. Sie hat ein paar Blütenblätter verloren, ist aber ansonsten unversehrt. Es ist eine Tulpe. Eine schöne rote Tulpe, deren Farbe sich kaum von der des Bluts unterscheidet, das die Jeansjacke der ermordeten Frau bedeckt.
»Wie seltsam«, murmelt Julia. »Sie hat die Blume nicht mal beim Aufprall losgelassen.«
Julia wartet, bis Raúl die Tulpe fotografiert hat, und zieht erst dann an ihrem Stängel, um sie in eine Asservatentasche zu stecken, denn es könnte sich um ein Beweismittel handeln.
»Sie ist angeklebt. Verdammt, deshalb hat sie die Blume nicht losgelassen. Sie ist an ihrer Hand festgeklebt.« Julia erschaudert am ganzen Körper. Als sie sich wieder gefangen hat, streicht sie dem Opfer übers Haar, als würde sie versuchen, den unversehrten Anblick wiederherzustellen und der Frau das Aussehen zurückzugeben, das sie hatte, bevor sie auf so brutale Art und Weise aus dem Leben gerissen wurde. »Was haben sie dir angetan? Wer hat dich hierhergebracht?« Sie schüttelt den Kopf. Von dieser Frau wird sie keine Antwort mehr erhalten.
Seufzend richtet sich Julia auf. Als sie den Tag auf dem Surfbrett in den Wellen von Mundaka begonnen hat, konnte sie nicht ahnen, dass er so tragisch enden würde.
»Da kommt der Gerichtsmediziner«, informiert sie ihr Kollege.
Julia antwortet nicht. Auf der Suche nach der genauen Stelle des Aufpralls geht sie die Gleise entlang. Ein rotes Blütenblatt liegt dort zwischen den Schienen, wo der Stuhl gestanden haben muss. Auch das Blatt muss als mögliches Beweisstück in eine Asservatentasche.
»Was macht denn das da?«, fragt sie plötzlich. An einem der Pfosten für die Oberleitung ist mit einfachem Klebeband etwas Goldfarbenes befestigt.
Aus der Nähe erkennt sie ein verkleinertes Bild von sich selbst und ist irritiert, ihr eigenes verwirrtes Gesicht auf dem Display eines Handys zu sehen. Das Aufnahmesignal leuchtet.
»Verdammt, was …?«
»Ich hab ihre Tasche«, sagt Raúl im Näherkommen, dann stutzt er. »Was ist das denn? Was macht das Telefon da?«
Julia hört ihn gar nicht. Voller Entsetzen starrt sie auf das Display des Handys.
Plötzlich wird sie von einer Melodie aus ihrer Erstarrung gerissen. Sie erkennt sie sofort; es ist ihr eigenes Handy. Mechanisch holt sie es aus der Manteltasche und hält es sich ans Ohr.
»Was ist?«
»Es gibt Neuigkeiten.« Der Anruf kommt aus dem Kommissariat. »Das Verbrechen wurde live auf Facebook übertragen. Die ganze Stadt ist erschüttert.«
Julia nickt langsam. Sie streckt die Hand aus und drückt auf den Knopf, um die Aufnahme zu beenden. Anschließend löst...




