Martínez | Wahrer Wandel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

Martínez Wahrer Wandel


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96639-116-0
Verlag: Secession Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 270 Seiten

ISBN: 978-3-96639-116-0
Verlag: Secession Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sanjuanilla 2018. Ein junger Mann aus Barcelona kehrt dorthin zurück, wo seine Mutter groß geworden ist: nach Extremadura, eine der ländlichsten Regionen Spaniens. Er möchte Schafe hüten, um zu verstehen, wie seine Mutter zu dem Menschen wurde, der ihn großgezogen hat. Die neue Umgebung verändert den Städter nach und nach und öffnet ihm die Augen für andere Prioritäten. Ihm wird bewusst, wie sehr wir das Dasein aller Lebewesen mit unserem hektischen, konsumorientierten Lebensstil gefährden. Er beginnt sich zu verändern und lässt seinen Leser auf sehr persönliche Weise an diesem Wandel teilhaben. Martínez' Helden sind einfache Leute, die auf unterschiedlichste Weise versuchen, Tiere zu retten und im Einklang mit der Natur zu leben. Ihn treiben Fragen um, vor denen wir alle stehen: Können wir das Artensterben aufhalten? Was müssen wir dafür tun, was müssen wir unterlassen? Wie sähe ein wahrer Wandel aus? Werden wir eines Tages als einzige Spezies noch übrig bleiben, weil es uns nicht gelungen ist, die anderen zu retten? Dieses Buch ist ein Aufruf, es will Menschen ermutigen, nicht einfach dem Trott des Altbekannten zu folgen, sondern etwas Neues, in Wahrheit, etwas Altes zu wagen: ein einfaches Leben, nicht wider, sondern im Einklang mit der Natur!

GABI MARTÍNEZ, geb. 1971 in Barcelona, hat den Nil von der Quelle bis zur Mündung bereist, ist durch den Hindukusch gewandert, durch den venezolanischen Dschungel, an der chinesischen Küste, in Patagonien und er hat Australien von Küste zu Küste erforscht. Dabei hat er über Orte, Menschen und Tiere und die Verbindung zwischen ihnen geschrieben. Die Bedeutung dieses natürlichen Bundes sichtbar zu machen - darin besteht der Kern seiner Arbeit. Vor allem interessiert ihn der Einfluss, den Ökosysteme auf die Menschen und ihre Mentalität haben. Deshalb beschrieb er den wahren Fall eines Neurologen aus Barcelona, der interniert wurde, weil die Stadt mit ihrem Stress genau die Erkrankung bei ihm auslöste, auf die er spezialisiert war, folgte der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung während der Wahlkampagne, lebte auf Isla de Buda, einem winzigen Eiland im Delta des Ebro, das vermutlich bald aufgrund des Klimawandels im Meer versinken wird, und lebte als Schäfer inmitten der Steppenlandschaft von Extremadura, der Heimat seiner Mutter. Er ist Mitarbeiter des National Geographic, des Altaïr und des The Ecologist.
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Die Voraussetzungen


Als ich in Extremadura eintraf, um Hirtenlehrling zu werden, sanken die Temperaturen nachts unter null Grad und nach drei fast regenlosen Jahren ängstigte die Dürre Viehzüchter und Bauern. Meine Aufgabe bestand darin, eine Herde von über vierhundert Schafen auf dem Gut eines Freundes eines Freundes eines entfernten Verwandten zu hüten, der sie mir zur Verfügung stellte, nachdem er gehört hatte, ich wolle versuchen, eine Zeit lang so zu leben, wie meine Mutter es als Kind getan hatte.

Ich hätte es früher, viel früher versuchen können, doch als ich mit zwanzig Jahren, während ich in der Stadt lebte, die Gelegenheit zu reisen bekam, zog ich es vor, mich aus der scheinbar vertrauten Umgebung zu entfernen und stattdessen außerhalb Spaniens auf Entdeckungstour zu gehen. Mehr als ein Jahrzehnt lang nutzte ich die wirtschaftlich gesehen goldene Zeit des Journalismus und der Literatur, um vom Nil bis nach Australien alles zu bereisen. 2008 änderte sich das Panorama.

In jenem Jahr schien die globale Gemeinschaft immer empfänglicher für die zunehmenden Warnungen vor dem Klimawandel zu werden. Von Zeit zu Zeit tauchten Debatten über das Thema auf und es wurde eifrig über die Frage berichtet, welche furchteinflößenden und unmittelbar bevorstehenden Folgen die Beschleunigung haben würde, die wir der Erde aufgezwungen hatten. Politiker, Schauspieler und einflussreiche Musiker präsentierten Dokumentarfilme, organisierten Konzerte, reisten an Orte, die von der Umweltzerstörung bedroht oder bereits stark mitgenommen waren, damit wir uns für den Gedanken erwärmten, ein Sandkorn im Kampf gegen den Klimawandel beizusteuern. Sie deuteten den Versuch an, das, was Thomas Berry »das große Zwiegespräch« zwischen der menschlichen Rasse und der Natur genannt hatte, wiederaufzunehmen. Und dann »platzte die Blase«, wie die Analysten sagen, und leitete eine weltweite Wirtschaftskrise ein.

Die erste Maßnahme der spanischen Regierung bestand darin, die Zuschüsse für erneuerbare Energien zu streichen. Das scheinbar entscheidende Problem des Klimawandels verschwand an einem einzigen Tag aus Nachrichten und Politik. Das Desaster offenbarte schon bald Täuschungen und Fiktionen, die typisch für jede Art von Blase sind, und selbstorganisierte Menschengruppen, unter denen sich auch meine Eltern befanden, begannen aus unterschiedlichen Gründen, auf der Straße zu protestieren, obwohl natürlich fast niemand für die Kontrolle der Kohlendioxidemissionen oder den Schutz des Braunbären demonstrierte. Man konnte wirklich meinen, es gebe inmitten derartiger Notstände keine Zeit, darüber nachzudenken, was geschehen würde, falls die Stauseen im Sommer austrockneten.

Die Welt füllte sich noch weiter mit Zahlen, Statistiken, Grafiken, die laut Analysten und Wissenschaftlern Wege zur »Erholung« wiesen. Es gelte, effizienter, pragmatischer zu sein und sich ohne Zögern auf das Nützliche zu konzentrieren, denn nur so, erzählten sie uns, würden wir vorankommen. Die Natur wurde erneut so sehr dazu degradiert, unsere dringendsten Bedürfnisse zu bedienen, dass jeder, der die Exzesse gegen sie beklagte, unberührte Gebiete verteidigte, oder versuchte, Tiere zu retten, unweigerlich als Snob, Träumer oder übernächtiger Romantiker dastand. Manche wurden als Dichter bezeichnet. Was nützt es, das Kraut, den Auerhahn oder die Sonne zu besingen? Dichter. Im Bunde mit dem Nutzlosen.

Als jedoch Tausende Konsumenten damit begannen, sich nach kostengünstigeren Lebensweisen umzuschauen, entdeckten viele, dass einige derer, die nicht nur die lyrischen Qualitäten der Sonne predigten, sich mithilfe von Solarzellen selbst versorgten.

Am 9. November 2015 belastete die spanische Regierung die Nutzer dieser Solarzellen mit der sogenannten Sonnensteuer. Ein Katalog für die Eintreibung von Geldern je nach konsumierter Sonne. Es beeindruckt und verwirrt, dass jemand es wagt, den Marktwert des Sterns zu bestimmen, der uns Leben spendet, und zugleich bringt es die Beziehung, die unsere Spezies derzeit zur Natur unterhält, auf den Punkt. Die Besteuerung der Sonne ist das surreale i-Tüpfelchen einer Krise, die den Gierigen freie Hand gewährte, um weiterhin Schmutz zu produzieren, Urwälder zu zerstören, noch schneller Monokulturen aus der Erde zu stampfen, stets mit dem Argument, sie täten es für uns, für die Menschen. Eine kleine Gruppe einflussreicher Leute verbreitete geschickt die Idee, es gehe darum, alles Mögliche zu tun, um die Krise zu surfen, und wenn für unsere »Rettung« ein weiterer Wald ausgebeutet oder ein Resort am letzten unberührten Strand gebaut werden musste, dann war eben nichts zu machen.

Millionen Menschen nahmen diese Erzählung einfach hin.

Heutzutage werden Zahlen und Statistiken genauso gelesen wie früher die Bibel, wobei auf erstaunliche Weise vergessen wird, welche Folgen es hatte, so religiös an etwas zu glauben.

Und meine Frage lautete: Wie sind wir hier gelandet? Wie kommt es, dass jemand es wagt, eine Steuer auf die Sonne zu erheben? Warum wird nicht mehr über den Luchs gesprochen?

Eben darum: wegen der Erzählung.

Diese Antwort gab ich mir selbst. Die Blase, jede Blase, ist eine Geschichte, die in voller Lautstärke erzählt wird, damit du keiner anderen deine Aufmerksamkeit schenkst. Die Blase scheint alles besetzt zu halten. Wenn du dich nicht in eine stille Ecke zurückziehst, wirst du nichts anderes mehr hören. Wenn die Intuition dich nicht warnt, wirst du nichts anderes mehr hören. Und vielleicht willst du auch gar nichts anderes hören, denn man muss anerkennen, dass es eine gut erzählte Geschichte ist. Sie ist so gut, dass du nicht einmal wahrnimmst, dass es sich um eine Geschichte handelt. So gut, dass, wenn die Geschichte Ende sagt, du auch das glaubst, obwohl es eigentlich nicht vorbei ist. Und die Geschichte, die alle Geschichten enthält, die wir uns erzählt haben, um bis hierher zu gelangen, ist die größte Blase von allen: die Erzählung.

Wenn die üblichen Mikrofone melden, die Blase sei 2008 geplatzt, sprechen sie nur von der Wirtschaft, ohne die narrative Blase zu erwähnen, entweder, weil sie sie nicht wahrnehmen, oder weil es nicht opportun erscheint. Sie besteht jedoch nicht aus Wasser. Die Erzählung der Zahlen, der Wissenschaft und der Beschleunigung hält unsere Vorstellungskraft gefangen. Irgendjemandem ist es gelungen, zu erzählen, die Technologie sei unsere ideale Verbündete, und Zweifel beantworte man mit Zahlen. Dieser Jemand hat es verstanden, die Emotion der Taste und des Schalters gegen die des Windes und der großen Räume durchzusetzen. Und während wir den Flötenspielern der Taste, den begeisterten Verfechtern der schwindelerregenden Komposition zuhörten, trennten wir uns allmählich von der Erde und ihrem natürlichen Rhythmus ab.

Wenn man etwas erzählt, erschafft man es. Die Zukunft wird aufgrund der Geschichten, die wir uns erzählen, erbaut, ob sie nun von Robotern oder von Störchen handeln. Sie müssten gar nicht miteinander konkurrieren, Geschichten können von beiden sprechen, doch die Roboter tilgen seit Jahren die Störche aus unseren Erzählungen. Während des letzten Jahrhunderts hielt sich der Storch mehr oder weniger in der Phantasie, vor allem dank jener Fabel, die davon erzählte, dieser Vogel bringe die Babys im Direktflug aus (der großen Stadt) Paris. Aber welches Gespräch handelt heutzutage, da man den wissenschaftlich informierten Kindern diese Geschichte nicht mehr erzählt, noch von Störchen? Welche Art von Gefühl erzeugt ihre Erwähnung? Das ist eine Schlüsselfrage, denn genau da wird die Zukunft riskiert. Im Gefühl. Auch die narrative Blase füllt sich damit.

Das Reden über Zahlen und Roboter macht uns mit ihrer künstlichen Welt vertraut und erzeugt einen emotionalen Rahmen, der Gefühle entstehen lässt. Und diese Gefühle laden uns dazu ein, diese binäre und metallische Welt zu erforschen, uns tiefer und tiefer in die Lieblingsgeschichten von Leuten zu begeben, die nicht an Dichter glauben.

Sag mir, wovon du sprichst, und ich sage dir, wohin du gehst. Sagt dein Mund Storch, so wirst du dich möglicherweise eines Tages auf die Suche nach ihm machen. Und dies wird nicht durch Tastendruck erfolgen. Du wirst eine wirkliche Reise unternehmen. Erzählst du Geschichten von Adlern, so wird der Adler eines Tages über dich hinwegfliegen. Wenn du hörst, wie ein Freund die Maulwurfsgrille imitiert, wünschst du dir herauszufinden, ob er ihr Kreischen übertreibt. Und es wäre nicht ungewöhnlich, wenn du nach deiner Erfahrung eine Geschichte darüber erzählen würdest. Es wird eine Geschichte des Wandels sein, denn...



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