E-Book, Deutsch, Band 54, 320 Seiten
Reihe: Historical Special
Marvelle Die Herzensdiebin und der Duke
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-7337-6338-1
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 54, 320 Seiten
Reihe: Historical Special
ISBN: 978-3-7337-6338-1
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wer bin ich? Ein Unfall auf dem Broadway hat Roderick das Gedächtnis geraubt! Einzig die betörende Schönheit, die sich besorgt über ihn beugt, kommt ihm vage bekannt vor. Vertrauensvoll folgt er ihr in ihre ärmliche Wohnung. Und erkennt rasch: Seine zauberhafte Retterin ist die Anführerin einer Diebesbande, vor der ganz New York erzittert. Aber was ist das schon gegen die Leidenschaft, die zwischen ihnen brennt? Bis Roderick sich eines Tages erinnert: Er ist der Duke of Wentworth und sein Zuhause sind nicht die Slums der City, sondern sein Landsitz in England! Zwischen ihm und seiner Herzensdiebin liegen Welten, die die Liebe kaum überbrücken kann ...
Delilah Marvelle ist in Chicago geboren und aufgewachsen. Bereits mit vier Jahren war Delilah ein Theaterfan, spielte mit zehn Jahren ausgezeichnet Klavier und nahm fünf Jahre lang Ballettunterricht. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann in Oregon. Da es dort sehr viel regnet, fühlt sie sich gezwungen, drinnen zu bleiben und zu schreiben.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Kapitel
Im Bemühen, jemanden zu vergessen, denkt man gewisser Weise an nichts anderes.
– Jean de La Bruyère, Les Caractères (1688)
6. Juli 1830, früher Nachmittag, New York City
Georgia Emily Milton beachtete all die wohlhabenden Männer nicht, die auf dem Broadway an ihr vorbeieilten. Sie hatte es sich zur Regel gemacht, nicht nach dem Unerreichbaren zu sehen. Doch als sie von dem belebten Teil des Broadways auf das weniger geschätzte Little Water zusteuerte, fiel ihr ein bemerkenswert großer und gut gekleideter Herr auf, der ihr gemäßigten Schrittes entgegenkam. Als sie ihn erblickte, verlangsamte sie ihren Schritt. Sie wünschte sich insgeheim, als Dame geboren zu sein.
Sie schlängelte sich durch die Menge, um ihn noch besser sehen zu können, und erhaschte einen flüchtigen Blick auf seine stattliche, muskulöse Gestalt. Er trug einen grauen Gehrock, eine gut sitzende Hose und eine reich bestickte Weste mit zweireihigen Knöpfen. Seine Hände steckten in edlen Handschuhen. Mit ihnen zog er seinen grauen Zylinder tiefer ins Gesicht, um seine Augen vor dem hellen Sonnenlicht zu schützen, das die umliegenden Schaufenster reflektierten.
Allein für seinen Hut würde sie zwei Monate arbeiten müssen.
Nachdem er sich geschickt an mehreren Personen vorbeigeschlängelt hatte und nun auf ihrer Höhe angelangt war, sah er sie aus seinen grauen hervorstechenden Augen an. Dieser Blick ließ sie erzittern. Seine Augen funkelten so ungezügelt, dass ihr Atem stockte.
Er reckte sein Kinn und ging direkt auf sie zu, ohne den Blick von ihr zu wenden. Mit jedem Schritt, den sie sich einander näherten, klopfte Georgias Herz heftiger. Als er sie endlich beinahe erreicht hatte, verlangsamte er seinen Schritt. Der fremde schwarzhaarige Mann nickt ihr förmlich, wenn auch etwas gestelzt, zu und brachte ihr damit eine Anerkennung entgegen, wie sie Männer seines Standes tagsüber sonst niemals zu zeigen pflegten.
Er tat so, als stände er nicht einer Wäscherin in zerschlissenen Kattun-Röcken von der Orange Street gegenüber, sondern einer eleganten jungen Dame, die mit einem Spitzensonnenschirm in der Hand an der Seite ihrer Mutter über den Broadway spazierte. Georgia überlegte, ob sie ihm eine Kusshand zuwerfen sollte, da er ihr das Gefühl vermittelte, unglaublich schön und begehrenswert zu sein, doch glücklicherweise besann sie sich eines Besseren. Sie verstand es, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen.
Sie wandte den Blick ab, reckte das Kinn und schritt so erhaben an dem stattlichen Mann vorbei, wie es sich für eine achtbare Frau gehörte. Dabei streifte sie jedoch absichtlich seinen Arm, nur um anschließend über die wehenden Röcke einer Wäscherin zu stolpern, die sich unsanft an ihr vorbeidrängelte. Sie fluchte innerlich.
Der Fremde reagierte blitzschnell und umfasste ihre Taille. Mit einem schnellen Ruck stand Georgia wieder sicher auf beiden Beinen. Georgia erstarrte, als ihr Pompadour zu ihrem Handgelenk herunterrutschte und gegen seinen kräftigen Unterarm schlug.
Ihr Herz hüpfte, als sie spürte, wie ihr Gesäß gegen einen kräftigen männlichen Oberschenkel gedrückt wurde, gegen seinen kräftigen männlichen Oberschenkel.
Er neigte den Kopf zu ihr herunter, und seine Muskeln spannten sich an, während er sie etwas fester an sich drückte. Er zog seinen Arm noch enger um ihre Taille. „Sind Sie wohlauf, Madam?“
Seine Stimme klang belegt und kultiviert, und er sprach mit einem so vornehmen britischen Akzent, dass das irische Mädchen in ihr erbost die Fäuste hob.
„Das bin ich, Sir. Danke.“ Georgia versuchte, sich von ihm zu lösen.
Während er seinen Arm langsam zurückzog, streichelte er mit seiner Hand beiläufig ihre Hüfte hinauf über den Rücken. Georgia erschauderte. Ihre Haut prickelte erregt.
Ungläubig starrte sie den Fremden an, der nun mit der Hand über ihre Rippen hinaufstrich, um die Konturen ihres Körpers nachzuzeichnen. Sie versuchte beiseitezutreten, doch er griff fest nach ihrem Oberarm und zog sie abermals an sich. „Madam.“
Sie atmete zischend ein, wandte sich aus seinem Griff und stieß ihn unwirsch zurück. „Fassen Sie mich ja nicht an!“
„Ihre Haube“, er hob beschwichtigend die Hände und deutete auf ihre Haube, „eines der Bänder ist lose. Das ist alles.“
„Oh.“ Sie fühlte, wie ihre Wangen vor Scham glühten, als sie mit ihren Fingern den unteren Rand ihrer Haube abtastete. „Es tut mir schrecklich leid, Sir. Ich wollte Sie nicht“, stammelte Georgia verlegen.
„Machen Sie sich keine Sorgen. Darf ich?“ Er legte seine eine große Hand auf ihren Rücken und führte sie geradewegs zu einem Schaufenster abseits des geschäftigen Gehwegs.
Sie sah ihn verwundert an. Wollte er etwa, das Band selbst festmachen? „Das müssen Sie nun wirklich nicht.“
„Doch, das muss ich. Sonst werden Sie das Band verlieren. Also halten Sie bitte still.“ Er drehte sie in seine Richtung und beugte sich zu ihr vor, als er das verblasste, ausgefranste Band, das seitlich an ihrer Haube herabhing, zwischen die Finger nahm.
Georgia fühlte sich unbehaglich, während er das lange Band befestigte. Am liebsten würde sie fortlaufen, denn ihr war nur allzu bewusst, wie furchtbar diese Haube auf ihrem Kopf aussah, so schrecklich, dass sie es nicht einmal wert war, berührt zu werden. Doch warum sollte eine Frau sich nicht auch einmal am Anblick der Sterne erfreuen dürfen, selbst wenn sie unerreichbar waren?
Als er mit den Fingern über ihre Haube strich und das Band festzog, widerstand sie dem Impuls, sein weiches, glatt rasiertes Gesicht zu streicheln. Wie würde es wohl sein, einem Mann wie ihm zu gehören?
Ihr Blick wanderte zu einem schwarzen Stoffstreifen, der sich um den kräftigen Oberarm des Fremden spannte. Georgia sah den Mann mitfühlend an. Er war in Trauer.
„Ich habe es gleich geschafft“, sagte dieser im lässigen Plauderton, während er sein Werk prüfend betrachtete. Er beugte sich noch ein Stück näher zu ihr hinunter. „Ich befestige das Band besser mit einer anderen Anstecknadel.“
„Danke“, murmelte sie und blickte beschämt zu Boden.
Sein Mantel roch angenehm nach Würzwein und Zedernholz, und obwohl es ein warmer Sommertag war, strahlte dieser Mann etwas so wunderbar Warmes und Einladendes aus, dass sie erschauderte. Die Knopfreihen auf seiner bestickten Weste rutschten an der breiten Brust auf und ab, während der Fremde das letzte Stückchen Band einfädelte. Der schimmernde Glanz der Knöpfe verriet ihr, dass diese nicht aus einem Imitat, sondern aus echtem Silber waren, und das konnte sich in New York nur eine ganz kleine, elitäre Gruppe wohlhabender Männer leisten. Georgia wusste, dass sie diese Gruppe niemals erreichen würde.
„Das wäre geschafft.“ Als ihre Blicke sich trafen, zog er die seine Hände zurück und fragte sie mit tiefer Stimme: „Darf ich fragen, wie es Ihnen geht, Madam?“
Sie blinzelte zu ihm hinauf. In seine Augen war ein weicher Ausdruck getreten, der ihn trotz seiner stattlichen Statur eher jungenhaft und verletzlich wirken ließ. Georgia kämpfte gegen das nervöse Zwicken in ihrem Bauch. Trotz des geschäftigen Treibens auf dem Broadway, versuchte dieser reiche, elegante Mann ausgerechnet mit ihr Konversation zu treiben. „Mir geht es sehr gut, Sir. Danke.“
Aus Respekt vor der Trauerbinde an seinem Arm erkundigte sie sich nicht nach seinem Wohlbefinden. Stattdessen lächelte sie ihn kokett an und wies auf den gefalteten Rand ihrer Haube. „Beeindruckend. Haben Sie sich schon einmal überlegt, Herrenausstatter zu werden?“
Ein leichtes Grinsen umspielte seine festen, vollen Lippen, und um seine schönen grauen Augen bildeten sich kleine Fältchen. „Nein, das habe ich nicht“, antwortete er amüsiert.
Natürlich nicht. Schließlich trug er echte Silberknöpfe. Vermutlich gehörten ihm sogar alle Herrenausstatter der Stadt oder der Stadt, aus der er kam.
Als er sich erneut zu ihr vorbeugte, verstellte er Georgia den Blick auf die Straße. „Sind Sie aus der Gegend?“
Sie musste an sich halten, um nicht laut loszuprusten. „Sie sind sehr freundlich, mein Herr, aber nein, ich komme gewiss nicht von hier. Sie haben gesehen, dass an meiner Haube noch nicht einmal das Band fest sitzt. Diese Gegend hier können sich nur mit Gold gepuderte Gecken leisten, Sir. Ich durchquere den Broadway nur.“
„Mit Gold gepuderte Gecken?“ Der Fremde verschränkte schmunzelnd die Hände hinter dem Rücken, wodurch seine Schultern noch breiter wirkten. „So pflegen Sie also vermögende Männer zu nennen?“
Sie rümpfte die Nase. „Nein, eigentlich nicht. Ich wollte nur höflich sein, weil Sie doch einer von ihnen sind und ich Ihnen schon genug zugesetzt habe.“
Der Fremde lachte schroff. „Seien Sie versichert, dass ich daran gewöhnt bin“, sagte er, wobei er sie nicht eine Sekunde aus den Augen ließ. „Da ich Brite bin, werde ich in der Öffentlichkeit immer wieder angefeindet. Zu viele Amerikaner erinnern sich immer noch an den Brand von Washington, aber ich schwöre Ihnen, dass ich damit nichts zu tun hatte.“
Georgia lachte laut auf. Sie war ganz hingerissen von diesem wunderbar trockenen Humor. „Können Sie es den Leuten hier verübeln? Ihr Briten mit eurem komischen Akzent könnt schon ganz schön aufgeblasen erscheinen.“
Der Fremde betrachtete sie nachdenklich. Er versuchte nicht einmal, sein unverblümtes Interesse zu verbergen. „Dürfte ich für einen Augenblick alle...




