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Marx | Bei Auftritt Mord: Österreich Krimi | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Marx Bei Auftritt Mord: Österreich Krimi


1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903092-04-4
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-903092-04-4
Verlag: Federfrei Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Zehntausend aufgeregte Teenager warten auf den Beginn des Sean Granger-Konzerts in der Wiener Stadthalle. Kaum sind die ersten Töne verklungen, wird der Künstler vor seinen Fans erschossen. Die Welt blickt nach Wien und staunt über das Attentat. Doch vom Täter fehlt jede Spur. Die Wiener Kriminalpolizei unter der Leitung von Inspektor Herzog tappt im Dunklen. Gemeinsam mit der Sozialarbeiterin Ruth Simon stöbert er in der Vergangenheit des ehemaligen Sängers. Und entdeckt Erstaunliches.

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4. Kapitel


Um sechs Uhr morgens stand Ruth bereits unter der Dusche. Sie hatte keine Ahnung, was sie heute erwarten würde, aber unausgeschlafen oder gar zu spät wollte sie auf keinen Fall kommen. Eine Stunde später verließ sie ihre Wohnung.

Viel zu früh stand sie vor der Stadthalle. Um die Frühlingssonne zu genießen, nahm sie auf einer Parkbank Platz, schloss ihre Augen und versuchte, die wärmenden Strahlen aufzusaugen.

»Guten Morgen! Wie geht es Ihnen?« Ihre Augen zuckten bei dem Versuch, sie zu öffnen. Wegen der blendenden Sonne konnte sie nur einen Umriss erkennen. Jack war also auch vorgeladen worden.

»Guten Morgen! Danke gut, aber ich glaube wir können vom Sie auf Du umsteigen.«

Sie klopfte mit der Handfläche auf den freien Platz neben sich, als Zeichen, dass Jack sich setzen solle.

»Erzähl mir von Sean.«

»Als ich Sean kennenlernte, war er keine siebzehn und hatte gerade sein erstes Soloalbum herausgebracht. Davor hatte er bei einer mittelmäßigen Band gespielt. Der Produzent George Peters entdeckte ihn und produzierte seine erste CD. Wie alles, was Peters anfasst, wurde das Album erwartungsgemäß ein Erfolg. Und Sean wurde in kurzer Zeit zum Star. Er war nicht nur ausgesprochen talentiert, er überzeugte vor allem mit seiner außergewöhnlichen Stimme.« Ruth erinnerte sich, dass die Stimme auch sie beeindruckt hatte. Nur die Musik war nicht ganz nach ihrem Geschmack. Aber das konnte auch daran liegen, dass sie nun wirklich langsam alt wurde.

»Auftragsgemäß erschien er bei allen Fernsehsendungen und Promotionauftritten«, fuhr Jack fort. »Zu Beginn genoss er noch die ganzen Annehmlichkeiten eines Stars in vollen Zügen. Er kaufte sich die teuersten Schlitten, ohne einen Führerschein zu haben, er feierte Partys bis zum nächsten Morgen, die begehrtesten Designerklamotten wurden ihm gratis zur Verfügung gestellt, und er beglückte sämtliche Mädchen zwischen Stockholm und Palermo, sowohl die, die ihn anhimmelten, als auch jene, denen es bloß wichtig war, dass sie mit einem Prominenten ins Bett stiegen. Als ich ihn kennenlernte, hatte er noch das Leuchten in seinen Augen, wenn er die Bühne betrat. Doch je größer der Trubel um die Person und je größer der Erfolg ist, desto höher werden die Latten gelegt, die es zu erreichen gilt. Wenn das erste Album in den Top Ten war, muss das nächste Nummer eins werden. Wenn du Nummer eins in Großbritannien bist, musst du beim nächsten Mal Nummer eins in den Vereinigten Staaten werden. Das ist das Business. Du hast keinen Einfluss darauf, aber es wird von dir erwartet. Sean war an einem Tag noch ein ganz normaler Jugendlicher, und am nächsten Morgen lag ihm die Welt zu Füßen. Egal, wo er erschien, wurde ein roter Teppich ausgerollt, jeder klopfte ihm auf die Schulter und sagte, er sei der Beste. Es ist deine Pflicht, der Yellow Press täglich neue Geschichten zu liefern, egal, wie langweilig der Tag war. Mit etlichen Auftritten für sämtliche Fernseh- und Radiostationen ständig präsent zu sein, immer freundlich lächelnd, egal, wie blöd die ewig selben Fragen bei Interviews auch sein mögen, kann als Einsatz für den absoluten Ruhm und grenzenlosen Luxus gelten.

Auch wenn es abgedroschen klingt, genau dann besteht die Gefahr abzuheben. Ich kenne keinen, der in diesem goldenen Käfig und unter Dauerbeobachtung lebt, ohne damit nicht zumindest anfangs Schwierigkeiten zu haben.«

»Er wollte doch Karriere machen, damit musste er doch rechnen!«, warf Ruth ein.

»Andere Jugendliche absolvieren in dem Alter ihre Lehre oder gehen zur Schule. Das ist das Alter der Träume, doch ihm wurde alles Materielle erfüllt. Vielleicht klingt es merkwürdig, aber genau das ist es, was alles zerstört. Normalerweise investieren Burschen Taschengeld für einen Kinoabend mit ihrem Traummädchen, ständig von der Angst begleitet, zurückgewiesen zu werden. Diese Sorgen kannte er nicht, denn er schnippte mit den Fingern, und ein Kinosaal voller bereitwilliger Mädchen erwartete ihn bereits.«

Diese nüchterne Betrachtung erschütterte Ruth. Victoria hätte eines dieser bereitwilligen Mädchen sein können. »Und was geschah weiter?«

»Genau in der Situation verlierst du deine Individualität. Du kannst nicht mehr du selbst sein, sondern du musst deinem Image, das andere um dich herum aufgebaut haben, gerecht werden. Ähnlich der Marktanalyse bei der Einführung eines neuen Produktes wird von den Plattenfirmen oder vom Management herausgefunden, welcher Typ oder welche Musik im Moment gefragt ist. Gerade wenn du sehr jung bist, fährst du schon auf dieser Schiene, ehe du bemerkt hast, dass du deine Persönlichkeit verloren hast.«

Ruth nickte. »Das ist genau der Punkt, warum ich mit der Musik vor allem der Neunziger nicht viel anfangen kann. Eine Boyband nach der anderen eroberte mit ihren melodischen Songs den Musikhimmel. Doch konnte ich sie nie auseinanderhalten. Sie klangen alle gleich. Jegliche Individualität ging verloren. Mir fehlten diese Persönlichkeiten, die sich von den anderen abhoben. Die Stimme von Leuten wie Mick Jagger, Sting oder Bono erkennst du hundert Meter gegen den Wind. Wenn ich mit dem Auto fuhr und Radio hörte, stach kaum jemand aus dem Einheitsbrei heraus. Danach, glaube ich, folgten die Barbiepuppen mit den niedlichen Stimmchen, die alle den gleichen Designer und den gleichen Choreografen hatten. Und in den letzten Jahren sind es diejenigen, die durch die Popstar-Castings ihre Plattenverträge bekommen.«

»Siehst du, genau dort findest du das Problem, sie sind alle austauschbar. Irgendwann kommt der Moment, in dem sie erkennen, dass die Einzigartigkeit, die man ihnen einredet, nicht existiert. Dann droht die Gefahr, dass du zu dem Stoff greifst, der dir hilft, für einige Minuten am Tag aus deinem Schaufenster zu entfliehen, und dir eine Scheinwelt vorgaukelt.«

»Geht es in der Musikbranche nicht ohne Drogen?«

»Die bösen Musiker mit den bösen Drogen. Worin besteht der Unterschied zu einem gedopten Sportler, einem tablettensüchtigen Trainer oder einem alkoholkranken Politiker? An sie alle werden derart hohe Erwartungen gestellt, denen sie nicht gewachsen sind. Vor allem die Angst, seine Inspiration zu verlieren, kann einen zermürben. Was ist ein Komponist ohne neue Melodien? Wenn der Druck zu groß wird, geht man den Weg des geringsten Widerstandes und greift nach jedem Strohhalm. Ich habe das Zeug selber genommen, ich weiß, in welchen Situationen du glaubst, du könntest ohne nicht weitermachen. Glaub mir, nicht nur einmal kam mir der Gedanke, dass manchem begabten Musiker, dem kein Erfolg beschert war, vielleicht viel erspart blieb. Vielleicht führt er später sogar ein glücklicheres Leben.« Er blickte auf die Zigarette in ihrer Hand. »Und wie schwer es ist, sich von einer Sucht zu befreien, brauche ich dir wohl nicht zu erklären.«

Die Unterhaltung wurde durch ein mürrisches »Morgen« von Günther Herzog unterbrochen.

Gemeinsam betraten sie durch den Hintereingang die Stadthalle. Nach einem Labyrinth von Gängen erreichten sie die Künstlergarderoben.

»Um möglichst im Umfeld des Tatortes zu sein, hat man uns eine Garderobe für die Ermittlungen zur Verfügung gestellt.« Er hob seine Hand, in der er einen Stick hielt. »Ich habe hier eine Privataufnahme des Konzertes. Ich möchte, dass Sie sich das ansehen, möglicherweise fällt Ihnen etwas dazu ein.«

Herzog steckte den Stick in den Laptop.

Ruth lief es kalt über den Rücken, als sie Seans Stimme hörte. Sie versuchte, sich auf die Stelle der Bühne zu konzentrieren, wo sie den Bühnenarbeiter vermutete. Leider konnte man nur einen Schatten erahnen.

Der Schuss war nicht zu hören. Dann sackte Sean zusammen. Der Rest war Chaos. Die Bilder drehten sich, am Ende war nur mehr Gekreische zu hören.

Ruth wendete den Kopf und sah Jack weinend vor sich. Dort saß ein vielleicht zwei Meter großer und hundert Kilo schwerer Mann, und ihm liefen die Tränen über die Wangen wie einem verletzten Kind.

Sie reichte ihm ein Taschentuch. Doch es blieb ihm nichts erspart, weitere zwei Mal spielte Herzog das Video ab.

»Wir haben alle Bandmitglieder, Ton und Lichttechniker und Rowdies befragt. Keiner konnte uns sagen, wer die Bühne knapp vor dem Schuss betreten hatte. Der erste Instrumentenwechsel wäre erst beim fünften Lied gewesen. Außerdem haben alle ein Alibi, es war keiner allein.«

»Wollen Sie damit sagen, Sie vermuten, dass jemand vom Tour-Tross auf offener Bühne seinen Arbeitgeber umbringt?« Schwankend zwischen dem Gefühl der Trauer und der Wut, die durch die Vorwürfe des Inspektors entstanden, sprudelte es aus Jack empört heraus: »Wer von uns hätte einen Grund, Sean umzubringen? Sean hatte seine Macken, aber es wird niemand gezwungen, mit auf Tour zu gehen. Wenn irgendjemand etwas nicht gepasst hätte, wäre er einfach gegangen. Im Großen und Ganzen herrschte eine gute Stimmung. Sowohl im Bus der Musiker als auch bei den Technikern und Rowdies.«

Unbeeindruckt blickte Herzog zu Jack.

»Wir sind...



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