Marx Das Geheimnis des unendlichen Raums
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-451-81001-5
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Kopernikus-Roman
E-Book, Deutsch, Band 6860, 288 Seiten
Reihe: HERDER spektrum
ISBN: 978-3-451-81001-5
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der junge Benediktinermönch Alanus von Buchholz macht sich 1543 im Auftrag der Inquisition auf den Weg in die blühende Handelsstadt Nürnberg, um das letzte große Werk des Kopernikus zu prüfen. Sein Inhalt ist ein Skandal für die Heilige Mutter Kirche: Angeblich soll nicht die Erde im Mittelpunkt des Universums stehen, sondern die Sonne, und die Erde soll nur ein Himmelskörper unter vielen sein, die sich gehorsam wie Sklaven um die Sonnen bewegen. Doch als er in Nürnberg ankommt, ist der Buchdrucker tot und das Manuskript verschwunden. Alanus gerät unter Mordverdacht und flieht mit der schönen Julia Fugger, Spross des mächtigsten Handelsgeschlechtes der Frühen Neuzeit. Die Suche nach dem wahren Täter führt die beiden in den Untergrund der Stadt und in die Abgründe der damaligen Religionspolitik. Ein packender Roman über die Macht konkurrierender Weltbilder.
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PROLOG
Frauenburg, November 1542
EIN TRAUM HATTE IHN durch endlose Räume geführt. Vorbei an immer gleichen fremdartigen Erscheinungen, hoffnungslos verloren in allem, was er sah. Und es gab nur einen Weg, dem zu entkommen. Er musste aufwachen.
Etwas half ihm an die Oberfläche. Als er seine Augen einen Spalt breit öffnete, war da ein schwacher Lichtschein.
Nur langsam kam die Erinnerung zurück. Sie schwankte noch zwischen den letzten Eindrücken des Traums und dem wiederkehrenden Wissen darum, dass er nun in die Wirklichkeit zurückkehren sollte. Noch war ihm nicht klar, wo er sich befand. Dann spürte er die Lehne eines behaglichen Stuhls in seinem Rücken.
Er war also wach. Und es fiel ihm wieder ein: In der Nacht hatte er sich an das Fenster des Turms gesetzt, zu den Sternen geschaut und nachgedacht. Dann musste er eingeschlafen sein. Nun wusste er nicht, ob er sich erheben, zum Bett gehen oder einfach im Lehnstuhl sitzen bleiben sollte. Er fühlte sich schlaftrunken und träge, als die ersten schwachen Sonnenstrahlen durch das Turmfenster eindrangen. Fast schienen sie ihm über die Wange zu streichen. Doch spürte er sie nur auf der linken Seite. Das war ungewöhnlich, und so öffnete er die Augen ganz. Nur ein schwacher Schein war dort am Horizont. Es musste sehr früh sein. Die Tiere waren noch stumm.
Schon konnte er sich nicht mehr genau an den Traum erinnern. Nur an das Gefühl, immer wieder das Gleiche zu tun, ohne Hoffnung, sich jemals befreien zu können, immer wieder zurückgeworfen von einer unbekannten Kraft.
Doch dem war er nun entkommen. Die Wirklichkeit hatte eine besänftigende Wirkung. Alles war geordnet, alles an seinem Platz: der Stuhl, das Gemäuer des Turms und er selbst im Mittelpunkt dessen, was ihn umgab. Seltsam, dachte er, wir Menschen brauchen wohl diese Gewissheiten.
Dann begann sein Kopf zu schmerzen. Und er stellte fest, dass sich der rechte Arm schwer anfühlte. Mit dem Alter kam so etwas vor. Frühmorgens brauchte der Körper Zeit. Aber diese Schmerzen. Er wollte die rechte Hand zum Kopf führen, doch es geschah nichts. Mehr als das aufdringliche Pochen in seinem Schädel verwunderte ihn, dass sein Körper diese Bewegung nicht ausführte. So ist es manchmal, dachte er. Nur eine morgendliche Schwäche.
Auch beim nächsten Versuch geschah nichts. Sein Wille erreichte nicht mehr den Arm, nicht die Hand, nicht die Finger. Verwirrt blickte er an sich hinab.
Ein Schreck durchfuhr ihn. Er versuchte nach dem Gehilfen zu rufen, der in einer Kammer am Wehrgang schlief und ihn hören musste. Doch es gelang ihm nicht, klare Worte von sich zu geben. Nur ein unbestimmtes Gurgeln hallte durch den Raum. Einer bösen Ahnung folgend, versuchte er mit der linken Hand seinen rechten Arm zu greifen. Als es ihm schließlich gelang zuzupacken, konnte er dort nichts fühlen. Er schlug auf den Ellenbogen, erst vorsichtig, dann stärker, aber er spürte nichts. Immerhin, die linke Hand folgte seinem Willen noch. Er führte sie zum Gesicht und spürte die Berührung auf seiner linken Wange. Die rechte Wange schien dagegen wie tot. Und da verstand er, was mit ihm geschehen sein musste.
Eine Sekunde lang glaubte er sich wieder im Schlaf. Oft hatte er von aussichtslosen Situationen geträumt, war ohne Hoffnung gewesen. Aber die Rückkehr in die Wirklichkeit hatte ihn noch immer gerettet. Konnte das, was er soeben erlebte, nicht auch ein Traum sein?
Als er sich aufzurichten versuchte, war sein rechtes Bein nicht in der Lage, den Körper zu halten. Er verlor das Gleichgewicht, sackte in sich zusammen und fiel auf den Steinboden. Sein Gesicht spürte von dem Aufschlag nichts. Er wollte noch einmal um Hilfe rufen, aber wieder gelang ihm kein klares Wort.
Nun verstand er endgültig, in welcher Lage er sich befand. Mit einem Schrei versuchte er, all sein Entsetzen von sich zu werfen. Aber nicht einmal das gelang ihm.
Als die Stadt in Sichtweite gekommen war, hatte der Kapitän zwei Segel einholen lassen. Das Schiff wurde langsamer und glitt leise durch das Wasser. In der Ferne konnte Alanus bereits die Stadtmauer und die Umrisse des Doms erkennen. Tolosani war aus der Kajüte gekommen, wankte unsicher über das Deck und blickte ebenfalls zur Küste. Es fiel dem Alten schwer, seine Augen an die Helligkeit zu gewöhnen. Er hatte die Nacht und den Morgen durchgeschlafen. Seine braune Kutte flatterte im Wind. Es schien, als würde er heute stärker hinken als sonst. Nur wenig an ihm erinnerte an die sonst so würdige Gestalt eines einflussreichen Geistlichen.
„Sind wir bald da?“, rief er Alanus zu.
Der schüttelte den Kopf. „Es geht jetzt langsamer voran.“
Beide schauten zur Küste. Die Stadt lag unmittelbar am Haff. Fast konnte man meinen, das Wasser würde sie jeden Augenblick überfluten. Doch etwas entfernt vom Ufer ragte die Mauer empor. Ein Bollwerk gegen die Gezeiten. Dahinter sah man mehrere Baumreihen, dann erst die Häuser. Über all dem erhob sich der Dom, ein langgestreckter Backsteinbau mit einem Dachreiter in der Mitte und zwei schlanken Türmen an den kurzen Seiten.
Als sie sich der Stadt so weit genähert hatten, dass Alanus die Menschen am Landungssteg wie kleine Striche erkennen konnte, ließ der Kapitän auch die Segel des letzten Mastens einholen und befahl den Ruderknechten, mit ihrer Arbeit zu beginnen.
„Nie im Leben hätte ich geglaubt, einmal nach Frauenburg zu reisen!“, rief Tolosani. „Und schon gar nicht auf diesem Wege und zu dieser Jahreszeit! Es ist kalt!“
Er kreuzte die Arme vor der Brust und versuchte, sich vor dem Fahrtwind zu schützen. Alanus lächelte. Es gab keinen Grund zu klagen. Sie hatten alle Sandbänke und Riffs gut umfahren, waren nicht überfallen und ausgeplündert worden, und es hatte auch kein Unwetter gegeben. Selbst das Klima war für die Jahreszeit sehr mild.
„Wir haben es gleich geschafft“, versuchte er Tolosani zu beruhigen und beobachtete, wie sich die Novembersonne in den unzähligen kleinen Wellen spiegelte. Ihre Strahlen waren so stark, dass man glauben konnte, an einem wundervollen Herbsttag unterwegs zu sein.
Inzwischen hatten sie sich einigen Schiffen genähert, die außerhalb des Hafens lagen. Ihre Masten und Segel versperrten die Sicht auf die Stadt. Auch Fischerboote lagen hier vor Anker. Der Navigator hatte alle Mühe, sie rechtzeitig zu bemerken. Dann war die Landungsbrücke wieder zu sehen, und die Ruderknechte stellten ihre Arbeit ein. Lautlos und gemächlich näherte sich das große Schiff. Nun konnte Alanus die Menschen am Hafen schon deutlicher erkennen. Einige winkten und riefen den Bootsleuten in fremder Sprache etwas zu.
Bald glitt der Bug des Schiffes unendlich langsam an den äußeren Balken der Brücke entlang. Taue wurden geworfen, Hafenarbeiter zurrten sie an den Pollern fest. Trotz allem spürte Alanus einen gewaltigen Ruck. Das Schiff zerrte weiter, bis es auch vom dritten und vierten Tau gehalten wurde.
Der Kapitän ging als Erster von Bord und kniete am Boden nieder. Während er das Dankgebet sprach, waren auch die Männer an Deck still und hielten die Hände gefaltet. Tolosani sprach für die Männer das Vaterunser und erteilte ihnen den Segen. Dann begann an Bord und auf dem Landungssteg ein ohrenbetäubendes Lärmen. Die Bootsleute waren Wochen unterwegs gewesen. Nun wurden sie von Frauen und Kindern freudig begrüßt. Das machte es den Hafenarbeitern schwer, zwischen all den aufgeregten Menschen mit dem Löschen der Ladung zu beginnen.
Auch die beiden Mönche hatten inzwischen das Schiff verlassen. Tolosani bat Alanus, nicht zu schnell zu gehen. Sie mussten sich durch die Menge drängen, bis sie die gut 20 Fuß hohe Stadtmauer erreichten. Am Schiffertor wurden sie von den Wächtern nicht aufgehalten. Alanus drehte sich noch einmal um und schaute hinaus aufs Meer. Sie hatten ihr Ziel erreicht, die gefährliche Reise hinter sich. Doch was jetzt auf sie zukam, würde nicht weniger schwierig sein.
Das Hospiz zum Heiligen Geist erwies sich als ein langgezogenes, zweistöckiges Fachwerkgebäude mit einem kleinen Glockenturm auf dem Dach. Der Pater erwartete sie bereits und führte sie zu zwei Zellen, die nur mit Tisch, Stuhl und Bett ausgestattet waren. Dort ließen sie die Leinensäcke zurück, in denen sich ihre wenige Habe befand, und machten sich dann auf den Weg zur Kapelle, die der heiligen Anna geweiht war. Während Tolosani sich dort vom Pater den Weg zur Domburg und zum Bischofspalast erklären ließ, betrachtete Alanus in der Apsis eine Wandmalerei, die offenbar das Jüngste Gericht darstellte. Auf der einen Seite war ein Engel zu sehen. Mit der rechten Hand hielt er die Waage des Gerichts, in deren Schalen sich Menschen befanden. Mit der Linken das Schwert der Gerechtigkeit. Etwas abseits davon war ein aufrecht stehender, geflügelter Greif abgebildet, vielleicht der Teufel, der einen Menschen festhielt. Das Bild sollte eine Warnung sein, den Weg Gottes nicht zu verlassen.
Alanus betrachtete dieses schlichte, eindringliche Bild noch immer, als Tolosani ihn an der Kutte zog und aufforderte, ihm zu folgen. Sie verließen das Hospiz.
Die Gasse führte an zweistöckigen Steinhäusern entlang. Die Menschen, die ihnen hier begegneten, waren gut gekleidet und machten einen wohlhabenden Eindruck. Frauenburg lebte vom Handel, das wusste Alanus. Und offenbar ging es den Menschen damit leidlich gut. Nirgendwo sah er Bettler, und es war auch nicht üblich, das Vieh auf der Straße zu halten.
Der Bereich, in dem sich Kathedrale, Kurie und Kloster befanden, war von einer mächtigen Mauer umgeben, so hoch wie zwei Stockwerke eines Hauses....




