E-Book, Deutsch, 367 Seiten
Reihe: Eichborn
Marzano Falls ich da war, habe ich nichts gesehen
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7517-4844-5
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
„Marzanos Buch ist nicht nur ein Akt der persönlichen Befreiung, sondern auch eine nicht selbstverständliche Mutprobe.“ Francesca Polistina / FAZ
E-Book, Deutsch, 367 Seiten
Reihe: Eichborn
ISBN: 978-3-7517-4844-5
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Michela Marzano sich erstmals mit der eigenen Familiengeschichte auseinandersetzt, fällt sie aus allen Wolken: Sie stellt fest, dass ihr Großvater, nach gern bemühter Legende immer schon erklärter Gegner des Faschismus, seinerzeit einer der ersten Unterstützer Mussolinis war. Wie konnte es dazu kommen und welche Auswirkungen hatte diese unausgesprochene politische Prägung auf die nachfolgenden Generationen, auf Michelas strengen, patriarchenhaften Vater und letztlich auch auf sie selbst?
Ein schonungsloses Buch, ebenso persönlich wie politisch - und zugleich ein erhellender Exkurs über die Psychologie der Erinnerung und des Verdrängens, sei es persönlich oder universell.
Michela Marzano wurde 1970 in Rom geboren. Sie lebt seit 1998 in Paris, wo sie Moralphilosophie lehrt. Sie schreibt u.a. für LA REPUBBLICA und LA STAMPA und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Mit FALLS ICH DA WAR, HABE ICH NICHTS GESEHEN erhielt sie den renommierten PREMIO MONDELLO.
Weitere Infos & Material
Eine Michela Marzano gibt es nicht. Geburtsurkunde, Reisepass, Personalausweis, Eheurkunde: Alle bescheinigen, dass die Person, die am 20. August 1970 in Rom geboren wurde, Maria Marzano heißt.
»Warum denn Maria?« Ich bin auf der Grundschule, einer privaten Schule, weshalb ich ein Formular ausfüllen muss – eine reine Formalität, aber notwendig, damit die Schuljahre vom Ministerium anerkannt werden – und mein Vater sagt, ich soll mit »Maria« unterschreiben. Meine Eltern nennen mich aber schon immer Michela, genau wie meine Freund:innen und die anderen Kinder in meiner Klasse. Sogar meine Lehrerin sagt Michela. Und jetzt behauptet mein Vater plötzlich, dass ich Maria heiße.
Als mein Vater nach meiner Geburt zum Standesamt ging, um mich anzumelden, ließ er meinen Namen so eintragen: »Maria« Komma »Michela« Komma »Rosa«. Eigentlich sollte ich wohl »Maria Michela« Komma »Rosa« heißen, sodass auf meinen Ausweisen nicht nur der Name Maria stehen würde, den ich zu Ehren der Jungfrau Maria bekam, weil meine Mutter nach langem Warten doch noch schwanger geworden war, sondern auch der Name Michela. Meine Großmutter Rosa nahm es gar nicht gut auf, dass ihr Vorname erst an dritter Stelle kam. »Schluss mit all den Rosas, Rosarias, Rosettas und Rosellas«, hatte mein Vater gesagt, worauf meine Mutter erst »Manuela« vorgeschlagen und meine Eltern sich schließlich auf »Michela« geeinigt hatten. Eine Manuela gab es in der Familie meines Vaters nämlich nicht, dafür aber einen Michele; den Vater meiner Großmutter, Doktor Michele Campo.
Mein Vater ging also zum Standesamt, um mich anzumelden, wurde allerdings von einem Freund begleitet, der ihn überredete, auch zwischen »Maria« und »Michela« ein Komma zu setzen, Doppelnamen würden nur zu Problemen führen. Das Ergebnis: Mein eigentlicher Vorname, Michela, taucht auf keinem offiziellen Dokument auf – der Name, den meine Eltern für mich ausgewählt haben, mit dem mich die Leute ansprechen, der auf meinen Büchern und unter meinen Artikeln steht und bei dessen Klang ich mich auf der Straße umdrehe. »Michela?« – ich bleibe stehen, sehe mich suchend um, halte Ausschau nach der Person, die mich gerufen hat. »Maria?« – ich gehe weiter, ohne innezuhalten, zucke nicht einmal zusammen. Maria? Wer soll das sein?
Das einzige Stück Papier in meinem Besitz, das bestätigt, dass ich nicht nur Maria, sondern auch Michela heiße, ist meine Taufurkunde. Nur mit meiner Taufurkunde bekomme ich bei der Post ein an Michela Marzano adressiertes Einschreiben ausgehändigt, ohne mich deshalb mit den Angestellten streiten zu müssen: »Woher sollen wir wissen, ob Sie diese Michela sind, wenn auf Ihrem Personalausweis Maria steht? Es könnte ja genauso gut Ihre Mutter, Ihre Schwester oder Ihre Tochter sein. Das müssen Sie schon verstehen …«
Doch eine Taufurkunde ist nicht rechtsgültig.
Für den Staat bin ich Maria.
Für den Staat gibt es Michela Marzano nicht.
»Und wie heißt du, Papa?« Ich habe mich dazu überreden lassen, das Dokument für die Schule mit »Maria« zu unterschreiben.
»Na, Ferruccio natürlich. Warum fragst du das?«
»Hast du keinen anderen Namen?«
»Meine Mutter wollte mich auch nach ihrem Vater Michele und ihrem Mann Arturo benennen, aber auf meinen Ausweisen bin ich nur Ferruccio Marzano.«
Als ich vierzig Jahre später in den Schreibtischschubladen meines Vaters krame, stoße ich auf einen Auszug aus dem Taufregister der kleinen Stadt Campi im Süden von Apulien, in der er geboren ist.
Es ist September 2019, knapp drei Wochen sind seit der Geburt von Jacopo, dem Sohn meines Bruders Arturo, vergangen, ich besuche meine Eltern in Rom. Viele Fragen beschäftigen mich, es gibt einiges, worüber ich mir endlich klar werden muss. Vor allem brauche ich Informationen, meine Erinnerung lässt mich im Stich. Die Geburt von Jacopo hat mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Ich fühle mich verloren. Warum habe ich keine Kinder bekommen? Auf einmal sind meine zwanzig Jahre Psychoanalyse wie weggeblasen.
Ich lege den Auszug aus dem Taufregister auf mein Bett. Einen Moment lang starre ich das Blatt reglos an. Dann gebe ich mir einen Ruck und vertiefe mich in das alte Dokument und seine schön geschwungene Kalligraphie:
Am sechsundzwanzigsten Dezember des Jahres 1936 wurde das am vierzehnten November 1936 geborene Kind von Arturo Marzano, Sohn von Ferruccio, und Campo Rosetta, Tochter des verstorbenen Michele, Eheleute der Gemeinde Campi, von dem hier unterzeichnenden Gennaro D’Elia, Pfarrer von Santa Maria delle Grazie, Campi, auf den Vornamen Ferruccio Michele Arturo Vittorio Benito getauft. Pate und Patin: Marzano Gino di Ferruccio und Malvani Virginia di Augusto.
Ferruccio Michele Arturo Vittorio Benito. Ich traue meinen Augen nicht. Aber dort steht es schwarz auf weiß: Mein Vater heißt nicht einfach Ferruccio, wie ich immer geglaubt habe. Neben dem Vornamen seines Großvaters mütterlicherseits, Michele, und dem Namen seines eigenen Vaters, Arturo, trägt Papa die Namen Vittorio, wie der damalige König Vittorio Emmanuele III., und Benito, wie Benito Mussolini.
Den Vornamen Vittorio kann ich gerade noch verstehen. Ich weiß, dass mein Großvater Abgeordneter der monarchistischen Partei war. Das gefällt mir zwar nicht unbedingt, trotzdem kann ich es halbwegs akzeptieren. Aber Benito? Das kann nicht sein, das muss ein Missverständnis sein. Warum sollte mein Vater denselben Vornamen haben wie der Duce? Monarchist ist schließlich nicht gleich Faschist.
Außer seiner Schwester, die »Tuccio« sagte, nennen alle meinen Vater immer nur Ferruccio. Ferruccio und nichts weiter, wie es auf seinem Personalausweis und seinem Diplom steht. Für die Studierenden an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität La Sapienza ist er Professor Ferruccio Marzano. Ferruccio heißt er auch auf seiner Eheurkunde und der Abschrift meines Eintrags im Geburtenregister. Überall nur Ferruccio, außer auf dem Taufregisterauszug. Ich versuche, mich selbst zu beruhigen. Vielleicht ist dem Pfarrer bei der Taufe ja ein Fehler unterlaufen. Kurz ziehe ich in Erwägung, nach Lecce zu fahren, um dort in den Archiven nachzuforschen, aber das Semester fängt bald an, ich habe keine Zeit, ich muss zurück nach Paris.
Ein paar Wochen später entdecke ich auf der Website des Archivs der Stadt Lecce, dass ich auch von Paris aus eine Abschrift von Papas Eintrag im Geburtenregister anfordern kann, ich muss dafür nur eine E-Mail an den Direktor schreiben. Ich gebe den Vornamen, den Nachnamen und das Geburtsdatum meines Vaters an, außerdem die Gemeinde, in der er geboren wurde, und bezahle die Kosten für die Fotokopie.
Zehn Tage später landet die Abschrift direkt in meinem Postfach, unter dem Betreff: Protokoll Nr. 3865 – Ferruccio Marzano.
Im Jahr neunzehnhundertsechsunddreißig, am: sechzehnten November, um: neun Uhr fünfunddreißig wurde: Arturo Marzano, Alter: neununddreißig, Staatsanwalt, bei mir: Giuseppe Guarino, im Rathaus vorstellig und teilte mir mit, dass von seiner Frau: Rosa Maria Campo am: vierzehnten November, um: elf Uhr vierzig, im Haus in der Straße: Via Vittorio Emanuele ein Kind mit dem Geschlecht: männlich geboren worden sei, das er mir zeigte und dem er folgende Vornamen gab: Ferruccio Michele Arturo Vittorio Benito.
Ferruccio Michele Arturo Vittorio Benito. Alles nacheinander. Ohne Komma. Genau wie auf dem Auszug aus dem Taufregister. Also müssten Papas Vornamen eigentlich immer zusammen auftauchen. Laut dem italienischen Gesetz kann man einen Vornamen nämlich nur dann weglassen, wenn er durch ein Komma abgetrennt ist. Warum also stehen die anderen Vornamen meines Vaters auf keinem offiziellen Dokument?
»Das ist wirklich merkwürdig«, sagt Jacques, mein Mann, als ich laut darüber nachdenke, was wohl mit den anderen Vornamen meines Vaters passiert ist. Sind sie nach dem Krieg verschwunden? Als die Schrecken des Faschismus ein Ende hatten und 1946 aus der Monarchie eine Republik wurde? Wir sitzen beim Abendessen und ich berichte ihm von meiner Entdeckung.
»Warum weiß ich nichts von den anderen Vornamen meines Vaters? Welches Geheimnis versteckt meine Familie? Was soll die ganze Geschichte?«
Nomen est omen, sagten die Römer:innen, weil sie der Meinung waren, der Name einer Person sage ihr Schicksal voraus. Welches Schicksal verbirgt sich hinter dem Namen meines Vaters? Und was bedeutet das für mein eigenes Schicksal?
Am nächsten Tag nehme ich meine Internetrecherche wieder auf. Nach und nach kommt etwas Licht ins Dunkel. Anscheinend wurden die italienischen Personenstandsbücher im Jahr 1954 umstrukturiert: Lautete die Formulierung in der Geburtsurkunde »dem er folgenden Vornamen gab«, dann durfte man alle seine Vornamen behalten, auch wenn der Name sich aus mehreren zusammensetzte; lautete die Formulierung jedoch »dem er folgende Vornamen gab«, dann fielen der zweite, dritte, vierte oder auch fünfte Vorname weg. Eine seltsame Lösung, die es meinem Vater aber ermöglichte, den mehr als lästigen Namen Benito zusammen mit seinen anderen Vornamen auf wundersame Weise verschwinden zu lassen.
»Siehst du, also doch keine Lügengeschichte«, sagt Jacques augenzwinkernd, nachdem ich ihn auf den...




