Marzi | 5 Tage im April | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

Marzi 5 Tage im April


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-401-80398-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 496 Seiten

ISBN: 978-3-401-80398-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Jack sich - mit einem rätselhaften Brief in der Tasche - auf den Weg nach Seals Head Harbor macht, ahnt er noch nicht, welches dunkle Geheimnis ihn dort erwartet. Schnell begreift Jack, dass er in dem kleinen Küstenort kein Fremder ist. Auf mysteriöse Weise scheint seine eigene Vergangenheit mit der Legende des Ortes verbunden zu sein. Nach einer Reihe merkwürdiger Ereignisse will Jack bereits die Flucht ergreifen. Da taucht plötzlich Sadie auf, das Mädchen mit den meerblauen Augen. Sie ist die Einzige, die ihm bei der Suche nach Antworten helfen kann. Mit Sadie verbringt Jack fünf Tage, die sein Leben für immer verändern. 

Christoph Marzi begann bereits im Alter von 15 Jahren zu schreiben. Sein Romandebüt 'Lycidas' avancierte 2004 zu einem Überraschungserfolg: 2005 wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem schreibt er mit großem Erfolg sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Er arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.
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Autoren/Hrsg.


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1.

Nennt mich Jack. Ein einfacher Name. Jack Fallon. Nicht unbedingt außergewöhnlich. Immerhin, er passt wohl zu mir, das finden die meisten. Und am Ende ist er das Letzte, was einem bleibt, wenn alles andere verloren ist.

»Irgendwie«, das hat meine Mutter oft gesagt, »steckt alles, was uns wirklich ausmacht, in unseren Namen.« Ich habe immer genickt, wenn sie das gesagt hatte. Richtig verstanden habe ich sie aber erst im letzten Sommer, als ich mich dazu entschloss, Spring Hill zu verlassen und einfach so fortzugehen; dorthin, wo der Himmel und das Meer sich treffen, so blaugrau wie ein Tagtraum. Oben an der Westküste der Penobscot Bay, nur ein paar Meilen nördlich von Rockland, gibt es einen kleinen Ort, der Seals Head Harbor heißt. Dort, an der Küste, hat sich alles geändert. Richtig angefangen hat es jedoch unten in Boston, an jenem Nachmittag im April, als ich den Brief fand.

»Der April«, hat mal irgendjemand behauptet, »ist ein verdammt trügerischer Monat.« Ich tippe auf Woodpecker, aber sicher bin ich mir nicht. Woodpecker war ein Obdachloser, der jeden Tag an der Haltestelle vor der Somerville Highschool herumlungerte und hoffte, sich ein paar Münzen zu erbetteln, um davon Zigaretten und billigen Fusel kaufen zu können. Er quasselte viel und ich bezweifle, dass er immer wusste, was er so von sich gab, aber das ist auch nicht wichtig.

Der April, das jedenfalls weiß ich jetzt, ist ein trügerischer Monat. Nur darauf kommt es an.

Der Tag, den ich meine, war einer dieser Frühlingstage, die so umwerfend sind, dass man den nahen Sommer riechen kann; ein Tag, an dem man wirklich nichts anderes tun kann, als sein Leben in vollen Zügen zu genießen. Die Sonne schien, es war warm, Insekten flimmerten aufgeregt in der Luft herum und jeder, der draußen war, konnte sich nur gut fühlen. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass an einem Tag wie diesem irgendetwas Schreckliches passieren könnte. Ich am allerwenigsten.

Die letzten beiden Stunden, Naturwissenschaften bei Mr Noah, hatte ich mir geschenkt; nach dem Ärger der letzten Woche meldete ich mich diesmal aber ordnungsgemäß im Sekretariat ab. Man sollte sich eben nicht erwischen lassen, wenn man einen Kurs schwänzt. Ich fuhr rüber zum Campus des MIT und hing in einem Café inmitten von Studenten ab, stellte mir vor, wie es wäre dazuzugehören (ich hatte, ganz ehrlich, nicht den blassesten Schimmer, was ich nach der Highschool machen sollte). Ich schaute mir die Studentinnen an und fragte mich, ob sie mich durchschauten und erkannten, dass ich dort eigentlich nichts verloren hatte. Vor mir auf dem Tisch lag demonstrativ ein Notizbuch, gleich daneben ein Kugelschreiber. Beides blieb unangetastet. Die Sonne ließ mich blinzeln und ich genoss es, dort zu sein, so weit weg wie möglich von der Schule und Parker und all dem, was mir sonst noch auf die Nerven ging. Die Welt war ein wunderbarer Ort im Sonnenlicht. Erst als ich die SMS las, hörte der Tag abrupt auf, schön zu sein.

Der April ist ein verdammt trügerischer Monat. Komischerweise fiel mir sofort dieser Satz ein. Ich las die SMS mehrmals hintereinander. Wann mir jemals die Hände so gezittert hatten, wusste ich nicht.

Ich zögerte keine Sekunde und wählte sofort Parkers Nummer. Parker Bracknell war der aktuelle Freund meiner Mutter.

»Das ist nicht dein Ernst.« Sogar meine Stimme zitterte. Es kam mir so vor, als starrten mich alle im Café an.

»Komm schnell her.« Er sagte mir, wohin ich kommen sollte.

»Wie geht es ihr?«

»Komm einfach, so schnell du kannst«, wiederholte er. Dann legte er auf. Auch seine Stimme hatte gezittert. Das tat sie sonst nie. Ich stopfte das Notizbuch und den Kugelschreiber in meinen Rucksack, stand auf und glaubte, dass die Welt sich so schnell drehte, dass alles in verschwommenen Farben explodierte.

Ich machte mich auf den Weg, runter in die U-Bahn, nach zwanzig Minuten wieder ans Tageslicht, weiter zu Fuß. Ich rannte durch die Straßen und fühlte mich wie jemand, der wusste, dass das, was ihm jetzt, in diesem einen Augenblick, hier auf dieser Straße, in dieser Stadt, an diesem Nachmittag, in diesem Sonnenschein passierte, einfach nicht passieren konnte. An Tagen wie diesem, sagte ich mir, passieren keine schlimmen Dinge. Die Welt ist schön und warm und das Glück so duftend und greifbar wie der Frühling selbst. Ich fühlte mich schwach und elend. Ich hatte Angst. Was immer auch geschehen war, es würde gut ausgehen. Schlimme Dinge, die an Tagen wie diesem passierten, mussten einfach gut ausgehen. Außerdem gab es keinen Grund für das, was passiert war. Es war einfach falsch, dass Dinge ohne Grund passierten.

Als ich das Krankenhaus erreichte, erfuhr ich jedenfalls mehr. Parker war schon da und ging nervös auf dem Gang auf und ab. Die Krawatte hatte er gelöst. Parker ist jemand, der in jeder Situation gut aussieht. Selbst jetzt wirkte er gefasst. Als er mich sah, hörte er damit auf, SMS zu schreiben.

»Es war Pech«, sagte er, nachdem er erneut geschildert hatte, was er wusste.

Ich hörte ihm zu, dann ging ich wortlos an ihm vorbei zu einem Fenster, das man nicht öffnen konnte.

Pech.

Keins der wenigen Fenster im Wartezimmer vor der Intensivstation konnte man öffnen.

Die Luft war stickig und der kleine Raum war randvoll mit der Angst der Anwesenden. Für alle, die gerade hier waren, für jeden Einzelnen, der bleich und ungeduldig auf seinem Stuhl herumrutschte oder rastlos hin und her lief, hatte sich der April als ein trügerischer Monat erwiesen.

Ich schaute nach draußen, wo immer noch die Sonne schien und alles schön war. Hier drinnen roch es beißend steril nach Putzmitteln. Die wenigen Grünpflanzen sahen ziemlich krank aus, der Wasserspender war leer.

Das Massachusetts General ist riesig. Bisher war ich noch nie hier gewesen. Ich hatte mich ein paarmal verlaufen, bis ich die Station, auf die sie Mom verlegt hatten, erreicht hatte. Außer Atem, mit pochendem Herzen, voll durch den Wind.

»Es war Pech«, murmelte Parker.

Ja, verdammt noch mal, das war es wohl!

Meine Mutter arbeitete in der Bibliothek. Wohl der sicherste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann. Genau genommen arbeitete sie in der Boston Public Library in der Boylston Street. Das ist fast in Back Bay, ganz in der Nähe des Boston Common, einem großen, alten Park. Man kann mühelos zu Fuß dorthin gehen, aber mit dem Fahrrad ist man natürlich schneller da, gerade in der Mittagspause, die immer kürzer ist, als man sie gerne hätte. Mom liebte den Park. Sie liebte Parkbänke. Sie genoss es, darauf zu sitzen und zu lesen, erst recht, wenn die Sonne so schien wie an diesem Tag. Als ich ganz klein war, hat sie mir oft aus Büchern vorgelesen, und wann immer das Wetter es zuließ, haben wir dazu Parkbänke aufgesucht. Wir hatten uns etwas zum Essen gekauft und es uns dann gemütlich gemacht. Mom hatte Kaffee aus einem Pappbecher getrunken und ich kaltes Wasser aus der Plastikflasche. Es war nicht weiter verwunderlich, dass es sie an einem so schönen Tag wie diesem dorthin zog.

Nutze den Tag war ein anderer Spruch, den sie gern zitierte.

Carpe diem, wie in dem Film.

»Pech«, wiederholte Parker, fassungslos.

Die klägliche Stimme in mir, die viel zu schwach war, um laut zu schreien, winselte nur: »Nein, nein, nein!« Das war alles.

Ich stand wie versteinert am Fenster.

»Pech!«, hörte ich Parker sagen. Alles, was er sagen konnte, schien auf dieses eine Wort reduziert worden zu sein. Er war zu mir gekommen und legte mir eine Hand auf die Schulter.

»Lass mich!«, herrschte ich ihn an und schüttelte die Hand ab. Dann ging ich einen Schritt zur Seite. Wut war besser als Verzweiflung.

Die anderen Anwesenden schauten kurz auf und waren für einen Moment aus ihren Gedanken gerissen. Doch dann kehrten auch sie wieder an einen Ort zurück, der sie das Warten irgendwie ertragen ließ.

»Nein, nein, nein.« Noch immer so leise, dass nicht mal ich selbst die Schreie in mir drinnen wirklich hörte.

Ich schloss die Augen. Einfach nur atmen, selbst das fiel mir schwer. Nichts war jetzt mehr einfach. Alles würde schwieriger werden, vieles unmöglich. Das Leben, das ich gekannt hatte, war explodiert und die Scherbensplitter flogen mir um die Ohren.

Sie hatte sich das Fahrrad eines Kollegen ausgeliehen, um in den Common zu fahren, und hatte dort wohl eine wunderbare Mittagspause verbracht. Ich stellte mir vor, wie sie in der Sonne gesessen und gelesen hatte. Ich fragte mich, in welchem Buch sie gelesen hatte. Unser letzter Streit kam mir in den Sinn, ausgerechnet jetzt. Alles andere auch. Alles, woran ich mich erinnern konnte.

Es gab keinen Grund. Diese Gewissheit war vielleicht das Schlimmste daran.

»Scheiße«, fluchte ich leise.

Ich ließ meinen Blick durch das Wartezimmer streifen. Den anderen ging es kaum besser als mir. Sie alle waren hier, weil sie eine SMS oder einen überraschenden Anruf erhalten hatten. Etwas, das dafür gesorgt hat, dass ihre Welt stehen geblieben war. Ohne Grund.

»Verfluchte Scheiße!«

Und jetzt?

Zu fluchen half nicht. Schweigen ebenso wenig. Nichts würde helfen.

»Dinge passieren manchmal einfach...



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