Marzi | Die wundersame Geschichte der Faye Archer | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 384 Seiten

Marzi Die wundersame Geschichte der Faye Archer

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-10091-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 384 Seiten

ISBN: 978-3-641-10091-9
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Liebe, die alle Zeiten überdauert

»Geschichten sind wie Melodien!« Mit diesen Worten verzaubert Alex Hobdon die junge Buchhändlerin Faye Archer vom ersten Augenblick an. Als er sein Skizzenbuch in ihrem Laden vergisst, tut Faye etwas völlig Untypisches: Sie schreibt Alex über Facebook an, und aus ein paar kurzen Chats entwickelt sich eine berührende Liebesgeschichte. Doch dann erfährt Faye, dass Alex ein Geheimnis verbirgt, das so unglaublich klingt, dass es eigentlich nur wahr sein kann, und Faye muss sich entscheiden, ob ihre Liebe zu Alex stark genug ist, dieses Geheimnis zu teilen ...
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2

Am nächsten Morgen war sie wach, bevor der Wecker klingelte. Benommen dachte sie seinen Namen, mitten hinein ins Licht der Morgensonne, die Schatten in die Wohnung malte. Faye seufzte. Sie würde den ganzen Tag im Laden auf ihn warten. Verdammt, verdammt, oh, so was von verdammt, sie wusste, dass sie das tun würde. Sie stand auf und wankte zur Küche, wo sie sich einen Kaffee machte. Sie schlürfte ihn pechschwarz, wie er war, und schlagartig dachte sie wieder an Alex. Dann stakste sie zum Schrank und sah träge und seltsam missmutig ihre Garderobe durch. Die Kleiderfrage war heute ungleich schwieriger zu lösen als sonst. Was sollte sie anziehen? Was würde ihm gefallen? Streifen, Muster, etwas Buntes? Welche Farben? Sie war wütend auf sich selbst, weil sie so dumm war und sich diese Gedanken machte. Sie wusste ja gar nicht, wer er war und was er machte, sah man einmal von der Tatsache ab, dass er zeichnete. Womöglich war er verheiratet. Männer, die so aussahen wie er, waren meistens verheiratet. Oder schwul. Oder womöglich beides, wer konnte das schon sagen …

Sie nippte erneut an dem bitteren Kaffee.

Dana!

Sie musste mit Dana reden. Dana wüsste Rat. Wenn nicht sie, wer dann?

Also schlurfte sie zum Koffer mit dem Telefon. »Ich habe jemanden kennengelernt.«

Dana Carter wusste immer Rat. Sie sagte ruhig: »Erzähl schon«, und hörte sich, im Unterschied zu Faye, schon ziemlich wach an. Dana arbeitete bei Golden Key Solutions, einer Marketingagentur in Manhattan, und hatte chronisch überhaupt keine Zeit, jedenfalls an Wochentagen nicht. Faye wusste, dass sie jetzt auf dem Weg zur Arbeit war, vermutlich bereits online, Mails beantwortete, telefonierte und an tausend Dinge gleichzeitig dachte, unter anderem an ihr tadelloses Aussehen, um das Faye sie hemmungslos beneidete.

»Dana ist so Hollywood«, hatte Faye es einmal Mica gegenüber ausgedrückt.

»Dafür bist du Vaudeville«, hatte Mica entgegnet. Faye wusste, dass er es als Kompliment gemeint hatte, aber selbst heute, noch lange nach dieser Bemerkung, dachte sie oft darüber nach.

Dana Carter war jemand, den man nur bewundern konnte.

Als Faye ihr alles berichtet hatte, fragte sie: »Und jetzt?«

»Na, das ist die Frage«, sagte Faye.

»Tja«, erwiderte Dana. Sie lief irgendeine Straße entlang, Faye hörte die Verkehrsgeräusche.

»Deshalb rufe ich dich an.«

»Schon klar.«

»Gib mir einen Ratschlag«, drängelte Faye. Sie lag auf dem Boden neben dem Koffer und starrte tatenlos die Decke an. Dana war diejenige, die zielstrebig war, nicht sie.

»Tu das Richtige«, sagte Dana.

Faye sprang auf. »Das ist alles?«

»Denk darüber nach«, riet ihr Dana.

»Du hörst dich schon an wie Mica.«

Ein schallendes Lachen. »Wir telefonieren später.«

»Tu das Richtige?«, wiederholte Faye, gespielt wütend. »Hey, ist das eine Golden Key Solution?«

»Deine Kritik trifft mich ins Herz«, hörte sie Dana sagen.

»Soll sie auch.« Faye seufzte.

»Wir sprechen uns später«, versprach Dana. »Ich melde mich.« Dann war die Leitung tot.

Faye seufzte noch mal, ohne dass es viel nützte. Sie stand auf, zupfte sich vor dem Spiegel die Haare zurecht, dachte Vaudeville, zog eine Grimasse und übte ein Lächeln, lief danach eine Weile unruhig und planlos in der Wohnung herum, wechselte ein paarmal die Klamotten, saß unnötig lange vor dem Spiegel und schaute die junge Frau an, die auch keine Antwort auf das hatte, was sie sie gern gefragt hätte. Dann ging sie zum Fenster, hoffte, einen Motorroller in der Straße unter ihr zu entdecken, und schließlich setzte sie sich vor das Klavier, starrte die Tasten an und begann zu klimpern. Ihre Fingerspitzen zauberten nach und nach eine unscheinbare Melodie in die Stille. Als die Melodie vorbei war, schaltete sie den Laptop ein und las noch einmal die Mails von letzter Nacht. Dann noch mal. Und ein letztes Mal.

»Faye Archer«, sagte sie laut zu sich selbst, »das reicht jetzt aber!« Manchmal musste man eben energisch mit sich selbst sein. Sie stand auf, zog die Schuhe an, die sie zuallererst getragen hatte, musterte sich trotzig im Spiegel und beschloss, genau so aus dem Haus zu gehen. Sie würde zu Fuß gehen, wie gestern, weil sie so noch etwas Zeit hatte, ihren Gedanken nachzuhängen. Sie würde einen Plan haben und vorbereitet sein, wenn sie im Real Books ankam. Ja, alles würde gut werden, wenn nicht heute, wann dann?!

So machte sie sich, etwas umständlicher als noch am Vortag – sie fand zwar den Schlüssel, musste aber das Skizzenbuch suchen, das unter dem Klavier lag, ohne dass sie eine Ahnung gehabt hätte, wie es dorthin gekommen war –, auf den Weg zur Arbeit.

Unterwegs kaufte sie sich am Kiosk an der Ecke einen Kaffee im Pappbecher und betrachtete sich im Schaufenster einer Boutique. Sie war heute wirklich sehr grün, ohne Punkte, dafür mit Kleid und lila Chucks. Sie war wachsamer als sonst, achtete auf Motorroller, sah keinen einzigen und vergewisserte sich ein paarmal, dass sie auch das Skizzenbuch nicht irgendwo unterwegs aus Schusseligkeit vergessen hatte. Selbst jetzt beneidete sie Dana, die in Situationen wie dieser viel gefasster wäre. Dana Carter war sich ihrer Ausstrahlung bewusst, und Faye wünschte sich inständig, ein wenig von diesem Selbstbewusstsein zu besitzen.

Damals, als sie Dana zum ersten Mal begegnet war, hatten sie beide noch die Columbia besucht.

Sie waren einander zufällig begegnet. Faye Archer hätte jemanden wie Dana Carter niemals angesprochen, und Dana Carter hätte jemanden wie Faye Archer bestenfalls mit einem verachtungsvollen Blick gestraft. Faye war durch und durch eine Kunststudentin, um genau zu sein: Music & Arts, und Dana konnte nicht verbergen, dass sie einen Master in einem Fach wie Business Administration oder Marketing Management anstrebte. Faye hatte sie des Öfteren in der Cafeteria am College Walk gesehen, immer von hemmungslos gut aussehenden Studenten umschwärmt, selbstbewussten Ostküsten-Jungs, deren Klamotten darauf schließen ließen, dass sie Eltern hatten, die ihre Wochenenden auf Martha’s Vineyard oder in den Hamptons verbrachten und die nur deswegen in New York studierten, weil die Clubszene hier angesagter war als die in Boston. Dana Carter war so, wie jedes Mädchen gern gewesen wäre. Ihr Gesicht hatte dieses gewisses Etwas, das die Gesichter hatten, die einen von den riesigen Plakaten anstarrten, ganz zu schweigen von ihrer Figur.

Nie hätte Faye gedacht, das blonde Mädchen mit dem perfekten Teint kennenzulernen, doch das Schicksal wollte es, dass sie an einem Nachmittag im Winter denselben Aufzug in der Bibliothek benutzten, ein altes, rostiges Ding, dessen beste Zeiten schon vor Jahrzehnten vorüber gewesen waren. Normalerweise verirrte sich Faye nicht in die Abteilung D an der West 120th Street; Music & Arts war gegenüber, in der Abteilung E am College Walk, untergebracht. Doch an diesem Tag hatte es sich Faye in den Kopf gesetzt, über die Gründung einer richtigen Band nachzudenken, und es schien ihr eine gute Idee zu sein, sich dazu einige Bücher über die Musikbranche auszuleihen.

Dana Carter bedachte Faye, als diese noch schnell zu ihr in den Aufzug schlüpfte, mit einem leicht abschätzigen Blick, und Faye senkte die Augen, weil sie ihre Ruhe haben wollte.

Dann blieb der Aufzug stecken, das Licht flackerte unruhig, und eine seltsam schummrige Notbeleuchtung schaltete sich ein.

Faye drückte den Notschalter und wartete.

»Was passiert jetzt?«

»Sie werden jemanden kommen lassen, der den Aufzug repariert.«

Dana nickte.

Schweigend standen sie beide im Aufzug. Im Kosmos der Columbia kamen sie aus Welten, die Lichtjahre voneinander entfernt lagen und nicht die geringste Gemeinsamkeit vorzuweisen hatten. Nach einer Viertelstunde setzte Faye sich in eine Ecke, schloss die Augen und versuchte, ein wenig zu dösen. Als sie eine Hand an ihrer Schulter spürte, die sie fest und kräftig rüttelte, hätte sie beinah laut aufgeschrien.

»Du kannst jetzt nicht schlafen!«

»Ich wollte dösen.«

»Du kannst auch nicht dösen.«

»Warum nicht?«, fragte Faye genervt.

»Weil …«

Faye wartete. Was bildete sich diese Blondine bloß ein?

»Ich habe Angst«, sagte ihr Gegenüber und schluckte. »Ich bin Dana.« Die hellen blauen Augen, die vermutlich schon ganze Heerscharen von Studenten in den Wahnsinn getrieben hatten, glitzerten feucht. »Du kannst jetzt nicht schlafen und mich allein lassen.«

»Faye«, stellte Faye sich vor. Plötzlich war all ihre Wut verflogen. »Keine Panik, wir müssen nur die Zeit totschlagen. Außerdem bist du nicht allein. Selbst dann nicht, wenn ich döse.«

Dana umfasste ihr Handgelenk. »Ich habe aber Angst.«

Faye seufzte. »Ist ja gut.« Sie schüttelte...


Marzi, Christoph
Christoph Marzi,1970 geboren, wuchs in Obermendig nahe der Eifel auf, studierte in Mainz und lebt heute mit seiner Familie im Saarland. Seit dem großen Erfolg seiner Saga um die Uralte Metropole, die mit »Lycidas« begann und in »Lilith«, »Lumen« und »London« fortgesetzt wird, ist Christoph Marzi einer der erfolgreichsten deutschen Phantastik-Autoren. »Lycidas«, sein Debütroman, wurde mit dem Deutschen Phantastik-Preis ausgezeichnet.



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