E-Book, Deutsch, 360 Seiten
Marzi Heaven. Stadt der Feen
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80007-3
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 360 Seiten
ISBN: 978-3-401-80007-3
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christoph Marzi begann bereits im Alter von 15 Jahren zu schreiben. Sein Romandebüt 'Lycidas' avancierte 2004 zu einem Überraschungserfolg: 2005 wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem schreibt er mit großem Erfolg sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Er arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.
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Die bösen Männer
Das Treppenhaus von Nr. 16 war alt und tief und die gusseisernen Geländer liefen spiralförmig abwärts wie die Rippenbögen eines längst vergessenen großen Tieres.
David ging voraus. Sein Entschluss stand fest. Er würde das Mädchen bis hinüber nach Marylebone und zu ihrem Hausboot bringen und dann könnte er guten Gewissens nach Hause gehen und die Sache vergessen. Sie wäre in Sicherheit, denn dort würde schon jemand sein, der sich ihrer annahm und der sich um sie kümmern würde. Mädchen, die so aussahen wie Heaven, hatten immer jemanden, der für sie da war und der sich um sie kümmerte. Das war ein ungeschriebenes Gesetz.
Ihr kaputtes Teleskop hatte sie in einen Rucksack gesteckt. Sie schien darum zu trauern wie um ein totes Haustier, so sorgsam hatte sie es angefasst.
»Langsamer, bitte«, keuchte sie plötzlich hinter ihm. Ihr Atem ging schnell und ihre Hände hielten krampfhaft das Geländer umklammert.
David blieb stehen und sah sich um. »Alles okay?«
Sie schüttelte den Kopf. »Mir ist schwindlig.«
Er ging die wenigen Treppenstufen zu ihr hinauf. »Du siehst ziemlich fertig aus.«
»Danke.« Die Kraft, schnippisch zu sein, brachte sie immerhin noch auf.
»So war das nicht gemeint.«
»Entschuldige, schon gut.«
David musterte sie. »Wenn ich ehrlich bin, siehst du so aus, als würdest du gleich umkippen.« Er schaute nach unten. Normalerweise machte es jemandem zu schaffen, wenn er so viele Treppenstufen hinauflaufen musste, aber nicht, wenn er sie runterlief. Und Heaven sah mehr als nur ein wenig sportlich aus.
Doch irgendwelche Drogen?
»Hör mal, hast du was genommen?«, fragte er.
Der Blick, der ihn traf, war so voller klirrend kalter Verachtung, dass er fast zurückgezuckt wäre.
»Okay, okay«, sagte er beruhigend und überlegte. »Möchtest du dich setzen?«
Sie schüttelte energisch den Kopf. »Ich will nicht, dass jemand bemerkt, dass wir hier sind.«
David schaute zu den Wohnungstüren auf dem Treppenabsatz. Der Flur davor war verlassen, im Treppenhaus herrschte Stille. »Keine Angst«, sagte er. »Wenn jemand fragt, was wir hier tun, dann behaupte ich einfach, dass ich mich im Haus geirrt habe.«
Sie sah ihn verständnislos an.
»Das Buch«, erklärte David und war sich nicht sicher, ob er es vorher schon einmal erwähnt hatte. »Ich muss ein Buch ausliefern, mein Kunde wohnt hier gleich nebenan. In Nr. 18.«
»Ach so.« Sie schwieg einen Moment, dann hob sie den Blick. »Was starrst du denn so?«, fragte sie. Ihre Hände zitterten sichtbar.
»Ich starre nicht.«
Was gelogen war. Natürlich starrte er. Sie sah wirklich klasse aus. So unglaublich schön. Mysteriös. Sie war ein Rätsel.
»Klar starrst du.«
»Ich schaue dich nur an.«
»Sag ich doch.«
»Nein, du hast gesagt, ich starre dich an. Ich habe nicht gestarrt. Starren wäre unhöflich.«
»Du hast also nur geschaut.«
Er verzog seinen Mund zu einem leichten Grinsen. »Ja.«
»Und?«
»Ich frage mich bloß, was mit dir los ist.«
Die Stille wurde lauter. »Ich muss nach draußen«, sagte Heaven schließlich. »An die frische Luft. An der frischen Luft wird es mir gleich wieder besser gehen.« Doch zweifelnd flüsterte sie: »Glaube ich.« Murmelte: »Hier ist es einfach verdammt stickig.«
»Okay.« David verstand zwar nicht, was sie meinte, denn im Treppenhaus war es nach dem ekligen Novemberregen draußen wohlig warm, aber egal. »Komm, gib mir die Hand.« Er reichte sie ihr. »Wenn du die Treppe runterfällst, dann kannst du dir alle Knochen brechen.« Sein Grinsen wurde breiter. »Ich werde auch nicht starren, versprochen.«
Sie musste lachen, doch als sie einen Schritt auf ihn zutrat, wurden ihr die Knie weich und sie klammerte sich mit aller Kraft ans Geländer. David schob seinen Arm unter ihre Achseln und hielt sie fest. Ihr Haar roch nach Zimt und Zitrone und ihr Atem war so flüchtig wie Nebel an einem kühlen Tag im Frühling.
Sie fühlte sich kalt an, unnatürlich kalt.
»Kannst du weiter?«, fragte David. Vielleicht hatte sie recht und sie brauchte wirklich nur frische Luft?
»Ich glaub schon«, murmelte sie, nickte vorsichtig und setzte sich in Bewegung.
Sie brachten die Treppe hinter sich, Stufe um Stufe, langsam und vorsichtig. Er hielt sie fest und sie vertraute seinen Bewegungen. Die Haustür war nicht verschlossen und einen Moment später schlichen sie nach draußen auf den Phillimore Place.
Die kalte Luft schlug ihnen entgegen und David fröstelte unwillkürlich. Die Straße war verlassen. Nichts los in dieser Gegend, nicht um diese Uhrzeit am Abend. Einige Autos parkten unter den Gerippen kahler Bäume, doch kein Mensch war zu sehen.
Heaven atmete tief durch und sah plötzlich viel kräftiger aus. Sie wirkte verlegen und völlig durcheinander. »Keine Ahnung, was das eben war.«
»Hauptsache, es geht wieder.« David löste sich von ihr. »Da drüben wohnt mein Kunde«, sagte er und tippte seinen Rucksack an. »Was dagegen, wenn ich kurz Walter Scott abgebe? Dann bringe ich dich nach Hause.«
Heaven schaute sich unruhig um. »Kann ich mitkommen?«, fragte sie.
»Nur zu!« David ging voran. Er sprang die Stufen zum Eingang von Nr. 18 empor und klingelte.
Heaven stand hinter ihm und spähte vorsichtig die Straße hinauf und hinab.
»Keine Angst. Die Typen sind weg«, sagte David beruhigend und merkte selbst, wie merkwürdig seine Worte klangen. Was tat er hier eigentlich? Glaubte er selbst schon an die Geschichte von zwei bösen Männern, die durch die Gegend liefen und Herzen klauten?
Natürlich nicht. Aber er hatte plötzlich das Gefühl gehabt, irgendetwas sagen zu müssen, was sie trösten würde. Denn Trost schien das Einzige zu sein, was ihr jetzt helfen konnte.
»Da kommt jemand.« Sie deutete zur Tür.
In der Tat, nur Sekunden später öffnete Mr Merryweather und stand wie ein Relikt aus im Türrahmen. Er trug einen langen Hausmantel mit überaus hässlichem Muster und karierte Pantoffeln. Die Meerschaumpfeife, die er in der Hand hielt, qualmte vor sich hin.
»Ah, David Pettyfer«, begrüßte er David überschwänglich und bedeutete ihm einzutreten. Dem Mädchen warf er wachsame Blicke zu. »Und wer sind Sie, junge Dame?«
»Ich bin Davids Freundin«, sagte Heaven schnell.
David schwieg. Spontan war sie ja, das musste man ihr lassen.
»Heaven Mirrlees.«
Zum ersten Mal nannte sie ihren vollen Namen. Er passte zu ihr.
Mr Merryweather lächelte und kraulte sich den Backenbart. »Du hast einen guten Geschmack, Junge.« Er winkte Heaven hinein.
»So ist es weniger auffällig«, raunte sie David im Vorbeigehen zu.
David fragte sich, was daran auffällig sein sollte, dass ihn ein Mädchen begleitete, aber da war sie auch schon an ihm vorbei und lief hinter Mr Merryweather her in den Salon.
Klein war das Zimmer und gemütlich. Es roch nach warmem Tabak und alten Büchern, nach Druckerschwärze an den Fingern und ausgelesenen Zeitungen, die auf dem Tisch lagen und auf denen sich Teekannen und Tassen und die Reste von Gebäck stapelten. Hohe Regale standen an den Wänden mit der bunt gemusterten Tapete zwischen der Holzvertäfelung. Um den Tisch herum: Ohrensessel und eine uralte Stehlampe mit Bommeln am Lampenschirm.
David stellte seinen Rucksack auf den Boden, öffnete ihn und kramte darin herum. Dann beförderte er äußerst vorsichtig eine hölzerne Schatulle hervor. »Da ist er«, verkündete er feierlich, öffnete die Schatulle und nahm das Buch heraus. »Walter Scott: Die Braut von Lammermoor.«
Mr Merryweathers Augen leuchteten auf und in diesem Moment konnte man sich vorstellen, wie er als kleiner Junge ausgesehen hatte. »Endlich, endlich«, flüsterte er voller Ehrfurcht.
Heaven beobachtete ihn genau.
Mr Merryweather nahm das Buch in seine Hände, schlug es auf und ließ seinen Finger über die erste Seite fahren. Er roch an dem Papier und blätterte weiter.
»Ist es so, wie Sie es sich vorgestellt haben?«, fragte David höflich.
Mr Merryweather lachte. »Es ist tatsächlich die Ausgabe von Firmin-Didot. Unglaublich.«
David schloss den Rucksack. Dann stellte er die Schatulle auf den Tisch. »Dann gefällt es Ihnen also?«
»Gefallen?« Mr Merryweather lachte glucksend. »Es ist wunderschön.« Er schaute zu Heaven. »Ist es doch, oder?«
»Es sieht verletzlich aus«, sagte Heaven ernst.
Mr Merryweather streichelte über den Buchdeckel. »Es erinnert mich an meine Frau«, sagte er leise. Er ging zum Fenster und sah für einen Moment schweigend auf die...




