E-Book, Deutsch, Band 1, 328 Seiten
Reihe: Malfuria
Marzi Malfuria (1). Das Geheimnis der singenden Stadt
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80017-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 328 Seiten
Reihe: Malfuria
ISBN: 978-3-401-80017-2
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christoph Marzi begann bereits im Alter von 15 Jahren zu schreiben. Sein Romandebüt 'Lycidas' avancierte 2004 zu einem Überraschungserfolg: 2005 wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem schreibt er mit großem Erfolg sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Er arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die singende Stadt
Sie kam jeden Tag hierher und sprach mit dem Wind, der meistens um diese Zeit zur Burg hoch über dem Hafen wehte und in den knorrigen Zweigen der Pinien hockte. Catalina Soleado kannte den wispernden Wind schon seit ihrer Kindheit und wusste, auf welchen Namen er hörte: El Cuento. Warm war er wie die Sonne und so geheimnisvoll wie eine Geschichte, die ihr leise um die Nase wehte und selbst dann noch ein Lächeln in das gebräunte Gesicht mit den hellen grünen Augen zaubern konnte, wenn niemand sonst dies vermochte. Auch heute, an diesem Tag, vor dem sie sich schon seit Langem gefürchtet hatte.
Der Wind war ein Freund, und wenn er ihr die Geschichten erzählte, die er draußen weitab der weißen Klippen oder sonst wo gefunden hatte, dann fühlte sie sich wie jemand, der einfach nur glücklich war.
Oft saß sie, wie gerade jetzt, auf der breiten Festungsmauer vor dem Kastell, ließ die Füße baumeln und blickte auf die azurblaue See hinaus, wo die kleinen Fischerboote mit den dreieckigen Segeln ihre Runden drehten. Und während der Wind ihr Worte zuflüsterte, die zu Geschichten wurden, da kam ihr das Leben, das sie führte, gar nicht so einsam vor und die singende Stadt war mit einem Mal das Zuhause, das hier zu finden sie niemals geglaubt hätte.
Catalina hatte die wuselnden Worte im Wispern des Windes schon als kleines Kind erkannt. Am Strand in ihrer Heimat war sie ihm das erste Mal begegnet und von da an waren sie Freunde gewesen. Schon damals hatte er ihr Geschichten erzählt und sie zum Lachen gebracht. Immer war er für Streiche zu haben gewesen und niemals war einer der Nachbarn dahintergekommen, wer die Wäsche von der Leine geweht oder die Hunde so lange am Fell gekitzelt hatte, dass ihr wütendes Gebell selbst den müdesten Schläfer aus seiner Siesta hatte aufschrecken lassen. Sie hatten viel Spaß miteinander gehabt, der Wind und sie.
Ihre Eltern aber waren von all dem nicht gerade begeistert gewesen. »Du darfst mit niemandem darüber reden!«, hatten sie gewarnt.
Catalina hatte nicht verstanden, was schlimm daran sein sollte, dass sie mit dem Wind sprach.
»Die anderen Menschen halten dich für verschroben.«
»Was heißt das… verschroben sein?« Sie war gerade einmal fünf Jahre alt gewesen, noch zu klein, um die Besorgnis ihrer Eltern zu verstehen. Aber alt genug, um die Furcht in ihrer beider Augen zu erkennen.
»Verschroben sein heißt, dass du anders bist.«
»Anders als wer?«
»Anders als die anderen. Die Menschen reden normalerweise nicht mit dem Wind.«
»Was ist so schlimm daran?«
»Die Menschen mögen es nicht, wenn jemand anders ist.«
»Aber es wäre langweilig, wenn alle gleich wären!«
»Du bist noch zu jung, um das zu verstehen.«
»Was soll denn schon passieren, wenn sie es herausfinden?«, hatte sie gefragt.
Ihr Vater hatte langsam ihre Hände ergriffen und sie ganz ernst angeschaut. »Nicht alle Menschen«, hatte er gesagt, »sind auch gleichzeitig gute Menschen. Und selbst die guten Menschen sind manchmal böse, ohne dass sie es wirklich sein wollen. Sie tun dann schreckliche Dinge. Dinge, von denen sie glauben, dass sie richtig sind. Das, Catalina, ist überhaupt das Allerschlimmste.«
Sie war wirklich noch zu jung gewesen, um das zu verstehen.
»Ich werde es für mich behalten«, versprach sie. Und genau das hatte sie all die Jahre getan.
Catalinas Blick wanderte von der Küstenlinie zu den bunten Häusern, deren Dächer im Sonnenlicht funkelten, hinüber zu den spitzschrägen Kirchtürmen der Sagrada Família, und zurück an den Ort, wo die klare blaue See das Land berührte.
La Marina, das Viertel der Fischer und Seeleute, lag träge in der flimmernden Hitze der Mittagssonne. Kaum jemand regte sich dort unten. Selbst die Katzen lagen ausgestreckt in den Ecken und schliefen schnurrend. Boote mit Netzen und schlaffen Segeln säumten die Piers. Von hier oben sahen die Menschen, die sich in den Gassen herumdrückten, winzig wie Ameisen aus. In den sanften Wellen tanzten kleine Gischtgeister, die sich während der Siesta bis in den Hafen von Barcelona vorgewagt hatten.
»Du siehst müde aus«, stellte El Cuento fest.
»Ich musste gestern Abend noch eine Karte kopieren.« Sie gähnte und legte den Kopf in den Nacken. Der große Strohhut rutschte zur Seite. Braunes Haar kam darunter zum Vorschein, das sie zu zahlreichen, dünnen Zöpfen gebunden hatte, die viel zu zerfranst waren, um ordentlich zu wirken. »Die Serra de la Mala Costa, der Puig d’en Forns und die zackige Küstenlinie von Punta Xarraca bis zum Torre d’en Valls.« Sie seufzte gequält auf. »Die Karte von Eivissa soll übermorgen schon fertig sein.«
Eigentlich hatte Catalina Gefallen am Zeichnen gefunden. Doch sie ärgerte sich darüber, dass sie sich damit begnügen musste, die Karten des Meisters zu kopieren. Seit Langem brannte sie darauf, dass der alte Márquez ihr endlich den Tuschestift anvertraute und sie ihre eigenen Karten zeichnen ließ.
»Du lächelst jetzt öfter als früher«, sagte der Wind.
Catalina schloss für einen Moment die Augen und konnte das Meer riechen. »Es geht mir gut.« So schnell waren die Worte aus ihr herausgesprudelt, dass dies wohl die Wahrheit sein musste. Sie öffnete die Augen wieder und blinzelte in die Sonne hinein.
Noch vor wenigen Monaten hätte sie nicht gedacht, dass sie das je sagen würde. Doch Barcelona und die Windmühle des Kartenmachers Márquez waren wirklich so etwas wie ihre zweite Heimat geworden. »Man nennt Barcelona die singende Stadt«, hatte ihre Mutter ihr beim Abschied zugeflüstert. »Sie wird auch für dich singen, Catalina.«
Catalina hatte nicht daran glauben können, nicht damals, als ihre Mutter sie ohne ein Wort der Erklärung bei Márquez zurückgelassen hatte. Und doch hatte sie recht behalten.
Wenn Catalina heute in La Marina unterwegs war und die winzigen Fische mit den mosaikbunten Schuppen an ihrem Kopf vorbeiflogen oder einfach nur hoch oben auf den Laternen hockten, dann wusste sie, dass sie kaum einen Ort auf der Welt den Straßen Barcelonas vorziehen würde.
Ihr Blick glitt den Hang hinab. Mächtige Festungsmauern umarmten die weißen Häuser, die sich eng an den Berg schmiegten, der vom Westen her den großen Hafen und La Marina wie auch die Steilklippen und den Rest der Stadt überragte. Montjuic war der einzige Berg in der Gegend. Stieg man beharrlich all die in den Stein gehauenen Treppenstufen empor und lief dann durch das Labyrinth aus engen Gassen, dunklen Tunneln und verzweigten Wegen, so erreichte man schließlich das Kastell. Niemand lebte mehr hier oben. In den einsamen Höfen wuchs dichtes Unkraut. Moosmarder und winzige, flink dahinhuschende Eidechsen versteckten sich in den Mauern. Man konnte sie in ihren Nestern rascheln hören, wenn man nur lauschte. Gleich neben dem Kastell befand sich eine Kirche, die ebenfalls alt war, in der aber noch ein Pastor lebte – und vor der Kirche schließlich wuchsen auf einem kleinen Platz Palmen und Pinienbäume.
Dies war Catalinas Lieblingsort. Die Windmühle, in der sie gemeinsam mit dem Kartenmacher Arcadio Márquez wohnte, befand sich weiter unten am Berg, in Dalt Vila, einem der ältesten Stadtteile Barcelonas.
Catalina lebte seit fast zwei Jahren in der Stadt und sie wusste noch immer nicht, warum ihre Mutter sie damals aus ihrer Heimat im Südwesten hierhergebracht hatte. Alles war so plötzlich geschehen. Die Blumen auf dem Grab ihres Vaters waren noch nicht einmal verwelkt, da hatte Sarita Soleado ihrer Tochter verkündet, dass sie sich für eine lange Reise bereit machen sollte. Einen Grund hatte sie nicht genannt. Dafür hatte sie in Windeseile gepackt und so war Catalina ihrer Mutter nach Barcelona zu Arcadio Márquez gefolgt, bei dem sie nach dem Wunsch ihrer Mutter die Kunst des Kartenmachens erlernen sollte.
Ihre Mutter war noch am selben Tag weitergezogen. Wohin, das hatte sie nicht sagen wollen – oder auch nicht sagen können. Catalina war bei Márquez geblieben, ohnmächtig in ihrem Kummer und ihrer Einsamkeit.
Doch dann war sie dem Wind begegnet, der ihr in die singende Stadt gefolgt war. El Cuento hatte ihr geraten, die Augen zu öffnen und die Stadt genauer anzuschauen.
»Viele Dinge«, hatte er ihr gesagt, »bleiben uns verborgen, weil wir sie gar nicht erst sehen wollen. Du darfst keine Angst haben. Musst offen sein für das, was vor dir liegt.«
So hatte sie also die Augen geöffnet und die Furcht war tatsächlich verschwunden.
Denn eine neue Welt hatte sich vor ihr aufgetan. Eine Welt, die voller Wunder war und in der das Leben nur so pulsierte.
Noch immer konnte Catalina staunen, wenn sie die Dampfdroschken und Straßenbahnen erblickte, die mit zischenden Lauten und schnaubendem Getöse durch die Straßen fuhren. So viele Menschen lebten in der Stadt und keiner glich dem anderen. Überall gab es Musik und Tänze in den Gassen, auf den Plätzen und an den breiten Kanälen. Selbst wenn keine Lieder erklangen, so lebte die Musik in den Gesichtern der Menschen fort wie eine niemals enden wollende Melodie. Ihre Mutter hatte recht gehabt. Die Stadt sang auch für sie.
Catalina streckte sich. Sobald die Siesta zu Ende war, musste sie noch in den kleinen Laden am Placa Molina. Sie sollte für Márquez bunte Tusche und tiefblaue Tinte erstehen, dazu einige neue Federn für die Stifte. Bald würde es Zeit werden, aufzubrechen. Doch vorher wollte sie noch ein paar Geschichten von El Cuento hören. Ganz besonders heute wollte sie darauf nicht verzichten.
El Cuento,...




