Marzi | Malfuria (3). Die Königin der Schattenstadt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 3, 336 Seiten

Reihe: Malfuria

Marzi Malfuria (3). Die Königin der Schattenstadt


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80019-6
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 3, 336 Seiten

Reihe: Malfuria

ISBN: 978-3-401-80019-6
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die alte Welt versinkt in Schatten. Erst nachdem Catalina und ihr Gefährte Jordi sich in die glitzernde Straßen des magischen Marrakesh gerettet haben, erfahren sie, wo der Schlüssel zur Rettung ihrer Heimat wirklich liegt. Doch in den Abgründen der Stadt erweisen sich Wahrheiten nur zu oft als Trugbilder. Und als Catalina auf die Königin der Schattenstadt trifft, ändert sich alles für sie. Der Abschluss-Band der mitreißenden Malfuria-Trilogie!

Christoph Marzi begann bereits im Alter von 15 Jahren zu schreiben. Sein Romandebüt 'Lycidas' avancierte 2004 zu einem Überraschungserfolg: 2005 wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem schreibt er mit großem Erfolg sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Er arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.
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Prolog

Die große Silbermünze funkelte im gleißenden Licht der Sonne. Das junge Mädchen, das hoch oben auf dem schroffen Felsen von Gibraltar saß und hinaus auf die ruhige See blickte, betrachtete den Schatten, der gehorsam und still jeder seiner Bewegungen folgte. Die pechschwarzen Haare des Mädchens fielen ihm bis über die Schulter und in den dunklen Augen stand die Sehnsucht nach fremden Ländern, fernab des mächtigen Hauses, das sich hinter ihr über den Gassen der Stadt erhob.

Der warme Ostwind kräuselte die klaren Wellen in der breiten Bucht, die bis hinüber nach Marokko reichte, wo es geheimnisvolle Geister in sorgsam verkorkten und seltsam geformten Flaschen geben sollte, genau wie die fliegenden Teppiche, von wunderschönen Dschinnis gewebt. Die dunkelhäutigen Händler, die bei ihrem Vater vorsprachen, wussten davon zu berichten.

Dann stellte sich Kassandra vor, all diese fernen Orte bereisen zu können, und manchmal, in den stillen Augenblicken zwischen Wachen und Schlafen, malte sie sich aus, eine richtige Reisende zu sein.

»Du darfst nicht träumen.« Das waren die Worte ihrer Lehrerin, der Maestra. »Du musst lernen, deine Gedanken zu lenken und die Gefühle zu beherrschen. Sei kühl wie der Tau und ebenso schön.«

Kassandra Karfax schüttelte den Kopf und ihr Schatten tat es ihr gleich.

Sie spürte das palastähnliche Haus ihrer Familie in ihrem Rücken, als sei es ein lebendiges Wesen, das lauerte, auf sie wartete. Es war voll von geschäftigen Menschen, zu jeder Tageszeit und Nachtstunde wurden dort redselig Geschäfte abgeschlossen, heimliche Pläne geschmiedet und zwielichtig Intrigen gesponnen. Ihr Vater, den man den Arxiduc nannte, war ein mächtiger Mann, der die Fäden der Welt in seinen Händen hielt.

Kassandra wusste, was das für sie bedeutete.

»Einmal wirst du das Herz dieses Hauses sein und du wirst schlagen, damit es am Leben bleibt. Du wirst über all das hier gebieten.«

Das Mädchen strich über das Metall in ihrer Hand. Schwer lag die Silbermünze zwischen ihren Fingern. So eisighell und doch so schimmerndes Mondlicht am Tage.

Sie seufzte. Gerade einmal dreizehn Jahre war sie alt. Sie wollte nicht das Herz des alten Hauses sein, das sich mit seinen verschlungenen Säulengängen und Türmen wie ein Palast an die Felsen über dem unendlich blauen Meer krallte, während unten eine tosende Brandung gegen die zackigen Klippen schlug, so wild und so ungestüm, dass selbst die bunten afrikanischen Gischtgeister diesen Ort mieden. Kassandra wollte das Leben fühlen. Sie wollte Abenteuer bestehen und irgendwann, das wusste sie, wollte sie von einem Prinzen geküsst werden. So, wie es in den Büchern stand, die sie heimlich las.

Die Sonne verlor an Kraft, sie spürte es im Gesicht. Bald würde sich die orangerote Scheibe den Wassern nähern und eine sichelförmige Mondmagie würde über die Welt fluten, messerscharf wie der Silberglanz der nächtlichen Himmelsscheibe in alter Zeit.

Alle sagten sie ihr, was sie tun sollte, allen voran die Maestra. Seit vielen Jahren schon war sie da und manche munkelten, sie sei eine Bruja, jemand, der die magischen Künste beherrschte, eine mächtige Hexe, jung und schön. Und ja – die Maestra hatte sie gelehrt, den uralten Buchstabenzauber zu gebrauchen. Aber ihre Fragen, die hatte Agata la Gataza nie beantwortet.

Kassandra beobachtete die Affen, die überall auf dem Felsen herumsprangen. Selbst in der Stadt machten sie sich breit. Sie hockten in den krummen Ästen der Pinien und hoch oben in den Palmwedeln, kletterten an den steilen Hauswänden hinauf und sprangen auf die Balkone. Sogar auf den Gaslichtlaternen saßen sie, dicht über den flackernden Lichtern, von wo aus sie die Menschen mit spöttischem Gekeife bedachten. Sie machten Faxen und manchmal bleckten sie die Zähne.

Kassandra mochte sie.

Draußen in der Bucht, wo der warme Ostwind auf den kühlen Westwind traf, schwebten zwei große Galeonen im Himmel über der See. Die riesigen Segel fingen das Licht der Dämmerung ein und das Wappen der Familie, an deren Spitze das Mädchen einmal stehen würde, wehte im Wind.

Von unten, aus den Gassen der Stadt, drang das Lachen der Kinder zum Felsen hinauf. Nie hatte sie dort spielen dürfen, das geziemte sich nicht für jemanden wie sie. Die kratzenden Zeichenstifte und sanften Pinsel waren ihre einzigen Gefährten gewesen.

Die Silbermünze lag immer schwerer in ihrer Hand.

»Ja, ich werde es tun, heute!«, flüsterte sie ganz leise ihrem Schatten zu. Sie sagte es trotzig, aber dabei war ihre Stimme rau und ein wenig zitternd wie der wehende Wind im Abendrot.

Schon früh war das Schattenmädchen Kassandras beste Freundin geworden. Wenn sie allein in ihren Gemächern gewesen war, dann hatte sie mit ihr gesprochen. Sonst war niemand bei ihr gewesen. Ihr hatte sie sich anvertraut, immer schon. Erst recht, als man ihr die Bücher genommen hatte.

Und dann hatte sie erfahren, wie sie ihr das Leben schenken konnte.

Die Maestra wäre nicht erfreut, wenn sie wüsste, dass ihre Schülerin sie heimlich bestohlen hatte. Nein, fuchsteufelswild wäre sie, ganz außer sich vor Wut. Doch Agata la Gataza hatte nicht die geringste Ahnung von dem, was Kassandra tun würde. Sie war in ihrer Kammer hoch oben im Nordturm, wo sie mit den Raben sprach, das tat sie immer, wenn sie allein war. Man munkelte, dass selbst ihre Kissen mit den weichen Federn wilder Raben gefüllt waren, Federn, die ihr die Kraft zu fliegen verliehen.

Manchmal fürchtete Kassandra sich vor der Maestra.

Der Abendwind blies ihr das dunkle Haar aus dem blassen Gesicht. Sie berührte ihren Schatten und der Entschluss war noch da, wie er es wohl immer schon gewesen war.

Sie wollte ihr das Leben geben, das sie verdiente.

Wenn das alte knisternde Pergament, das sie der Maestra gestohlen hatte, die Wahrheit schrieb, dann würde sie ihr immer zur Seite stehen.

Deshalb war sie jetzt hier.

»Wir gehören zusammen«, flüsterte sie so leise, als fürchte sie, dass die Maestra sie doch noch hörte. Die untergehende Sonne spiegelte sich auf der Silbermünze.

Sie durfte nicht mehr lange warten. In dem Pergament, das sie gestohlen hatte, war von der Sonne und den Sternen die Rede gewesen, von der Dämmerung eines sanften und sichelförmigen Mondes und wilden Winden, die einander kreuzten wie Pfade in der Nacht. Für jede Art von Magie gab es einen richtigen Moment und auf diesen einzigartigen Moment zu warten, erforderte Geduld.

Kassandra kniete sich auf den harten Felsen und roch die Wärme des Steins auf ihrer Haut. Sie berührte den Schatten vor sich mit der Fingerspitze, zärtlich und vertraut. Er war kühl wie das Wasser aus einem tiefen Brunnen.

Sie wusste, dass das, was sie vorhatte, schnell gehen musste.

Also nahm sie die Silbermünze und setzte dort an, wo ihre Haut den hellen Schatten berührte. Es gab nur diesen einen Weg, es zu tun, keinen anderen.

Als die Sonnenscheibe auf das Meer traf, da tat Kassandra den ersten tiefen Schnitt.

Sie spürte ihn.

Schrie auf.

Fast hätte sie die Münze fallen lassen.

Das scharfe Silber tat ihr so weh, als habe sie tief in ihre eigene Haut geschnitten. Erschrocken starrte sie auf die Stelle, doch da war kein Blut. Nichts. Nur der Schmerz und ein Stück ihres Schattens, der jetzt lose im Wind zappelte, obwohl sie ihren Arm ganz ruhig hielt.

Sie holte tief Luft, setzte erneut die Silbermünze an, schnitt langsam an der Trennlinie zwischen der blassen Haut und dem Schatten entlang und sah, wie sich die Dunkelheit von ihr löste.

Stück um Stück.

Atemzug um Atemzug.

Die Schmerzen trieben ihr die Tränen in die Augen, ließen sie aufkeuchen. Die Luft flimmerte ihr vor den Augen und das Salz, das sie weinte, rann ihr übers Gesicht und benetzte die Lippen. Leise, ganz leise wimmerte sie und schnitt doch weiter und weiter, führte mit zittriger Hand die Silbermünze an ihrer Haut entlang und hielt nicht inne, bis sie sich ihren Schatten vom Leib geschnitten hatte, so ganz und gar, als sei er schon immer ein Wesen mit einem Herz aus Nacht und Nirgendwo gewesen.

Schließlich glitt ihr die Silbermünze aus den Fingern. Sie fiel zu Boden und blieb auf dem Fels vor ihr liegen.

Eine Schattenhand hob sie auf.

Kassandra blickte auf. Sie sah ihrer Freundin in die Augen, die voll dunkelblauer Finsternis waren, so schön, wie sie es sich immer schon vorgestellt hatte.

»Wer bin ich?«, fragte das Schattenmädchen. Es streckte die Hand nach Kassandra aus und half ihr behutsam auf die Beine.

»Du bist mein Schatten«, sagte Kassandra. »Du bist wie ich.«

»Habe ich einen Namen?«

Kassandra berührte das Gesicht, das wie ihres war. »Den hast du«, gab sie zur Antwort und ihre Stimme zitterte dabei.

Dann sagte sie dem Schattenmädchen, welchen Namen es trug.

»Bist du meine Freundin?«, fragte Kassandra zögerlich.

»Ich bin, was ich bin«, sagte das Schattenmädchen und lächelte, wie die Nacht es tut, wenn die Wolken den Mond verhüllen.

Kassandra sah an sich herab.

Ihr Schatten folgte nicht länger den Bewegungen ihres Körpers.

»Du bist wirklich wie ich«, flüsterte sie.

Und dann erfüllte mit einem Mal ein lautes Getöse die Luft. Kassandra wusste nicht, wo es herkam. Wild wirbelnde Rabenfedern schälten sich aus der Dämmerung und aus...



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