Marzi | Memory. Stadt der Träume | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 328 Seiten

Marzi Memory. Stadt der Träume


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-401-80147-6
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 328 Seiten

ISBN: 978-3-401-80147-6
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Jude Finney hat eine besondere Fähigkeit: Er kann die Träume der Toten sehen. Auf dem Highgate Cemetery, in einer Welt zwischen Realität und Traum, begegnet er der geheimnisvollen Story, einem Mädchen, das tausend Geschichten kennt, aber sich an seine eigene nicht erinnern kann. Jude ahnt, dass Story noch lebt, irgendwo in den Straßen von London. Und dass es höchste Zeit wird, sie zu finden.

Christoph Marzi begann bereits im Alter von 15 Jahren zu schreiben. Sein Romandebüt 'Lycidas' avancierte 2004 zu einem Überraschungserfolg: 2005 wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem schreibt er mit großem Erfolg sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Er arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.
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1. Der mausgraue Junge

Einen halben Tag zuvor ahnte noch niemand etwas von den Ereignissen, die sich zu so später Stunde begeben sollten; am allerwenigsten der Junge selbst.

London war gerade golden und bunt wie der Herbst, der über die Stadt gekommen war und alles in die rostroten Farben und rauchigen Gerüche des Oktobers tauchte. Oktoberland, hatte Miss Rathbone es genannt. In den Parkanlagen von Kentish Town schüttelten die Bäume ihre Blätter ab und es schien, als bewegten sich die Straßen mit jedem Windhauch.

Jude Finney, der bei Tage kein bisschen mausgrau wirkte, anders als im Mondschein, und der auch keine Melodie summte, mochte den Herbst genauso wie den Frühling. Die Welt war von einem geheimnisvollen Zauber erfüllt, den Sommer und Winter nicht kannten. Er mochte es, wenn die Luft nach braunen Farben und Holzkohle und gebrannten Kastanien roch und wenn die Erinnerung an den Sommer im Morgennebel verblasste. Wenn es schien, als könnten sich die Sonnenstrahlen nicht so recht entscheiden, ob sie einen wärmen oder frösteln lassen sollen. Irgendwie hatte er dann das Gefühl, unbeschwerter atmen und klarer denken zu können.

Und die Stadt schien sich viel langsamer zu bewegen als sonst.

Aber jetzt trennte ihn schmutziges Fensterglas von der Luft und dem Leben da draußen. Vor ihm auf dem Tisch lag ein dünner Stapel unbeschriebener Blätter, die darauf warteten, dass er sie mit geistreichen Gedanken füllte. Zumindest erwartete das sein Lehrer. Dazu hatte er zwei Stunden Zeit. Und während seine Mitschüler emsig bemüht waren, einen klugen Aufsatz zum Thema Die Welt, in der wir leben zu verfassen, starrte Jude zum Fenster hinaus und dachte an die Party in der kommenden Nacht, zu der Gaskell ihn eingeladen hatte. Es würde eine lustige Nacht werden, davon war Jude überzeugt, denn Gaskells gesamte Nachbarschaft würde sich dort versammeln und im Mondlicht singen.

Mr Ackroyd indes, Fachlehrer und Leiter des Fachbereichs Englisch an der altehrwürdigen Kentish School, schaffte es, den Himmel an diesem Mittag zu trüben. Er hatte eine grüne Karteikarte mit der gedruckten Aufschrift A-Level – General Certificate of Advanced Education in die Mitte des Whiteboards geklebt und darunter handschriftlich den unnötigen Zusatz Irregulärer Test gekritzelt.

Jude seufzte. Sein braunes Haar sah störrisch wie Holzwolle aus und er selbst fühlte sich ebenso. Sobald er die Schule betrat, kam er sich wie ein Fremder vor. Er rückte die Brille mit dem schwarzen Rand zurecht und sah erneut auf die Blätter, die außer dem runden Schulstempel rechts oben in der Ecke und den vorgedruckten Linien noch schneeweiß waren.

»Das, was ich von euch erwarte«, hatte Mr Ackroyd zu Beginn der Stunde näselnd gesagt, »ist, wie alles im Leben, im Grunde ganz einfach. Zeigt mir, dass ihr kritisch denken könnt. Die Welt, in der wir leben. Schreibt eure Gedanken nieder und macht mich stolz, euch meine Klasse nennen zu dürfen. Seid kreativ!«

Jude rollte die Augen. Er war müde und schläfrig und das langweilige Thema tat ein Übriges. Worüber sollte er schreiben? Die überaus reichen Erfahrungen, die er in den letzten Wochen seines siebzehnjährigen Lebens gesammelt hatte, boten wohl kaum Stoff für den Aufsatz, der Mr Philip Ackroyd vorschwebte.

Er starrte auf das leere Blatt und das leere Blatt starrte zurück. Jude gähnte.

Gestern erst hatten alle Spekulationen angestellt, ob Mr Ackroyd den Test in dieser Woche oder in der nächsten schreiben lassen würde. In der Klasse hatte man sich einstimmig darauf geeinigt, dass es wohl erst nächste Woche so weit sein würde. Aber ihre Prognosen waren reine Wunschvorstellung gewesen.

Jude rieb sich die Augen und spielte ein wenig mit der Brille herum, bevor er sie wieder aufsetzte.

Er könnte über Gaskell und all die anderen schreiben, die auf dem Highgate Cemetery wohnten; und über Miss Rathbone. Aber das, befürchtete er, war sehr weit entfernt von dem, was man in einem A-Level-Test erwartete – auch in einem irregulären Test. Mr Ackroyd sagte nie »unangekündigter Test« — er liebte es, mit Fremdwörtern um sich zu schmeißen.

Da aber genau das der interessante Teil der Welt, in der er lebte war, saß Jude weiter wie ausgestopft da und wartete darauf, dass die Zeit verging.

Nur das Klappern der Heizung und das gelegentliche Ächzen und Stöhnen der anderen Schüler durchbrach die brütende Stille, die wie ein Teppich über dem Klassenzimmer lag. Mr Ackroyd saß vorn am Pult und machte sich Notizen.

Jude probierte einige Körperhaltungen aus, die es ihm erlaubten, möglichst unauffällig den Kopf zu stützen, sodass er im Falle vorzeitigen Einschlafens einen unangenehm lauten Aufprall auf der Tischplatte vermeiden konnte.

Er dachte an seinen Vater und das Haus in der Twisden Road. An den Geruch von Mikrowellenessen. Die Stille, die ihn dort erwartete. Er betrachtete das leere Blatt vor sich und genoss das Weiß, auf das sich kein einziger Buchstabe verirrt hatte.

Die Welt, in der wir leben.

Er legte seine flache Hand auf das unbeschriebene Blatt. Die weiße Leere war auf eine Art und Weise betörend, wie es die Lieder von Neil Hannon waren. Manchmal fühlte auch er sich so — wie ein leeres Blatt. Fast war ihm, als könnte er eintauchen in dieses stille Weiß, das wie ein leises Rauschen im Ohr war, dessen Ursprung man nicht ausmachen konnte.

Jude drehte den Kopf zur Seite und beobachtete Melanie Briggs, die fleißig ihren Aufsatz kritzelte und dabei die Stirn kraus zog. Als koste es sie übermäßige Anstrengung, die Belanglosigkeiten zu Papier zu bringen, die zweifellos mit reichlich Schminke und den Jungs aus dem Motorradsportkurs zu tun hatten. Gleich hinter ihr hockte Herbert Sorkin, der sich mit hochrotem Kopf mühsam Sätze abrang, die vermutlich ebenso geistreich waren wie die Parolen, die er bei den Spielen von Manchester United vor dem Fernseher grölte.

»Du schreibst ja gar nichts.«

Jude hob den Blick.

Mr Ackroyd war leise von hinten an ihn herangetreten; geschlichen traf es wohl besser. Das leere Blatt musste seine Aufmerksamkeit erregt haben.

»Ich bin schon fertig.« Jude hielt das Blatt in die Höhe und schaute unschuldig drein.

»Beeindruckend.« Mr Ackroyd sah ihn mit ausdrucksloser Miene von oben herab an. »Höchst beeindruckend.« Die Mundwinkel zuckten missbilligend nach unten. »Du hast nichts zu Papier gebracht.«

»Es steht alles da«, sagte Jude.

Die anderen Schüler im Raum spähten verstohlen zu ihm herüber. Ihre Aufmerksamkeit war wie ein grellgelbes Knistern in der Luft. Einer der seltenen Momente während eines irregulären Tests, in denen endlich etwas passierte.

»Ist das wieder eine deiner Attitüden?«

Noch eines dieser Wörter, die Mr Ackroyd so gönnerhaft verwendete und den Lehrer in Judes Augen noch alberner werden ließen. Jedenfalls konnte er ihn damit nicht beeindrucken. »Und verkneife dir das exaltierte Gehabe.« Mr Ackroyd wertschätzte Schüler, die genau das taten, was er ihnen auftrug, und Jude Finney gehörte nicht zu ihnen.

»Ich verstehe nicht, was Sie daran auszusetzen haben.«

Doch eines musste man Mr Ackroyd lassen: Aufbrausend wurde er nie. Nie erhob er die Stimme. Das war nicht seine Art.

»Das hier«, sagte Mr Ackroyd mit schmalen Lippen, »ist ein wichtiger Test. Das Ergebnis wird Teil der Abschlussnote sein.« Er gab sich Mühe, seine Stimme so leise klingen zu lassen, dass er die Prüflinge nicht unnötig störte, aber laut genug, dass jeder in der Klasse mitbekam, was er sagte.

»Das weiß ich.«

»Dann solltest du dir mehr Mühe geben.«

»Ich habe nachgedacht.« Jude meinte das durchaus ernst. »Und habe meine Gedanken niedergeschrieben.«

Auf Mr Ackroyds Wangen zeichneten sich rote Äderchen ab. »Aber du hast ja gar nichts geschrieben.« Er betonte jedes einzelne Wort.

»Auch ein leeres Blatt kann etwas aussagen. Man muss es nur lange genug betrachten.«

»Mach dich nicht über mich lustig.«

Jude sah ihn ernst an, noch immer ruhig. »Ich mache mich nicht über Sie lustig.« Etwas in seinem Blick schien sein Gegenüber davon zu überzeugen, dass er die Wahrheit sagte. Jude hatte wirklich nicht die Absicht, sich über seinen Lehrer lustig zu machen.

»Du . . .« Mr Ackroyd schien es sich anders zu überlegen. »Nun, ich werde jedenfalls kein leeres Blatt akzeptieren.« Er seufzte. »Ist das deutlich genug, Jude Finney? Kein leeres Blatt!«

»Aber das . . .«

Mr Ackroyd fiel ihm ins Wort. »Das Thema der Arbeit«, wiederholte er mit gepresster Stimme, »lautet Die Welt, in der wir leben.« Er funkelte den Jungen wütend an. »Wir haben in der letzten Stunde darüber gesprochen.« Er wandte sich jetzt an die ganze Klasse, die schweigend das Schauspiel verfolgte. »Ich will, dass ihr euch in diesem Aufsatz kritisch mit einem ernsthaften Thema auseinandersetzt. Nicht mehr und nicht weniger.« Er richtete seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf Jude.

»Aber das habe ich doch getan.« Der Junge senkte den Blick auf das Blatt. Es war zu erwarten gewesen, dass Mr Ackroyd ihn nicht verstand. Ebenso wenig wie die anderen Schüler, jedenfalls ließen die Blicke, die sie ihm zuwarfen, darauf schließen. Aber sie waren dankbar für die Ablenkung. Jude hätte es wissen müssen. Genau das war das Problem mit der Schule. Keiner verstand einen. Dabei sollte doch gerade Mr Ackroyd, ein...



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