Marzi | Piper und das Rätsel der letzten Uhr | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Marzi Piper und das Rätsel der letzten Uhr


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-401-80181-0
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-401-80181-0
Verlag: Arena Verlag eBooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Pipers langweiligster Sommer aller Zeiten wird zu einer aufregenden Abenteuerreise in ein Land, in dem es nicht nur sprechende Tiere und gefährliche Piraten gibt, sondern noch dazu ein unheimlicher Herrscher sein Unwesen treibt. Auf ihrer Suche nach einem Weg zurück muss Piper die Grenzen ihres Mutes und ihrer Fantasie überwinden, um sich und die anderen Bewohner von Septemberland zu retten.

Christoph Marzi begann bereits im Alter von 15 Jahren zu schreiben. Sein Romandebüt 'Lycidas' avancierte 2004 zu einem Überraschungserfolg: 2005 wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Seitdem schreibt er mit großem Erfolg sowohl für Erwachsene als auch Kinder und Jugendliche. Er arbeitet als Lehrer und lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern in Saarbrücken.
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1. Kapitel

Langweilig!, dachte Piper Hepworth, als sie die große Pfütze betrachtete. Wolken schwammen darin und ihr eigenes Gesicht, undeutlich und träge. Sterbenslangweilig, ja, so fühlte sich hier alles an.

»Du musst George Earles Nichte sein.« Die Stimme gehörte einer älteren Dame, die ein Kopftuch trug und irgendwie genauso aussah wie Mottenpulver in alten Schränken riecht.

»Hallo«, sagte Piper.

»Du bist groß für eine Elfjährige.«

Piper zuckte müde die Achseln. So wie es aussah, wusste wirklich jeder hier Bescheid.

»Du siehst deinem Onkel gar nicht ähnlich.«

»Ich sehe meinem Vater ähnlich«, antwortete Piper und lächelte höflich. Onkel George war der ältere Bruder ihrer Mutter.

»Und?«

Piper wusste nicht, was sie antworten sollte.

»Gefällt es dir bei uns?«

Bei uns, das bedeutete: in Buckbridge-in-the-Moor. Eine kleine Ortschaft mit kaum mehr als fünfzig Häusern, mitten im Dartmoor, und umgeben von flachen Hügeln, felsigen Erhebungen und vielen, vielen Hecken, die sogar die Mauern aus groben Steinen überwucherten. Eine Straße führte ins Dorf hinein, dieselbe Straße führte kurz darauf wieder heraus.

»Es ist nett«, sagte Piper.

»Schön«, sagte die Frau. »Ich bin Miss Naughton.«

»Hallo, Miss Naughton.«

»Du bist ein höfliches Mädchen«, stellte Miss Naughton fest. »Magst du Katzen?«

Piper wusste nicht wirklich, was diese Frage sollte. »Katzen sind okay«, sagte sie. Sie erinnerte sich, als sie einmal eine Katze im Unterricht gezeichnet und eine Verwarnung kassiert hatte, weil man bei Mr Darren in der Mathematikstunde keine Katzen zeichnen soll.

»Ich hasse Katzen.« Verschwörerisch kam Miss Naughton näher. »Sie sehen aus, als würden sie immerzu etwas aushecken.« Sie roch tatsächlich nach Mottenkugeln. »Verstehst du das?«

Wieder wusste Piper nicht, was sie darauf antworten sollte.

»Ich lege Giftköder im Garten aus, das lehrt sie, nicht so arrogant zu sein. Du weißt doch, was arrogant bedeutet?«

Piper nickte geduldig.

»Du solltest dich vor den Katzen in Acht nehmen, mein Kind.«

Piper musste daran denken, dass Kühe ihr viel mehr Angst machten. Sie sahen so aus, als würden sie geheime Pläne aushecken, wenn sie sich unbeobachtet fühlten. Piper fand Kühe unheimlich. Aber das sagte sie der fremden Frau besser nicht. Miss Naughton schien jemand zu sein, der Kühe mochte, und Piper wollte nicht, dass das Gespräch kompliziert wurde.

»Wohin gehst du?«, wollte Miss Naughton wissen.

»In die Bücherei.«

»Dann bestell Mr Aysgarth doch einen schönen Gruß. Er soll sich vor den Katzen in Acht nehmen.«

»Mach ich«, versprach Piper.

Miss Naughton tätschelte ihr den Kopf und dann ging sie weiter die Straße entlang.

Piper schaute ihr nach und seufzte.

Seit gestern Nachmittag war sie nun schon hier im Dartmoor. Zu Besuch bei Onkel George, mit einem Haufen Schulaufgaben im Gepäck. Kelly und Nora, ihre beiden besten Freundinnen, waren in St. Ives. Alles, was Spaß machte, war in St. Ives. Sie wäre sogar lieber in die Schule gegangen, als hier zu sein. Alles war interessanter als Buckbridge-in-the-Moor. Selbst die Mathestunde bei Mr Darren. Das Kopfsteinpflaster der Straße war noch nass vom Regen der letzten Nacht. Es regnete viel in dieser Gegend. Dicke Wolken zogen schnell über den grauen Himmel, der weiter hinten in das dumpfe Grün der Hügel überging. Die Luft roch nach frischem Gras und Erde und nach dem klaren Wasser der Bäche und Flüsse, die überall die Wiesen durchzogen. Die Fäulnis der fernen Moore war hier kaum mehr als eine flüchtige Erinnerung.

Piper betrachtete erneut die Pfütze. Dann stampfte sie mit ihren Gummistiefeln, die ihr ein wenig zu groß waren, hinein, lauschte dem leisen Plitschplatsch und beobachtete die unruhigen Wellen.

Schließlich folgte sie der Straße den Hügel hinab.

Die Häuser waren recht klein und mit Reetdächern versehen, manche sogar noch mit Stroh. Breite Flecken von Moos machten sie teilweise etwas dunkel. Blumenkübel standen auf den Fensterbänken. Rosenhecken und andere Heckenpflanzen wuchsen überall dort, wo es Halt zum Ranken gab.

Eine Gruppe von Frauen, die alle wie gute Freundinnen von Miss Naughton aussahen und vollgestopfte Einkaufstaschen aus Stoff trugen, standen vor einem Gemischtwarenladen und unterhielten sich schnatternd. Als sie Piper sahen, winkten sie ihr zu.

Meine Güte, wusste denn wirklich jeder hier, wer sie war?

Sie winkte zurück und schlenderte weiter die Straße hinab.

In kleinen Dörfern wie diesen, das wusste sie jetzt, wurde wirklich alles zu einer sensationellen Neuigkeit. Und die Tatsache, dass George Earle, ledig und kinderlos und in seiner Freizeit ein Bienenzüchter, sich für ein paar Tage um die Tochter seiner Schwester kümmern musste, hätte es wohl bis zur Schlagzeile in der lokalen Zeitung gebracht, wenn es denn eine lokale Zeitung gegeben hätte.

»In Orten, die so abgelegen und so klein sind wie Buckbridge«, hatte Pipers Vater bemerkt, »verbreiten sich Neuigkeiten schneller, als die Druckerschwärze zu Buchstaben wird.«

Piper verstand jetzt, was er damit gemeint hatte.

Gezwitscher, das war es. Die Leute hier zwitscherten wie die Vögel und dazu brauchten sie nicht einmal Internetzugang. Buckbridge-in-the-Moor war wie Twitter, nur noch schneller.

Piper hielt inne und dachte einen Gedanken, der ihr nicht gefiel. Ihr Vater und ihre Mutter waren jetzt auf den Hebriden-Inseln in Schottland, schauten sich die Gegend an und hatten Spaß. Pipers Vater schrieb besondere Reiseführer für Touristen, die andere Touristen hassten und ihnen aus dem Weg gehen wollten. Er zeigte ihnen, wie das ging. Und Pipers Mutter war selbstständige Steuerberaterin, was für Pipers Geschmack viel zu viel mit Zahlen zu tun hatte.

Piper seufzte.

»Wir möchten etwas Besonderes machen«, hatte ihr Vater ihr gestanden.

»Weil wir zehn Jahre verheiratet sind.«

»Ihr möchtet ohne mich feiern?« Piper hatte sofort gemerkt, dass etwas faul an der Sache war.

»Wir möchten zu zweit verreisen.«

»Erwachsene tun das manchmal«, hatte Pipers Mutter zu erklären versucht.

Piper war nicht erfreut gewesen, nein, ganz und gar nicht. Sie verreiste so gerne mit ihren Eltern.

»Hin und wieder«, hatte ihr Vater ihr geduldig zu erklären versucht, »müssen Eltern auch mal etwas allein unternehmen.« Dann hatten sich beide angeschaut, als wollten sie etwas aushecken.

Piper hatte gelächelt und eingelenkt: »Ist gut.«

Sie seufzte noch mal. Diesmal lauter.

Am Dorfbrunnen angekommen kreuzte eine Katze ihren Weg. Sie hatte glänzendes schwarzes Fell und weiße Flecken am Hals.

»Hüte dich vor Miss Naughton«, sagte Piper.

Die Katze blieb kurz stehen, starrte sie nur an und ging dann ihres Weges.

»Na ja, ich habe dich gewarnt.«

Mit langsamen Schritten latschte Piper weiter. Sich zu beeilen, machte keinen Sinn. Zeit hatte sie mehr als genug.

Schon die Fahrt hierher war sterbenslangweilig gewesen. Ihre Mutter hatte sie gestern mit dem Auto hergebracht. Die Gegend war immer verlassener geworden, es gab viele Kreuzungen und mindestens genauso viele Hügel. Überall sah es gleich aus. Hecken, Bäume, ein Bach, eine Brücke, Hecken, Bäume, ein anderer Bach. Irgendwann war sie eingeschlafen, und als sie aufwachte, waren sie auch schon in Buckbridge-in-the-Moor angekommen. Ihre Mutter war hektisch gewesen und hatte in Eile ihren Bruder George begrüßt, Pipers Reisetasche in den Eingang gestellt, ihre Tochter geküsst und versprochen, ganz schnell wieder herzukommen.

Dann war sie gefahren und Piper hatte fluchend festgestellt, dass sie ihren MP3-Player im Auto liegen gelassen hatte.

Jetzt war sie also hier. Ohne MP3-Player. Und mit einem Onkel, der nicht viel redete.

Immerhin hatte sie ihr Handy dabei.

»Damit bleiben wir in Kontakt«, hatte ihre Mutter gesagt.

Und ihr Vater hatte angemerkt: »Du kannst deine Freundinnen anrufen und SMS schreiben.«

Blöd nur, dass man Buckbridge-in-the-Moor im vermutlich größten Funkloch der Welt errichtet hatte. Während der ersten Stunden nach ihrer Ankunft hatte das pinkfarbene Handy vergeblich versucht, ein Netz zu finden, und Piper hatte es schließlich aus Mitleid ausgeschaltet.

»Oh Mann«, stöhnte sie leise, kaum hörbar. Sie kickte einen Stein vor sich her und sah ihm nach, als er in einer Pfütze versank.

Sie latschte weiter und gähnte dabei mehrmals.

Vor der kleinen Bücherei blieb Piper schließlich stehen.

Sie betrachtete die Bücher im Schaufenster: Für die Kinder gab es dort John Masefield, Roald Dahl, Enid Blyton und Diana Wynne-Jones, für die Erwachsenen Charlotte Brontë, Rosamunde Pilcher und Agatha Christie. Alte Schmöker. Gähn! Dazu Bücher wie Wandern im Dartmoor, Die Geschichte des Torfs und Angeln – Sport der Ruhe. Noch mehr: Gähn!

Zwischen den Büchern schimmerte ihr Spiegelbild.

Das schlaksige Mädchen im Spiegel lächelte nicht. Die karierte Regenjacke, eine orangefarbene Wollmütze, unter der dunkles Haar hervorquoll, wachsame Augen, haselnussbraun, eine alte Jeans, dazu die geblümten Stiefel, die zu groß waren, dafür aber wasserdicht – das bin ich, dachte Piper.

Dann fasste sie sich ein...



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