Marzi | Somnia | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 640 Seiten

Marzi Somnia

Roman
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-492-97676-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 640 Seiten

ISBN: 978-3-492-97676-3
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



New York: die Stadt, die niemals schläft. Gotham: die uralte Metropole an den Gestaden der neuen Welt. Schneesturmgeborene Wölfe streifen durch Manhattan, Kinder verschwinden vom Antlitz der Stadt, Träume werden zu tödlichen Fallen, Eis befällt klirrend die Flüsse. Scarlet Hawthorne, die orientierungslos und ohne Gedächtnis in einem Park erwacht, wird durch die Nacht gejagt und findet Zuflucht bei Anthea Atwood, einer liebenswürdigen alten Dame, die sie hinab in die Tunnel jenseits der U-Bahn führt. Dort stößt Scarlet auf das Geheimnis, das hinter ihrer eigenen Herkunft steckt, und sie muss erkennen, dass es keine Zufälle gibt, nicht in ihrem Leben und auch nicht im Schicksal der ewig schlaflosen Stadt ...

Christoph Marzi wurde 1970 geboren und lebt mit seiner Familie im Saarland. Dort sammelt er in einem Haus mit verwunschenem Garten seine Ideen, die zu Romanen, Kurzgeschichten, Liedern oder Gedichten werden. Für sein Romandebüt »Lycidas« und die Anthologie »Nimmermehr« wurde Christoph Marzi mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Mit seiner Reihe um die »Uralten Metropolen« feierte er fantastische Erfolge. Sein lang erwarteter neuer Roman »Mitternacht« erscheint jetzt bei Piper.
Marzi Somnia jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Kapitel 1


Wasser, scharlachrot, gefärbt mit Himmel

Die Welt ist wie Wasser, scharlachrot und sanft gefärbt mit hellem Himmel. Und manchmal sind die Träume, die sich tief in den vergessenen Liedern unserer Kindheit verbergen, wie die Pfade in den tiefen Wäldern, wie jenes schwere Dunkel, das allein zu betreten man sich scheut, weil was dort schlummert, nur selten ist, was man zu finden hofft.

Scarlet Hawthorne, die in einer stürmischen Winternacht durch die Straßen von Greenwich Village irrte, wusste nur allzu gut, wie es sich anfühlt, wenn einem das Herz unversehens verstummt. Sie wusste genau, was rabenschwarze Angst ist. Doch alles andere hatte sie vergessen.

Ich war auf dem Nachhauseweg von einem meiner nächtlichen Ausflüge, als ich sie traf, an einem mystischen Ort, wo eine Straße namens Waverley Place eine andere Straße namens Waverley Place kreuzt.

Dichte Schneeflocken tanzten wie winzige Eisfliegen in der kalten Luft und verfingen sich in ihrem Haar, das so dunkel wie Ebenholz war, und trieben in dem Atem, der ihr wie ein geheimnisvoller Schleier vor dem Gesicht hing. Sie lehnte sich für einen kurzen Augenblick gegen die hohe Backsteinwand eines der alten Häuser, das im Schatten der Kathedrale der heiligen Zita stand, schnappte nach Luft und schaute sich um wie jemand, der gefährliche Verfolger auf seinen Spuren wähnt.

Sie stand still da, wie eine Puppe, so regungslos, und dann strauchelte sie und sank, mit dem Rücken zur Wand, zu Boden.

Ich eilte ihr zu Hilfe.

Und von diesem Moment an änderte sich mein Leben.

Jetzt, kaum mehr als einen einzigen Tag und eine halbe Nacht später, ahne ich, dass Scarlet Hawthornes Schicksal ganz eng mit jenen rätselhaften Geschehnissen verwoben ist, jenen düsteren Begebenheiten, deren heimliches und todbringendes Wesen zu ergründen wir schon seit Wochen erfolglos versuchen.

Nun beginnt alles einen Sinn zu ergeben. Die Scherben der Spiegel fügen sich langsam zu einem unvollständigen Bild, mit Rändern, so scharf wie Eis.

»Was wird jetzt geschehen?«, fragt mein Gegenüber.

Wir stehen vor einer Tür.

»Was verbirgt sich dahinter?«, höre ich meine Begleiterin fragen.

Solitaire – das ist es, was wir denken.

Sonst nichts.

Nur Solitaire.

»Woher, in aller Welt, soll ich das denn wissen?«, stelle ich die Gegenfrage und drücke die rostige Klinke nach unten. Es kurzerhand auszuprobieren – war das nicht schon immer der einfachste Weg, um den Dingen auf den Grund zu gehen?

Doch nein, halt – ich sollte den Geschehnissen nicht hastig vorauseilen wie der Herbstwind, der ungestüm im rostroten Oktoberland lebt. Ich sollte genau dort beginnen, wo die Geschichte tatsächlich ihren Anfang hat.

Ich sollte da beginnen, wo alles wirklich begann.

Seien Sie geduldig.

Ja!

Folgen Sie mir in die Stadt aller Städte, die neugeborene Metropole, deren Gebäude bis in den Himmel reichen und die schweren Wolken selbst berühren. Die endlose Stadt an den beiden Flüssen, die schon so viele Schiffe erblickt haben. Sie ist ein lebendiges Wesen, das aus vielen Stimmen geboren, auf einer Vergangenheit aus Träumen errichtet wurde. Die Metropole, die viele Namen hat: Neu Amsterdam, New York und, allen voran, natürlich: Gotham. Ein Flickwerk aus den staubigen uralten Metropolen der alten Welt, voller Farben, Lieder, Erinnerungen.

Ja, all die Erinnerungen an das, was einst war, und an das, was erst noch sein wird.

Denn auch unsere Geschichte beginnt, wie so viele andere Geschichten vor ihr, mit einer Erinnerung. In diesem Fall ist es sogar nur eine einzige Erinnerung, eine kümmerliche Notiz, die hilflos im Wind weht, verloren und ohne Ziel. Etwas, was noch vage da ist, wenn man aus dem Schlaf erwacht, was den Winter erahnen und einen sich händeringend nach dem Herbst mit seinen bunten Blättern und Sonnenstrahlen zurücksehnen lässt, kaum mehr als ein Bild, doch so klar und deutlich, dass man es fast riechen kann.

Scarlet Hawthorne, die außer ihrem Namen und den wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich trug, kaum etwas besaß, öffnete die Augen und sah auf die dunkle Fläche des Hudson River – dorthin, wo in der nahen Ferne Mylady Liberty ihre glühende Fackel der Nacht entgegenreckte.

Die junge Frau stand am Rande des Battery Parks und bewegte sich kaum. Sie konnte die Silhouetten der Kanonen erkennen, die einmal die Stadt verteidigt hatten und die jetzt kaum mehr als eingerostete Attrappen waren. Ein Wind, der nach der fauligen Tiefe der weiten See roch, wehte ihr schneidend ins Gesicht, und das pechschwarze Haar kitzelte ihre bleichen Wangen. Die alte holländische Windmühle, die wie ein hölzernes Karussell aussah, drehte sich hinter ihr im Kreis, und die Segel aus weißem Leinen blähten sich mit jeder Böe. Irgendwo weiter hinten in der Nacht erhob sich Castle Clinton National Monument, die Artilleriestellung, die P. T. Barnum einst als Theater gedient hatte. Es roch nach dem dunklen Wasser des Hudson, der nicht weit von dieser Stelle den East River küsste und gemeinsam mit ihm der offenen See zuströmte.

Die junge Frau musste an einen anderen Ort denken, einen See, der weit entfernt war und dessen Ufer von hohen Kiefern und Tannen und wilden Zedern gesäumt waren. Sie wusste nicht, was es mit diesem See auf sich hatte, und sie hatte auch keine Ahnung, wo sich dieser See befand. Sie sah nur die Wolken, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelten. Sie sah, wie sie vorbeizogen, und sie sah einen hellen Himmel, der wunderschön war, und sie roch die klaren Wasser des Sees, die ruhig vor ihrem geistigen Auge im Licht glitzerten und leise Dinge wisperten, die sie glücklich und traurig zugleich stimmten. Sie erblickte eine untergehende Sonne und dann wieder die vielen Wolken, und sie wusste, dass kein Anblick so schön sein konnte wie dieser. Sie streckte die Hand danach aus, als könne sie dieses Wasser berühren, dieses klare, kalte Wasser, so scharlachrot und sanft gefärbt mit Himmel, dass es ihr wie ein Stich mitten in ihr Herz vorkam, auch nur daran zu denken. Doch es waren Wasser, die eigentlich woanders waren. Und auf ihrer Hand setzten sich nur die Schneeflocken nieder.

Sie schloss die Augen, öffnete sie wieder. Sie war noch immer hier. Nirgendwo anders.

Dann zerschnitt das Heulen die Luft. Es flog auf den Schwingen des Lärms der nächtlichen Stadt zu ihr, und sie wusste, dass es ihr galt. Ja, nur ihr allein. Die Angst war da, als sei sie niemals fort gewesen. Wie ein Schlag ins Gesicht traf sie das Gefühl, das ihre Seele eisern umschloss und sie zittern ließ. Der Wind trug die schrillen Töne durch die Straßenschluchten, über die Dächer der Yellow Cabs hinweg, an vermummten Passanten und geduldig im Verborgenen wartenden Wegelagerern vorbei, über Rauchschwaden und Schmutz und flimmernde Leuchtreklamen hinweg – bis hin zu ihr. Hinab in die verlassenen Weiten des nächtlichen Battery Parks.

Die übrigen Geräusche flüsterten nur.

Versprechen, die wie Berührungen waren. Heimliche Gefährten in der Nacht aus Winterszeit.

Das Schwappen des Wassers gegen die Ufersteine. Das ölige Ächzen der Windmühle.

Die junge Frau seufzte.

Außer ihr war niemand zu sehen. Kein Mensch trieb sich um diese unselige Uhrzeit an diesem einsamen Ort herum. Und sie selbst hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie hierhergekommen war.

Sie betrachtete ihre Hände. Da, wo die große Schneeflocke sich gerade eben niedergelassen hatte, konnte man noch die Spuren von Blut erkennen. Es war getrocknet. Aber es war noch da.

Wieder das Heulen!

Da! Es wurde lauter.

Sie wusste, welche Tiere Geräusche wie dieses machten.

Wölfe!

Sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen.

Wölfe?

Nein, dies hier waren keine Wölfe. Nein, nein, sie befand sich in der Stadt der zwei Flüsse mit den unendlich gewachsenen Häusern, die an den Wolken kratzten, wie die Masten der Schiffe unten an den Kais es taten. Es gab keine Wölfe in den großen Städten. Nicht einmal mehr in den Wäldern gab es sie. Vielleicht in den großen Nationalparks oder den Rocky Mountains, aber niemals hier. Darüber hinaus klang dieses Heulen nicht im Geringsten wie das Heulen vieler Wölfe. Es klang nur so ähnlich, aber es war etwas durch und durch anderes.

Es war boshafter, man konnte es spüren. Es war schneidender, und es war viel, viel kälter.

Das Heulen wurde lauter. Was immer auch diese Geräusche machte, es näherte sich dem Battery Park.

Die junge Frau mit dem pechschwarzen Haar zog den Mantel enger um sich. Er war warm und wollig und ein guter Freund,...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.