E-Book, Deutsch, Band 112, 351 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
Masberg DSA 112: Der Kreis der Sechs
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86889-825-5
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Schwarze Auge Roman Nr. 112
E-Book, Deutsch, Band 112, 351 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
ISBN: 978-3-86889-825-5
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Masberg (*04.01.1982 in Datteln) studierte Theaterwissenschaften und Germanistik in Bochum. Er arbeitete zunächst als Regieassistent, bis er 2009 zum freien Autoren und Regisseur wurde. 2005 gewann er einen Abenteuerwettbewerb zum Rollenspiel 'Das Schwarze Auge' und wurde bei einem anderen Abenteuerwettbewerb Zweiter. Seither ist er als Autor für das beliebteste deutschsprachige Rollenspiel tätig und an zahlreichen Spielhilfen, Themen- und Regionalbänden beteiligt. Neben zahlreichen Abenteuern und Artikeln im Avneturischen Boten hat Michael Masberg auch zahlreiche Romane verfasst.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Präludium: Die Trümmer der Geschichte
Silas, 9. Efferd 1032 BF
Rondra und Efferd hielten Hochzeit am Himmel und umwarben einander mit all ihrer göttlichen Macht. Der Donnersturm fuhr grollend über die finsteren Gewitterwolken, die Mond und Sterne verschluckt hatten, und die Gebäude der Stadt verschwanden hinter dem dichten Regenschleier.
Nesro kam das Unwetter sehr gelegen. Mochte ihn auch später der Dumpfschädel plagen, so hoffte er doch, dass sein Verfolger die Spur verloren hatte. Er huschte über die breite Straße und wäre fast auf dem nassen Pflaster ausgerutscht. Auf der anderen Seite schwang er sich durch eine Lücke in der halbverfallenen Mauer und ließ sich die schlammige Böschung in den verwilderten Park hinab. Auch über tausend Jahre nach der Plünderung durch die Garether füllte Silas immer noch nicht die weitreichenden Mauern der antiken Horasstadt aus. Allerorten fanden sich Äcker, Viehweiden, wild wuchernde Gärten oder Ruinenfelder innerhalb der Stadt, die zwischen den Trümmern ihrer Geschichte neu entstanden war.
Im Schatten eines Olivenbaumes hielt Nesro inne und rang nach Luft. Mittlerweile war er durchnässt bis auf die Knochen, aber das störte ihn nicht weiter. Er musste sich entscheiden, wie er weiter vorgehen wollte. Sich verstecken, vielleicht sogar in diesem Park, und das Ende der Nacht abwarten? Oder noch im Schutz von Dunkelheit und Unwetter über die Außenmauern klettern und Silas so bald wie möglich den Rücken kehren? Mit Schaudern dachte er an das zurück, was er hinter den basaltschwarzen Mauern gesehen hatte. Der Magister hatte mehr als recht mit seinen wahnwitzigen Thesen gehabt, und Nesro war gewillt, über seinen Lohn nachzuverhandeln. Diese Wahrheit würde den Magier einiges kosten. Aber wird das meine Alpträume lindern?
Nesro griff in den Beutel an seinem Gürtel und holte das Fundstück hervor. Im Dunkeln strich er mit den Fingern darüber. Ein Blitz fuhr durch die Nacht, gefolgt von einem knallenden Donner. Der goldene Drachenschädel, der in den dunklen Stein eingelassen war, blitzte auf und starrte Nerso an, dass dieser ihn vor Schreck fast hätte fallen lassen.
Beruhige dich!, ermahnte er sich und steckte die Steinscheibe wieder ein. Er wollte nur noch fort von hier, fort aus dieser Stadt, die sein Leben, seinen Glauben bedrohte, fort aus dem Land, das seine Heimat war, doch das er nicht mehr wiedererkannte. Innerhalb weniger Stunden hatte sich alles, was er als Wahrheit zu kennen glaubte, als Lüge herausgestellt. Sollte der Magister zu den Niederhöllen fahren! Nesros Ehre verpflichtete ihn, seinen Auftrag zu beenden, doch danach würde er alldem den Rücken kehren.
Das Beste wäre gewesen, die Stadt zu verlassen, doch hatte er bei seiner überstürzten Flucht die Orientierung verloren. Andererseits wollte er nicht in diesem Park verharren.
Kurzerhand beschloss er, das Gelände zu durchqueren. Damit hoffte er, die Richtung einzuschlagen, die ihn von dem Turm weggeführt hatte – und irgendwann musste jede Stadt enden, auch dieser Irrgarten aus Palästen, Tempeln und Ruinen.
Die Äste der Bäume hielten nur einen Teil des Regens ab, der unablässig niederfiel, als wolle er die Welt ertränken. Nesro konnte keine drei Schritt weit sehen, nur vereinzelte Blitze erhellten die Umgebung. Immer wieder strauchelte er oder verfing sich an Büschen, einmal stürzte er in die aufgeweichte Erde und zerschnitt sich das Bein an einer Tonscherbe, die der Regen freigelegt hatte. Humpelnd setzte er den Weg fort. Seine innere Unruhe wuchs und er schaute sich immer öfter um, ob sein Verfolger vielleicht doch seine Spur gefunden hatte.
Sei nicht töricht! Ein Einzelner wird dich in dieser Nacht nie finden!
In diesem Augenblick explodierte vor ihm die Nacht in einem blauweißen Licht. Er war kurz geblendet und strauchelte. In Erwartung eines Angriffs zog er seine treuen Kurzschwerter aus den Scheiden.
»Es hat etwas Mitleiderregendes, zu sehen, wie du durch das Dunkel stolperst. Es ist geradezu eine Metapher.«
Wenige Schritt vor Nesro schwebte eine faustgroße, leuchtende Kugel in der Luft, die den Garten in ein silbernes Licht tauchte. Doch aus dieser Richtung kam die Stimme nicht, die zu ihm sprach. Gehetzt sah er sich um.
»Es ist aber auch kein Wunder, so wie du den Blick auf den Boden geheftet hältst, dass du verkennst, was über dir steht.«
Zwischen den Ästen eines Baumes hockte sein Verfolger, eine vermummte Gestalt, deren dünne Arme und Beine nicht zu dem kräftigen Brustkorb passen wollten. Das silberne Licht schien nur dumpf auf die dunklen Stoffe. Das Gesicht hielt der Verfolger unter einem Gugel verborgen.
Wie hat er mich finden können?, fragte sich Nesro, doch im gleichen Augenblick wusste er, dass das keine Rolle mehr spielte. Nun galt es, die Entscheidung herbeizuführen.
»Stelle dich dem Kampf, finsterer Schatten, und lass es uns zu Ende bringen!«
Der Verfolger lachte – ein helles Lachen, sodass Nesro sich fragte, ob es nicht eine Frau war. Im nächsten Augenblick holte der Schatten aus, und wie eine Schlangenzunge schnellte etwas auf Nesro zu. Er riss die Arme hoch und ein stechender Schmerz fuhr in seinen linken Arm. Es war, als würde er gebissen werden.
Abermals erhellte ein Blitz die Nacht. Eine Peitsche hatte sich um seinen Arm gewickelt. Wie kleine Zähne waren Metallsplitter in das Leder geflochten, die in sein Fleisch schnitten.
Nesro ließ das Schwert fallen, wickelte sich die Peitschenschnur ein weiteres Mal um den Arm und packte sie, ohne auf die Wunden zu achten, die die Splitter in seine Hand rissen. Er vertrieb den Schmerz und riss an der Peitsche. Sein Gegner hielt dagegen, doch Nesro war stärker und zog ihn aus dem Baum.
Der Verfolger fiel – und verharrte in der Luft. Über den Boden schwebend wirkte er in dem Zauberlicht der Leuchtkugel wie ein Baumgeist aus zyklopäischen Märchen. Furcht legte sich auf Nesros Brust. Die Gestalt breitete die Arme aus, und aus den Ärmeln des schwarzen Hemdes schnellten wie Dorne zwei blitzende Dolche hervor.
»Du hast recht: Bringen wir es zu Ende.«
Nesro dachte nicht ans Fliehen, so sehr bannte ihn der schreckliche Anblick. Es schien, als stieße sich der Angreifer in der Luft ab. Er stürzte sich wie ein Raubvogel auf Nesro nieder, die Dolche auf ihn gerichtet.
Erst im letzten Augenblick erwachte Nesro aus seiner furchtsamen Starre, riss das verbliebene Kurzschwert hoch und rammte es direkt in den breiten Brustkorb. Es war, als würde er versuchen, eine alte Eiche zu erdolchen: Die Waffe glitt wirkungslos an dem Körper ab.
Wie der Schatten einer Fledermaus glitt der Gegner an ihm vorbei. Nesro war vor Schreck wie gelähmt, und selbst der brennende Schmerz erreichte nur nach und nach sein Bewusstsein. Er sah an sich hinunter. Aus seiner Schulter ragte der schmale Griff eines Dolches.
Taumelnd drehte er sich um. Der Verfolger war gelandet, stand vor ihm als dunkler Schatten, umgeben von einem silbern leuchtenden Kranz. Ein widerwärtiger Geschmack erfüllte Nesros Mund. Er wollte etwas sagen, doch er brachte nur ein unverständliches Gurgeln hervor. Sein linker Arm verkrampfte sich und ein Zittern befiel seinen Körper.
»Es wird dich nicht töten«, sagte der gesichtslose Schatten. »Wo bliebe da auch das Vergnügen?«
***
Ein leises Trommeln war das erste, was Nesro wahrnahm, als er wieder zu sich kam. Es war ein fremder, betörender Rhythmus, der von endlosen Weiten und Sehnsüchten erzählte, von einem entbehrungsreichen Leben und einem unbeugsamen Stolz.
Es ist warm, dachte Nesro. Trocken und warm.
Als nächstes spürte er, dass er sich nicht bewegen konnte. Er versuchte es, doch gleich schnitten Seile in das nackte Fleisch.
Er öffnete die Augen, doch er konnte nichts deutlich erkennen. Es war, als würde die Luft vor ihm flimmern.
»Wo …« Seine Stimme war ein krächzendes Würgen. Er hustete und setzte von Neuem an. »Wo bin ich?«
»Am Ende deiner Reise, mein Freund.« Die Stimme, die ihm geantwortet hatte, war dumpf, doch irgendwie vertraut. Die Trommeln schlugen weiter.
Es war hell dort, wo er war, so viel konnte Nesro mittlerweile erkennen. Plötzlich verdunkelte ein Schatten das Licht. Jemand war vor ihn getreten.
»Viele, die nicht die falsche Autorität der Götter anerkennen und ihnen blind hinterhertrotten wie die blökende Herde«, erklärte die dumpfe Stimme, »sehen in der Gabe der Magie die wahre kosmologische Macht und begründen mit ihr das Vorrecht, andere zu dominieren. Das ist ebenso töricht wie selbstverliebt. Ich habe genug Zaubernde kennengelernt, um das beurteilen zu können.«
Das Trommeln setzte für einen Herzschlag aus, als wäre es beleidigt über diese Worte.
»Die wahre Macht ist der Verstand, mein Freund. Er...




