E-Book, Deutsch, Band 159, 352 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
Masberg DSA: Salon der Schatten
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95752-330-3
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Splitterdämmerung I
E-Book, Deutsch, Band 159, 352 Seiten
Reihe: Das Schwarze Auge
ISBN: 978-3-95752-330-3
Verlag: Ulisses Spiele
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Michael Masberg, geboren 1982, ist Autor, Regisseur, Veranstalter, Kurator und Bühnenkünstler. Als Sam Greb erzählt er Geschichten aus der Fieberwelt, als Salonlöwe lädt er zum BEAT SALON und darüber hinaus arbeitet er für die Folkwang Universität der Künste, battleROYAL und weitere künstlerische Institutionen. Für das Rollenspiel Das Schwarze Auge schreibt er seit 2005 und war seitdem an über drei Dutzend Publikationen als Autor und Redakteur beteiligt, unter anderem bei den Abenteuern Bahamuths Ruf und Mit wehenden Bannern sowie der Regionalspielhilfe Schattenlande. Er verfasst zudem regelmäßig Beiträge für das Magazin Aventurischer Bote. Michael Masberg lebt in Essen. Nach dem Zweiteiler Der Nabel der Welten und Der Kreis der Sechs ist Salon der Schatten sein dritter Roman in der Welt des Schwarzen Auges. Weitere Informationen und Identitäten: www.michael-masberg.de
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Gorodez Sgirra
Der Nachthimmel war erfüllt von den Silbertränen fallender Sterne.
Ich stolperte über das Kopfsteinpflaster in eine Seitengasse, um mich herum helle Mauern mit abblätterndem Putz und roten Schieferhäubchen. Ich atmete flach. Meine Lungen brannten.
Über mir zogen weitere Sternschnuppen über den Himmel. Nächte wie diese verhießen nichts Gutes. Ich war in einer solchen Nacht geboren worden. ›Maldonado‹ hatte mich in unserem Dorf die halbblinde Zahorihexe mit ihrer faulenden Maulhöhle genannt. ›Vergiftetes Geschenk‹.
Ich lauschte, doch außer meinem rasselnden Atem konnte ich nichts hören.
Ich hatte noch nie so viele Sterne fallen sehen wie in jener Nacht. Oder den Nächten davor. Einfältige Narren glauben, man darf sich etwas wünschen, wenn man einen Stern fallen sieht. Ein gefährlicher Gedanke. Wünsche sind heimtückisch, sie verraten einen.
Und wer auf Wünsche vertraut, nimmt sein Schicksal nicht selbst in die Hand.
Die Schritte meiner Verfolger rissen mich aus den Gedanken. Sie waren immer noch hinter mir her. Das war gut, denn genau so hatte ich es geplant. Sie durften mich nicht verlieren. Sie durften mich aber auch nicht bekommen. Leider war ich ein schlechter Läufer.
Mein Glück war, dass meine Verfolger auch nicht in der besten körperlichen Verfassung waren. Dazu kam, dass ein dreigehörnter Höllenknecht Besitz von ihnen ergriffen hatte. Ein bösartiger Geist in drei Körpern, dessen einziger Wille es war, mich zu finden und zu töten. Aber er hatte mich unterschätzt.
Als ich loslief, umklammerte ich das bläuliche Amulett an meinem Hals. Es schützte mich vor dem Blick magischer Augen, also musste sich der Dämon auf die drei Augenpaare seiner Opfer verlassen. Und ich hatte einen weiteren Vorteil: Wir befanden uns in Punin. Es gibt keine Stadt auf diesem verdammten Kontinent, die ich so gut kenne wie Punin.
Ich hielt die drei Besessenen auf Distanz und lockte sie gleichzeitig dorthin, wo ich sie haben wollte. Abseits der großen Gassen und Plätze, auf denen sich die Schaulustigen versammelten, um das Himmelsspektakel zu beobachten, eilte ich im Schatten der wuchtigen Kontore und Speicherhäuser durch das Hafenviertel. Schließlich erreichte ich eine kleine, abgelegene Halle und schlüpfte durch eine schmale Pforte ins Innere. Ich verriegelte die Tür hinter mir.
Es war dunkel, aber ich kannte mich aus und verzichtete darauf, meinen Magierstab zu entflammen. Bald hatten sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Ich versteckte mich hinter einigen Kisten, in denen Yussuf sein amhallahisches Teufelszeug nach Punin schmuggelte.
Es rüttelte an der Tür. Dann hämmerte es. Schließlich warf sich jemand mit Wucht dagegen. Die Tür hielt, doch das war nur eine Frage der Zeit. Ich lehnte mich gegen die Kisten und bereitete mich innerlich auf das Kommende vor. Erst als ich kurz davor war, mit einem Fingerschnippen eine kleine Flamme herbeizurufen, bemerkte ich, dass ich mir unbewusst einen Zigarillo zwischen die Lippen geschoben hatte.
Ein letzter wuchtiger Hieb riss die Tür aus den Angeln, und drei Schatten glitten ins Innere. Ich hörte ihren zornigen Atem, wie von tollwütigen Hunden.
Gelassen trat ich in die Mitte der Halle, und auf einen Gedanken hin entflammte die Kugel an der Spitze meines Stabes. Das Licht der magischen Fackel warf zuckende Schatten auf die Kisten, die sich zwischen hölzernen Pfosten bis an die Decke stapelten.
Dort stand ich: ein hochgewachsener, viel zu dünner Kerl in einer dunkelgrauen, abgetragenen Magierrobe. Ein ebenso abgetragenes, blasses Gesicht unter braunen Haaren, die nicht nur aussahen, als wären sie mit einem stumpfen Messer geschnitten worden. In einer Hand hielt ich meinen lodernden Magierstab, in der anderen einen Zigarillo. Ich entzündete ihn an der magischen Fackel.
»Da wären wir«, sagte ich.
Die drei Besessenen umkreisten mich am Rand des Fackelscheins wie Wölfe. Ich besah sie mir zum ersten Mal genau. Ein beleibter Schläger mit Halbglatze, dessen Kopf vor Anstrengung rot angelaufen war, eine fahlblonde Magd mit krummen Beinen und zu großen Ohren und ein altes Mütterchen, dessen weiße Haube von den grauen Haaren geglitten war und ihr wie ein loser Strick um den Hals hing. Es war wirklich mein Glück gewesen, dass der Dämon sich diese drei Jammergestalten ausgesucht hatte.
Ihre Gesichter waren von namenlosem Hass verzerrt und ihre Augen blutunterlaufen. Sie schlichen mit eckigen, abgehackten Bewegungen um mich herum wie die Mirhamionetten eines betrunkenen Puppenspielers.
»Wo ist er?«, zischten die drei Besessenen mit einer Stimme.
Ich tippte mir an die Stirn. »Ich weiß es. Aber ich werde es für mich behalten.«
»Du wirst reden. Ich werde dir die Haut vom Körper ziehen und dir jeden Knochen einzeln aus deinem stinkenden Fleisch brechen. Deine Leiden werden Äonen währen, und am Ende wird deine gemarterte Seele reden.«
»So viel Zeit bleibt mir nicht.«
Die drei kamen näher. Ich rührte mich nicht. Als sie nur noch einen Schritt entfernt waren, leuchteten auf dem Boden grüne Linien auf, die sich zu einem Pentagramm verbanden. Es umschloss mich und meine Verfolger und füllte sich mit magischen Glyphen.
Der Schläger taumelte zurück, doch kaum, dass er die Linie berührte, jaulte er auf, als würde er in einen Kessel kochendes Wasser fassen. Sein Schmerzensschrei fand sein Echo in den Kehlen der anderen beiden. Der Bannkreis hielt sie gefangen.
»Hast du wirklich gedacht, dass ich es dir so einfach mache, du stinkender Höllenauswurf? Drei Unschuldige okkupieren und mich durch meine Stadt hetzen – das war es? Ich bin Gorodez Sgirra, kein blutiger Anfänger!«
Die Magd stürzte sich mit einem Fauchen auf mich. Im Fackelschein blitzte die Klinge eines Messers auf. Sie zielte auf meine Brust – und glitt durch sie hindurch.
Ich kam aus meinem Versteck heraus. Während sich mein Abbild im Bannkreis auflöste, entzündete ich endlich den Zigarillo. Ich genoss den ersten, tiefen Zug mit geschlossenen Augen. Als sich der Rauch in meiner Brust ausbreitete, ließen die stechenden Schmerzen nach. Ich konnte wieder atmen.
Die Besessenen hatten sich in der Mitte des Bannkreises zusammengerottet und fixierten mich mit hasserfüllten Blicken. Das einzige Licht in der Halle spendeten die glosenden Linien des Pentagramms.
»In drei Köpfen hast du dich breitgemacht, aber du benutzt keinen einzigen zum Denken. Ich habe nie verstanden, warum sich Menschen euch Chaosknechten unterwerfen. Wer Idioten folgt, kann nur in der Verdammnis enden.«
»Du kannst meine Macht über dieses verrottende Fleisch nicht brechen, Magier. Du bist zu schwach.«
Ich grinste. »Wer hat gesagt, dass ich es alleine versuche?«
Aus den Schatten löste sich eine Gestalt. Sie trug ein dunkles Kleid, das nach meridianischer Mode bis zum Schenkel geschlitzt war. Ihre hellen Haare schimmerten grün im Licht des Pentagramms. Zanna ließ ihren kurzen Magierstab beiläufig zwischen den Fingern kreisen wie ein Gaukler seinen Narrenstab.
Zanna ter Tarna – ich werde wohl nie erfahren, ob dies ihr wirklicher Name war. Bei Zauberern ihrer Zunft kann alles eine Illusion sein. Allabendlich verzauberte sie als Bühnenmagierin das Publikum der Puniner Theater mit ihrem Blendwerk, doch ihre wahre Profession war eine andere.
Sie schmiegte sich an mich, und ich legte einen Arm um ihre Hüfte. Sie war fast so groß wie ich.
»Sehe ich wirklich so furchtbar aus wie das Trugbild?«
»Ich habe mir herausgenommen, dich ein wenig aufzuhübschen«, sagte sie. »Kennst du den Namen des Dämons?«
»Nein, aber wir sollten dennoch mit ihm fertig werden.«
Sie hauchte mir einen Kuss auf die Wange und löste sich von mir. In einer theatralischen Geste ergriff sie meine Hand. Ich strich ihr mit dem Daumen über den Handrücken.
»Du wirst keinen Frieden finden, Magier«, zischte der Dämon aus drei Mündern. »Banne mich, und andere werden dich jagen. Eines Tages wirst du scheitern, und dann werde ich in der Hölle auf dich warten.«
»Da bist du nicht der Einzige. Die Niederhöllen wetten auf mein Ende, aber sie warten vergeblich.« Ich schnippte den Zigarillo in die Dunkelheit. »Das ist deine letzte Gelegenheit, diese Körper freiwillig zu verlassen, Höllenbrut, oder wir werden dir eine Pein bereiten, dass du dich nach deiner Zeit in...




