E-Book, Deutsch, Band 3, 237 Seiten
Reihe: Ein Fall für Willa Jansson
Matera Perfektes Verbrechen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-189-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman: Ein Fall für Willa Jansson - Band 3
E-Book, Deutsch, Band 3, 237 Seiten
Reihe: Ein Fall für Willa Jansson
ISBN: 978-3-98690-189-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lia Matera ist eine US-amerikanische Schriftstellerin, die für ihre Krimireihen um die toughen Anwältinnen Laura Di Palma und Willa Jansson u. a. für den »Edgar Allan Poe«-Award nominiert und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Als Absolventin der juristischen Fakultät von San Francisco flossen viele ihrer Erfahrungen aus der Welt der Anwälte und Justizskandale in ihre Kriminalromane ein. Bei dotbooks veröffentlichte Lia Matera ihre Reihe um Laura Di Palma mit den Kriminalromanen: »Die Anwältin: Glanz der Lüge - Der erste Fall« »Die Anwältin: Zeichen des Verrats - Der zweite Fall« »Die Anwältin: Flüstern der Rache - Der dritte Fall« »Die Anwältin: Schatten der Schuld - Der vierte Fall« »Die Anwältin: Echo der Strafe - Der fünfte Fall« Die ersten drei Fälle sind auch im Sammelband erhältlich. Sowie ihre Reihe um Willa Jansson mit den Kriminalromanen: »Tödliches Urteil - Der erste Fall« »Kalte Strafe - Der zweite Fall« »Perfektes Verbrechen - Der dritte Fall« »Strafendes Schweigen - Der vierte Fall« »Zornige Anklage - Der fünfte Fall« »Geheime Zeugen - Der sechste Fall« »Stiller Verrat - Der siebte Fall« Die ersten drei Fälle sind auch im Sammelband erhältlich.
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Kapitel 10
Ich las gerade ein Buch mit dem Titel Das Erwirken eines Haftbefehls. Es war zwar nicht Vom Winde verweht, aber ich mußte noch vor dem Mittagessen einen millionenschweren Gegner dingfest machen. Ich fand die Geschichte einigermaßen unterhaltsam ? es war das erste Mal, daß ich für einen Mercedes- und Jaguar-Händler eine Bedrohung darstellte. Voller Befriedigung sagte ich: »Da hast du’s, du Kapitalistenschwein!«
Von der Tür ertönte ein Hüsteln.
Ich blickte auf und sah Melinda Karastatos dort stehen. »Ich hatte nicht vor, die Revolution zu unterbrechen, aber wir sind zum Mittagessen mit Hannah Crosby verabredet.« Als sie den Namen aussprach, strafften sich ihre Schultern automatisch. »Die nordkalifornische Vizepräsidentin der California Bank and Trust.«
Es fiel mir nicht allzu schwer, die Lektüre von Das Erwirken eines Haftbefehls zu unterbrechen.
Auf dem Weg nach draußen hielt Andrew McNee mich auf. Er sagte: »Da ist ein Anruf für Sie, Miss Jansson.«
Melinda umklammerte meinen Arm und zog mich an McNees Pult vorbei (lediglich ein überdimensionaler Mahagoni-Schreibtisch). Über die Schulter rief sie ihm zu: »Notieren Sie es bitte.«
McNee nickte leicht aufgebracht, als ob man ständig Unmögliches von ihm verlangte. Als wir an dem dreistöckigen Blumengebinde auf dem Marmortisch der Empfangsdame vorbeikamen, hörte ich, wie McNee einen Namen wiederholte. »Bud Hopper. Ja, ich werde sie bitten, Sie zurückzurufen. Danke«, sagte er forsch.
Der geheimnisvolle Republikaner. Ich befreite mich eine Sekunde zu spät aus Melindas Griff. McNee hatte bereits aufgelegt. Und Melinda sagte. »Glauben Sie mir, es ist nicht ratsam, Hannah warten zu lassen!«
Bald verschmolzen wir mit der Menschenmenge, die unentwegt von den riesigen Bankgebäuden ausgespien wurde. Die Maitres erschienen in den Eingängen der Restaurants wie vornehme Türsteher, und der Geruch von Essen mischte sich mit der kühlen Brise, die vom Wasser herüberwehte. Ich wurde von wollenen englischen Anzügen angerempelt, und italienische Lederschuhe traten mir auf die Füße. Fetzen von Gesprächen über das neue Kindermädchen und das Solarium im Bay Club drangen an mein Ohr, und ganz am Rande nahm ich den tosenden Verkehr, die Designerklamotten in den Geschäften (jetzt konnte ich sie mir leisten!) und die alabasterfarbenen Fassaden der Bankgebäude wahr. Melinda berichtete mir, daß Hannah Crosby eine Mischung aus christlich-zivilisierter Prinzessin und heidnischer Göttin war.
Dann zerrte sie mich abrupt in ein Restaurant.
Ich betrachtete die zartrosa Tischtücher und die exotischen Blumenarrangements. Und ich wußte plötzlich, wo ich war.
Ich blieb stehen und versuchte, mich ihr zu entziehen. Melinda sah verärgert aus. Und erregt. Sie ging achselzuckend weiter und erwartete offensichtlich, daß ich ihr folgen würde.
Und das mußte ich natürlich. Ich folgte ihr bis zu einem reich verzierten Pult, wo eine Frau im Abendkleid die Reservierungsliste bewachte. Das Buch war in fuchsienrotes Leder eingebunden und mit silbernen Lettern verziert, die den Namen des Restaurants kundtaten: Rene’s.
Die Frau sprach kurz mit Melinda, dann verwies sie uns an einen Maitre, der einen Stock verschluckt zu haben schien. Er bahnte sich einen umständlichen Weg durch kleine Tische hindurch, scheinbar nicht besonders daran interessiert, ob wir ihm folgten oder nicht. Ringsum zerlegten smokingbekleidete Kellner gegrillte Forellen und reichten den Gästen Weinkorken, damit sie daran riechen konnten.
Abgesehen von der Entschlossenheit, mit der sie ihre Homosexualität zur Schau stellten, kam mir nichts an ihnen bekannt vor.
Keiner von ihnen wußte oder kümmerte sich darum, daß ich an den Ort zurückgekehrt war, an dem Julian Warneke ermordet worden war.
Es war erst weniger als fünf Monate her, daß mein früherer Boß, wie es seine Gewohnheit war, die Garnierung seines Desserts mitgegessen hatte ? und auf die harte Tour entdecken mußte, daß es sich um giftigen Schierling handelte.
Ich hielt an einem Tisch inne, wo sich sechs Geschäftsleute über ihre Rippchen beugten. An diesem Tisch hatten wir gesessen, Julian und ich und seine drei Partner. Wir hatten einen Fünfhundert-Dollar-Lunch genossen, während wir uns über die schlechten Arbeitsbedingungen in einer Konservenfabrik unterhielten.
Einer der Geschäftsleute warf mir einen lüsternen Blick zu. Ich ging hastig weiter und holte Melinda und den Maitre wieder ein. Ein paar Tische weiter saß eine vollbusige Frau in einer grauen Seidenbluse, die Melinda heftig zu winkte. Sie hatte hohe Wangenknochen, große, schwarze Augen und eine feingeschwungene Nase, alles dick mit Make-up verspachtelt. Als sie sich nach vorn beugte, um ihre Aktentasche auf den Boden zu stellen, sah ich, daß das schwarze Haar, das von einer perlenbesetzten Spange zusammengehalten wurde, ihr fast bis zur Taille reichte.
Melinda winkte zurück und murmelte mit einem Lächeln auf den Lippen: »Nutte!«
Dieses Mittagessen würde also das reine Vergnügen werden, na gut.
Bei Evian-Wasser und einem Lachssouffle erfuhr ich, daß Hannah Crosby sich in der Rechtsabteilung der California Bank and Trust nach oben gearbeitet hatte. In den letzten drei Jahren hatte sie die Position der Vizepräsidentin der Northern California innegehabt und war insbesondere mit Rechtsfragen betraut gewesen. Aufgrund des Umfanges der CBT-Verfahren hatte Hannah die meisten an unsere Kanzlei weitergegeben. »Natürlich behalte ich die Dinge im Auge«, informierte sie mich.
Was immer Melinda von ihr dachte, Hannah Crosby fand sich selbst offenbar großartig. Das zeigte sich in der Herablassung, mit der sie die Augenbrauen hochzog, wenn sie mit dem Kellner sprach, in ihrer gedehnten Redeweise, wenn sie über ihren Job sprach, und darin, daß sie aus heiterem Himmel auf Bob LeVoqs Frau zu sprechen kam und sie eindeutig zu diskreditieren suchte, indem sie betonte, daß sie lediglich »Hausfrau« sei, »und das heutzutage«.
Melinda ließ eine gute halbe Stunde verstreichen, in der Hannah Crosby mir alles über sich berichten konnte. Melinda unterbrach sie nur durch Fragen, die dazu angetan waren, Hannah ein noch stärkeres Gefühl der Bedeutsamkeit zu geben.
Deshalb war ich überrascht, als Melinda beim Kaffee eine Spur zu unschuldig bemerkte: »Ich habe gehört, daß William Mott sich heute abend mit Pablo Villa-Fuentes trifft.«
»Oh?« Hannah Crosby preßte eine Orangenscheibe an die Lippen. (Um die Säure des Kaffees zu mildern, wie der Kellner erklärt hatte. Schande auf mein Haupt ? ich Banausin hatte meine beiseite gelegt, Säure hin oder her.)
»Ja«, fuhr Melinda in verbindlichem Ton fort. »Ich glaube, sie gehen zusammen ins Konzert.«
Hannah nahm ein paar gezierte Schlucke zu sich, wobei sie Melinda über den Rand ihrer Tasse hinweg beobachtete. Ihre Stirn war leicht gerunzelt.
Melinda lächelte. »Bill war Wissenschaftler in Rhodes, wissen Sie. Er hat sein auswärtiges Jahr in Spanien zugebracht ? er spricht fast perfekt Spanisch. Kastilisch, um genau zu sein.« Sie wandte sich mir zu. »Pablo Villa-Fuentes ist der Präsident der CBT. Ein echter Charmeur.« Ein kaltes Licht glomm in ihren Augen. »Sie werden ihn in unserem Domizil auf dem Land kennenlernen.«
Ich hatte keine Ahnung, worum es sich bei diesem »Domizil auf dem Land« handeln mochte. Ich stellte mir vor, wie ich durch Schlamm und Kuhdung dorthin watete. Aber ich murmelte: »Großartig!«
Melinda wandte sich wieder an Hannah. »Bob wird dieses Jahr nicht ins Domizil fahren. Bill hielt es für besser, statt dessen mich und Willa hinzuschicken.«
Hannahs Augen weiteten sich. Mit einem klirrenden Geräusch stellte sie die Tasse auf den Unterteller. Ein Porzellansplitter hüpfte auf das Tischtuch. »Ich dachte immer, das Domizil sei ausschließlich für Kunden und Partner bestimmt.«
»Bei der nächsten Aktionärshauptversammlung werde ich zur Partnerin befördert.« Sie lächelte und errötete leicht.
Hannah lächelte zurück. Bei der Anstrengung wäre ihr fast das Make-up geplatzt. »Und Willa? Sicherlich ist sie…?«
Melinda richtete ihre Antwort an mich. Ihre Stimme klang leicht amüsiert. »Ein neuer Kunde hat ausdrücklich darum gebeten, daß Willa ebenfalls dabei ist.«
Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß ich irgendeinen Ihrer Kunden ?«
»Er heißt Bud Hopper. Er hat sich gerade aus den Regierungsgeschäften zurückgezogen ? aus dem Innenministerium, glaube ich ?, um wieder in das Familienunternehmen einzusteigen. Scheinbar hat Hopper einen Ihrer Artikel gelesen, und jetzt will er Sie kennenlernen.«
»Ich hätte nicht geglaubt, daß überhaupt jemand diese studentischen Rechtsartikel liest.« Ganz besonders nicht ein republikanischer Bürokrat. Und schon gar nicht Artikel, die eine Aufhebung der Einwanderungsbeschränkung sowie eine landesweite Vollbeschäftigung und die obligatorische Einführung von Gewerkschaften forderten.
Melinda zuckte die Achseln. »Das habe ich zumindest gehört. Wie auch immer, es ist eine Ehre, eingeladen zu werden.«
In einem plötzlichen, scheußlichen Anfall von Paranoia wurde mir klar, daß es nicht der Artikel sein konnte. Solche Arbeiten schufen normalerweise keine Fans. Es mußten die Morde sein. Mein Name war in den Nachrichten schon zweimal in Verbindung mit mehrfachem Mord genannt worden. Bud Hopper (wer zum Teufel das auch sein mochte) mußte meinen Namen in Verbindung mit diesen Mordfällen gehört haben ? und hatte sich dafür eingesetzt, daß Wailes, Roth etc. mich einstellten. Und jetzt...




