E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Mathys Francescos verlorene Erinnerungen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-8280-3557-7
Verlag: Frieling & Huffmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-8280-3557-7
Verlag: Frieling & Huffmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1941 in Basel (Schweiz) geboren und aufgewachsen, gab Peter Mathys sich Mühe, die Schule mit geringem Aufwand zu absolvieren, studierte Recht und Wirtschaft an den Universitäten von Basel und St. Gallen und promovierte mit einer juristischen Dissertation. Als Student gewann er den ersten Preis im Kurzgeschichtenwettbewerb eines Science-Fiction-Magazins in Deutschland. Die Geschichte wurde übersetzt und auch in Frankreich veröffentlicht. Mit Begeisterung arbeitete Mathys als Journalist für zwei Tageszeitungen. Nebenher übersetzte er für einen deutschen Verlag zwei Science-Fiction-Romane aus dem Englischen. Irgendwie brachte er die Uni hinter sich, problemlos, wurde Rechtsanwalt und Notar; ein kurzer Abstecher als Jurist in die Welt des Unternehmertums löste keine Begeisterung aus. Selbständigkeit im Beruf und im Privatleben war ihm immer wichtig. 1977 verbrachte er mit seiner Frau und den beiden Söhnen einen langen Sommer in Cambrils südlich von Tarragona. Peter Mathys fing an, an einem ersten Roman zu schreiben, es enststanden an die sechzig Seiten einer Geschichte, die in Brasilien spielte. Ein Jahr später wurde er ins Parlament seiner damaligen Wohngemeinde Riehen, später ins Parlament des Kantons Basel-Stadt gewählt; damit fing eine fünfzehnjährige Politikkarriere an. Auf der Strecke blieb leider der Brasilienroman. Später entstanden in seiner spärlichen Freizeit die Romane "In Sachen Renner"(1997, polnische Fassung 2008), "Unschalks Welt" (2008) und "Die Steuersünder" (2012). Der vorliegende Roman "Francescos verlorene Erinnerungen" ist in den Jahren 2017 bis 2020 im Gedenken an die Brutalitäten des argentinischen Militärregimes in den Jahren 1976 bis 1983 entstanden. Die Erinnerungen an andere Länder und Menschen begleiten Peter Mathys. Schönes, Interessantes und Unangenehmes ruhen nebeneinander im Speicher seines Gehirns: ein Abendessen an der Mole im Hafen von Piräus mit einer hübschen Griechin, eine Zeugeneinvernahme vor einem Geschworenengericht in Florida, ein Besuch eines Massaidorfes in Tansania, eine Flussreise im Urwald von Venezuela, und immer wieder Frankreich, das Elsass, das Burgund, die Champagne mit den herrlichen Weingütern ...
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3
Nachdem er sich in seiner spartanischen Unterkunft eingerichtet hatte, zog Francesco die Schuhe aus und legte sich einen Augenblick aufs Bett, um seine Lage zu überdenken. Im Vordergrund stand die Suche nach seiner Familie. Außerdem drängte es ihn, gelegentlich wieder zu malen, falls sich sein Aufenthalt in Madrid in die Länge ziehen sollte. Dabei musste ihm Maria Pini helfen, seine italienische Freundin aus Buenos Aires. Auch sie hatte ihren ursprünglichen Beruf aufgegeben. Als angesehene und gefürchtete Kunstkritikerin hatte sie eines Tages alle Brücken hinter sich abgebrochen und in Madrid eine Galerie eröffnet. Die Gründe dafür hatte sie Francesco nie verraten.
Und jetzt Adriana Irrazabal. Er sprach den Namen versuchsweise aus; er glitt ihm leicht über die Zunge, er wiederholte ihn und schloss befriedigt die Augen. Müdigkeit befiel ihn, der Jetlag hatte ihn eingeholt, binnen Sekunden schlief er ein.
*
Als Francesco aufwachte, war es halb vier. Er eilte auf die Toilette draußen im Gang, urinierte lange und wusch sich den Schlaf aus den Augen. Er wusste, dass er zu lange geschlafen hatte; in der Nacht würde er stundenlang wach liegen. Im Zimmer trocknete er sein Gesicht, dann fischte er aus seiner Handtasche, nicht zum ersten Mal, den zerknitterten Zettel, den ihm Giovanni Patuzzo gegeben hatte. Neugierig wählte er auf seinem Handy die Nummer von Octavio Perez. Erst beim sechsten Läuten meldete sich eine verschlafene Frauenstimme. „Si?“
„Mein Name ist Albani, und ich möchte bitte mit Herrn Perez sprechen, Octavio Perez.“
Jetzt wurde die weibliche Stimme deutlich. „Heilige Muttergottes!“, zeterte sie. „Wir sind eben von Los Angeles zurückgekommen. Mein Mann ist bereits an einem Vortrag, und ich versuche, etwas Schlaf nachzuholen, aber dieses verfluchte Telefon läutet alle zehn Minuten.“
„Das tut mir sehr leid, Señora“, beschwichtigte Francesco sie mit seiner freundlichsten Stimme, mit der er in der Botschaft nur besonders schwierige Besucher beehrt hatte. „Aber ich fürchte, ich kann meinen Anruf nicht rückgängig machen. Sagen Sie mir bitte, wann ich Ihren Mann erreichen kann.“
„Heute Abend um sieben Uhr!“, kreischte es aus dem Hörer zurück.
Dann folgte ein Knall, und die Leitung war tot. Frau Perez hatte aufgelegt.
Francesco war nervös, als er am Abend dieselbe Nummer nochmals wählte. Sein rechtes Augenlid flatterte wieder, und er war nicht in der Lage, die kleine Störung zu unterdrücken. Octavio Perez meldete sich beim zweiten Läuten.
„Hallo.“
„Francesco Albani. Herr Perez?“
„Ja. Guten Abend.“ Francesco vernahm ein leises Lachen. Perez fuhr fort: „Meine Frau hat mir Ihr Gespräch berichtet. Ich muss sie entschuldigen; sie ist sehr reizbar, wenn sie zu wenig geschlafen hat.“
„Keine Ursache. Ich bin selber erst heute Morgen aus Buenos Aires hier eingetroffen.“
Jetzt lachte Perez laut, ein fröhliches Männerlachen. „Dann haben wir beide einen Jetlag. Aber das geht vorbei. Womit kann ich dienen, Señor Albani?“
„Ein gemeinsamer Bekannter, Giovanni Patuzzo, hat mir Ihren Namen genannt. Ich suche jemanden in Madrid, und er meinte, Sie könnten mir vielleicht helfen.“ Francesco machte eine Pause, dann setzte er erklärend hinzu, als erleichtere dies ihr Gespräch: „Giovanni und ich haben in der Botschaft zusammen gearbeitet.“
„Ein feiner Kerl, Giovanni“, sagte Perez. „Wir sehen uns viel zu selten. Und Sie – sind Sie auch Italiener?“
„Ja.“
„Auch Rechtsanwalt?“
„Ja, unter anderem.“
„Was heißt ‚unter anderem‘?“
„Im Grunde bin ich Maler, in der Freizeit wenigstens.“
„So ein Hobby würde ich mir auch wünschen“, erwiderte Perez, dann wurde er unvermittelt ernst. „Bevor wir weiterreden, Folgendes: keine Namen, bitte. Für Ihr Problem treffen wir uns persönlich. Nur wenn ich zum Schluss komme, dass ich helfen kann, brauche ich den Namen.“
„Verstehe. Sie sind Journalist, hat mir Giovanni verraten.“
„Stimmt.“
„Alles klar.“
Erst jetzt entsann sich Francesco der Warnung, die Adriana noch im Flugzeug sehr taktvoll ausgesprochen hatte. Er kannte diesen Octavio Perez nicht, und dennoch hatte er ihm – sogar am Telefon – alle Informationen gegeben, die nötig waren, um ihn zweifelsfrei zu identifizieren. „Dummkopf!“, schalt er sich selber. Wenigstens das Hotel hatte er nicht genannt. Jetzt blieb nur die Hoffnung, dass ihre beidseitige Beziehung zu Giovanni Patuzzo sein Vertrauen in Perez’ Loyalität rechtfertigen würde. Dieser schlug Francesco vor, sich am folgenden Abend um halb sieben im Restaurant San Nazzaro am Ende der Gran Via, auf der linken Straßenseite, zu treffen. Er werde keine Krawatte, aber die aktuelle Ausgabe der Tageszeitung El País bei sich tragen.
*
Am nächsten Morgen wachte Francesco spät auf; als er die Augen öffnete, wusste er nicht gleich, wo er war. Die neue Umgebung war gewöhnungsbedürftig. Der Koffer in der Ecke neben dem Schrank, seine graue Jacke über der Stuhllehne, Spinnweben über dem Lampenschirm, ein Sprung im Fensterglas, seine Schuhe auf dem fleckigen Spannteppich. Er schloss die Augen wieder und blieb reglos liegen. Er vergaß seine ganze unbewältigte Vergangenheit. Seine Freundin Maria regte sich in seinen Gedanken. Wie schön wäre es, sie jetzt zu lieben; er wusste genau, wie er sie bis zur Ekstase treiben konnte.
Er stand auf, bevor der Druck der Enthaltsamkeit zu stark wurde, und mit den Kleidern über dem Arm und seinem Toilettenzeug stapfte er zur Dusche. Vor einem Spiegel mit blinden Flecken an den Rändern rasierte er sich. Sein Gesicht war noch vom Schlaf zerknittert. Er trimmte den Schnurrbart und kämmte sein Haar nach hinten. Kurz nach neun Uhr war er mit allem fertig und machte sich bereit zum Ausgehen. Im Eingang begrüßte ihn José; er trug jetzt ein sauberes Hemd und sah viel freundlicher aus als gestern. Francesco verließ das Haus und spazierte zur Gran Via. An einem Kiosk kaufte er die neue Ausgabe von El País, ein paar Schritte weiter fand er eine Kaffeebar mit einer Auslage von frischen Semmeln. Er ließ sich ein kleines Frühstück auftischen, dazu las er, was in der Welt geschah, zum ersten Mal in einer europäischen Gazette.
Unterdessen hatte sich, fast unbemerkt, Adriana wieder in sein Bewusstsein geschoben. Pass auf dich auf, hatte sie ihm zum Abschied zugerufen, eine Bemerkung, die zu jedem Abschied passte. Aber in ihren Worten hatte eine zarte Wärme mitgeklungen, die es Francesco leicht machte zu glauben, sie seien ernst gemeint und nicht einfach als eine übliche Floskel hingeworfen. Dann schalt er sich einen hoffnungslosen Romantiker und verdrängte die sympathische Erinnerung.
Nach dem Frühstück flanierte Francesco die Gran Via entlang und betrachtete die Auslagen in den verschiedenen Geschäften. In einer Buchhandlung suchte er nach Lesestoff und entschied sich für eine gebundene Neuausgabe des ‚Don Quijote‘ von Miguel de Cervantes. Er empfand unvermittelt eine große Seelenverwandtschaft mit dem legendären Ritter, der seine Aufgaben stets mit unzulänglichen Mitteln anging und deshalb am Ende versagte. Diesen Pater Felix zu finden, erschien ihm plötzlich trotz allem als hoffnungslose Aufgabe. Und selbst wenn er ihn fand, war es wohl eine Illusion zu glauben, ein Priester sei in der Lage, Informationen zu Vorgängen zu beschaffen, die Jahrzehnte zurücklagen.
Er verscheuchte die deprimierende Vorstellung. Aufgeben kam nicht infrage. In einer Filiale des Kaufhauses El Corte Inglés erstand er zwei Anzüge, eine Tweedjacke, eine Jeans, Hemden, Krawatten und ein Paar schwarze Lederschuhe. Er trug alles in sein Hotelzimmer. Es sah immer noch gleich schäbig aus wie am Morgen beim Aufwachen. Gerne hätte er sich eine kleine Wohnung gesucht. Aber angesichts der Warnungen von Adriana war nicht daran zu denken. Also blieb es beim Esplanade in der Calle de las Infantas und beim kahlköpfigen José mit seinem Ohrring.
In der Brieftasche fand Francesco den Zettel mit der Adresse und der Telefonnummer von Adriana Irrazabal. Castellana 618. Er zögerte zuerst, dann rief er sie über sein Handy an, bereit, sofort wieder aufzulegen, falls sich ein Mann melden sollte. Er hatte Glück, nach dem dritten Läuten nahm sie selber ab.
„Francesco Albani. Adriana – erinnerst du dich? Der Flug nach Madrid gestern.“
„Ja, natürlich. Lachsbrötchen und Weißwein.“ Die unbeschwerte Stimme verscheuchte seine Unsicherheit. Ihre Blicke hatten sich gekreuzt, und sie hatten gelacht. Jetzt fragte sie: „Was machst du? Warst du schon im Las Pampas?“
„Ich plane mein Leben in Madrid. Ich berichte dir gerne mehr. Vielleicht können wir uns in der Stadt einmal treffen.“
„Ja, warum nicht“, erwiderte Adriana.
„Hast du eine Idee, wo wir uns treffen...




