E-Book, Deutsch, 328 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm, Gewicht: 330 g
Mathys Unfroh
erste Auflage
ISBN: 978-3-85990-404-0
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 328 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm, Gewicht: 330 g
ISBN: 978-3-85990-404-0
Verlag: Edition 8
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die hochtoupierte Mutter, der abwesende Vater, die vorbildliche Schwester, das Schweigen während des Essens, das vom Mund abgesparte Einfamilienhaus mit Garten, der frisch gestrichene Zaun und immer die Gewissheit, in der besten aller Welten zu leben – Dominik Schaller erzählt als bald Fünfzigjähriger von seinem Leben im gutbürgerlichen schweizerischen Mittelland. In der behüteten Kindheit Niks Mitte der Siebzigerjahre zeigen sich bald Risse, das Staunen über Gegenentwürfe, Möglichkeiten zum Aufbruch. Als die Mutter früh an Krebs stirbt, verschliesst sich der Junge in seiner Trauer. Und er nimmt sich vor, sein Leben ganz anders zu verbringen als seine Eltern. Er stolpert durch seine Biografie und landet im Üblichen: eine Kaufmännische Lehre, begrabene Träume, unglückliche Liebschaften, Heirat, zwei Kinder, mittelprächtige Karriere, Affäre, Scheidung, Zweitfamilie. Als seine neue Ehefrau bei einem Unfall stirbt, kracht das fragile Konstrukt seines Lebens vollends in sich zusammen.
Der Roman erzählt die Geschichte der Orientierungslosigkeit eines gewöhnlichen Mannes auf dem Hintergrund der sich wandelnden Wirklichkeiten von den Siebzigerjahren bis heute.
Zielgruppe
alle
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
PROLOG 1 Als die Menschen den Mond eroberten, begann ich Schubladen leerzuräumen, und ich schmierte mich von oben bis unten mit Sonnencreme voll, nagte an der Faust meines Vaters, krabbelte auf Mutters Schoss, zupfte an den Haaren meiner grossen Schwester. Ich mische die Zeiten durcheinander, erinnere mich, glaube mich zu erinnern, suche nach Geschichten in den Gesichtern und Dingen und Landschaften vor mir. Ich sehe mich als Kleinkind in den Armen meiner Mutter, auf einem Dreirad, mit der Schwester oben auf der Rutschbahn, beim Füttern der Ziegen im Tierpark, auf dem Schlitten irgendwo in den Bergen. Ich lebte als Kind in einem eigenen kleinen Zimmer mit fleckiger Tapete, blauweiss gesprenkeltem Spannteppich und orangem Lampenschirm. Als ich grösser wurde, kam ein Pult aus dunklem Holzimitat dazu. Unser Einfamilienhaus stammte aus den Fünfzigerjahren, es lag am Rande eines Dorfes im schweizerischen Mittelland, von den umliegenden Hügeln aus liessen sich bei klarer Sicht die Berge erspähen. Die nächste Kleinstadt war fast eine halbe Auto-stunde von uns entfernt. Man grüsste sich im Quartier, blieb einen Moment stehen, redete über das Wetter, über neue Nachbarn, über Schicksalsschläge von Bekannten, über die Leute im Fernsehen. Unser kleiner Garten war zur Strasse hin mit einem Zaun geschützt, der von Vater jeden Frühling mit dunkelbrauner Farbe frisch gestrichen wurde. In einer Ecke wuchs ein Rosenstrauch, daneben pflanzte Mutter in einem winzigen Beet Lauch, Salat und Karotten. Auf dem Rasenstreifen übten meine Schwester Ruth und ich den Kopfstand und das Jonglieren mit Zeitungsknäueln, die wir mit Schur und Klebstreifen umwickelt hatten. Mittwochnachmittags radelte ich zur Wiese hinter dem Schulhaus, wo sich immer eine Schar Kinder zum Fussballspielen traf. Im Dorf gab es fast alles, was wir brauchten: Das Brot kauften wir in der Bäckerei an der Hauptstrasse, das Fleisch beim Metzger nebenan, die Kleider im Modegeschäft oder an den Börsen des Frauenvereins und das Gemüse, den Reis und die Teigwaren bei Herrn Morgenthaler im Laden am anderen Ende des Dorfes, über dessen Eingangstür ein altes Schild hing, das in Schnörkelschrift mit ›Kolonialwaren‹ angeschrieben war, ein Wort, das ich damals noch nicht kannte und mich deshalb faszinierte. Einmal zeigte uns Mutter eine Kiwi, die sie beim Einkaufen geschenkt bekommen hatte. Sie streckte uns die fremde Frucht entgegen und sagte: »Genauso sähen Haseneier aus, wenn Hasen überhaupt Eier legen würden.« Wir lachten, und Mutter erklärte, Herr Morgenthaler habe ihr gesagt, Kiwis seien eigentlich Vögel, die nicht fliegen könnten, dafür hätten sie ganz lange Schnäbel, und sie lebten in Neuseeland, auf einer Insel, die auf der anderen Seite der Erde liege. Ich zappelte mit den Beinen, wir bissen vorsichtig in eine Scheibe dieser Kiwi und verzogen unsere Gesichter. Als ich einmal meinen Primarschullehrer fragte, was das Wort Kolonialwaren bedeute, sagte er, es erinnere an ein dunkles Kapitel der Geschichte, und er habe schon lange darum gebeten, diese Tafel zu entfernen. Dann redete er von Herrenmenschen, von Ausbeutung und Unterdrückung, aber ich verstand nicht so recht, was er mir sagen wollte, und in meine Faszination über das fremde Wort mischte sich ein stechendes Unbehagen. Dabei war Herr Morgenthaler nett, er drückte Ruth und mir immer ein Bonbon in die Hand, zwinkerte uns zu, plauderte mit meiner Mutter, die mit ihm viel öfter lachte und mit klarerer Stimme redete als mit Vater. Ich liebte es, sie so zu erleben, und ich betrachtete beim Warten die farbigen Packungen neben der Registrierkasse, zerbiss die Süssigkeit in meinem Mund und klebte die Rabattmarken, die mir Herr Morgenthaler feierlich überreicht hatte, ins Heft. Bis heute erinnere ich mich an den Geschmack des Leims auf der Zunge. Mein Vater war Buchhalter, Pfeifenraucher und Posaunenspieler. Auf einigen der alten Fotos glich er mit seiner gepflegten Wellenfrisur und dem schmalen Oberlippenbart dem Schauspieler Errol Flynn. Mit den Jahren bekam er einen runden Bauch, wodurch seine Beine noch dünner wirkten. Vater versuchte alles richtig zu machen, keinen Anstoss zu erregen, fleissig zu sein und die Kinder auf den geraden Weg zu bringen. »Vorbei ist vorbei, gegessen und verdaut, es gilt, stets den Blick nach vorn zu richten.« »Ein Dankeschön hat noch keinen umgebracht.« »Wenn alle für sich selber sorgen, ist für alle gesorgt.« »Ohne Fleiss kein Preis. Und denkt daran: Der frühe Vogel fängt den Wurm!« Ich habe seine Sprüche noch im Ohr wie Zeilen aus alten Schlagern, die sich nicht abschütteln lassen. Sonntags kochte meistens Vater das Mittagessen, Schweinebraten mit Kartoffelstock oder Cordon Bleu mit Kroketten, dazu Salat und eine klare Suppe, die Ruth und mich jedes Mal zum Husten brachte, was wir aber zu unterdrücken hatten, wollten wir uns keine tadelnde Blicke einhandeln. Es kam mir jeweils vor, als müsste mein Kopf wie ein Ei von innen her aufbrechen, wenn ich die Luft anhielt, um einen nächsten Anfall zu vermeiden. Ich hasste diese Sonntagsmahlzeiten, nicht nur wegen der Suppe, auch weil die Stimmung seltsam feierlich war, was bedeutete, dass wir Kinder vor allem still zu sein hatten. An allen anderen Tagen stand Mutter alleine in der Küche, und im Gegensatz zu Vater mussten wir unseren Teller immer selber abräumen. Als die Frauen 1971 in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht erhielten, war ich drei Jahre alt, und ich glaube Vater sagen zu hören, das sei prima, nun könne er mit doppelter Kraft an die Urne gehen. Ich sehe, wie meine Mutter dabei lächelt und sich die Hände an der Schürze trockenwischt. Wenn Vater gut gelaunt war, nahm er mich auf seine Knie, liess mich darauf schaukeln wie auf einem Pferd: »Hoppe, hoppe Reiter, wenn er fällt, dann schreit er …« Oder er legte den Kopf in den Nacken und blies Rauch aus wie eine Dampflokomotive, und dann rief er: »Nun fahren wir zusammen in die Wüste nach Timbuktu und von da gleich wieder zurück nach Hause.« Bei Sonntagsausflügen sass er am Steuer und spielte mit uns ›Ich sehe, was du nicht siehst‹, oder er behauptete Dinge, von denen wir erraten mussten, ob sie stimmten oder nicht. »Am Nordpol werden die Menschen dreihundert Jahre alt, weil es so kalt ist. Sie bleiben ewig frisch wie die Erbsen im Tiefkühlfach. Habt ihr das gewusst?« Am Abend waren Ruth und ich meistens schon im Bett, wenn Vater von der Arbeit nach Hause kam. Während des Mittagessens durften wir nicht reden, solange die Radionachrichten liefen. Wenn wir es trotzdem wagten, schnauzte er uns an oder schickte uns mit einer Handbewegung vom Tisch. Er benutzte dabei auch Kraftausdrücke, aber uns war das Fluchen verboten, und es gab weitere Wörter, die nicht laut ausgesprochen werden durften, weil sie Unglück brachten oder unanständig waren. Fast alle hatten mit schwierigen Themen wie Tod oder Politik oder dann mit gewissen Körperteilen zu tun, die während der ganzen Kindheit namenlos blieben. Wenn wir zu laut lachten oder zu übermütig spielten, streckte uns Vater seine Handflächen entgegen und zog die Augenbrauen hoch. Das genügte. Wir hielten inne, verstummten, verzogen uns ins Zimmer oder nach draussen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich Vater und Mutter jemals vor unseren Augen einen Kuss gegeben oder sich bei einem Spaziergang bei den Händen gehalten hätten. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, sie bei ihren Vornamen anzusprechen, auch später nicht, als ich längst erwachsen geworden war. Ich habe nie erfahren, wie sich die beiden kennengelernt hatten. Sie wuchsen zwar im selben Tal, aber in rund sieben Kilometer voneinander entfernten Dörfern auf. Vielleicht trafen sie sich beim jährlichen Maitanz im Bärensaal, oder sie sassen bei einem Turnfest am selben Tisch, oder sie begegneten sich zufällig zwischen ihren Dörfern bei einem Sonntagsspaziergang und redeten über das Wetter und über die Pracht des jungen Frühlings. Ich fragte mich als Kind, wie sie gelebt hatten, bevor meine Schwester und ich zur Welt gekommen waren, ob sie sich überhaupt liebten und ihr eigenes Glück und das Glück der anderen für sie wichtig waren, oder ob sie vielleicht gar nicht über solche Dinge nachdachten. Das alles waren keine Geschichten, über die sie mit uns geredet hätten. Es blieben Lücken zurück, die ich selber zu füllen versuchte, und die Erinnerungen an das plötzliche Schweigen meiner Eltern, wenn ich unversehens in die Küche trat und in ein Gespräch hereinplatzte, oder wenn wir eine unpassende Frage gestellt hatten, lassen mich bis heute selber verstummen. Mutter weckte morgens meine Schwester und mich, indem sie singend in unsere Zimmer kam – »Ein neu-eher Morge-hen oh-ho-ho-ne Sorgen, folget der düsteren Nacht …« –, bis Ruth sie bat, dies nicht mehr zu tun, was Mutter zu meinem Bedauern sofort akzeptierte. Danach hörte ich sie nur noch an Weihnachten singen, oder wenn sie glaubte, alleine im Haus zu sein. Mutter war für die pünktlichen Mahlzeiten...




