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Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Lübbe
Matthes Vom Glück und den Tagen dazwischen
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-6101-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-6101-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nach zahlreichen gescheiterten Liebesbeziehungen beschließt Emmi mit Ende 30 die Suche nach dem perfekten Mann ein für alle Mal zu beenden und alleine glücklich zu werden. Trotzdem (oder gerade deswegen) schmuggelt sie sich auf der Hochzeit ihres Ex-Freundes ein - mit ungeahnten Folgen. Um sich von den Ereignissen abzulenken und einem drohenden Urlaub mit ihren Eltern zu entkommen, begibt sie sich kurzerhand mit vier sehr ungleichen Frauen auf eine spontane Fahrt ins Ungewisse ...
Frida Matthes arbeitete viele Jahre für Funk und Fernsehen. Nach hunderten Reportagen über Fabergé-Eier, essbare Algen, Hundeernährungsberatung, Kinderfußball, Höhlenkäse und andere seltsame Phänomene fühlte sie sich gut gerüstet für die fiktive Welt des Schreibens. Mittlerweile hat sie unter verschiedenen Pseudonymen etliche Romane, Jugend- und Sachbücher veröffentlicht - und dabei Platz 1 der SPIEGEL-Bestsellerliste erobert. Frida Matthes lebt mit ihrer Familie in Köln.
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Und so mache ich es jetzt offiziell: Ich sage dem Singleleben Adieu! Einem Single fehlt nämlich etwas, und mir fehlt jetzt offiziell nichts mehr. Ab heute führe ich eine voll funktionierende Individualpartnerschaft mit mir selbst. Ha! Ich überlege, ob ich meine Eltern anrufen soll, um ihnen die tolle Neuigkeit sofort mitzuteilen. Ja, Doris und Heinz, eure Tochter ist nicht mehr die bedauernswerte Achtunddreißigjährige, die händeringend nach einem Kerl sucht. Eure Tochter ist alleinige Geschäftsführerin ihres erfolgreichen und erfüllten Lebens. Ist das nicht toll?
Ich greife schon zum Telefon, dann zögere ich, denn ich male mir aus, wie toll meine Eltern das finden würden. Seitdem ich mit Bruno, dem Sohn der Postbeamtin, Schluss gemacht habe, wittern sie nämlich hinter allem, was mit meiner Lebensgestaltung zu tun hat, ein psychisches Problem. Wie Bindungsstörungen. Oder Feminismus. Eine Zeit lang haben sie mich auch vermeintlich subtil ausgefragt über die enge Beziehung zu meiner besten Freundin Kim, als ob sie da des Pudels Kern vermuteten, wobei sie selbstverständlich das Wort lesbisch nie in den Mund nahmen. Kim würde ich ja gerne anrufen, um ihr die großartigen Neuigkeiten zu überbringen, aber die ist mal wieder auf einem ihrer monatelangen Rucksacktrips in Argentinien.
Dabei fällt mir mein eigener Urlaub ein, den ich in zwei Wochen antreten muss. O Schreck! Ich habe ihn in einer düsteren Stunde auf Anraten einer meiner Facebook-Singlegruppefreundinnen gebucht. Keine Ahnung, was ich mir dabei gedacht habe. Vermutlich gar nichts. Singles sind ja so leicht manipulierbar! Da reicht schon die dreiste Lüge »Da wirst du unter Garantie jemanden finden!«, und schon ist man gewillt, zweitausendsiebenhundert Euro zu latzen, um mit »Megastimmung« zehn Tage lang mit achthundert anderen Singles auf einem Kreuzfahrtschiff eingepfercht über das Mittelmeer zu schippern. Dabei hasse ich Bootsfahrten. Und Rafting, von dem der Reiseveranstalter hofft, dass man sich von Todesangst gepeinigt in schäumender Gischt das Jawort entgegenschleudert. Und Klettertouren in den Dolomiten – meine Güte, was habe ich letztes Jahr vor Höhenangst geschlottert! Und Städtereisen hasse ich auch, wenn ich sie mit einer heterogenen Singlegruppe machen muss. Wobei sich das heterogen darauf bezieht, dass die Verhaltensauffälligkeiten ungleichmäßig verteilt sind – es wimmelt nur so von Egomanen, Langweilern, Angebern, unerträglichen Schwatzbacken und anderen Soziallegasthenikern.
Aber jetzt ist Ende damit. Keine Singlereisen mehr für Emmi Pfeiffer. Ich bin ja so erleichtert! Endlich kann ich mal in meinem Urlaub machen, was ich will. Und ich habe sechs blitzeblanke Wochen vor mir! Ist das nicht wunderbar? Die richtige Gelegenheit, mir als Erstes ein cooles Hobby zuzulegen. Gin zum Beispiel. Ist ja so was von angesagt! Und ein perfektes Smalltalkthema, mit dem man sich wunderbar profilieren kann. Man lehnt sich an die Bar und entlarvt jeden, der nur Bombay Sapphire und Beefeater kennt, als Amateur, während man selbst über kleine Westerwälder Destillerien und ihre Ginkreationen palavern kann, als hätte man Wacholder im Blut. Und wenn die Männer einem dann begehrliche Blicke zuwerfen, dann sagt man einfach: »Bedaure, Babe. Ich fall nicht mehr drauf rein.«
Ja, sehr schön, Gin! Tolle Idee. Ich krame also die Flasche Gin raus, die ich noch irgendwo rumstehen habe, aber es ist nur eine enttäuschende Marke namens Gordon’s Dry, und die sieht kein bisschen elitär aus. Vielleicht sollte ich auch erst mal was essen, bevor ich anfange, meinem neuen Hobby nachzugehen. Doch mein Kühlschrank ist nur von außen reichlich dekoriert mit Postkarten und Fotos, innen ist er erschreckend leer. Es gibt noch ein Stück Holländer Käse und ein Glas Gewürzgurken, bei dem das Wasser noch nicht ganz trüb geworden ist. Na gut. Besser als nichts.
Ich schneide mir eine Scheibe Käse ab, belege sie mit Gurkenscheiben und setze mich kauend an den Computer, um die blöde Reise zu stornieren. Dann ändere ich bei Facebook meinen Status in »In einer Beziehung« und schreibe meiner Singlegruppe einen Abschiedsbrief. Die sollen ruhig wissen, dass ich nicht mehr dabei bin, wenn sie sich gegenseitig ihr Leid über ihre missglückten Rendezvous klagen. Oh, meine »Freundin« Ines hat ein Foto von sich gepostet, mit neuer Frisur. Schwarz. Fransig. Grauenhaft. Da hilft auch nicht die Selfieperspektive von oben, die so schöne schmale Wangenknochen macht. Allein diese fahle Gesichtsfarbe! Mein Gott, die Arme. Das Singleleben rüttelt sichtlich an ihr. Ich klicke schnell auf Gefällt mir und schließe die Seite.
Was nun? Mein Blick fällt auf meinen Balkon. Die Sonne prasselt voll darauf, sieht richtig verlockend aus. Wenn nur sie nicht wäre! Meine fiese Untermieterin. Sie hockt in ihrem gigantischen Netz und tut so, als wäre sie da draußen zu Hause. Weswegen ich den Balkon dieses Jahr noch gar nicht benutzt habe. Ich hatte immer gedacht, mein neuer Freund – oder jedenfalls irgendeiner der Kerle, die ich abschleppe – würde der Spinne heldenhaft den Kampf ansagen und für mich den Balkon zurückerobern. Aber Pustekuchen! Simon hat rundweg heraus gesagt, dass er alles wegmachen würde – Unkraut, Altglas, Kalkflecken, kein Thema –, nur Spinnen? Auf keinen Fall. Und das sind schon Momente, in denen man sich fragt, was die Evolution eigentlich den lieben langen Tag so treibt. Ich meine, gut, Männer müssen heute nicht mehr dem Wollnashorn nachjagen, aber einer kleinen Spinne könnten sie doch wohl auch in digitalen Zeiten gegenübertreten. Aber vermutlich müsste dazu erst irgendeine Blitzbirne eine App programmieren, die den Herren die Schöpfung erklärt.
Also gut, denke ich grimmig. Als alleinige Geschäftsführerin meines Lebens muss ich das in den Griff kriegen. Mit dem richtigen Equipment ist es ja auch kein Problem. Ich nehme mir Gummihandschuhe und ziehe sie bis zum Ellenbogen hoch. Schnappe mir einen feuchten Lappen und zur Sicherheit auch noch einen Besen.
»So, Spinne«, verkünde ich, als ich die Balkontür aufstoße. »Deine Aufenthaltsgenehmigung ist abgelaufen!« Ich halte den Besen mit gestrecktem Arm so weit es geht von mir weg und ratsche energisch durch das silbrige Netz. Die Spinne, überrascht von der Attacke, schwingt auf den bebenden Fäden, springt auf den verstaubten Balkontisch und fängt an zu rennen, nur leider in die falsche Richtung, nämlich direkt auf mich zu. Ich hole mit dem feuchten Lappen aus und schleudere ihn dem achtbeinigen Monster entgegen, aber wegen der Gummihandschuhe habe ich keinen richtigen Griff, und der Lappen flutscht mir aus der Hand. Er segelt mitsamt der Spinne über das Balkongeländer. »Tschüssikowski«, rufe ich ihr hinterher, triumphbeseelt und angefeuert von dem Adrenalin, das durch meine Adern pumpt.
Dann schaue ich über das Balkongeländer. Da hängt der Lappen. Quietschorange. Mitten auf den Geranien meiner Vermieter, die unter mir wohnen. Ups. Das wird ihnen nicht gefallen. Lore und Herbert Meurers Hobby ist Akkuranz. Akkuratesse? Akkuratheit? Egal. Sie haben es jedenfalls gerne genau. Und sauber. Auch in ihrem Garten, der aussieht wie mit der Nagelschere bearbeitet. Buchsbäume en masse, fein säuberlich in Form gehalten. Ein Jägerzaun! Ja, so was gibt es noch. Und dann sind da die Rosen, die Lore Meurer mit zusammengekniffenem Mund und eckigen Bewegungen regelmäßig beschneidet und die sie alle beschriftet hat. Unten in jedem Beet steckt ein kleines Schild mit der genauen Bezeichnung – Abigaile und Bouquet d’Or und Snow Ballet. Hat sie mir schon mal vorgeführt, mit sichtlichem Besitzerstolz. Für einen Moment hat sie sogar ihre Sprödigkeit abgelegt, ihre blauen Augen haben richtig geleuchtet. Und ihre Geranien hegt und pflegt sie auch, sie knipst ständig verblühte Blüten ab. Wem’s hilft!
Aber die Meurers sind eigentlich ganz okay. Für Leute über sechzig. Denn immerhin haben sie mir ihre Zweizimmerwohnung mit Balkon vermietet. Als ich bei ihnen war zur Mietvertragsunterzeichnung, gab es Kaffee, den Lore Meurer aus einer altmodischen Kanne in die altmodischen Tassen schenkte, und einen Teller mit einer Plätzchenvariation, die Herbert Meurer in sich hineinschlang, nicht ohne mir mit verschmitztem Lächeln etliche Kipferl und Bärentatzen aufzudrängen. Dazu versuchte er, mich zum Lachen zu bringen mit Wortverdrehungen wie: »Das ist das hüpfende Komma … äh, der springende Punkt.« Ich kam mir vor wie in einem der Heinz-Erhardt-Filme, die meine Eltern so gerne sehen (die einzige Gelegenheit, zu der sie so was wie Humor auspacken).
Meine Vermieter kann man also durchaus als seltsam beschreiben, weil sie einerseits eine altertümliche Rollenverteilung pflegen, sich andererseits aber nicht an meiner Rollenverteilung stören. (Da ich ja alleinige Hauptdarstellerin in meinem Leben bin, hat die Besetzung der Nebendarsteller in der Vergangenheit einige Male gewechselt – du meine Güte, mein Leben ähnelt wirklich dem Durcheinander einer griechischen Tragödie!) Auch grüßen sie immer höflich meine Studienobjekte im Treppenhaus und verlieren nie ein Wort darüber. Nur wenn ich aus Versehen vergesse, meinen Treppenabschnitt zu putzen, gibt es eine freundliche Erinnerung an die Hausordnung. Und jetzt habe ich die von ihnen so geliebte Ordnung auf ihrer Terrasse attackiert! Hoffentlich haben sie noch nichts bemerkt.
Ich beuge mich ein wenig weiter über das Geländer, um zu checken, ob die Luft rein ist. Und was sehe ich da? Da steht Lore Meurer in ihrer fliederfarbenen Strickjacke am Rand der Terrasse, die Hände auf das Mäuerchen gestützt, das sie zum Garten hin abgrenzt. Sie...




