E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Matthews Der Himmel über Alaska
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-604-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-96655-604-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Patricia Matthews (1927-2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen - so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet. Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Das Lied des roten Landes«, »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«. Die Virginia-Love-Saga ist auch in dem Sammelband »Malvern Hall« erhältlich.
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Kapitel 1
Man schrieb das Jahr 1898. Aber als Belinda Lee vom Schiffsdeck aus landeinwärts blickte, schien es ihr hundert Jahre früher zu sein. Berge umsäumten den schmalen Hafen von Dyea. Er war überfüllt mit jeder Art von Schiffen. Manche von ihnen wirkten so alt und verrottet, daß Belinda sich fragte, wie sie überhaupt die Fahrt hierher überstanden hatten. Vor den Schiffen lag ein kleiner, schlammbedeckter Kai, auf dem Männer arbeiteten. Sie wirkten in der schweren Winterkleidung wie große Bären, die Ausrüstungen und Vorräte wegschleppten.
Am Klondike war Gold entdeckt worden, der Ansturm setzte ein und brachte Tausende von Goldsuchern in diesen kleinen Hafen. Hier begann der mühsame Marsch über den Chilkoot-Paß nach Kanada und zu den Goldfeldern am Klondike.
Belinda fröstelte und zog die Hände bis unter die Ärmel zurück. Es war eiskalt. Das Gebirge war tief verschneit, obwohl bereits der April begonnen hatte. Seit der Abreise von Seattle bezweifelte Belinda zum erstenmal, ob es eine kluge Entscheidung war, diese Tour zu unternehmen.
Schon an Bord wurde viel über die Schwierigkeiten der Landung in Dyea geredet. So schlimm allerdings hatte es sich Belinda nicht vorgestellt. Zwar besaß das Schiff verschiedene Landungsboote, aber es waren ziemlich morsche Kähne. Außerdem enthielt die Passage nicht die Landungskosten. Jeder Passagier mußte das für sich selbst regeln.
Belinda wandte sich zu ihrer Schwester Annabelle, die neben ihr stand, Wangen und Nase unter der dunklen Pelzhaube stark gerötet. Annabelle blickte sich verächtlich um, und Belinda seufzte leise auf. Immer wieder fragte sie sich, was sie wohl veranlaßt hatte, sich dem Drängen ihrer Schwester zu fügen und sich von ihr auf dieser für ihr Leben so wichtigen Reise begleiten zu lassen.
Das hier war gewiß keine Gegend für Annabelle mit ihren dunklen, kunstvoll arrangierten Locken, ihren Stiefmütterchenaugen und dem ewigen Schmollmund. Annabelle gehörte einfach nach New York, wo sie mit ihren Beaus tanzen und Theater und Luxusrestaurants besuchen konnte. Sie brauchte die ständige Bewunderung ihrer meist männlichen Bekannten. Warum hatte sie nur darauf gedrängt, diese Reise mitzumachen?
Ringsum wuchs der Lärm, während das Schiff entladen wurde. Die Männer rannten hin und her, schrien, fluchten und schleppten ihre Ausrüstung von Bord. Alles schien vor Aufregung nur so zu beben, aber seltsamerweise empfand Belinda nichts davon.
Es gab nur wenige Frauen hier. Man hatte Belinda zuvor gewarnt, daß es für eine Frau nicht einfach sein würde, hier zu leben. Aber sie war entschlossen, nicht aufzugeben.
Schon wollte sie ein Gespräch mit Annabelle beginnen, aber dann zögerte sie, als sie das schöne und dennoch ständig gereizt wirkende Gesicht ihrer Schwester sah. Einen Augenblick lang überlegte Belinda, was für einen Eindruck wohl ihre Schwester von ihr selbst hatte.
Fand Annabelle sie attraktiv? In Gedanken stellte Belinda sich ihr Gesicht vor. Sie hatte ein stärker ausgeprägtes Kinn als Annabelle, ihre Nase war nicht ständig gerümpft, und ihre Augen waren grau und nicht blau. Sie besaß auch keine so volle Unterlippe, die ihrer Schwester diesen ständig schmollenden Ausdruck verlieh.
Wenn man es genau besah, war Annabelle schöner als sie. Aber Belinda hatte mehr Entschlußkraft und einen eisernen Willen. Wenn sie sich ihre Schwester jetzt so von der Seite betrachtete, ahnte sie schon, daß es gewiß ein Fehler gewesen war, sie in dieses wilde Land mitzunehmen.
Belinda hielt ihr Fernglas vor die Augen und betrachtete den Landungskai. Kleine, untersetzte Männer schleppten ständig irgendwelche Lasten hin und her. Sie mußten zu den hier lebenden Indianern, den Chilkats, gehören. Diese Männer wurden angeworben, um Frachten über den Chilkoot-Paß zu transportieren. Bei dieser Arbeit sollten sie unglaubliche Kräfte zeigen.
Jetzt berührte Belinda den Arm ihrer Schwester. »Wir sollten uns um unsere Ausrüstung kümmern. Hoffentlich bekommen wir Hilfe. Vor der nächsten Flut muß das Schiff entladen sein.«
Annabelle lächelte strahlend. »Oh, man wird uns schon helfen. Ich habe bereits mehrere junge Männer darum gebeten.«
Bei diesen Worten wirkte sie so selbstzufrieden, daß Belinda ihre Schwester am liebsten wegen ihres so flatterhaften Wesens ausgescholten hätte. Aber Belinda unterdrückte ihren Zorn und meinte lediglich etwas sarkastisch: »Wie reizend! Wie können wir es ihnen jemals danken?«
Annabelle warf ihr zwar einen scharfen Blick zu, verzichtete aber auf eine Antwort. Dann folgte sie Belinda zu den ordentlich an der Reling aufgestapelten Reisekoffern und Kisten. Die Leinwandhüllen wurden bereits von zwei jungen Männern abgestreift. Beide tippten grüßend an ihre Hutkrempen, als die zwei Mädchen herantraten.
»O Ned!« rief Annabelle fröhlich. »Und auch Freddy! Wie nett, daß Sie beide uns helfen. Allein hätten wir das sicher nicht geschafft.«
Belinda biß die Zähne zusammen. Natürlich stimmte es – allein konnten sie ihr Gepäck nicht von Bord bringen. Aber es widerstrebte einfach ihrer Anschauung, sich männliche Unterstützung mit flatternden Wimpern und schwingenden Hüften zu besorgen. Was waren diese Männer doch für Narren! Ein hübsches Gesicht schenkte ihnen ein Lächeln, und schon überschlugen sie sich vor Eifer. Als Freddy, der kleinere der Männer, eine Kiste anheben wollte, wäre sie ihm fast aus den Händen gerutscht. Belinda rief: »Ganz vorsichtig, bitte! Da drin ist meine Ausrüstung. Sie ist unersetzlich.«
Freddy errötete und packte die Kiste nun mit sicherem Griff. »Verzeihung, Miß! Jetzt halte ich sie ganz fest.«
Belinda seufzte erleichtert auf, und ihr Atem stand wie eine Wolke in der frostigen Luft. Der Grayflex-Fotoapparat befand sich in ihrem Handkoffer. Er hatte ein kleines Vermögen gekostet. Die restliche Kameraausrüstung und Filmplatten steckten in der Kiste, alles äußerst zerbrechliche Gegenstände. Sie wußte, wie schwierig es in diesem Klima hier sein würde, belichtete Platten zu entwickeln. Daher hatte sie sich zusätzlich diese neue Kamera gekauft, mit der man leichter umgehen konnte.
Ned und Freddy wurden nun von zwei weiteren jungen Männern unterstützt, die den beiden Mädchen zunickten und danach ihr eigenes Gepäck in den Kahn luden. Belinda hatte jeden Koffer und jede Kiste mit den großen Buchstaben LEE beschriftet. Trotz ihres heftigen Einspruchs hatte Annabelle zwei Reisekisten voller Kleider mitgenommen.
Endlich war alles im Kahn verstaut, und Belindas Mut wuchs. Die Schwierigkeiten beim Ausladen waren bewältigt, also mußte sich auch der Transport schaffen lassen. Sie landeten mit dem Boot unmittelbar am Ufer und nicht am Landungssteg. Belinda sprang hinaus und versank sofort bis zu den Knöcheln im Schlamm. In diesem Augenblick sah sie einen Rollwagen, der von zwei müden Gäulen gezogen wurde. Der Besitzer unterhielt sich mit einem breitschultrigen Mann in einem schweren Pelzparka. Beide Männer gestikulierten heftig, und Belinda nahm an, daß sie sich über den Fuhrlohn stritten.
Sofort faßte sie einen Entschluß und lief zu den Männern hin. »Entschuldigen Sie«, sagte sie zu dem Besitzer der Karre. »Was dieser Mann Ihnen auch anbieten mag – ich bezahle mehr!«
Jetzt erst betrachtete sie den anderen Mann im Pelzparka genauer. Er war älter als sie, aber immer noch verhältnismäßig jung. Seine Gestalt wirkte groß und wuchtig, sein Gesicht war glattrasiert, besaß eine kühngeschwungene Nase und seltsam stahlblaue Augen.
Etwas verwirrt wich Belinda seinem Blick aus. »Tut mir leid«, meinte sie dann nachgiebig, »aber es ist wichtig, daß mein Gepäck sicher abtransportiert wird.«
Der Mann lachte heiser. »In der Lage befinden sich nur Sie allein, was? Zum Teufel, was denken Sie, warum ich hier bin? Ist meine Ausrüstung etwa weniger wert als die Ihre?«
Natürlich hatte der Fremde recht. Belinda fiel es schwer, sich unhöflich zu benehmen, aber hier in dieser Lage blieb ihr keine andere Wahl. »Tut mir leid«, entgegnete sie und wandte sich dann an den Wagenbesitzer. »Nun, Sir?«
Der Mann kratzte sich am Kopf. »Der Transportpreis beträgt zwanzig Dollar in der Stunde – und zwar, bevor die Flut einsetzt. Wenn jedoch dieser Bursche hier mit mir noch länger herumfeilscht, beginnt die Flut, und der Preis steigt auf fünfzig in der Stunde.«
»Ich bezahle Ihnen dreißig Dollar in der Stunde«, erklärte Belinda mutig. »Aber Sie müssen gleich losfahren.«
»Der Handel ist abgeschlossen, kleine Lady. Wo liegt Ihr Zeug?«
Belinda drehte sich um und zeigte zu Annabelle, die neben ihrer Ausrüstung stand. Freddy trug soeben die letzte Kiste an Land. So setzte sich Belinda auf den Sitz neben den Fahrer und warf ihrem Opfer – anders konnte sie den Mann nicht bezeichnen – noch einen Blick zu.
Zwar wirkte sein Gesicht verärgert, aber seine Augen betrachteten sie dennoch belustigt. Warum wohl? Nun, das war jetzt gleichgültig. Und schon wurden die Gepäckstücke mit Hilfe von Annabelles ›Freunden‹ auf den Karren geladen. Danach wurde Segeltuch darübergezogen, und der Wagen transportierte alles etwa eine Viertelmeile landeinwärts, wo man sich außerhalb der Flutlinie befand.
Ein eiskalter Wind umfauchte sie. Überall türmten sich Vorräte und warteten auf die Kontrolle. Die kanadische Regierung verlangte nämlich, daß jeder, der sich zu den Goldfeldern wagte, wenigstens Vorräte für ein Jahr bei sich führte.
Ned und Freddy errichteten ein Zelt. Natürlich protestierte Annabelle dagegen zu übernachten. Aber Belinda erklärte ihr: »Ich beabsichtige nicht, unsere Ausrüstung dem Zugriff von Dieben zu überlassen. Selbst wenn ich mir einen Wächter nehme –...




