E-Book, Deutsch, 303 Seiten
Matthews Der Stern von Mexiko
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-603-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 303 Seiten
ISBN: 978-3-96655-603-3
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Patricia Matthews (1927-2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen - so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet. Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Das Lied des roten Landes«, »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«. Die Virginia-Love-Saga ist auch in dem Sammelband »Malvern Hall« erhältlich.
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Kapitel 1
Die Hitze war erdrückend, und die Luftfeuchtigkeit legte sich wie ein dampfendes Tuch um den Körper. Man hatte das Gefühl, keinerlei Energie zu besitzen.
Meredith Longley lehnte sich in dem harten Ledersitz ihres Zugabteils zurück. Gleichgültig starrte sie durch das verschmutzte Fenster.
Das Rattern der Räder bildete eine monotone Begleitung zu ihren Gedanken. Mit jedem Geräusch entfernte sie sich weiter von ihrem Zuhause in Neu-England und drang weiter nach Mexiko vor, in ein gewagtes Unternehmen, das gewiß nicht leicht sein würde.
Im schwindenden Licht konnte sie durch das Fenster sehen, daß die dschungelähnliche Landschaft des östlichen Mexiko verschwand. Der Zug fuhr jetzt bergan, und je kurvenreicher die Strecke wurde, desto mehr verlangsamte er die Geschwindigkeit.
Draußen wurde es nun so dunkel, daß Meredith ihr eigenes Spiegelbild im Fenster sah: die schlanke Geistererscheinung eines Mädchens mit hochgetürmtem Haar. Ihre Augen wirkten nur wie dunkle Flecke. War sie eigentlich wirklich so häßlich?
Sie drehte den Docht der Öllampe auf dem Wandbrett neben ihr höher. Dann griff sie in ihre Handtasche und zog einen kleinen Spiegel hervor, um sich ihr Gesicht genauer zu betrachten.
Ja, das Gesicht war blaß; tiefe Schatten umgaben die braunen Augen. Das war verständlich. Sie waren in den vergangenen Wochen während der Krankheit ihres Vaters entstanden. Langsam würden sie nun wohl vergehen.
Meredith steckte den Spiegel schnell wieder fort, bevor sie die Tränen sehen konnte, die ihr in die Augen stiegen. Eigentlich war sie zornig auf sich selbst, weil sie bei dem Gedanken an Martin Longley stets tiefe Melancholie überkam. Konnte sie ihn denn niemals vergessen? Ständig hatte sie das Gefühl, er befände sich lebend neben ihr, und sie könnte Fragen stellen. Dann immer überkam es sie wie ein Schock, daß es ihn nicht mehr gab.
Jeder glaubte, er würde sie jetzt auf der archäologischen Expedition begleiten. Dieses Unternehmen hatte sie seit Monaten geplant und dabei gedacht, sie würden ihren Rivalen Heinrich Schliemann und seine Entdeckung von Troja, die erst vor drei Jahren, 1871, stattfand, übertrumpfen.
Merediths Fantasie hatte sich bei dem Gedanken an die Ruinenstadt im mexikanischen Dschungel entflammt. Hunderte von Jahren fand sie niemand, bis sie zufällig ein Mestize entdeckte. Um die alte Stadt wob sich die Legende, daß die spanischen Eroberer dort bereits den berühmten Schatz El Tesoro del Sol – den Schatz der Sonne – vermuteten.
Es sollte die berühmteste Ausgrabung ihres Vaters werden, mit der sein Name in die Geschichte eingehen mußte.
Als ob Papa so etwas gebraucht hätte, dachte Meredith. Überall war er bereits bekannt und genoß einen glänzenden Namen als Archäologe. Sein Platz an der Universität war gesichert; Studenten drängten sich in seine Vorlesungen. Meredith war darauf stolz, nicht nur seine Tochter sondern auch seine beste Studentin zu sein. Nun lebte Vater nicht mehr, und sie mußte die Reise ohne ihn unternehmen.
Nach dem Tode ihres Vaters hatte Meredith an diese Pläne gar nicht weiter gedacht. Dann jedoch wurde sie von ihrem Bruder Evan überzeugt, daß man es einfach zum Andenken ihres Vaters tun müßte. Wie konnte Meredith einen solchen Vorschlag ablehnen.
Die Longleys waren eine glückliche Familie gewesen, und beide Kinder nahmen lebhaften Anteil am Leben der Eltern. Allerdings war es Meredith, die das lebhafte Interesse der Eltern an der geschichtlichen Vergangenheit geerbt hatte.
Meredith war erst zwölf und ihr Bruder Evan zwanzig, als die Mutter an einer Lungenentzündung starb, und Meredith fühlte sich dafür verantwortlich, diese Stelle auszufüllen. Es ergab sich von selbst, daß Meredith den Platz ihrer Mutter einnahm und rechte Hand und Gehilfin ihres Vaters wurde.
Vor einem Monat nun war ihr Vater im Alter von zweiundsiebzig so plötzlich verstorben, daß sie es kaum fassen konnte. Um diese Zeit schlug Evan vor, sie sollten die Wünsche ihres Vaters erfüllen und die Stadt im Dschungel ausgraben. Nun also befanden sie sich hier in dem ratternden, unglaublich schmutzigen Zug auf der Reise nach Mexico City. Dort sollten sie Dr. Ricardo Villalobos, einen Professor der Geschichte an der Universität von Mexiko, treffen.
Merediths Vater und Dr. Villalobos waren seit einigen Jahren befreundet gewesen, und Dr. Longley zeigte große Achtung vor dem Wissen des jüngeren Mannes. In Mexiko war die Revolution immer noch nicht ganz beendet, und so hielten es die Longley-Geschwister für besser, ein Mitglied der Universität auf ihrer Expedition bei sich zu haben. Villalobos hatte ihnen auch bereits die erforderlichen Papiere und Genehmigungen für das Unternehmen beschafft …
Merediths Gedanken wurden durch ein lautes Rattern an der Tür ihres Abteils unterbrochen. Sie flog auf, und im flakkernden Licht der Gangbeleuchtung erschien der blonde Kopf ihres Bruders.
»Aber Meredith! Warum sitzt du hier immer noch herum? In wenigen Minuten werde ich mit Harris das Abendessen einnehmen. Willst du uns nicht Gesellschaft leisten?«
Meredith nickte. »Ich möchte mich nur vorher etwas frisch machen.«
»Na sicher!« Evan zog den Kopf zurück und schloß die Tür.
Stets verwunderten Meredith die Gefühle, die sie gegenüber ihrem Bruder empfand. Dabei verwirrte sie die Tatsache, daß sie sich nicht ganz sicher war, ob sie ihn wirklich mochte. Sehr eng befreundet waren sie nie gewesen; vielleicht lag das natürlich an dem Altersunterschied. Aber es mußte auch noch etwas anderes sein. Evan erschien stets so ernsthaft und geschäftig, daß es Meredith schwerfiel, sich mit ihrem Bruder zu verstehen. Sie benötigte lange Zeit, bis ihr klar wurde, daß er auch nicht den geringsten Sinn für Humor besaß. Wenn Meredith sich an ihre stets fröhlichen Eltern erinnerte, erschien ihr das schon seltsam. Auch womit Evan seinen Lebensunterhalt bestritt, konnte sie nicht genau ergründen. Ihr schien es so, als hätte er etwas mit Kapitalanlagen zu tun.
Nun jedoch ermahnte sich Meredith, daß sie mit ihm gemeinsam zu arbeiten hatte. Allerdings würde es niemals so ein gemeinsames Verhältnis wie mit ihrem Vater geben, dessen Wissen sie immer bewundert hatte. Über Evans Archäologie-Kenntnisse wußte Meredith überhaupt nichts.
Meredith beendet ihre kurze Toilette, begab sich auf den schmalen Gang hinaus und ging zum Speisewagen. Obwohl die Eisenbahnlinie von Vera Cruz nach Mexico City erst kürzlich erbaut worden war, befanden sich die Waggons des Zuges in einem völlig veralteten Zustand.
Evans Abteil war das vorletzte im Waggon. Meredith überlegte, ob sie im Vorübergehen an seine Tür klopfen sollte. So blieb sie plötzlich stehen und hob bereits die Hand, als sie jemand von hinten anlief. Fast wäre sie hingefallen. Aber schon fingen sie starke Arme auf, und sie spürte, wie sie gegen das Leinenjackett eines Mannes gedrückt wurde.
»Ich bitte um Entschuldigung, Madam«, sagte eine tiefe Stimme neben ihr. »Umwerfen wollte ich Sie wirklich nicht.«
Aufgeregt zuckte Meredith zurück. Sie verspürte den Duft von Tabak und Rum. Als sie nun aufblickte, sah sie ein breites sonnengebräuntes Gesicht, das in seiner Strenge fast ein wenig furchterregend war.
Nur zögernd zog der Mann seine Arme zurück und gab sie frei. Da durchfuhr der Zug eine Kurve, und sie wurde wieder gegen seine Brust geschleudert. Er lachte leicht, und Meredith empfand seine Selbstsicherheit eigentlich recht übertrieben.
Seine Augen waren strahlend blau, wie sie noch niemals welche gesehen hatte. Er trug einen weißen Leinenanzug, eine schmale schwarze Krawatte, einen weißen Pflanzerhut und halbhohe Cowboy-Stiefel.
Wieder lehnte sich Meredith zurück und tastete mit einer Hand nach ihrem Haar. Auch der Mann trat jetzt zur Seite. Seine Jacke öffnete sich, und Meredith sah in seinem Gürtel einen Revolver mit Perlmuttgriff. Nur mühsam unterdrückte sie ein erschrecktes Aufkeuchen. Sie wußte wohl, daß in diesem ständig von Revolutionen heimgesuchten Land Männer oft bewaffnet waren. Aber der Anblick eines Revolvers erschreckte sie doch. Dann bemerkte sie, wie der Mann sie bewundernd und kühn anstarrte.
»Na«, meinte er dann, »Sie sind ja wohl die hübscheste Lady, die mir seit langem in die Arme gefallen ist.« Seiner Sprache merkte man an, daß er aus Texas stammte.
Meredith verzog die Lippen. Das war ja wirklich ein unerträglicher Kerl. »Wenn ich mich recht entsinne, liefen Sie gegen mich, mein Herr! Und wenn Sie nun freundlicherweise weitergehen würden, käme ich ohne Schwierigkeiten weiter über den Gang, sobald Sie mir nicht mehr im Wege stehen.« Meredith wußte, daß ihr Ton scharf klang, aber seine Dünkelhaftigkeit verärgerte sie.
Er hob eine breite schwarze Augenbraue und lächelte höhnisch. »Natürlich haben Sie recht, Madam. Ich muß mich für meine Tolpatschigkeit entschuldigen.«
Meredith warf ihm mit halbgeschlossenen Lidern einen verärgerten Blick zu. Wollte er sie auch noch verspotten? Dieser unverschämte Mann!
Bevor Meredith noch eine passende Antwort fand, öffnete sich die Abteiltür neben der von Evan, und eine Frau in blaßgelbem Kleid erschien.
Beim Anblick des Mannes wurden ihre dunklen Augen groß. »Coop! Ich fragte mich schon, wo du wohl bleibst!«
»Gerade wollte ich dich holen, Rena.« Dabei warf er Meredith erneut einen Blick zu und grinste. »Aber ich stolperte über eine leichte Verzögerung. Oh … entschuldigen Sie meine schlechten Sitten, Madam. Diese liebliche Lady ist Rena Voltan, und ich heiße Cooper Mayo.«
»Ich bin Meredith Longley«, erklärte Meredith zurückhaltend und fragte sich gleichzeitig, warum sie diesem ungehobelten...




