E-Book, Deutsch, 333 Seiten
Matthews Der Wind in den Zypressen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-605-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 333 Seiten
ISBN: 978-3-96655-605-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Patricia Matthews (1927-2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen - so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet. Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Das Lied des roten Landes«, »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«. Die Virginia-Love-Saga ist auch in dem Sammelband »Malvern Hall« erhältlich.
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Kapitel 1
Die Märzsonne stand blaß am Himmel. Ein kalter Wind ließ die Kleidung der Zuschauer flattern und rötete ihnen die Wangen. Aber selbst dieser kühle Nachmittag in Illinois dämpfte nicht die gute Stimmung der Besucher. Begeisterte Rufe begleiteten die Pferde auf der Rennbahn.
Einige Zuschauer hatten das Glück, alles von der Höhe ihrer Kutschen aus betrachten zu können; junge Männer und Kinder standen auf den Dächern nahe gelegener Schuppen. Die zweirädrigen Rennwagen donnerten über den Boden. Pferdehufe warfen Staubwolken hinter sich auf. Von den neun Teilnehmern trieb jetzt ein Fahrer in rotem Seidenanzug sein Sulky immer mehr zur Spitze.
Am Ziel stand Henry Hawkins und beobachtete das Rennen durch einen Feldstecher. Er war ein kleiner, drahtiger Mann von dreiundsechzig Jahren. Sein stahlgraues Haar schimmerte im Sonnenlicht. Alles an ihm wirkte entschlossen und kampfbereit wie bei einer Bulldogge.
»Schneller, Paddy Boy. Komm!« rief er jetzt. »Zeig ihnen, was du kannst!«
Jetzt erreichte das Pferd Paddy Boy die Spitze und ging mit einer Länge Vorsprung als Sieger durch das Ziel.
»Verdammt, du hast es geschafft!« schrie Henry Hawkins begeistert und sprang vor Freude hin und her. Diese Freudensprünge bedauerte er allerdings sofort. Ein scharfer Schmerz durchzuckte seine Hüfte und erinnerte ihn daran, daß er sich bei einem Unfall vor fünf Jahren den Gelenkknochen gebrochen hatte.
Der Fahrer des Sulkys lenkte sein Pferd jetzt nach links zu einem Zielpfahl und nahm eine dort hängende gelbe Handtasche mit dem Siegespreis an sich. Er warf sie Henry Hawkins zu und verließ dann die Rennbahn in Richtung auf die Stallungen.
Im Stall schirrte er Paddy Boy von dem Sulky ab, öffnete die Tür zu einer Box und führte das Tier hinein. Sorgfältig schloß er die Tür und ging zu einem großen Reisekoffer, der sich in einer Ecke befand. Er öffnete den Deckel und zog ein ordentlich zusammengefaltetes Frauenkleid hervor.
Nun streifte der Fahrer seine Rennkappe ab, und zum Vorschein kamen schulterlange schwarze Locken. Dann zog sie die Männerhosen und das verschwitzte rote Hemd aus. Anschließend mußte sie sich noch das Tuch abbinden, das sie sich um den Oberkörper gewunden hatte. Ihre kleinen, wohlgeformten Brüste erschienen jetzt, und sie streichelte darüber.
Diesen Teil ihrer Verkleidung haßte Rebecca Hawkins besonders. Es war nicht nur unbequem, es erschien ihr vielmehr auch als eine Verleumdung ihrer Weiblichkeit, die sich jetzt bei ihr immer stärker entwickelte.
Schnell zog sie sich nun ihren knöchellangen grünen Rock an und streifte ihre weiße Bluse über. Danach verschloß sie den Koffer wieder und wandte sich Paddy Boy zu. Rebecca rieb ihm das Fell ab und sprach mit liebevollen Worten auf ihn ein …
Am Schiedsrichtertisch der Rennstrecke sagte einer: »So schnell wie Paddy Boy ist in der Renngeschichte unseres Landes noch kein Pferd getrabt, Hawkins!«
»Wie war denn die Zeit?« erkundigte sich Hawkins.
»Zwei Minuten und zwei Sekunden«, erwiderte der Schiedsrichter.
»Na, das war ja gewiß nicht schlecht«, meinte Hawkins und rieb sich lächelnd die Hände.
»Entschuldigen Sie bitte, Mr. Hawkins«, erklang jetzt eine Stimme hinter ihm. »Ich bin Mr. Dennis von der Abendpost. Darf ich Ihnen für meine Zeitung einige Fragen stellen?«
Hawkins drehte sich herum und erblickte einen Mann mit einem schmalen Frettchengesicht. Stolz lächelnd erwiderte Hawkins: »Aber sicher.«
»War das Ihr erstes Wettrennen in Illinois?« erkundigte sich Dennis.
»Nein, nein, wir haben schon vier Rennen hier hinter uns. Und morgen nachmittag folgt ein weiteres.«
»Welche Erfolge hatten Sie?«
»Zwei Rennen gewannen wir«, erklärte Hawkins. »Wenn man das heutige dazurechnet, sind es drei.« Er grinste. »Aber hier machten wir unseren größten Gewinn!« Er schüttelte die gelbe Handtasche, daß die Goldmünzen klingelten.
Dennis blickte sich um. »Hoffentlich kommt Ihr Fahrer bald. Ich möchte nämlich eine Aufnahme von Ihnen beiden zusammen machen.«
Jetzt blickte Hawkins zur Seite. »Mein Fahrer ist sehr zurückhaltend. Er zieht es vor, nicht fotografiert zu werden. Außerdem beantwortet er kaum Fragen für Zeitungen.«
»Aber Sie werden doch wohl einen gewissen Einfluß auf ihn haben? Schließlich wird er doch von Ihnen beschäftigt.«
»Ja, das stimmt schon«, meinte Hawkins. »Aber über sein Privatleben will er nichts verlauten lassen. Verlieren möchte ich ihn auch nicht gern. Er ist der beste Sulkyfahrer, den ich jemals hatte.« Er lachte. »Schließlich kann ich ja selbst nicht mehr mitfahren.«
»Ja, Henry Hawkins! Natürlich!« rief Dennis plötzlich und schlug die Hände zusammen. »Das hätte mir auch schon eher auffallen müssen. Sie sind ja der berühmte Henry Hawkins!«
Nun mußte Hawkins grinsen. »Na ja, mag schon stimmen. Jedenfalls bin ich der einzige Henry Hawkins, den ich kenne.«
Das Gesicht des Zeitungsreporters Dennis rötete sich vor Eifer. »Ich weiß, was Sie meinen. Sie sind Henry Hawkins. Sie ritten auf dem englischen Lordderby in Epsom mit. Und Sie sind der einzige Amerikaner, der dort zwei Rennen gewann.«
»Einigen Erfolg hatte ich schon«, gab Hawkins bescheiden zu.
»Etwas verstehe ich allerdings nicht, Mr. Hawkins«, meinte nun Dennis. »Ein Mann Ihrer Qualität und mit solchem Ruhm macht hier so ein Rennen auf dem Land mit? Wie konnten Sie sich nur auf so was einlassen?«
Das Lächeln verschwand von Hawkins’ Gesicht und machte für einen Moment einem Ausdruck von Schmerz Platz. Dann beantwortete er die Frage von Dennis.
»Die Pferde ritt ich zwar, junger Mann«, erklärte er, »aber sie gehörten mir nicht. Ich hatte den Namen – jedoch nicht das Geld. Als ich nicht mehr reiten konnte, mußte ich mir einen anderen Lebensunterhalt suchen. Daher legte ich mir ein Sulky zu – gebraucht natürlich. Und auch ein Pferd, mit dem ich, obwohl es schon älter war, einige Rennen gewann. So verdiente ich mein Geld. Es handelte sich um einen guten Hengst. Er zeugte Paddy Boy, und der brachte mir noch größere Gewinne.«
»Ich muß mich entschuldigen«, sagte Dennis. »So neugierig durfte ich nicht sein.«
»Aber sicher müssen Sie das, Jungchen. Schließlich gehört es zu Ihrem Beruf.«
»Oh, da kommt mein Fotograf«, meinte der Zeitungsmann. »Sie erlauben uns doch sicher, von Ihnen ein Bild zu machen?«
Hawkins sah, wie der Fotograf sich näherte, und hinter ihm kam seine Enkelin Rebecca.
»Ich gestatte Ihnen, ein Bild zu machen. Aber meine Enkelin muß auch darauf erscheinen«, erwiderte Hawkins. »Ich weiß, daß Ihre Leser lieber das Bild eines hübschen jungen Mädchens sehen als so einen runzligen alten Knaben wie mich.«
Es stimmte schon – diese Rebecca Hawkins war schön. Ein schlankes Mädchen mittlerer Größe mit herrlich schwarzen Lokken, die ihr auf die Schultern fielen. Die Haut ihres Gesichtes wirkte wie Porzellan; lediglich die Wangen waren leicht gerötet. Ihre Augen besaßen eine ungewöhnliche Farbe. Ihr Großvater meinte immer, sie sähen aus wie funkelnder Sherry.
Und diese Augen strahlten jetzt. Rebeccas Zähne schimmerten, als sie ihrem Großvater ein triumphierendes Lächeln schenkte.
»Komm nur näher heran, Rebecca«, forderte Hawkins sie auf. »Unser Bild wird in der Lokalzeitung erscheinen. Findest du das nicht großartig? Kommt es heute schon in die Abendausgabe?« fragte er den Reporter.
»Leider wird das nicht möglich sein«, erwiderte Dennis. »Es dauert ja seine Zeit, bis wir das Klischee hergestellt haben. Jetzt bitte ganz ruhig stehen.«
Hawkins und Rebecca starrten auf die Kamera. Sie stand auf einem Dreifuß, und der Fotograf verschwand jetzt unter einem schwarzen Tuch. Dann ertönte ein lautes Klick; der Mann tauchte wieder unter dem Tuch auf, klappte das Stativ der Kamera zusammen und ging davon.
»Ich danke Ihnen für das Gespräch, Mr. Hawkins«, sagte Dennis. »Und für morgen nachmittag wünsche ich Ihnen viel Glück.«
»Sie sind als Zuschauer willkommen, junger Mann!«
Als Rebecca mit ihrem Großvater zu den Stallungen hinüberschlenderte, meinte sie: »Paddy Boy ist heute wirklich gut gelaufen. Er weiß das genau und benimmt sich eigensinnig.«
»Na so was!« meinte ihr Großvater. »Und damit steckt er auch unser anderes Pferd Black Prince an, was?«
Rebecca mußte lachen. »Nein, Black Prince ist zu vornehm, um sich von Paddy Boy anstecken zu lassen. Er benimmt sich wie immer. Als ich allerdings Paddy Boy als Belohnung Zucker gab, wurde Prince unruhig und wollte auch welchen.«
»Das hast du doch nicht etwa getan?« fragte Hawkins in scheltendem Ton.
»Aber, Großvater! Ich konnte ihn doch nicht zurückweisen.«
»Ach, Rebecca, du hast ein zu weiches Herz, um eine gute Trainerin zu sein. Black Prince muß lernen, daß er nur dann Zucker bekommt, wenn er ihn auch wirklich verdient hat.«
»Das halte ich für ungerecht, Großvater«, widersprach Rebecca. »Paddy Boy gewinnt ständig Rennen und erhält seine Belohnung, während Prince keine Chance dazu geboten wird.«
Henry Hawkins blinzelte ihr vertraulich zu. »Die bekommt er schon noch. Aber, Schätzchen, du kennst doch unsere Pläne.«
»Ich schon, Großvater. Aber auch unser Hengst Prince?«
»Black Prince wird der schnellste Renner von ganz Amerika. Aber wir dürfen ihn noch nicht laufen lassen. Wir halten ihn schön zurück. Wenn Colonel Clark sein Derby in Kentucky veranstaltet, lassen wir ihn los. Denn werden unsere ganzen Ersparnisse auf ihn verwettet. Nach dem Sieg besitzen wir dann genügend Geld, um uns die Farm zu kaufen, über die wir bereits sprachen...




