E-Book, Deutsch, 346 Seiten
Matthews Wo die Anemonen blühen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-96655-608-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 346 Seiten
ISBN: 978-3-96655-608-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Patricia Matthews (1927-2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen - so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet. Bei dotbooks erschienen Patricia Matthews Romane »Das Lied des roten Landes«, »Wenn die Magnolien blühen«, »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«. Die Virginia-Love-Saga ist auch in dem Sammelband »Malvern Hall« erhältlich.
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Kapitel 1
Die vom Wasser des angeschwollenen Eriekanals aufsteigende Luft war kalt und feucht; Catherine Carnahan schauderte und krümmte die Schultern unter der kurzen, abgetragenen Plaidjacke.
Mit der Dämmerung war der Nebel herbeigekrochen, und nun umgab er das Boot wie eine Schicht grauer Watte, so daß sie kaum ihre Hand auf der Ruderpinne sehen konnte. Der Treidelpfad war völlig verhüllt, nur das gedämpfte Klappern der Maultierhufe auf dem harten Boden und die Bewegung von ›Carnahan’s Cat‹ verrieten ihr, daß die Tiere und Timmie Watkins, der Mulitreiber, an der Arbeit waren.
Die Laternen am Bug konnte sie hier, von der Ruderpinne aus, nicht sehen. Es war nicht üblich, daß Kanalboote in einer so nebligen Nacht wie dieser ihre Fahrt fortsetzten. Aber es wäre tollkühn gewesen, hier im ›Side-Cut‹ anzulegen, denn es war ein wahrer Hexenkessel, was Verbrechen, Gewalttaten und Ausschweifungen betraf. Innerhalb eines Gebiets von der Größe zweier Häuserblocks gab es neunundzwanzig Saloons, die von Kriminellen aller Grade der Verkommenheit aufgesucht wurden. Es wurde behauptet, im Cut gäbe es pro Tag mehrere hundert Raufereien und Krawalle und allwöchentlich eine Leiche im Kanal; und obwohl die ›Kanaler‹ im allgemeinen in Ruhe gelassen wurden, gab es gelegentlich doch ausreichend Betrunkene oder Verrückte, die eines der langsam fahrenden Boote aufs Korn nahmen.
Cat murmelte einen Fluch vor sich hin. Wenn Mick nicht gewesen wäre, so hätte sie den Cut noch bei Tageslicht durchfahren und jetzt in der Nähe von Albany angelegt, um eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen. Sie, Cat, hätte ihren Vater besser im Auge behalten sollen. Seine Unruhe und Nervosität, die jeweils einer Sauftour voranzugehen pflegte, war ihr einfach entgangen.
Und deshalb war Mick vom Kai verschwunden, während sie und Timmie mit Verladearbeiten beschäftigt waren, und er war erst am frühen Morgen sinnlos betrunken zurückgekehrt. Das wäre an sich nicht weiter schlimm gewesen, aber nun mußte die verlorene Zeit wieder eingeholt werden, und das war der Grund, weshalb Cat nicht wagte, die Nacht über anzulegen. Sie mußten sich mit ihrer Ladung Mehl an den Termin halten, sonst mußten sie Buße zahlen.
Flüchtig überkam Cat Bitterkeit beim Gedanken an ihren Vater, der unten in seiner Koje schnarchte; aber da sie letztlich nicht der Typ war, der über verschüttete Milch Tränen vergoß, wandte sie wieder ihre gesamte Aufmerksamkeit dem Bemühen zu, mit den Augen den dichten Nebel zu durchdringen. Schließlich ging es ihr besser als dem armen Timmie, der die weite Strecke hinter den langsam trottenden Mulis hergehen mußte, denn in einer Nacht wie dieser konnte er nicht reiten.
Durch den Nebelvorhang hindurch drangen die blechernen Töne eines verstimmten Klaviers und rauhes, betrunkenes Gelächter zu ihr herüber. Cat schauderte erneut. Wenn einer der miesen Bewohner des Cut herausbekam, daß ›Carnahan’s Cat‹ vorüberfuhr, die nur von einem zweiundzwanzigjährigen Mädchen und einem neunzehnjährigen Mulitreiber in Gang gehalten wurde, so hätte er einer so leichten Beute vielleicht doch nicht widerstehen können.
Natürlich, wer die ›Cat‹ nicht kannte, konnte kaum bemerken, daß ein Mädchen an der Ruderpinne des Boots stand, denn Catherine trug Hosen, Stiefel und Plaidjacke, und ihr langes, gerades, braunes Haar war in die Wollmütze eines Mannes gestopft.
Nur eine nähere Betrachtung in gutem Licht hätte die zarten Züge einer Frau enthüllt. Sie hatte ein ziemlich schmales Gesicht mit lebhaften blauen Augen, einer kleinen Nase und einem großzügigen Mund. Immerhin, aus der Entfernung war das nicht ohne weiteres zu erkennen, denn Cat war ein großes, ziemlich breitschultriges Mädchen, dessen Schlaksigkeit in Männerkleidung den Eindruck knabenhafter Ungelenkheit erweckte.
Die anderen ›Kanaler‹, die sich im Gegensatz zu den üblichen Kanalschiffern so nannten, kannten sie zumeist seit ihrer Geburt und wußten natürlich auch, welchen Geschlechts sie war, aber sie waren durchweg verschlossene Iren, die selten mit den Leuten an Land sprachen, und selbst dann wären sie nie auf den Gedanken gekommen, Cat überhaupt zu erwähnen, denn sie waren in der Regel Menschen, die ein gewisses Maß an unkonventionellem Verhalten billigten und es als natürlich hinnahmen.
Trotz Kälte und Besorgnis merkte Cat, daß sie einzudösen begann. Sie hatte den Eindruck, sich gar nicht mehr daran erinnern zu können, wann sie das letztemal geschlafen hatte. Aber dann hörte sie ein Geräusch, das sie hellwach werden ließ – das Dröhnen einer Männerstimme und der Lärm einer Rauferei. Sehen konnte sie nichts.
»Timmie?« rief sie leise. Keine Antwort. War ihm etwas zugestoßen? »Timmie!« Diesmal war ihre Stimme lauter.
Die Fahrt des Bootes hatte sich verlangsamt, und gleich darauf stieß es gegen das Ufer; Timmie, ein kleiner, untersetzter Junge mit feuerrotem Haar, tauchte plötzlich aus dem Nebel auf.
»Da is, glaub’ ich, jemand überfallen worden, Miß Catherine. Ich hab’ bloß irgend’n Durcheinander sehen können. Ich glaub’, drei Kerle haben ’nen vierten vertrimmt.«
Cat zögerte. Sie empfand Mitgefühl für das Opfer, aber andererseits gab es jede Nacht so viele Opfer entlang dieses Teils des Kanals. Es war dumm von dem Mann, sich in diese Situation zu begeben, und es wäre von ihr ebenso dumm gewesen, ihm zu Hilfe zu eilen. Im Side-Cut konnte sie das teuer zu stehen kommen.
Mit einem Seufzer griff sie nach dem Colt im Holster, der neben der Ruderpinne hing. Sie haßte Schußwaffen, aber verbissen hatte sie sich dazu gezwungen, sich mit ihnen vertraut zu machen, denn die meisten der Halunken, die hier entlang des Kanals hausten, verstanden nichts anderes als Gewalt.
»Halte die Mulis an, Timmie«, sagte sie leise.
Dann kletterte sie hinaus auf den Treidelpfad.
Timmie starrte mit aufgerissenen Augen auf den Colt. »Miß Catherine, Sie werden doch nicht …«
»Es ist blöde von mir, ich weiß, aber ich kriege es einfach nicht fertig, irgendeinen armen Kerl zu Tode prügeln zu lassen, ohne wenigstens versucht zu haben, ihm zu helfen.«
»Dann komm’ ich mit Ihnen …«
»Nein«, sagte sie energisch. »Du bleibst bei den Mulis, sonst werden sie vielleicht von jemand gestohlen. Ich kann mit dem Ding hier umgehen.« Sie bewegte die Waffe in der Hand.
Während sie in Richtung des Lärms ging, spannte sie den Revolver. Ein Windstoß riß plötzlich eine Lücke in den Nebel, und sie sah vier Gestalten. Eine davon lag auf dem Boden, die drei anderen beugten sich über sie. Einer der Angreifer hielt einen kurzen Knüppel in den Händen, und während Cat zusah, fuhr er mit einem scheußlich dumpfen Laut auf den Liegenden hinab.
Cat nahm den Colt fest in beide Hände und hob ihn an. »Jetzt reicht’s, Gents«, sagte sie und zielte mit der Waffe auf den Mann, der ihr am nächsten stand.
Die drei erstarrten. Cat bewegte die Waffe. »Ich schlage vor, daß ihr drei ganz langsam zurückgeht und dann abhaut. Es sei denn, einer von euch möchte unbedingt ein Loch im Bauch haben.«
Die Männer starrten sie mit verschwommenen Blicken an. In ihrer Betrunkenheit wußten sie nicht recht, wie sie mit dieser neuen Entwicklung der Dinge fertig werden sollten. Dann sagte einer von ihnen verächtlich: »He, Kumpel, das is’ ja nur ’n junger Bursche.« Er trat einen Schritt auf Cat zu.
»Haut ab!« zischte sie. »Los, los!« Und um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schoß sie eine Kugel in den Boden zu Füßen der Männer.
Die drei begannen zurückzuweichen, bis sie schließlich vom Nebel aufgeschluckt worden waren. Dann hörte Cat, wie sie in Richtung des Cut davontrampelten.
Sie wartete einen Augenblick, um sich zu überzeugen, daß sie wirklich weg waren, dann näherte sie sich der auf dem Boden liegenden Gestalt und beugte sich über sie. Es handelte sich um einen jüngeren Mann – schätzungsweise anfangs Dreißig – aber sein Gesicht war zu zerschlagen und blutig, als daß sie sich da hätte sicher sein können.
Jedenfalls war er gut angezogen, und Cat schüttelte den Kopf. Dumm, einfach dumm. Jedermann wußte, daß gut betuchte Leute bei Dunkelheit im Side-Cut nichts zu suchen hatten. Was hatte er sich denn gedacht?
Sie fuhr herum, als sie Schritte hinter sich hörte, aber es war nur Timmie. Er war blaß. »Ich konnt’ nicht mehr länger warten, Miß Catherine. Ich dachte, Sie wären vielleicht …« Er brach ab, als er den Mann zu ihren Füßen sah. »Himmel, Miß Catherine! Der arme Kerl ist aber in ’nem traurigen Zustand.«
»Hilf mir, ihn auf die ›Cat‹ zu schaffen, bevor jemand kommt.«
»Aber Miß Catherine«, sagte er in zweifelndem Ton, »finden Sie das gescheit? Vielleicht sollten wir erst den Cap fragen …«
»Mein Vater ist zu betrunken, um wegen irgendwas gefragt zu werden«, sagte sie scharf. »Nun hilf schon.«
Der Mann auf dem Boden war groß und kräftig, aber es gelang ihnen schließlich, ihn an Bord zu bringen. Als sie ihn neben die Ruderpinne aufs Deck gelegt hatten, wandte sich Cat an Timmie. »Geh zu den Mulis zurück, Timmie, damit wir weiterkommen. Wir müssen schnell von hier weg, bevor ich mich um seine Verletzungen kümmern kann.«
›Schnell‹ war eine kühne Bezeichnung, denn das Beste, was aus einem Kanalboot herauszuholen war, waren zwischen drei und sechs Kilometer pro Stunde. Aber nach einer halben Stunde war Cat der Ansicht, daß sie sich weit genug vom Cut entfernt hatten, um am Ufer anlegen zu können.
Sie schleppten den Fremden nach unten und legten ihn auf die leere Koje in der Kabine ihres Vaters. Mick Carnahan schnarchte genußvoll auf seiner eigenen Koje. Cat schickte Timmie wieder nach...




