E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Mau / Lang Der große Umbruch
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3758-6
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Gespräch über Krisen, Konflikte und Kompromisse | Zwei der profiliertesten Stimmen unserer Zeit beleuchten brennende Fragen zu Gesellschaft und Politik
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8437-3758-6
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Steffen Mau, geboren 1968, ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2021 erhielt er den Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Seine Bücher Ungleich Vereint. Warum der Osten anders bleibt (2024) sowie die gemeinsam mit Thomas Lux und Linus Westheuser verfasste Studie Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft (2023) standen auf der Sachbuch-Bestenliste und auf Platz 1 der Spiegel -Bestsellerliste. Für Ungleich Vereint erhielt er den Bayrischen Buchpreis 2024.
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Prägungen
Frage: Ricarda, du bist in einem der wohlhabendsten Bundesländer groß geworden, in der Stadt Nürtingen, nicht weit von Stuttgart. Deine Familie war aber nicht ganz so wohlhabend. Wie würdest du deine Herkunftswelt, dein Aufwachsen beschreiben?
Lang: Nürtingen ist die Stadt, die von ihrem wahrscheinlich bekanntesten Kind, Harald Schmidt, einmal als der Ort bezeichnet wurde, wo Armsein bedeutet, dass man sich im Freibad nicht die dritte Capri-Sonne oder das dritte Calippo leisten kann. Ganz so rosig sind die Verhältnisse dort nicht, aber im Großen und Ganzen hatte ich eine behütete Kindheit. Ich habe mit meiner Mutter und mit meiner Großmutter zusammengelebt, wurde also sehr stark von zwei Frauen geprägt, die sehr unterschiedlich waren.
Meine Oma war Pfarrfrau und hat sich sehr über ihre Rolle in der Gemeinde definiert, aber auch über ihre Rolle als Mutter, als Großmutter, als Hausfrau. Daraus hat sie viel Stolz gezogen. Meine Mutter war Sozialarbeiterin, alleinerziehend. Beide standen für mich immer sehr dafür, in einer Welt, die es einem nicht nur einfach macht – gerade meiner Mutter nicht: mit 25 schwanger geworden, nie viel Geld gehabt –, einen eigenen Weg zu finden, sich nicht von außen definieren zu lassen, sondern sich selbst definieren zu können.
Ich habe meine Kindheit nicht in Armut verbracht. Wenn man über das Thema »Aufwachsen« spricht, erzählen viele Geschichten, die wie klingen – so war es bei mir nicht. Wir konnten vom Gehalt meiner Mama leben, aber natürlich nicht ständig in den Urlaub fahren. Und wenn eine große Anschaffung notwendig war, machte sich meine Mutter auch mal Sorgen, was das für die Zukunft bedeuten würde.
Auf meiner Schule gab es wenige Kinder, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dort habe ich das sehr wohlbehütete Nürtingen erlebt: wenige Alleinerziehende, in den meisten Familien eine klassische Aufteilung. Der Vater hatte einen guten Job, verdiente viel, die Mutter hat – wenn überhaupt – halbtags gearbeitet, war viel zu Hause. Schon im Kindergarten wurde man komisch angeguckt, wenn man nach 12 oder 13 Uhr noch da war. Vor allem meine Mutter wurde komisch angeguckt, ich selbst habe das ja damals noch gar nicht ganz verstanden.
Umso interessanter war dann die Erfahrung für mich, als ich mit 15 ein Austauschjahr in England gemacht habe.
Mau: Wo genau?
Lang: In Kidderminster war das, in der Nähe von Birmingham. Klassische ehemalige Industriestadt, sehr stark von der Deindustrialisierung betroffen, sehr viel Armut und Perspektivlosigkeit. Mir sind da zwei Dinge aufgefallen. Zum einen, was es für einen Unterschied macht – unabhängig vom eigenen Einkommen oder dem der Eltern –, wie die Infrastruktur vor Ort aussieht; ob man also in einer Stadt lebt, die von einem klammen kommunalen Haushalt geprägt ist, oder ob ins Freibad, ins Hallenbad investiert wird.
Zum anderen habe ich dort das erste Mal erlebt, dass Menschen sich über die sozialen und ökonomischen Verhältnisse definieren und Begriffe dafür haben. Also zum Beispiel »Klasse«. Jugendliche in meinem Alter haben dort gesagt: »We’re not going to go to that university, because we’re working class.« Den Begriff »Klasse« gab es für mich davor überhaupt nicht. In Kidderminster war er allen geläufig.
Mau: Das ist ja auch eine deutsche Nachkriegstradition gewesen, »Klasse« tendenziell abzulehnen und durch den harmonischeren Begriff »Schicht« zu ersetzen, weil der Begriff »Klasse« aus der Marx’schen Tradition kommt und eine bestimmte Vorstellung gesellschaftlicher Grundkonflikte damit verbunden wurde. Er wurde oft als Kampfbegriff verstanden. Aber in der angelsächsischen Welt ist »Klasse« der Standardbegriff, auch für das, was wir vielleicht soziale Schicht nennen würden. Da liegen schon Welten zwischen den Ländern. Allerdings gibt es im deutschen Kontext auch einen auf Max Weber zurückgehenden Klassenbegriff, der sich eher an Marktchancen und den Möglichkeiten der Einkommenserzielung orientiert. Inzwischen wird der Begriff der Klasse aber recht pragmatisch und ohne großen Theorieüberbau verwendet, um strukturierte Ungleichheiten zwischen Gruppen zu erfassen.
Lang: Nach meiner Erfahrung zielte der Begriff bei den Menschen in England gar nicht immer nur auf das Antagonistische, sondern war einfach Teil der Lebenswelt. Ich verstehe, dass es Kritik am Klassenbegriff gibt, weil er unsere ökonomische Welt an vielen Stellen unzulänglich beschreibt. Wenn man etwa von »Arbeitern« spricht, haben die meisten erst einmal einen Industriearbeiter mit Bauhelm vor Augen, nicht die vielen Menschen im Dienstleistungsbereich, die ja auch Arbeiter oder in den meisten Fällen Arbeiterinnen sind. Dennoch glaube ich, dass die Abwendung von solchen Begriffen bei uns dazu beigetragen hat, dass wir manche Probleme nicht in Angriff nehmen, weil schon die Begriffe fehlen, um sie zu fassen, zu begreifen und zum Ausgangspunkt für politisches Handeln zu machen. Das Fehlen von Begriffen führt zur Verschleierung und damit zur Nichtbehandlung.
Frage: Deine politische Karriere hat damit begonnen, dass du als 18-Jährige bei den Grünen eingetreten bist. Warum hast du dich gerade für diese Partei entschieden?
Lang: Ich würde vielleicht damit anfangen, dass ich während meiner Jugend gar nicht sonderlich politisch war. Deshalb fand ich es auch immer wahnsinnig faszinierend, wenn ich in den vergangenen Jahren 14-Jährige getroffen habe, die sich bei Fridays for Future engagiert und Demonstrationen organisiert haben. Mit 14 war ich mit allem auf der Welt beschäftigt, aber nicht mit dem Klima, und wenn, dann höchstens mit dem Klima im Freundeskreis.
Mit 18 hat sich das schlagartig verändert, als meine Mutter ihren Job im Frauenhaus in Sindelfingen verloren hat. Ihr wurde nicht gekündigt, sondern das Frauenhaus hat komplett zugemacht. Ich war erst einmal sehr, sehr wütend über diese ganz konkrete Situation. Ich denke, wir vergessen in vielen Debatten manchmal, was Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit nicht nur für die Betroffenen selbst, sondern auch für deren Familien bedeuten. Meine Wut war aber auch allgemeiner. Ich habe ja mitbekommen, wie hart meine Mutter gearbeitet hat und dass sie den Job trotzdem gern gemacht hat, weil sie wusste, sie tut damit etwas Gutes für Frauen und Kinder, die vor der Hölle im eigenen Zuhause fliehen. Und dann wird genau dort gespart, wo diese Menschen Schutz finden?
Es war meine Tante, die damals zu mir kam und meinte: Rici – das war mein Spitzname in der Kindheit und Jugend –, willst du nicht irgendetwas daraus machen? Also nicht bei dieser Wut stehen bleiben, denn Wut ist zwar oft berechtigt, aber auf Dauer auch destruktiv, da sie auf Rache oder Zerstörung und nicht auf Veränderung ausgerichtet ist. Ich dachte, ja, kann ich einmal probieren, und habe angefangen, mir die Parteien genauer anzuschauen. Dort habe ich gemerkt, meine Erfahrungen, auch die Erfahrungen meiner Mutter, sind nicht einfach vom Himmel gefallen. Sie sind Teil von gesellschaftlichen Verhältnissen und als solche veränderbar. Dadurch bin ich vom Objekt, das ertragen muss, zum politisch handelnden Subjekt geworden. Das war ein Befreiungsschlag.
Es wären ein paar Parteien infrage gekommen. Die Linkspartei gab es damals in Baden-Württemberg so gut wie nicht, die hat keine Rolle gespielt, und in der SPD waren sehr viele ältere Herren. Insofern war es am Anfang eher ein lebensweltliches Ding: Bei den Grünen waren ein paar jüngere Leute, etwas mehr Frauen, da habe ich mich wohler gefühlt. Und ich fand die Verbindung der Themen spannend. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich nicht entweder für Sozialpolitik oder für Frauen oder für die Umwelt interessieren, sondern die Dinge werden hier stärker zusammengedacht. Ökologie war für mich damals gar nicht das prägende Thema, das hat sich erst durch meine Politisierung und dann später durch das steigende Bewusstsein für die Freiheitsverluste durch ökologische Krisen verändert. Der Umweltschutz hat mich also nicht zu den Grünen gebracht, sondern die Grünen haben mich zum Umweltschutz gebracht.
Frage: Du bist Jahrgang 1994, also nach der Vereinigung geboren. Kannst du dich noch an deine ersten Besuche in Ostdeutschland erinnern? Hast du da wahrgenommen, dass das ein Landesteil ist, der mal ein anderes politisches System hatte, dass es da Unterschiede gab, die über die in Deutschland ja ohnehin sehr ausgeprägten regionalen Unterschiede hinausgehen? Wenn du als Schwäbin nach Schleswig-Holstein kommst, wirst du ja höchstwahrscheinlich auch große Mentalitätsunterschiede feststellen.
Lang: Auf jeden Fall, auch schon in Köln, da muss ich nicht nach Kiel oder Chemnitz. Aber im Ernst: Das ist eine interessante Frage, weil ich ehrlicherweise gar nicht sagen kann, wann ich das erste Mal in Ostdeutschland war. Ich hatte zunächst gar kein Bewusstsein für Ost- und Westdeutschland. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass wir, als ich klein war, Urlaub in der...




