Maurer | Forget Me Not | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 446 Seiten

Reihe: Broken Souls

Maurer Forget Me Not


2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-7197-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 446 Seiten

Reihe: Broken Souls

ISBN: 978-3-7562-7197-9
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wer sind wir, wenn alles, was uns ausmacht, nicht mehr da ist? Sind wir dann überhaupt noch jemand? Wenn es nach Tim ginge, würde niemand von dem Autounfall erfahren, der sein Leben vor drei Jahren zerstört hat. Dann wäre er einfach nur ein Barkeeper und Sänger seiner Band in London. Doch als sein Leben erneut aus den Fugen gerät, wird ihm klar, dass er sich seiner Vergangenheit stellen muss. Was wäre da besser geeignet als ein Besuch bei Blaze, seiner Freundin aus Kindheitstagen? Eine Woche in Cornwall soll beweisen, dass sein altes Leben vorbei ist. Doch er hat nicht damit gerechnet, dass trotz ihrer Geheimnisse eine alte Vertrautheit zwischen ihnen aufkeimt und er sich an der Küste, mit Blaze, immer freier fühlt ...

Alina A.E. Maurer wurde 1999 geboren und lebt und atmet Bücher seit ihrer Kindheit. Wenn sie nicht schreibt, ist sie mit ihrem Hund draußen in der Natur. Ihre Leidenschaft für England hat sie für ein Semester nach Birmingham gebracht, wo sie Kreatives Schreiben studiert hat. Sie lebt mit all ihren Büchern im schönen Mainz am Rhein. Auf Instagram tauscht sie sich unter @alina.a.e.maurer mit anderen Bücherliebhaber:innen aus. Mehr Informationen unter www.alinaaemaurer.de
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2. KAPITEL



Sie faltet den Brief ordentlich zusammen und schiebt ihn in den hellblauen Briefumschlag. Ihre Hand zittert ein wenig, als sie Tims vollen Namen und die alte Adresse in Kensington sorgfältig niederschreibt. Sie kramt in der obersten Schublade ihres Schreibtisches nach einer Briefmarke. Zwischen Notizzetteln, Haargummis, leeren Kugelschreibern und geöffneten Umschlägen findet sie schließlich eine.

Schwer liegt der Brief in ihren Händen. Ihr Blick huscht zu dem Chaos auf ihrem Tisch. Eilig wühlt sie sich durch Bücher und Zettel, bis ihre Hände finden, was sie suchen. Sie zieht einen Bilderrahmen hervor. Ihre Augen brennen, als sie das Foto darauf betrachtet.

Sie selbst lächelt zurück. Sie kann sich nicht an das letzte Mal erinnern, als ihre Augen auf einem Foto so gestrahlt haben. Neben ihr steht Tim. Sein Arm liegt an ihrer Hüfte und sie hat ihre Hand auf seine Brust gelegt. Das Foto war auf der Gartenparty im Jahr vor ihrem Schulabschluss entstanden, denn sie trägt ein schickes graues Tüllkleid und erkennt den Baum aus dem Garten vor dem Haus wieder. Sie wünscht sich, sie könnte Tims Augen auf dem Foto sehen. Aber er hat den Blick von der Kamera abgewandt und sieht sie mit schräg gelegtem Kopf an.

Sie räuspert sich, um den Kloß in ihrem Hals zu lösen und stellt das Foto auf einen der Bücherhaufen, die ihren Schreibtisch belagern. Wenn sie das Foto betrachtet, denkt sie nicht daran, dass sie nicht mal eine halbe Stunde später weinend in Tims Schoß gelegen, weil ihr damaliger Freund sie abserviert hatte. Sie denkt an das Gefühl seines Armes um ihren Körper, und wie sicher sie sich neben ihm gefühlt hat. Sie denkt an seine Worte, dass er sie nie verlassen würde. Ein Schmerz fährt durch ihren Körper, als sie an sein gebrochenes Versprechen denkt.

»Blaze?« Hastig wischt sie sich die Träne von ihrer Wange und dreht sich zu ihrer jüngeren Schwester um.

Rose steht in ihrem Türrahmen und betrachtet sie eingehend. »Kann ich deinen Lockenstab haben?«

»Klar«, krächzt Blaze. Ihre Stimme hört sich selbst in ihren eigenen Ohren viel zu rau an. Als würden ihr die Worte beim Sprechen im Hals stecken bleiben und sie müsse sie krampfhaft herausdrücken.

Rose betritt das Zimmer. Sie lässt eine ihrer roten Strähnen immer wieder zwischen ihren Fingern hindurchgleiten und sieht sich unsicher um. Wann ist ihre kleine Schwester so verhalten ihr gegenüber geworden? Blaze schüttelt den Gedanken von sich.

»Ich muss den Lockenstab erst mal suchen, ich weiß nicht, wo ich ihn hingelegt habe«, sagt sie und erhebt sich von ihrem Stuhl. Sie fühlt sich etwas wacklig auf den Beinen. Sie hat heute noch nichts gegessen. Sie steigt über Wäscheberge auf dem Weg in ihr angrenzendes Badezimmer, um dort die Schubladen zu durchkämmen.

»Wo fährt Mum dich später hin?«, fragt Rose.

»Zum Strand. Ich treffe mich mit ein paar Freunden.«

»Du meinst mit den zwei Freunden, die du hast.« Die Worte ihrer Schwester versetzen Blaze einen kleinen Stich ins Herz. Sie hat natürlich vollkommen recht. Blaze hat nicht viele Freunde, im Gegensatz zu Rose, die am liebsten jeden Tag bei jemand anderem wäre. Wenn Mum das zulassen würde. Aber Blaze ist froh, dass sie überhaupt Freunde an der Uni gefunden hat, die ihr nach einem Jahr schon so viel bedeuten.

»Wir können nicht alle so beliebt sein wie du, Rosie«, versucht sie den Stich zu überspielen.

»Du warst es mal«, murmelt Rose so leise, dass Blaze sie kaum hört. Sie muss sich zusammenreißen, um nicht auf Roses Stichelei einzugehen. Resolut wendet sie sich dem Korb neben ihrem Waschbecken zu. Sie hört es auf ihrem Schreibtisch rascheln.

»Du hast ihm echt noch einen Brief geschrieben?« Rose klingt fassungslos. Blaze lässt das Glätteisen, das sie als erstes findet, fallen. Es schlägt mit einem lauten Knall auf den Fliesen auf. Fluchend legt sie es in den Korb zurück. Sie zieht eine ihrer Schubladen auf und arbeitet sich durch die Haarpflegeprodukte darin.

Als sie nichts auf die Frage ihrer Schwester erwidert, hört sie ihre Schritte näherkommen. Im Türrahmen bleibt sie stehen.

»Es ist jetzt drei Jahre her«, sagt Rose. Blaze hält in ihrer Bewegung inne, eine Flasche Shampoo fest mit der Hand umklammert.

»Es ist doch nur ein Brief.« Blaze schmeißt die Flasche zurück in die Schublade und öffnet die nächste. »Er bekommt sie sowieso nicht.« In der nächsten Schublade findet sie alte Cremes und Abschminktücher.

Rose schnaubt. »Als ob. Er wohnt doch da.« Sie verschränkt ihre Arme vor der Brust.

Blaze schüttelt den Kopf. »Mark hat gesagt, er hat das Haus vor Ewigkeiten schon auf dem Markt gesehen.« In der nächsten Schublade findet sie endlich den Lockenstab. Sie hält ihn Rose hin.

»Auf dem Markt heißt aber noch lange nicht verkauft. Es müssen sich erst einmal Interessenten finden, die passen, und der Kaufvertrag unterschrieben werden.« Rose hört ihrem Stiefvater deutlich aufmerksamer beim Abendessen zu, wenn er ihnen von seiner Arbeit als Immobilienmakler erzählt. Sie nimmt den Lockenstab entgegen, macht aber keine Anstalten, wieder zu gehen.

Blaze schiebt sich an ihr vorbei zurück in ihr Zimmer. »Dann liest er sie nicht, okay?« Sie schnappt sich einen Jutebeutel mit dem Aufdruck eines Männerkopfes, über dem ›Talk Darcy to Me‹ steht. Heftiger als beabsichtigt schnappt sie den Brief und stopft ihn in die Tasche. Sie macht sich auf die Suche nach ihrem Geldbeutel.

»Aber wenn er sie nicht liest, wieso schreibst du sie dann?«, fragt Rose aufbrausend. Blaze wirft ihrer Schwester einen vernichtenden Blick zu.

»Für mich, okay? Ich schreibe die Briefe für mich.« Sie findet ihren Geldbeutel auf der Fensterbank. Sie sieht hinaus auf die grüne Wiese und den Bach, der sich an ihrem Grundstück entlang schlängelt. Durch ihr offenes Fenster hört sie sein beständiges Gurgeln und einige Vögel zwitschern.

»Dann brauchst du sie ja nicht abzuschicken«, erwidert Rose trotzig. Ihre Augen verfolgen Blaze, die ihren Schrank öffnet und ein großes Badetuch mit aufgedruckten Zitronen herausholt.

»Ich weiß nicht, wieso du dich überhaupt dafür interessierst«, faucht Blaze. Sie sieht ihre Schwester nicht an, als diese verächtlich schnaubt. Sie konzentriert sich voll und ganz auf das Packen ihrer Tasche.

»Vielleicht weil Mum uns so lange einengt, bis du über die Sache endlich hinweg bist?«

Blaze zuckt zusammen. Rose hat natürlich vollkommen recht. Aber das würde sie ihr auf keinen Fall sagen.

»Mum muss es ja nicht erfahren.« Sie wirft ihrer Schwester einen vielsagenden Blick zu. Sie sucht im Bücherregal nach ihrer Lieblingsausgabe von ›Tess von den d’Urbervilles‹. Schließlich findet sie sie zwischen ›Betty und ihre Schwestern‹ und ›Sargassomeer‹ und zieht das durch das viele Lesen bereits mitgenommene Exemplar heraus und legt es auf den Jutebeutel.

»Dann sag mir, wieso du den Brief geschrieben hast.« Rose klingt jetzt nicht mehr wie ein trotziges Kind, sondern wie eine schlagfertige Verhandlungspartnerin. Blaze hat genug Auseinandersetzungen mit ihrer Schwester gehabt, um zu wissen, dass sie es sofort Mum erzählen würde, wenn sie ihr keine befriedigende Antwort darauf gab. Egal, ob Mum auch sie danach kaum aus dem Haus lassen würde.

»Für mich, habe ich doch eben gesagt.« Blaze geht zu einer Kommode und sucht nach einem passenden Bikini.

»Wieso hast du den Brief geschrieben?«

»Für mich, Rosie.«

»Wieso für dich?«

Blaze zieht ein dunkelblau geknüpftes Triangel Bustier und die passende Hose aus ihrer Schublade und knallt sie zu.

»Weil es mir hilft.« Das Blut rauscht in ihren Ohren.

»Wieso hilft es dir?« Sie wünscht sich, sie könnte ihre Schwester aus dem Zimmer schieben und die Tür fest hinter ihr verschließen.

Sie nimmt einen langärmligen Kimono aus ihrem Schrank. »Weil es mir einfach hilft, okay?«

»Das ist nicht gut genug.« Rose macht einen Schritt auf sie zu und reißt ihr den Kimono aus der Hand. »Wieso ist er dir noch so wichtig, Blaze? Er hat uns verlassen, er hat dich im Stich gelassen, was willst du noch von ihm?«

Das Echo seiner Worte, die er ihr im Wohnzimmer seiner Großeltern an den Kopf geworfen hat, hallt in Blazes Kopf wider und wird immer lauter. Sie droht an ihnen zu ersticken.

»Was willst du noch von ihm?«, wiederholt Rose.

Sie steht direkt vor Blaze, den Kimono fest in der geballten Faust. Sie sieht ihr in die Augen. Blaze hat das Gefühl, sie könnte in ihren braunen Tiefen ertrinken. Sie wendet sich von ihrer...



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