Mauthner | Hypatia | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 297 Seiten

Mauthner Hypatia


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1833-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 297 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1833-9
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
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Ein historischer Roman um die heidnische Philosophin Hypatia, die sich im Alexandria des 5. Jahrhunderts dem Christentum stellen muss.

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Unbekümmert um ihre Feinde führte Hypatia ihre Studien und ihre Vorlesungen fort. Während sie die Wahrheit suchte, konnte sie doch unmöglich an ihre eigene Person denken. Wenn sie die wahre Umlaufszeit des Planeten Mars berechnete, so war der Erzbischof von Alexandria und selbst der Kaiser von Konstantinopel ohne jeden Einfluß auf das Ergebnis.

Ihre astronomischen Vorlesungen verliefen auch völlig ungestört. Obwohl ihre Behauptungen und noch mehr ihre Ahnungen, welche sie offen und unbefangen aussprach, mit der ganzen Anschauung der Zeit zu brechen drohten, so kam doch die Gefahr den Studenten nicht recht zum Bewußtsein. Und die Spione waren nicht imstande, Hypatias Gedanken zu folgen.

Ihr theologisches publicum jedoch wurde von Woche zu Woche lärmender und gefährlicher. Fast jedesmal, wenn sie, von ihrer Leibgarde geleitet, die große Aula betrat, setzte es vor Beginn der Vorlesung einen kleinen Kampf zwischen wohlwollendem Getrampel und böswilligem Pfeifen. Fast jedesmal kam es auch dazu, daß einer oder der andere Gegner Hypatias als abschreckendes Beispiel vor die Tür befördert wurde. Die große Mehrheit der Studenten bestand freilich aus Hypatias Verehrern, und sie bemühten sich, durch Ruhe und rasche Justiz möglichst viel von den Vorgängen ihrer Kenntnis zu entziehen. Sie konnten es aber nicht verhindern, daß häufig zum Schlüsse der Vorlesung die Gegner einen Höllenlärm vollführten, weniger um die Lehrerin zu kränken, als um von ihrer Gegnerschaft Zeugnis abzulegen. Gewöhnlich verstummte der Lärm bald, wenn Wolff mit seiner Hünengestalt den Saal durchschritt und halb lächelnd und halb zornmutig auf die ärgsten Schreier losging. Nicht immer kam es zu Schlägereien.

Der heiße Frühling war wieder übers Land gekommen, und die Frage nach der Weizenernte beschäftigte wieder alle Gemüter. Die meisten Professoren hatten ihre Vorlesungen unterbrochen. Hypatia aber blieb mit doppeltem Eifer bei ihrer Aufgabe.

Wie durch ein Wunder war ihr eine Unterstützung geworden bei ihrem großen Ziel, die kritischen Schriften des Kaisers Julianos zu sammeln und zu ergänzen. Niemand durfte es erfahren, daß es der Oheim Alexanders war, der Buchhändler Samuel, der einige der schlimmsten Schriften des Kaisers für sie aufgetrieben hatte. Bücher, von denen die Kirche glaubte, jede letzte Abschrift wäre vernichtet, fanden sich in der Hinterstube von Samuels Laden und wanderten von da heimlich in die große Bibliothek der Akademie. Hypatia mußte den Gedankengang ihrer Kritik des Christentums unterbrechen, um ihren Kaiser zu Worte kommen zu lassen. Woche für Woche trug sie ihren Zuhörern nichts anderes mehr vor als die scharfsinnigen Ketzereien und die boshaften Witze des Kaisers Julianos. Was die Geistlichkeit endgültig vergessen und begraben glaubte, das wachte wieder auf und wurde Tagesgespräch in Alexandria und ging mit der zweifachen Autorität des Kaisers und der schönen Philosophin von Ägypten hinaus nach Antiochia, nach Rom und nach Konstantinopel. Dabei konnte niemand der Lehrerin ehrlicherweise vorwerfen, daß sie Blasphemien auszusprechen liebe. Sie berief sich ruhig auf die Freiheit der Wissenschaft und untersuchte die Echtheit der Evangelien, wie man sonst die Echtheit der homerischen Gesänge prüfte; sie kritisierte des Bischofs Augustinus neue Lehre von der Willensfreiheit und der Gnade, wie sie den Platon kritisierte. Und die zermalmenden Scherze des Kaisers Julianos, die Scherze über den neuen Himmel, über die Konzilien und die Eunuchen an ihrer Spitze, sie trug sie vor, wie einer ihrer Kollegen die Spöttereien des Lukianos über den griechischen Olymp vortrug. Was dem einen recht ist, sei dem anderen billig. Für die Wissenschaft gebe es keine unantastbare Wahrheit. Denn den Andersgläubigen totzuschlagen oder zu vertreiben, sei doch niemals ein Gegenbeweis.

Die Kirchenbehörden fühlten sich ohnmächtig gegen das furchtlose Weib, welches gar nicht zu wissen schien, daß es ohne den Schutz des Statthalters und ohne die unvernünftige Duldung des Hofes verloren war. In der Aula selbst waren ja ihre Gegner eingeschüchtert worden, und auf der Straße hatte sie stets ihre freiwillige Leibgarde. Wohl flog mitunter ein Schimpfwort zu ihr hinüber. »Atheistin, Gottesmörderin!« riefen ihr wohl strebsame Geistliche nach, und auch das Wort »Studentendirne« wurde ihr einmal von einer alten Melonenverkäuferin nachgeschrien. Aber solche Schimpfworte berührten Hypatia nicht. Sie hörte sie wahrscheinlich wirklich nicht. Und wenn sie sie hörte, so glitten sie von ihr ab wie Wasser von einem Schwanenfittich.

Was dem Pöbel nicht gelang, das gelang dem Erzbischof: ihre Kampfeslust zu reizen. Kyrillos machte bei der Statthalterei Eingaben, um die Staatsbehörde zum Einschreiten gegen Hypatia zu veranlassen, angeblicher Gotteslästerungen wegen. Orestes teilte der Freundin solche Aktenstücke lächelnd mit, und Hypatia konnte daraus mit immer steigender Entrüstung sehen, wie ihre Worte verdreht, wie dem Kaiser Julianos und ihr selbst Nichtswürdigkeiten und Unanständigkeiten in den Mund gelegt wurden. Gegen Mitte Juni erhielt sie an einem Sonntagmorgen wieder so eine nichtswürdige Denunziation in die Hand. Sie hatte sich eben vorbereitet, Julians Kritik des christlichen Zölibats vorzutragen, weil er jetzt wieder von den strengsten Kirchenlehrern gefordert und unter endlosen Beschimpfungen des Weibes gepredigt wurde.

Ähnliche Schmähungen gegen ihr Geschlecht fand sie nun in der Anklage des Erzbischofs wieder.

Hypatia warf die Bücher und die Denunziation hin und ging erregt in ihrer Stube auf und nieder. Das wagte der Statthalter der Gottheit von ihr zu sagen! Von ihr, die, seitdem sie denken konnte, alles menschliche Fühlen gebändigt hatte und aufging in den Mauern dieser Akademie; die nichts kannte als die Bibliothek, die Sternwarte und ihren Hörsaal, die von ihrem Schlaf abbrach, um neue Instrumente zu ersinnen, Instrumente, die so ein Erzbischof gar nicht verstand. Wenn der Schiffer fortan mit größerer Sicherheit durch die Säulen des Herkules bis hinauf nach der friesischen Küste fahren konnte, so verdankte er es den Nachtwachen der Hypatia. Das nächtliche Licht in ihrer Stube wagte dieser Mensch zu verleumden.

Plötzlich mußte Hypatia lächeln; die Leibwache war vor ihrer Wohnung angetreten, es war Zeit zur Vorlesung. Schneller als sonst, mit höher gehobenem Haupte schritt sie über den Hof und über den Hafenplatz der Aula zu. Ihre Faust zitterte vor Erregung, als sie zu sprechen begann. Sie hatte kein Heft mitgenommen.

Wieder begann sie mit Worten des Kaisers Julianos. Sie wies auf den Widerspruch hin, dessen die Kirchenlehrer sich schuldig machten. Sie schickten sich an, ein schlichtes Weib als Gottesmutter zum höchsten Rang im Himmel zu erheben, und gleichzeitig stießen sie das Weib hinaus aus der Kirche, hinaus aus der Gemeinschaft der Gläubigen, ja sogar hinaus aus der Ehe. Eben erst habe der heilige Mann Hieronymus drüben in Palästina gelehrt, ein Knecht des Teufels sei jeder Mann, der ein Weib berühre. Nun, der fromme Hieronymus müsse das ja wissen, da er um seiner Teufelsknechtschaft willen Rom habe verlassen müssen. Aber auf die Person komme es nicht an. Durch die ganze christliche Kirchenlehre gehe ein krankhafter Abscheu vor aller Natur und vor aller Schönheit, und weil im Weibe Natur und Schönheit eins würden im glücklichen Augenblick der Schöpfung, darum hasse das Christentum das Weib, und hasse es dann zumeist, wenn es zu seiner Natur und zu seiner Schönheit auch noch die geistige Freiheit erobern wolle.

Hypatia konnte nicht anders. Alle Studenten fühlten, daß sie nicht an sich dachte, daß sie ihre eigene Schönheit nicht zeigen wollte, als sie bei diesen Worten fester und fester die weiße Faust auf ihren Tisch niederdrückte und dann aufsprang und stehend weitersprach mit leuchtenden Augen und mit leuchtender Stirn, wie wenn ein Lichtschein ausginge von ihrem Haupte.

»Nicht einwandfrei war das Los des Weibes zur Zeit des Perikles und des Platon. Schwer erkaufen mußten sich die denkenden Frauen der großen Zeit das Recht, ebenbürtige Genossen bedeutender Männer zu sein. Aller Schmutz der Gemeinheit flog über sie her, und nicht alle blieben unberührt. Doch die besten Männer jener Tage waren weit entfernt, das Weib zu verachten. Sie waren zu ehrlich, um sich der Schönheit und der Freude zu schämen, wo Schönheit und Freude ihnen geworden war, sie waren zu ehrlich, um nicht dankbar zu sein, wenn sie mit einer stolzen Genossin austauschen konnten, was die Götter beiden an hohen Gedanken geschenkt hatten; sie waren zu ehrlich, um das begeisterte Weib, das ihr Leben eingesetzt hatte, um zu wissen, um zu lernen, um zu streben, mit einem Wort der Verachtung hinabzustoßen zum Pöbel, zu den Tieren. Und wenn die ganze Welt sich den Sophismen der Kirchenlehrer beugen sollte, ein stolzes Weib wird mit der Götter Willen immer noch übrig bleiben und sich dem widersetzen, daß man dem Weibe seine Menschenwürde nimmt, um die Männer den unbekannten Engeln gleichzumachen. Vielleicht lehrt uns einmal ein neues Volk, daß Liebe zum Weibe auch die höchste Achtung sei. (Und Hypatia hätte ihren kleinen Finger darum gegeben, wenn sie in diesem Augenblick nicht von der Saaldecke hinweg den Schatten eines Gedankens lang nach dem blonden Mann an der Ecke der ersten Mittelbank geblickt hätte.) Ja, meine Herren, verzeihen Sie meine Erregung, aber dieser Kampf um die Wahrheit berührt mich doch am Ende auch persönlich ... Sie wissen nicht, was alles...



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