E-Book, Deutsch, Band 1, 327 Seiten
Reihe: Gestüt Abendroth
May Das Erbe der Abendroths - Herbstzeit
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98952-484-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Gestüt Abendroth 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 327 Seiten
Reihe: Gestüt Abendroth
ISBN: 978-3-98952-484-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Valentina May hat bereits an vielen verschiedenen Orten gelebt und gearbeitet und ist viel durch die Welt gereist. Sie liebt die Natur, Flora und Fauna gleichermaßen. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren Tieren auf einem idyllischen Bauernhof im Weserbergland. Die meisten ihrer Ideen entstehen auf dem Rücken der Pferde oder bei den Spaziergängen mit den Hunden. Die Website der Autorin: valentina-may.com Die Autorin auf Facebook: facebook.com/Abendroth2017 Bei dotbooks veröffentlichte Valentina May ihre DAS ERBE DER ABENDROTHS-Reihe mit den Romanen »Herbstzeit«, »Winterdämmern« und »Frühlingserwachen«.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Sie hätte nicht zurückkehren dürfen. An jeder Ecke lauerten die Erinnerungen wie Gespenster, warteten darauf, sich auf sie zu stürzen.
Jennifer von Abendroth stand am Ausgang des Meller Bahnhofs und blickte die Straße hinunter, die sie als Kind unzählige Male entlanggeschlendert war. Nichts hatte sich hier verändert. Immer noch dieselben Häuserfassaden, von denen Farbe und Putz abbröckelten. Fünfzehn Jahre waren eine lange Zeit.
Das Schild über dem Eingang des Hotels jedoch war neu. Jennifer blieb stehen und betrachtete es. Früher hatten die Eltern ihrer Freundin Anne darin ein Restaurant betrieben. Anfang des Jahrtausendwechsels waren sie insolvent gegangen und mussten den Betrieb verkaufen. Ein Schicksal, das sie mit vielen Unternehmern der Gegend teilten. Jetzt bargen die Backsteinmauern ein Garni-Hotel. Die dunkelbraunen Fenster aus Holz waren gegen zeitgemäße, weiße aus Kunststoff ausgetauscht worden, vor denen blauweiß karierte Gardinen hingen.
Alles wirkte heller und freundlicher im Vergleich zu früher. Ob die Theke noch stand, hinter der sie sich gern mit Anne versteckt hatte? Annes älterer Bruder Johannes hatte sie immer an die Eltern verpetzt, wenn sie dahinter mit den Gläsern und Bierdeckeln gespielt hatten. Jennifer schluckte, um den Kloß zu vertreiben, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. So reagierte sie jedes Mal, wenn sie an Annes Bruder dachte. Mit vierzehn war er bereits über einen Meter achtzig groß gewesen und dürr wie eine Bohnenstange. Aber sie hatte ihn und seine schüchterne, bescheidene Art gemocht. Jennifer wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Die unbeschwerte Kindheit lag eine Ewigkeit zurück. Anne war vor zwei Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, und auch Johannes würde sie nie wiedersehen.
Jennifer von Abendroth ging die Straße weiter in Richtung der Meller Innenstadt. Die Gesichter der Entgegenkommenden waren ihr fremd. Früher hatte sie fast alle mit Namen gekannt und gegrüßt. Eine Gruppe Jugendlicher drängte sich schnatternd an ihr vorbei, jeder ein Handy in der Hand. In Jennifers Jugendzeit hatten nur die wenigsten ein Mobiltelefon besessen. Heute konnte sie selbst sich auch nicht mehr vorstellen, ohne auszukommen. Hinzu kam, dass sie im Notfall jederzeit erreichbar sein musste.
Die Sonne sank am Horizont und überzog die Dächer mit einem rotgoldenen Glanz. Das letzte Haus, eine weiße Jugendstilvilla, ließ erneute Erinnerungen aufleben. Sie und Jakob hatten dort Geigenunterricht bekommen. Auch heute befand sich noch die Musikschule darin. So unverändert vermittelte sie in dieser schnelllebigen Zeit ein beruhigendes Gefühl. Neu war nur das blankpolierte Messingschild neben der Eingangstür.
»Nichts ist von Dauer, nicht einmal die Liebe«, hörte sie ihre Mutter sagen. Da war sie wieder, die alte Bitterkeit. Mutter hatte recht gehabt. Menschen begegneten sich, verbrachten eine gewisse Zeit miteinander und trennten sich wieder. Wie es das Schicksal bestimmte. Doch wenn man sich vom eigenen Bruder trennen muss, das vergisst man nie. Jennifer dachte an seine flapsigen Sprüche, sein Lachen ... Nie mehr würde sie ihn hören. Aus und vorbei. Auch er würde nicht zurückkommen. Der Schmerz tauchte zusammen mit den Erinnerungen immer wieder auf.
Alle hatten damals ihre innere Stärke bewundert. Doch sie hatten sich getäuscht. Sie war gewiss nicht stark. Im Gegenteil, sie hatte gelitten wie ein Hund. Heimlich. In ihrem Bett, wenn alles schlief. Weil sie die Schuld an allem trug.
Könnte sie noch einmal die Zeiger der Uhr zurückdrehen und sich anders entscheiden, würde sie die Chance ergreifen.
Irgendwann hatte sie begriffen, dass das Leben weiterging.
Jennifer lebte jetzt weit weg von Abendroth, ohne Jakob, ohne ihre Familie. Das hier war nur ein kurzer Besuch. Der Gedanke daran verlieh ihr die nötige Energie, durchzustehen, was noch bevorstand. Die Entfernung zu Abendroth half ihr, die Vergangenheit zu verdrängen und ein normales Leben zu führen.
Jennifer atmete tief durch und lief zum Taxistand hinüber. Sie klopfte an die Scheibe des ersten Wagens. Der Fahrer ließ die Zeitung sinken und öffnete per Knopfdruck das Fenster. Jennifer beugte sich lächelnd zu ihm hinunter.
»Good evening. can you please take me to Abendroth?« Mit gerunzelter Stirn musterte sie der Fahrer. Sie kannte ihn, konnte seinem Gesicht aber keinen Namen zuordnen. Warum starrte er sie nur an und antwortete nicht? Sie wiederholte ihre Frage.
»’Tschuldigung, ich spreche kein Englisch.«
Für einen Moment hatte sie glatt vergessen, dass sie jetzt in Deutschland war.
»Ach ja, verzeihen Sie. Können Sie mich bitte nach Abendroth fahren?«
Er nickte, stieg aus und verstaute ihren Rollkoffer im Kofferraum, bevor er ihr die Tür der Beifahrerseite öffnete. Der Schnurrbart, das Doppelkinn und der schwankende Gang ... Natürlich, jetzt fiel es ihr wieder ein. Horst Rösch, Monikas Vater! Im Laufe der Jahre war sein Haar weiß geworden. Monika hatte wie Anne zu ihrem engsten Freundeskreis gehört. Auch er schien zu überlegen, wer sie war. Als sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, war sie noch ein Teenager gewesen. Heute, mit ihren sechsunddreißig Jahren, durchzogen erste Silberfäden ihr blondes Haar und um die Augen hatten sich die Lachfältchen tiefer eingegraben. Früher war sie so eitel gewesen, dass sie stundenlang vor dem Spiegel vergeblich Grimassen geschnitten hatte, damit sie verschwanden. Jennifer musste noch heute darüber schmunzeln. Seufzend sank sie auf den Beifahrersitz. Sie war erschöpft vom Flug und kämpfte gegen den einsetzenden Jetlag. Sie gähnte hinter vorgehaltener Hand.
»Sie kommen von weit her?« Deutlich hörte sie Neugier aus seinen Worten. Die Frage überraschte Jennifer, denn sie hatte Horst Rösch als wortkargen, scheuen Mann in Erinnerung. Menschen ändern sich. Das wusste sie von sich selbst.
»Ja, aus den Staaten.« Hoffentlich bohrte er nicht weiter. Sie fühlte sich zu müde für eine Unterhaltung. Sie wollte keine Gespräche über die Vergangenheit nach dem Motto Weißt du noch, damals ... Alles, was Jennifer wollte, war die Testamentseröffnung so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Hätte ihre Schwester Miriam nicht darauf bestanden, wäre sie erst gar nicht gekommen. Dabei hatte sie sich geschworen, nie mehr zurückzukehren. Es war nicht gut, die alten Wunden wieder aufzureißen. Aber Mutter war tot. Mutter? Das Wort hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Eine Mutter, die ihr Kind verstieß, konnte sie nicht als solche bezeichnen.
»New York?« Horst Röschs Frage riss sie aus ihren Grübeleien. Ein Glitzern lag in seinen Augen, wie bei einem Kind vor dem Weihnachtsbaum. Monika hatte immer erwähnt, wie sehr ihr Vater sich wünschte, diese Stadt zu besuchen.
»Nein, ich wohne in Richmond, Virginia. Das ist weiter südlich.« Ihre Antwort schien ihn zu enttäuschen.
Es hätte Jennifer interessiert, was aus Monika geworden war. Sie überlegte einen Moment, ob sie ihn fragen sollte. Du wolltest doch auf Abstand gehen! Monika gehörte der Vergangenheit an. Eine Vergangenheit, die sie vergessen wollte.
»Wie lange bleiben Sie?«
»Bis zum Wochenende.« Nach der Testamentseröffnung würde sie sofort in ihre Klinik zurückkehren. Jennifer verdrängte die Stimme in ihrem Inneren.
Das Taxi verließ Melle und bog in die Landstraße, die zum Gut führte. Jennifer blickte aus dem Fenster. Sie erreichten Eggendorf, ein verschlafenes Dreihundert-Seelen-Kaff, das zwischen Melle und dem Gut lag. Fast schien es, als wäre auch hier die Zeit stehen geblieben. Nur ein Zaun, der einen anderen Farbanstrich bekommen hatte, ein Hausanbau oder ein Baum, der in der Zwischenzeit gefällt worden war. Widerwillig musste sie zugeben, dass sie den Anblick vermisst hatte.
Die Straße, die sie mit Jakob nach der Schule entlanggeradelt war, Tornister auf dem Rücken. Jakob hatte einen Fußball auf dem Gepäckträger festgeklemmt. Im Hof des gelben Hauses mit den Sprossenfenstern hatten Jakob und Johannes mit den anderen Jungs ihrer Klasse Fußball gespielt. Meistens waren sie deshalb zu spät zum Mittagessen gekommen. Dann hatte Mutter Jakob zu Stubenarrest verdonnert, den er nie wirklich abgesessen hatte. Jedes Mal war es ihm gelungen, unbemerkt durchs Fenster zu entwischen. Jakob hatte die Freiheit geliebt und sie sich auch genommen. Es gab nichts, was er nicht ausprobiert hatte. Er hatte den Kick gebraucht, die Gefahr, das Risiko. Das hatte ihn stets dazu bewogen, Dinge zu tun, die ihr nie im Traum eingefallen wären. Irgendwann hatte das böse enden müssen. Mutter hatte ihn immer gewarnt. Jennifer schluckte erneut gegen das enge Gefühl im Hals an.
Trauer und Schmerz um den geliebten Bruder saßen tief und wurden durch die Erinnerungen wieder an die Oberfläche gespült.
Das Taxi bog in die Auffahrt zum Gut ein. Zu beiden Seiten lagen die Weiden, auf denen die Zuchtstuten des Guts zusammen mit ihren Fohlen die letzten herbstlichen Sonnentage genossen. Auch Jennifers Hengst Conquistador war hier früher über die Wiesen galoppiert. In einem ihrer Briefe hatte Miriam erwähnt, dass er seinen Lebensabend auf einer der Koppeln hinter dem Herrenhaus fristete, zusammen mit anderen Rentnerpferden. Jennifer hatte sich vorgenommen, nach ihm zu sehen. Ihrem treuen Wegbegleiter hatte sie viele glückliche Stunden zu verdanken. Schweren Herzens hatte sie sich damals von ihm getrennt. Fast glaubte sie, wieder den Duft von Tannennadeln und frischem Gras zu riechen, den die Hufe aufgewirbelt hatten, wenn sie mit ihm durch den Wald galoppiert war.
Als Tierärztin und Leiterin einer Klinik blieb ihr heutzutage kaum Zeit zum Reiten. Seit damals hatte sie kein eigenes Pferd mehr besessen. Die Erinnerungen an...




