E-Book, Deutsch, Band 9, 393 Seiten
May Das Erbe von Morham Manor
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-8904-3
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine tragische Familiengeschichte aus Schottland
E-Book, Deutsch, Band 9, 393 Seiten
Reihe: Die schönsten Familiengeheimnis-Romane
ISBN: 978-3-7325-8904-3
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wenn die Liebe die Zeit überdauert
Als Larissa das Haus ihres verstorbenen Großvaters ausräumt, findet sie einen Schlüssel und Liebesbriefe eines britischen Soldaten an ihre Großmutter Angelika. Die Spuren der Vergangenheit führen die junge Oldenburgerin an die raue Küste Schottlands. Auf Morham Manor begegnet sie dem faszinierenden Rowan. Was weiß er über den Verfasser der Briefe? Auf der Suche nach der Wahrheit stößt Larissa auf eine Mauer des Schweigens. Aber sie ist sicher: Die Lösung des Rätsels ist zum Greifen nah.
Eine tragische Liebe und die Suche einer jungen Frau nach ihrer Vergangenheit - Valentina May entführt ihre Leser mit diesem Familiengeheimnis an die malerische Küste Schottlands.
Alle Romane der Familiengeheimnis-Reihe sind in sich abgeschlossen und können unabhängig voneinander gelesen werden.
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
Valentina May schreibt Liebesromane und Familiensagas. Ihre Inspiration holt sie sich auf ihren Reisen - insbesondere in Schottland und Cornwall. Schon immer träumte sie von einem Leben auf dem Bauernhof. Diesen Traum hat sie sich inzwischen erfüllt. Sie lebt mit ihrem Mann auf einem idyllischen Hof im Weserbergland. Wenn sie sich gerade keine neuen Geschichten ausdenkt, kümmert sie sich um ihren Rosengarten oder spaziert mit ihren Hunden durch den Wald.
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1.
Larissas Hand mit dem Telefon zitterte. Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit. Sie sah sich wieder in Großvaters Garten mit dem ausladenden Kirschbaum stehen, dessen Zweige sich jeden Sommer unter der Last unzähliger dunkelroter Früchte gebogen hatten. Ihr Großvater hatte immer so gern davon genascht. Bei jedem ihrer Besuche hatte er ihr von den süßen Früchten ein prallgefülltes Körbchen geschenkt, das sie gierig verspeist hatte. Deutlich sah sie ihn vor sich, ein stattlicher Mann von einem Meter achtzig, mit weißem Haar und Geheimratsecken. Als sie noch ein Kind gewesen war, hatte sie ihn gern neckend in seine rote Nase gezwickt. Aber er hatte nie mit ihr geschimpft, sondern laut gelacht. Er war der gütigste und liebenswerteste Mensch, den sie kennengelernt hatte.
»Hast du mich verstanden, Larissa?« Die Worte ihrer Mutter sickerten nur langsam in ihr Bewusstsein.
»Larissa?« Ihre Mutter klang verärgert durchs Telefon.
»Ja, Mama, ich habe dich verstanden«, bestätigte sie. Sie fühlte sich wie betäubt.
Ihr Großvater hatte einen Schlaganfall und lag im Oldenburger Klinikum. Schlaganfall. Das Wort hallte in ihrem Kopf. Doch nicht mein vitaler Großvater.
»Wie geht es ihm?«, fragte sie.
»Ich war gestern bei ihm und kann nicht sagen, ob er mich überhaupt erkannt hat. Die ganze Zeit über hat er nur an die Decke gestarrt. Es war furchtbar.«
Die Worte ihrer Mutter machten ihr Angst.
»Oh, mein Gott!« Larissa kämpfte mit den Tränen.
»Ich habe mit dem Arzt und den Schwestern gesprochen. Aber keiner kann mir sagen, wann er wieder ansprechbar sein wird. Diese ganzen Schläuche und Geräte, an denen er hängt … Was ist, wenn das alles umsonst ist? Ich will ihn nicht auch noch verlieren.« Die Stimme ihrer Mutter versagte.
Wie gern hätte Larissa sie in diesem Moment tröstend an sich gezogen. Auch sie selbst war geschockt, ihre Kehle wie zugeschnürt. Nach allem, was ihre Mutter berichtet hatte, war das Schlimmste zu befürchten. Der Gedanke, ihren Großvater vielleicht nicht mehr wiederzusehen, war unerträglich. Sie musste ihn so schnell wie möglich besuchen, bevor es zu spät war.
Sie erinnerte sich daran, wie ihre Mutter und sie bei ihrem Vater Tag und Nacht am Sterbebett gesessen hatten.
»Vorhin am Telefon haben sie mich abgewimmelt. Die haben ihn vielleicht schon aufgegeben. Wie damals deinen Vater …« Ihre Mutter brach ab und schluchzte. Sie weinen zu hören, zerriss Larissa das Herz.
»Mama, das glaube ich nicht. Das, was Papa geschehen ist, muss sich nicht wiederholen. Sie tun sicher alles, damit es Opa bald besser geht«, versuchte sie ihre Mutter, vor allem auch sich selbst zu beruhigen. Sie fühlte sich hilflos in Berlin, zu weit weg von allem. Gleich nach dem Anruf würde sie sich auf den Weg nach Oldenburg begeben.
»Vielleicht hast du recht. Der Arzt meinte, wenn dein Opa durchkäme, bräuchte er intensive Pflege«, fuhr ihre Mutter schniefend fort. Wieder schluchzte sie in den Hörer. »Wie soll denn das gehen? Ich gehe den ganzen Tag arbeiten und dann noch mein Bandscheibenvorfall im letzten Jahr … Aber ihn in ein Pflegeheim bringen würde mir das Herz brechen.«
Mir auch!
»Wir werden schon eine Lösung finden«, sprach Larissa ihr Mut zu. Sie mochte sich gar nicht vorstellen, dass der bislang körperlich und geistig fitte Großvater wie ein Schatten seiner selbst nur noch im Bett vor sich hin vegetieren könnte. Nicht noch einmal durfte das Schicksal so grausam sein. Ihr Großvater würde sich wieder erholen. Daran wollte sie glauben. Sie dachte an sein Haus, in dem man sich verlaufen konnte. Wie oft hatte ihre Mutter ihn zu überreden versucht, sich eine kleine Wohnung in ihrer Nähe zu suchen. Aber er hatte sich stets geweigert, es aufzugeben. In seinem Haus hatte er viele glückliche Jahre mit seiner geliebten Frau Angelika verbracht, und Larissas Mutter Ella war darin geboren worden.
»Ich verlasse dieses Haus nur als Leiche«, hatte ihr Großvater immer gesagt.
Larissa konnte es verstehen. Außerdem war es ein architektonisches Kleinod. In jeder Ecke mit liebevollen Details bestückt, voller verspielter Ornamente, einfach nostalgisch. All das spiegelte seine Persönlichkeit wider.
»Mama, ich komme gleich mit dem Frühzug. Morgen beginnen meine Semesterferien«, bot Larissa an.
»Wirklich? Du bist ein Schatz. Ich hatte so gehofft, dass du das sagst. Ich habe mein Amt als Küsterin bereits zur Verfügung gestellt und Pastor Engmann mitgeteilt, dass ich mich erst mal um meinen Vater kümmern muss.«
Ihre Mutter war sozial engagiert und bekleidete einige Ehrenämter in der Kirche und anderen caritativen Vereinigungen und ging darin auf. Larissa freute sich, dass ihre Mutter nach dem Tod ihres Mannes endlich wieder eine Lebensaufgabe gefunden hatte.
Larissas Vater war vor drei Jahren an Krebs gestorben, nur wenige Wochen nach der Diagnose. An einem kalten Dezembertag im Schlaf. Einfach so, ohne Vorwarnung. Noch immer fühlte sie den dumpfen Schmerz in sich, wenn sie an ihn dachte. Es hatte lange gedauert, bis sie und ihre Mutter seinen Tod akzeptiert hatten und bereit gewesen waren, wieder nach vorn zu blicken. Erst vor einem halben Jahr hatte ihre Mutter sein Grab besucht. Als Larissa sich im vergangenen Jahr darangemacht hatte, seine Anzüge in Kartons für die Wohlfahrt zu packen, war es zum Streit zwischen ihnen gekommen. Tagelang hatte ihre Mutter nicht mit ihr gesprochen, bis sie plötzlich an einem Samstagmorgen bei ihr angerufen und gebeten hatte, sie auf den Flohmarkt zu begleiten. Ein erster Schritt auf dem Weg in eine Zukunft ohne den geliebten Mann.
»Soll ich dich vielleicht vom Bahnhof abholen?«, fragte ihre Mutter und riss sie aus den Grübeleien.
»Nein, das brauchst du nicht. Nach der langen Zugfahrt wird mir Bewegung sicher guttun.«
»Wie du meinst, mein Schatz. Schade.« Deutlich war die Enttäuschung ihrer Mutter herauszuhören.
»Also, Mama, bis dann. Ich schreibe dir dann eine Nachricht, wann ich ankomme. Bussi.«
Obwohl in Oldenburg ihr Elternhaus stand und sie ihre Familie von Herzen liebte, hatte Larissa sich in dieser Stadt nie wirklich wohlgefühlt. Vielleicht lag es an den Erzählungen der Großeltern, die ihre Kriegserlebnisse und die Schwierigkeiten unter der britischen Besatzungsmacht geschildert hatten. Das Haus ihrer Urgroßeltern, in dem sich noch der alte Bäckerladen befand, war einst von den Engländern beschlagnahmt worden, und ihre Familie hatte sich eine Wohnung nebenan mit den Nachbarn teilen müssen. Kein Wunder, dass auf engstem Raum Konflikte entstanden waren.
Großvater Hugo hatte die britischen Besatzer deshalb gehasst. Nur ihre Großmutter hatte sich stets zurückgehalten, wenn die anderen über die Tommis, wie sie die Briten genannt hatten, hergezogen waren. Überhaupt hatte sie ihre Großmutter als weltoffene Frau kennengelernt, die kulturell sehr gebildet gewesen war. Doch ihre Träume von Reisen in exotische Länder waren unerfüllt geblieben. Larissa hatte das Fernweh von ihr geerbt und deshalb die Ausbildung zur Hotelkauffrau absolviert. Seitdem war sie viel in der Welt herumgekommen und wünschte sich sehr, einmal selbst ein Hotel zu führen.
Besonders Großbritannien hatte sie mit seiner Tradition, Kultur und Geschichte beeindruckt. Vielleicht wäre sie damals im Hotel in Brighton geblieben, wäre ihr Vater nicht schwer erkrankt. Stattdessen hatte sie den Job gekündigt und war nach Deutschland zurückgekehrt. Nach dem Tod des Vaters war sie wie gelähmt gewesen und hatte den Wunsch verspürt, ihr Leben zu ändern. Schließlich hatte sie den Entschluss gefasst, in Berlin Anglistik und Betriebswirtschaft zu studieren, und es nicht bereut. Auch wenn sie andere Wege beschritten hatte, war sie ihrem Traum von einem eigenen kleinen Hotel insgeheim treu geblieben. Irgendwann würde sich vielleicht ihr Wunsch erfüllen.
Larissa lief ins Schlafzimmer und holte ihren Koffer vom Schrank.
Während sie ihn packte, musste sie immer wieder an Großvater Hugo denken, den sie nur als gütig und liebevoll kennengelernt hatte. Warum musste es ausgerechnet ihn treffen? Sie wischte sich die Tränen von den Wangen. Hoffentlich würde er sich wieder erholen.
Der Zug war rappelvoll. Viele Fahrgäste standen und saßen in den Gängen. Larissa war froh, sich mit der Fahrkarte noch eine Platzkarte geleistet zu haben. Eigentlich hatte sie vorgehabt, in diesen Semesterferien nach England zu reisen, um Freunde zu besuchen. Dafür hatte sie jeden Cent gespart. Aber das Schicksal hatte anders entschieden. Sie schaute zum blauen Himmel hinauf. Auch heute versprach es wieder ein heißer Sommertag zu werden. Ihr Großvater liebte den Sommer und verbrachte jede freie Minute in seinem Gemüsegarten zwischen Tomaten, Gurken und Kletterbohnen. Als Kind hatte sie ihn in seinem grünen Refugium öfter besucht. Doch in den letzten beiden Jahren waren ihre Besuche auf Weihnachten beschränkt gewesen, was sie heute bedauerte.
Schmunzelnd erinnerte sie sich, dass ihr Großvater seine Geranien und Tomaten im Badezimmer vorgezogen hatte. Fast glaubte sie den würzigen Duft der Pflanzen zu riechen und die filigranen Stängel zwischen ihren Fingern zu spüren. Bestimmt war sein Gemüse in diesem sonnenverwöhnten Sommer in die Höhe geschossen. Wer sich wohl jetzt um seinen Garten kümmerte? Ihre Mutter hasste Gartenarbeit.
Larissa lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Die Landschaft flog an ihr vorbei, Orte, Wälder und Felder, bis das Land flach und die Wiesen größer wurden, auf denen unzählige Kühe grasten. Das Bild perfekter, ländlicher Idylle. Doch heute war es überschattet von der Krankheit ihres Großvaters. Vielleicht wäre es das...




