May Die Pyramide des Sonnengottes
veränderte Aufl
ISBN: 978-3-7802-1552-9
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman, Band 52 der Gesammelten Werke
E-Book, Deutsch, Band 52, 464 Seiten
Reihe: Karl Mays Gesammelte Werke
ISBN: 978-3-7802-1552-9
Verlag: Karl-May-Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Unmittelbar an "Schloss Rodriganda" knüpft dieses Buch an. Anfangs spielt es in Deutschland, dann geht es wieder nach Mexiko, Hauptschauplatz ist die wilde Mapimi, eine Wüste im Nordosten des Landes. Eine alte geheimnisvolle Pyramide steht im Mittelpunkt der hochdramatischen Handlung. Die vorliegende Erzählung spielt Ende der 40er-Jahre des 19. Jahrhunderts. Bearbeitung aus dem Kolportageroman "Das Waldröschen".
"Die Pyramide des Sonnengottes" ist Teil 2 einer sechsteiligen Romanreihe.
Teil 1: "Schloss Rodriganda" (Band 51)
Teil 3: "Benito Juarez" (Band 53)
Teil 4: "Trapper Geierschnabel" (Band 54)
Teil 5: "Der sterbende Kaiser" (Band 55)
Teil 6: "Die Kinder des Herzogs" (Band 77
Weitere Infos & Material
Der alte Rodenstein
Weihnachten in der Heimat
Im Kielwasser des Piraten
Von Vera Cruz nach Mexico
Der 'Herr des Felsens'
Juarez
Der Kapitän der Lanzenreiter
Ein doppelter Zweikampf
Ein Ehrengericht
Raub
In der Pyramide
Auf der Verfolgung
Bärenherz und Büffelstirn
Kundschafter
Der Übermacht entwischt
Verschollen
Der 'Panther des Südens'
„Herrgott“, stöhnte er, „es wird mir fast zu viel! Gib mir Kraft, Kraft!“ Dieser Ruf war ein Gebet, wie es inbrünstiger nicht zum Himmel geschickt werden konnte, und Gott schien Erbarmen zu haben, denn der gewaltige Mann raffte sich zusammen und trat zum zweiten Mal näher. Kaum berührte der Löffel die Lippen der Kranken, so öffnete sie unbewusst den Mund, nahm die Flüssigkeit bis auf den letzten Tropfen und verschluckte sie. Sternau trat zurück, ein tiefer Seufzer hob seine Brust, er legte den Löffel auf den Tisch und faltete die Hände. „In welcher Weise wird die Medizin jetzt wirken?“, fragte der Staatsanwalt, „Es wird sich schon in kurzer Zeit zeigen, ob sie überhaupt wirkt“, antwortete Sternau. „In zehn Minuten muss die Kranke einschlafen. Dieser Schlaf wird sehr lange, vielleicht achtundvierzig Stunden dauern, und während dieser Zeit hat das Wichtigste zu geschehen. Der Schlaf darf in keiner Weise unterbrochen werden. Erwacht sie vor der Zeit, so war die Gabe zu schwach und ich habe davon nachzugeben. Tritt Aufregung, Unruhe oder gar Fieber ein, so war die Gabe zu stark und die Kranke wird sterben, wenn ich nicht sofort Gegenvorkehrungen treffe. Es ist überhaupt nicht abzusehen, welche Umstände eintreten können, und ich darf keine Minute lang ihr Lager verlassen. Ich muss bitten, Herr Hauptmann, Tag und Nacht ein gesatteltes Pferd bereitzuhalten, damit ich in jedem Augenblick einen Boten zur Stadt habe, wenn ich eine unvorhergesehene Medizin benötige.“ „Sie brauchen nur zu befehlen, Vetter.“ Die Anwesenden warteten zehn bange Minuten lang. Die Kranke kniete noch immer in ihrer betenden Stellung vor dem Sofa. Da senkte sie langsam das Haupt, ihre Lippen bewegten sich nicht mehr ohne Unterlass, sondern in einzelnen, immer länger werdenden Pausen. Endlich schlossen sich die Augen und die vorher aufrecht kniende Gestalt sank haltlos in sich zusammen. „Gott sei Dank!“, erklang es rund im Kreis. „Halb gewonnen!“, jubelte Sternau. „Mutter, bring sie zu Bett! Wir gehen unterdessen zu Don Manuel und versuchen unser Glück auch bei ihm.“ Während die Frauen sich um die Gräfin bemühten, standen Sternau, der Staatsanwalt und der Hauptmann drüben beim Grafen, der von Alimpo entkleidet und zu Bett gebracht worden war. „Wird die Wirkung bei dem Grafen die gleiche sein, wie bei der Tochter?“, fragte der Staatsanwalt. „Ja, nur dass, wenn alles gut geht, sein Schlaf länger dauern wird, was seinem Alter zuzuschreiben ist.“ Der Erfolg bei der Gräfin hatte Sternaus Zuversicht bedeutend erhöht, sodass er ohne ein Zeichen von Erregung dem Grafen die Tropfen einflößte. Als nach zehn Minuten sich auch bei diesem ein tiefer, ruhiger Schlaf einstellte, verließen die Herren das Zimmer, Sternau mit einem unbeschreiblichen Gefühl im Herzen, das wie die Vorahnung kommenden Glücks seine Seele durchzog. Alimpo blieb als Krankenwache beim Grafen zurück. Von dieser Stunde an verging ein Tag und noch ein halber, während welcher Zeit auf Rheinswalden Grabesstille herrschte. Man trat unhörbar auf und man sprach nur leise, ja, der Oberförster hatte sogar einem Burschen, der einen anderen unten im Hof laut gerufen hatte, eine Ohrfeige gegeben und ihn nur auf inniges Bitten nicht aus dem Dienst entlassen. Alle Stunden gingen Krankenberichte von Mund zu Mund. Es war ein Hangen und Bangen wie vor dem Urteilsspruch eines Richters. 2. Weihnachten in der Heimat
Am zweiten Tag um die gleiche Zeit saß Sternau am Bett der Gräfin. Außer ihm befand sich nur noch seine Mutter im Zimmer. Sie saß bei einer Arbeit, hinter der dichten Fenstergardine verborgen. Roseta hatte vom ersten Augenblick an bis jetzt in ununterbrochener Ruhe geschlafen. Sie lag wie ein schönes Marmorbild im Bett; keine Wimper zuckte, kein Atemzug war hörbar. Auch der Graf hatte bis jetzt fortgesetzt und ruhig geschlafen. „Mutter!“, klang es da leise durch die Stille des Raums. „Mein Sohn?“, fragte sie ebenso leise. „Komm her!“ Frau Sternau erhob sich und glitt hin an die Seite ihres Sohnes. Ihr ängstlich fragender Blick traf sein Auge und fand darin einen leisen Hoffnungsschimmer. „Fühle diese Hand“, bat er. Sie nahm die marmorweiße Hand der Schlafenden in die ihrige und nickte dem Sohn freudig zu. „Und fühlst du den Puls, Mutter? Sieh die Lippen, wie sie sich röten, und auch der bleiche Todesglanz ist von den Wangen gewichen. Geh zum Hauptmann und melde ihm, dass die Gräfin in einer Stunde erwacht sein wird!“ „Karl! Ist’s wahr?“ „Ja.“ Da zog sie den Kopf ihres Sohnes ans Herz, streichelte ihm zärtlich die Wange und fragte leise: „Wird es zum Glück sein?“ „Das steht bei Gott! Mutter, ich bete so inbrünstig wie noch nie in meinem Leben.“ „Gott, der Herr, mag dein Gebet erhören! Du verdienst dieses Glück, mein Kind!“ Frau Sternau glitt lautlos zur Tür hinaus, kam aber nach kurzer Zeit wieder zurück und nahm ihren vorigen Sitz wieder ein. Arbeiten konnte sie jedoch nicht mehr – auch sie betete aus vollem Mutterherzen, dass Gott barmherzig sein und die nächste Stunde zum Heil werden möge. Eine halbe Stunde verging, da hörte man schon die leisen Atemzüge der Kranken. Dann röteten sich die Wangen, jetzt, jetzt bewegte sich die Hand – der Arm, und die Lider zuckten. Und wieder nach kurzer Zeit legte die Schlafende den Kopf langsam auf die Seite. Die Brust Sternaus wollte zerspringen, aber er hielt die warme Hand der Kranken in der seinigen und blieb äußerlich ruhig. Jetzt wandte Roseta das Gesicht hinüber auf seine Seite und sein scharfes Auge sah, dass die Lider jenes Zucken verrieten, das meist dem Erwachen vorhergeht. Und nicht lange dauerte es, so erhoben sie sich langsam, langsam. Das Auge öffnete sich und schaute erst starr geradeaus. „Allgütiger Himmel, hilf! Jetzt entscheidet es sich!“, flehte Sternau im Stillen. Das Auge Rosetas bekam dann jenen träumerischen Ausdruck, der dem Erwachen eigen ist, und richtete sich endlich mit dem Licht des vollständigen Bewusstseins auf die umgebenden Gegenstände. „Gewonnen!“, jubelte es in der Seele des Arztes. Rosetas Blick aber glitt von Gegenstand zu Gegenstand und ein tiefes Befremden malte sich in ihren Zügen. Da fühlte sie, dass ihre Hand gehalten wurde. Schnell und erschrocken suchte ihr Blick den, der diese Berührung wagte, und als sie Sternau sah und ihn erkannte, fuhr sie empor und rief: „Carlos! Du bist es?“ „Ja, ich bin’s“, antwortete er mit zitternder Stimme. „Wo bin ich? Wie lange habe ich geschlafen?“ „Beruhige dich, du bist bei mir!“, bat er, die Arme um sie schlingend. „Ja, ich bin still, denn ich bin bei dir“, sagte sie innig. „Aber ich muss lange geschlafen haben.“ „Sehr lange. Du warst krank.“ „Krank?“, fragte sie nachdenklich. „Wie ist es denn? Ich habe ja gestern meine Amy nach Pons begleitet und dann – ah, dann warst du fort. Später war mir sehr übel und ich wollte schlafen gehen, bin aber im Gebet eingeschlafen. Wo warst du, mein Carlos?“ „Ich war in Barcelona“, erklärte Sternau. „Ohne mir vorher etwas zu sagen?“ Da klang ein leises, unterdrücktes Schluchzen hinter der Fenstergardine hervor. Roseta hörte es. „Wer weint? Wer ist hier?“, fragte sie. „Ist es die gute Elvira?“ „Nein, mein Herz. Es ist eine sehr liebe Frau, die dich gern sehen wollte.“ „Oh, eine Fremde!“, rief sie erschrocken. „Wer ist sie?“ „Meine – Mutter.“ Roseta sah ihn erst an, als verstehe sie ihn nicht, dann aber rief sie in großer Freude: „Mutter? Oh, welch eine Überraschung! Rufe sie her! Schnell, schnell!“ „Aber, Roseta, du musst Französisch mit ihr sprechen, sie versteht das Spanische nicht.“ „Deine Mutter mag nur kommen, Schnell!“ „Mutter“, bat Sternau, „komm her! Roseta will dich sehen!“ „Mein Sohn, ich verstehe die Worte nicht, die ihr gesprochen habt, aber ich vernahm, dass sie bei Bewusstsein ist und ihr glücklich seid. Ist es so?“ „Ja. Gott hat unser Gebet erhört.“ Da kam Frau Sternau langsam herbei, Roseta streckte der Nahenden mit freudeglänzendem Angesicht die Hände entgegen und sagte: „Sie sind die Mutter meines Carlos? Seien Sie mir innig gegrüßt! Oh, nun habe auch ich eine Mutter! Darf ich Ihre folgsame Tochter sein?“ Frau Sternau legte der Condesa unter Tränen...




