E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
May Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 580
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-2335-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Küsse im Jagdschloss
E-Book, Deutsch, 64 Seiten
Reihe: Bastei Lübbe
ISBN: 978-3-7517-2335-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Alles in Imke Jantzen sträubt sich dagegen, die Einladung der Baronin von Mayen-Wicklow, die sie ihr über einen Anwalt zukommen lässt, anzunehmen. Es schreit zum Himmel, dass die Frau, die ihr den Vater genommen hat, als sie ein kleines Mädchen von drei Jahren war, sie kennenlernen will. Ihr ganzes Leben musste sie auf den Vater verzichten, und nun ist er tot. Und sie soll seine Geliebte besuchen?
Doch Dr. Ratgen beschwört sie, dem Wunsch der kränklichen Baronin zu entsprechen, denn sie habe nicht mehr lange zu leben. Am Ende stimmt Imke schweren Herzens zu und fährt mit ihm in die österreichischen Berge. Als sie schließlich vor dem verwunschenen Märchenschloss der Baronin steht, nimmt der Zauber des Ortes sie sofort gefangen. Und wider Willen hat Imke das Gefühl, nach einer langen Irrfahrt heimgekommen zu sein ...
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Küsse im Jagdschloss
Zwei Menschen im Bann ihrer Gefühle
Alles in Imke Jantzen sträubt sich dagegen, die Einladung der Baronin von Mayen-Wicklow, die sie ihr über einen Anwalt hat zukommen lassen, anzunehmen. Es schreit zum Himmel, dass die Frau, die ihr den Vater genommen hat, als sie ein kleines Mädchen von drei Jahren war, sie kennenlernen will. Ihr ganzes Leben musste sie auf den Vater verzichten, und nun ist er tot. Und sie soll seine Geliebte besuchen?
Doch Dr. Ratgen beschwört sie, dem Wunsch der kränklichen Baronin zu entsprechen, denn die habe nicht mehr lange zu leben. Am Ende stimmt Imke schweren Herzens zu und fährt mit ihm in die österreichischen Berge. Als sie schließlich vor dem verwunschenen Märchenschloss der Baronin steht, nimmt der Zauber des Ortes sie sofort gefangen. Und wider Willen hat Imke das Gefühl, nach einer langen Irrfahrt heimgekommen zu sein ...
Imke Jantzen lächelte dem jungen Mann entgegen, wurde jedoch plötzlich ernst, als sein Blick verletzend flüchtig an ihr vorbeiglitt und dann aufleuchtend an ihrer Begleiterin haften blieb.
»Ist das Ihre große Liebe, Fräulein Jantzen?«, erkundigte sich Marlies Buchner spöttisch.
Imke nickte sichtlich verärgert.
»Horst«, sagte sie leise und wie mahnend zu dem mittelblonden Mann, dessen sinnlichen Mund ein dünnes Lippenbärtchen zierte.
Es schien, als zuckte er leicht zusammen, doch schon lächelte er wieder, war der selbstsichere junge Mann, der sich seiner Wirkung auf das weibliche Geschlecht voll bewusst ist.
»Du kommst spät«, sagte er, ohne sie zu begrüßen, noch immer interessiert auf Marlies Buchner blickend.
»Wir hatten einen wichtigen Kunden«, erklärte Imke.
»Möchtest du mich nicht mit der bezaubernden jungen Dame bekannt machen?«, fragte er, den Blick freundlich auf das hübsche Mädchen gerichtet, das sich seinem stummen Werben nicht entziehen zu wollen schien.
»Horst Stetten – Marlies Buchner«, murmelte Imke widerwillig.
»Buchner?«, wiederholte er überrascht. Er starrte hinüber auf die Reklame des großen Geschäftshauses und fuhr erneut zusammen, als Marlies laut lachte.
»Ja, ich bin eine Buchner«, gab sie voller Stolz zu. »Und es wird Sie gewiss in Erstaunen versetzen, dass ich im Geschäft mitarbeite.«
»Nicht in Erstaunen, gnädiges Fräulein«, erwiderte Horst mit einer Verbeugung, »sondern mit der größten Hochachtung und Bewunderung. Sie hätten es ja nicht nötig, im Geschäft Ihres Herrn Vaters mitzuarbeiten. Alfred Buchner verfügt doch über Mittel und Wege, um sämtliche Arbeitsplätze mit tüchtigen und erstklassig ausgebildeten Kräften zu besetzen.«
»Das stimmt, aber da wir keinen männlichen Erben haben und meine einzige Schwester Schauspielerin werden will, habe ich mich bereit erklärt, mich zu opfern.« Marlies lachte klingend. »Seit vier Generationen ist das Unternehmen in unserem Besitz, Herr Stetten. Das verpflichtet, verstehen Sie?«
»Ja, aber wenn Sie den richtigen Mann heiraten, dann ...«
»Er muss erst einmal kommen«, unterbrach sie ihn und lachte wieder, eine Spur zu keck für Imkes Geschmack.
»Ich beneide Sie, gnädiges Fräulein«, sagte Horst, und Imke hatte plötzlich das Gefühl, höchst überflüssig und nicht seit über einem Jahr mit dem jungen kaufmännischen Angestellten bekannt zu sein.
»Wir müssen weiter, Horst«, drängte sie.
»Warum lerne ich Sie erst heute kennen, gnädiges Fräulein?«, fragte er, ohne Imkes Mahnung zu beachten.
»Weil ich lange Zeit im Ausland war, um meine Kenntnisse zu erweitern«, verriet sie ihm.
»Dann habe ich unsere Bekanntschaft also einem Zufall zu verdanken«, stellte Horst Stetten mit einschmeichelnder Stimme fest.
»Ja und nein. Ich wollte eigentlich nur ein Stück mit Fräulein Jantzen gehen. Mein Wagen wird in der Werkstatt überprüft. Ich will ihn jetzt abholen.«
»Oh, Sie haben einen Wagen«, stellte er mit großem Interesse fest.
Imke sah traurig zu dem Mann hin, der ihre Liebe mit Blicken, Gesten und Seufzern verleugnete.
»Wir müssen weiter, wenn wir pünktlich im Theater sein wollen, Horst«, mahnte sie erneut.
»Ach, das hat doch noch Zeit«, erklärte Marlies Buchner in gereiztem Ton.
»Und gleich nach Ihrer Rückkehr arbeiten Sie schon wieder?«, nahm Horst Stetten die Unterhaltung wieder auf.
Einem Fieber gleich hatte ihn das Interesse für dieses elegante Mädchen ergriffen. Eine Beziehung zur Buchner-Erbin könnte für ihn die Erfüllung all seiner Wünsche bedeuten. Mit einem Schlage könnte er sein bescheidenes Leben hinter sich lassen.
»Ich habe noch vier Wochen lang Urlaub bei Bekannten in Südspanien gemacht«, erzählte Marlies. Sie setzte sich in Richtung Werkstatt in Bewegung und hielt es wohl für selbstverständlich, dass die beiden ihr folgten.
»Horst«, sagte Imke und hielt ihn am Arm fest.
Marlies Buchner blieb noch einmal kurz stehen und drehte sich um.
»Wir müssen geradeaus, Fräulein Buchner«, erklärte Imke höflich.
»Ach ja, Sie wollen ins Theater«, meinte diese und sah Horst Stetten in die Augen. »Schade«, fügte sie hinzu und ging mit wiegenden Hüften davon.
»Wir hätten sie begleiten sollen«, grollte Horst Stetten. »Ich verstehe etwas von Autos, auch wenn ich keines besitze.«
»Marlies Buchner weiß sich sehr gut allein zu helfen, Horst.«
»Du siehst alles von deiner Warte aus, weil du seit Langem für dich sorgen musst und keine Angehörigen mehr hast.«
Imke Jantzen biss sich auf die Unterlippe und ging rascher weiter. Horst Stetten folgte ihr zerknirscht bis zu dem Haus, in dem sie ein möbliertes Zimmer bewohnte.
»Beeile dich«, forderte er sie auf. »Wir haben nicht mehr viel Zeit.«
»Das ist nicht nur meine Schuld«, gab Imke mit fester Stimme zurück und betrat das Haus.
Während sie sich hastig fürs Theater umzog und die Enttäuschung zu vergessen suchte, dachte Horst sehnsüchtig an die überaus hübsche Buchner-Tochter.
Keine Freude, keine Bewunderung war in seinen blauen Augen, als er Imke später aus dem Mantel half. Seine Gedanken waren bei einer anderen. Und zum ersten Mal brachte er Imke nach der Vorstellung sofort heim und murrte nicht wie gewohnt, weil er sich so früh von ihr trennen musste.
»Gute Nacht«, sagte er kurz, und seine Stimme hörte sich seltsam fremd an.
»Sehen wir uns morgen, Horst?«, fragte die junge Frau unsicher.
»Nein, morgen geht es nicht. Ich muss etwas Wichtiges erledigen.«
»Dann übermorgen?« Traurig sah sie ihn an und erhoffte sich ein Lächeln oder einen zärtlichen Trost.
»Ich rufe dich an, Imke«, antwortete er knapp und ging. Sie hatte keine Gelegenheit mehr gefunden, ihn darauf aufmerksam zu machen, dass man es bei Buchner nicht gern sah, wenn Angestellte privat telefonierten.
???
Imke Jantzen machte sich in den Tagen danach nichts vor. Sie kannte Marlies Buchners Anziehungskraft auf die Männer. Sie wusste auch, wie leicht Horst Stetten für etwas Schönes, nicht Erreichbares zu begeistern war. Mit entsagungsvollem Lächeln nahm sie all die kleinen Beweise hin, die ihr deutlich machten, dass nach einem guten Jahr des Glücks ihr Traum von einer gemeinsamen Zukunft ausgeträumt war.
Horst hatte plötzlich immer viel zu tun. Er holte Imke abends kaum noch vom Geschäft ab. Er hatte sich an der Volkshochschule für irgendeinen Kurs angemeldet und deshalb mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass er in Zukunft auf die Theaterbesuche verzichten und stattdessen daheim lernen müsse.
Sein Zuhause war ein kleines Zimmer, das mit Argusaugen von seiner hageren Tante bewacht wurde. Ein einziges Mal war Imke in dem Haus gewesen, das Horst Stettens Tante gehörte. Sie hatte darin gefröstelt, obwohl es ein heißer Sommertag gewesen war. Und wenn sie ehrlich war, musste sie zugeben, dass sie Horst verstand und sich auch danach sehnte, aus der Enge ihres Lebens herauszukommen.
Die Theaterbesuche mit ihm waren der einzige Luxus gewesen, den sie sich gegönnt hatten, und sie würde auch in Zukunft nicht darauf verzichten.
Von Marlies Buchner sah sie sehr wenig. Das Mädchen war mit einem Angestellten zur Messe gefahren. Im Stillen freute sich Imke darüber, weil Horst nun vergeblich nach Marlies Ausschau halten würde.
Imke weinte in dieser Zeit oft und fühlte sich einsam und verlassen, aber sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass Horsts Zuneigung zu ihr doch recht oberflächlich gewesen sein musste. Sie überlegte, ob sie nicht ihre Arbeit bei Buchner aufgeben sollte.
Vierzehn Tage nach diesen quälenden Gedanken ging Imke wieder ins Theater und machte sich schick für diesen Abend.
Als sie auf ihrem Parkettplatz saß und wie zufällig nach rechts schaute, kam sie sich wie ein Aschenputtel...




