E-Book, Deutsch, Band 1, 284 Seiten
Reihe: Die Schmuckmacher-Dynastie
May Elfenbeinsonne
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-98457-7
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Geheimnis der Güldensteins
E-Book, Deutsch, Band 1, 284 Seiten
Reihe: Die Schmuckmacher-Dynastie
ISBN: 978-3-492-98457-7
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Valentina May schreibt erfolgreich Liebesromane und Familiensagas der Gegenwart und Historie. Oft spielt die Natur in ihren Romanen eine wichtige Rolle. Ihre Geschichten spielen an Orten, die sie selbst besucht hat. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren Tieren im Weserbergland. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt und sich neue Geschichten ausdenkt, reitet sie von ihren Hunden begleitet durch Wald und Wiesen, was sie zu neuen Romanideen inspiriert.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1.
Amelies Herz hämmerte vor Aufregung, als sie behutsam das zerbrechliche Schmuckstück auf das mit dunkelblauem Samt ausgeschlagene Podest legte. Hoffnung und Herzblut steckten in diesem Anhänger. Sie hatte ihn geschnitzt, geformt, geschliffen und war zufrieden mit dem Ergebnis. Jedes Detail ihrer Idee hatte sie umsetzen können. Die vielen geopferten Stunden hatten sich gelohnt. Der Anhänger besaß gute Chancen auf den Sieg. Mutter wäre stolz auf sie gewesen. Schade, dass sie nicht hier sein konnte. Einen Moment schloss sie die Augen und dachte an die letzten gemeinsamen Minuten. Mutter war zu Hause friedlich eingeschlafen. Damals war Amelie gerade erst fünfzehn geworden. Ein dürrer Teenager mit Zahnspange und unerschöpflichen Ideen im Kopf. Hand in Hand hatten sie und ihre Schwester Laura an Mutters Bett gestanden.
Blass und schmal hatte Ingrid Stolze in ihrem Bett gelegen, mit eingefallenen Wangen, die Augen weit in den Höhlen liegend. Aus dem Körper der einst agilen Frau war jegliche Kraft gewichen, ihre letzten Worte nicht mehr als ein Wispern gewesen. Amelie hatte sich weit zu ihr hinunterbeugen müssen, um das zu verstehen, was der Mutter offensichtlich auf der Seele gelastet hatte. »Seltene Gabe … Schmuckstück Seele einhauchen … du hast sie. Deine Großmutter hatte das Talent … ihre Mutter … und deren Mutter … Nutze es … versprich mir … niemals aufzugeben … versprich es …«
Mit Tränen in den Augen hatte Amelie Mutters eiskalte Hand in ihre genommen und sanft gedrückt, während sie ihr versprach, ihrer Begabung zu folgen. Mit einem Lächeln auf den Lippen war Mutter dann gestorben. »Die Goldschmiedekunst ist mehr als ein Beruf. Sie ist eine Passion. Du hast mehr Talent als ich, mein Kind. Mach was draus«, hatte sie oft zu Amelie gesagt, wenn sie als Kind bei ihr in der Werkstatt gesessen und sich an einem Schmuckstück versucht hatte.
Sobald Amelies Gedanken in die Vergangenheit schweiften, flammte der Schmerz wieder auf. Traurigkeit trübte ihre Vorfreude auf den Wettbewerb.
Auch ihre Mutter hatte immer von einem Wettbewerb wie an der Goldschmiedeschule in Pforzheim geträumt, wo sie ihre Begabung unter Beweis hätte stellen können. Doch es war aus den unterschiedlichsten Gründen nie dazu gekommen. Wie sehr hätte sie es ihr gegönnt. Ihre Mutter war eine innovative Designerin gewesen, die ihre künstlerische Berufung der Kinder wegen stets zurückgestellt hatte. Eine Träne quoll unter Amelies Lid hervor, die sie verstohlen fortwischte. Jetzt war nicht die Zeit, Trübsal zu blasen, sondern hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, und der Sieg bei diesem Wettbewerb war der erste Schritt dafür.
Die meisten der Gäste saßen bereits auf ihren Plätzen, die Blicke nach vorn auf die Exponate gerichtet. Alle warteten auf den Beginn des Events. Ihr Anhänger wirkte in der betongrauen Umgebung des Forums wie ein Relikt aus längst vergessener Zeit.
Ein letztes Mal strich Amelie über die glatt polierten Stellen. Es hinterließ bei ihr das Gefühl, ihr Werk dem Schicksal preiszugeben, wie eine Mutter, die ihr Kind zum ersten Mal losließ. Laura hätte sie sicher für diese Sentimentalität ausgelacht. »Du bist immer so schrecklich theatralisch«, warf sie Amelie stets vor.
Während Amelie sich schlecht von Dingen trennen konnte, mit denen sie intensive Erinnerungen verband, warf Laura sie in den Müll, um Platz für neue Errungenschaften zu schaffen.
Unterschiedlicher wie sie beide konnten Schwestern nicht sein. Dennoch hatte das Leben sie zusammengeschweißt. Nach Mutters Tod war die jüngere Laura nicht mehr von ihrer Seite gewichen, hatte eine Zeit lang in ihrem Bett geschlafen, bis sie zu Oma Irmi gezogen waren. Die Großmutter war eine energische, aber liebenswürdige Frau gewesen, zu der Amelie und Laura eine innige Beziehung besessen hatten. Mit den Geschichten aus ihrem Leben in Afrika hatte sie es stets verstanden, sie in ihren Bann zu ziehen. Amelie wusste dank ihr alles über Elfenbein und das bedauernswerte Schicksal der Tiere. Aber sie wusste auch von den Riten der Eingeborenen, ihrer Furcht vor dem Zorn der Götter und Ahnen und wie sie sich durch Zauber davor zu schützen versuchten. In ihrem Kopf waren lebendige Bilder über das entbehrungsreiche Dasein in Afrika entstanden.
Aus Oma Irmis Nachlass stammten auch das Elfenbein und die dazugehörigen Zeichnungen eines Eingeborenen. Ursprünglich war der Elfenbeinanhänger ein zweifingerbreites, längliches Stück gewesen, bis auf ein paar Kerben unbearbeitet, von zwei simpel gearbeiteten Goldhäubchen eingefasst, davon eines mit Öse für die Kette. Oma Irmi hatte den Anhänger vor einem halben Jahrhundert während ihrer letzten Reise auf einem Markt irgendwo in Zentralafrika von ihrem Mann geschenkt bekommen. Opa Hartwig, den Amelie leider nie kennengelernt hatte, war Botaniker gewesen und mit Irmi durch ganz Afrika gereist. Tragischerweise war er kurz darauf an einem Fieber gestorben.
»Hätte mein Hartwig ihn nicht gekauft, wäre er jetzt noch am Leben.«
Wenn Amelie sie nach dem Grund gefragt hatte, war Oma Irmi ihr stets ausgewichen.
»Darüber darf man nicht sprechen. Das bringt Unglück«, hatte sie ihr stets erklärt.
An Oma Irmis Hals hatte der Anhänger wie ein Knochen ausgesehen. Beim Anblick hatte Amelie sich jedes Mal innerlich geschüttelt. Es hatte in ihren Fingern gejuckt, ihn zu bearbeiten, zu formen, was der Großmutter nicht entgangen war.
»Du bist wie deine Mutter. Wenn ich einmal nicht mehr bin, gehört er dir. Vielleicht bringt er dir mehr Glück. Magische Kräfte umgeben ihn.«
Wie abergläubisch ihre Großmutter doch gewesen war, geprägt von ihren Aufenthalten unter den Einheimischen Afrikas, bei denen Übersinnliches zum Alltag gehörte. Als Kind hatte Amelie es aufregend gefunden, wenn sie Großmutters abenteuerlichen Erzählungen von heiligen Medizinmännern, deren Ritualen oder mystischen Tierbegegnungen gebannt gelauscht hatte. Heute hingegen lächelte sie, wenn sie an die netten Geschichten dachte, die Oma Irmi so lebendig erzählt hatte. Aber diese Erzählungen hatten sie inspiriert. Ohne sie wäre der Anhänger nicht entstanden. Amelie erinnerte sich noch gut daran, dass auf der Rückseite des Elfenbeinanhängers drei Kerben zu sehen waren. Sie erinnerte sich daran, dass Oma Irmi oft, wenn sie sich unbeobachtet gefühlt hatte, fast andächtig mit dem Finger darübergestrichen hatte.
»Bitte treten Sie jetzt zurück.«
Eine Hand legte sich schwer auf ihre Schulter. Amelie zuckte zusammen. Sie wandte sich um und stand einem hochgewachsenen Mann im Nadelstreifenanzug mit lila Einstecktuch in der Brusttasche gegenüber, der sie streng musterte. Eine Frau reichte ihm eine Glasglocke, die er über ihr Werk stülpte. Auf dem Aufkleber am unteren Rand war das Motto des Wettbewerbs Ein Fest für die Sinne aufgeführt. Die Namen der Teilnehmer wurden streng geheim gehalten. Doch Amelie hatte in den drei Jahren ihre Mitschüler und -schülerinnen und deren Arbeiten so weit kennengelernt, dass es ihr leichtfiel, die Schmuckstücke ihrem Hersteller zuzuordnen, die von einem speziellen Gremium ausgesucht worden waren.
Lange hatte sie über das Rohmaterial gegrübelt, bis sie sich für Elfenbein entschieden hatte. Sie liebte das Schnitzen.
Ein Parfümduft mit der Maiglöckchennote drang in Amelies Nase. Tilda trat neben sie. Der Hauch von Frühling passte zu ihrer Freundin mit dem Porzellanteint und dem quirligen Naturell. Doch heute trat sie mit angespannter Miene neben sie. »Hey, wie geht’s dir?«, fragte sie mitfühlend.
»Kneif mich mal, damit ich weiß, dass ich wirklich nicht träume«, antwortete Amelie und streckte ihr den Arm hin. Tilda schüttelte den Kopf.
Die Freundin strich eine widerspenstige Strähne ihrer kupferroten Lockenpracht hinters Ohr. »Ich beneide dich. Die Szene wirkt so lebendig. Die Bewegung, die Mienen … Ich wünschte, ich könnte das auch. Egal, welche Mühe ich mir immer gebe, nichts gelingt so, wie ich es mir vorstelle.«
»Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Dafür bist du eine begnadete Glasbläserin.« Die selbstgefertigten Christbaumkugeln der Freundin waren zu Weihnachten überaus gefragt gewesen. Tilda zog eine Grimasse. »Leider bildet mein Vater sich ein, dass ich Goldschmiedin werden soll, auch wenn das nicht mein Ding ist. Stur und verbohrt, wie er ist.« Deutlich war die Enttäuschung herauszuhören.
»Vielleicht kannst du ihn ja eines Tages dazu überreden, in einer Glashütte zu arbeiten?« Ein wachsamer Ausdruck trat in Tildas Augen und weckte in Amelie das Gefühl, dass sie ihr etwas verschwieg. Die Freundin sprach kaum von ihrer Familie, fiel ihr wieder einmal auf.
»Da müssten Weihnachten und Pfingsten auf einen Tag fallen, damit das geschieht!«, rief Tilda aus. »Dabei hätte ich wirklich tolle Ideen.«
Amelie wusste, welche Bürde auf den Schultern der Freundin wegen der elterlichen Erwartungshaltung lastete. Schon wieder schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit.
Mutters viel zu früher Tod hatte den Juwelierladen der Familie in eine finanzielle Krise gestürzt, weshalb Vater seinen Kummer im Alkohol zu vergessen suchte. Amelie, kurz vor ihrer Ausbildung und unerfahren in der Geschäftsführung, hatte ihn zum Glück überreden können, den smarten Goldschmied Dennis einzustellen. Dennis! Unter seinem begehrlichen Blick war sie jedes Mal dahingeschmolzen. Die Erinnerung an ihn besaß jedoch auch einen bitteren Nachgeschmack. Ihre Wunden waren noch immer nicht ganz verheilt. Fluchtartig hatte sie damals Bremen verlassen, um einen neuen Anfang in Pforzheim zu starten. Nur möglichst weit von ihm entfernt. Vater hatte den Laden geschlossen und arbeitete als Aushilfsgärtner, wo er bei körperlicher Arbeit und an der frischen Luft seine...




