E-Book, Deutsch, 158 Seiten
May Giovanni
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6347-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Geruch des Meeres und der Duft von Heu
E-Book, Deutsch, 158 Seiten
ISBN: 978-3-7578-6347-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sibylle May war fünfundzwanzig Jahre freie Autorin beim SDR und hat einige Kinder- und Jugendbücher bei Rotfuchs veröffentlicht. Sie lebt in Stuttgart.
Autoren/Hrsg.
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POI GIUSEPPIN
Giovanni wurde am 1 .Dezember 1928 in Isolalunga geboren. Und als seine Mutter starb, war er dreieinhalb Jahre alt. Mit sechsunddreißig Jahren hinterließ seine Mutter drei kleine Kinder. Giovanni , den ältesten, seine Schwester Caterina, die später auch in Isolalunga lebte, und seine neugeborene Schwester Carmelina, bei der die Mutter während der Schwangerschaft eine Nierenentzündung bekam. Drei Tage nach Carmelinas Geburt war sie tot, und der Junge blieb allein mit Poi Giuseppin, einem Mann von siebenundsiebzig Jahren. Der Vater wohnte zwar auch im Haus, aber er kümmerte sich kaum um seine Kinder. Er kam und ging, wie es ihm passte. Poi Giuseppin hatte mit Giovannis Vater, seinem Sohn Franco, schon immer seine Probleme gehabt. Es war ihm nicht gelungen, etwas Ordentliches aus ihm zu machen, obwohl er sich alle erdenkliche Mühe gegeben hatte. Denn Poi Giuseppin war ein sehr korrekter, strenger Mann. Auch etwas starrköpfig. Und daneben Giovannis Vater, der sich am liebsten amüsierte. Das passte nicht zusammen.
Was sein Großvater von Beruf gewesen war, wusste Giovanni nicht so genau. Wahrscheinlich Maurer. Sein Haus in Isolalunga hatte er selbst gebaut. Er arbeitete auch auf dem Feld, aber vor allem war er wohl Maurer. Giovannis Vater musste sich später, als der Großvater nicht mehr lebte, sein Geld als Hilfsarbeiter verdienen. Aber zur Zeit des Großvaters ging es der Familie nicht schlecht. Sie waren nicht reich, doch sie lebten in bescheidenem Wohlstand. Sie wohnten im eigenen Haus und besaßen genug Land, um sich davon zu ernähren. Poi Giuseppin war ein angesehener Mann im Dorf.
„Nimm dir ein Beispiel an deinem Vater, dann wird‘s dir besser gehen“, haben die Leute später Giovannis Vater ermahnt. Aber er hat solche Ratschläge in den Wind geschlagen. Großvater besaß einen eigenen Weinberg und eine Mühle, wo er sein Öl pressen konnte. Außerdem gehörte ihm ein „orto“, ein großer Küchengarten, unten am Fluss, wo er alles Mögliche anpflanzte. Kartoffeln, Bohnen, Gemüse, Salat. Alles gedieh dort prächtig, denn Poi Giuseppin hatte ein raffiniertes Bewässungssystem angelegt.
Wer weiß, vielleicht haben die Araber, die Sarazenen, dieses Wissen nach Ligurien gebracht. Er leitete das Wasser weiter oben vom Fluss in ein Sammelbecken.Von dort strömte es durch einen Kanal aufs Feld. An bestimmten Stellen zweigten kleine Gräben ab, die geöffnet wurden, bis sie gefüllt waren. In diesen Furchen floss das Wasser immer bergab, von einer Ebene zur nächsten bis ganz hinunter zum Prino-Fluss.
Der Großvater besaß so viele Olivenbäume, dass er einen Teil des Olivenöls verkaufen konnte. Außerdem bezog er eine Rente von seinem verstorbenen Sohn Giabatta, der im Ersten Weltkrieg auf den Höhen des Ortigara gefallen war, wo die Österreicher gegen die Italiener kämpften. Es ging der Familie finanziell gesehen nicht schlecht. Sie lebten alle zusammen in Großvaters Haus. Es war solide gebaut und stand etwas außerhalb des Dorfes.Von ihren Nachbarn wurden sie um dieses Haus beneidet, denn es war hübsch anzusehen mit seinen Bögen und Gewölben. Unten lagen die Ställe, darüber das Stockwerk des Großvaters und über diesem das des Vaters. Das Haus war nicht übermäßig groß, auf jedem Stockwerk gab es nur drei Zimmer. In der unteren Etage befanden sich die Küche, ein Schlafzimmer für Poi Giuseppin, eines für Giovanni und daneben ein Wohnzimmer. Die beiden, Großvater und Enkel, aßen immer in der Küche und setzten sich anschließend ins Wohnzimmer. Auch das war klein, alle Räume waren klein, weil sie so dicke Mauern hatten.
Poi Giuseppin ging niemals ins obere Stockwerk, denn dort wohnte sein Sohn. Zunächst mit seiner Frau und später allein.
„Wo ist Din?" fragte der kleine Giovanni seinen Großvater.
Im Dialekt heißt Vater „Ogin". Da er das nicht aussprechen konnte, nannte er ihn Din.
„Wo ist Din?"
Poi Giuseppin zog fragend die Schultern hoch.
„Woher soll ich das wissen?"
„Din! Din", brüllte Giovanni die Treppe hoch. Aber Din antwortete nicht, er war unterwegs. Immer wieder versuchte der Kleine, die Treppe ins obere Stockwerk hochzusteigen. Umsonst. Die Stufen türmten sich zu einem schroffen, uneinnehmbaren Gebirge vor ihm auf, so dass er spätestens auf der dritten Stufe weinend sitzen blieb, bis Poi Giuseppin ihn holen kam.
„Komm runter, Gianni. Din ist wirklich nicht da."
„Wann kommt Din?"
„Weiß ich nicht. Vielleicht heut' Abend."
Giovanni bekam seinen Vater nur selten zu Gesicht. Nach dem Tode seiner Mutter so gut wie gar nicht mehr. Es war Großvater, der auf ihn aufpasste, der ihm zu essen gab.
„Was wollen wir heute kochen? Was magst du gern essen?", fragte er ihn oft.
„Minestrone."
„Va bene, machen wir heute Minestrone“, sagte Großvater dann und kochte eine Minestrone.
Giovanni musste keinen Hunger leiden, ihm hat es an nichts gefehlt. Wenn nur diese Einsamkeit nicht gewesen wäre. Ohne die Mutter, ohne den Vater, nur immer mit seinem Großvater. Die Einsamkeit, die ein kleines Kind empfindet, das mit einem Siebenundsiebzigjährigen aufwächst! Ein kleiner Junge und ein uralter Mann, das waren zwei Welten, die nicht zusammen passten. Der Großvater liebte seinen Enkel über alles. Aber Zärtlichkeit konnte er ihm keine geben. Er hatte sein Leben lang hart arbeiten und kämpfen müssen und war darüber selbst hart und unbeugsam geworden wie ein alter knorriger Olivenbaum. Lesen, Schreiben und Rechnen hat er dem Kleinen beigebracht, bevor der überhaupt in die Schule kam. Dabei hat der Großvater selbst nur einnige wenige Jahre eine Schule besucht. Er wollte, dass es seinem Enkel einmal besser gehen sollte.
Giovannis beide Schwestern lebten nicht im Haus. Caterina war gleich nach dem Tod der Mutter zu den Großeltern mütterlicherseits nach Piemont gebracht worden. Genau genommen nicht nach Piemont, sondern in die ligurische Provinz Calizzano-Savona oben in den Bergen, wo das Wasser schon nach Piemont hinüberfließt. Die kleine Carmelina, nach ihrer verstorbenen Mutter benannt, kam, kaum geboren, zu fremden Leuten in Pflege, wo sie mit dem Milchfläschchen großgezogen wurde.
Wenn man von den gelegentlichen Stippvisiten seines Vaters absah, war Giovanni allein mit Poi Giuseppin.
„Poieppin, ich möchte draußen spielen!“
„Nein, du gehst nicht raus!“
„Ich will zu Antonio!”
„ Kommt nicht in Frage, du bleibst hier!“ Poi Giuseppin verriegelte die Tür und zeigte mit dem Finger auf den leeren Stuhl neben ihm.
„Setz dich hierher!“
Er wollte ihn immer um sich haben. Am liebsten hätte er den Jungen überhaupt nicht aus dem Haus gelassen.
Und Giovanni wollte so gern mit den andern Kindern spielen. Er war ein geselliges Kind, -und später ein geselliger Mann - aber stattdessen musste er sich meistens mit sich selbst beschäftigen, während Poi Giuseppin seine Zeitung las. Er saß am Küchentisch hinter seiner Zeitung verschanzt und war für den Kleinen so gut wie unansprechbar.
Tocktorocktocktock, trommelten Großvaters Finger auf die Tischplatte. Tocktorocktocktock, während er seine Zeitung las. Dieses Fingertrommeln hatte Giovanni ein Leben lang im Ohr. Poi hat ihn gut behandelt. Es hat dem Jungen an nichts gefehlt. Aber immer nur mit diesem alten Mann. Soviel Einsamkeit. So viel Langeweile ...
Und diese Sehnsucht nach ein bisschen Wärme, nach jemandem, der ihn mal auf den Arm nimmt, ihm mal über die Haare streicht. Giovanni besaß nicht einmal Spielsachen wie die Kinder von heute.
Einmal hatte ihm jemand eine Schokoladenuhr geschenkt, so groß wie seine Handfläche. Das war ein Fest. Mit der spielte er tagelang, bevor sie Stück um Stück in seinem Bauch verschwand.
Seine Spielsachen machte er sich selbst, zum Beispiel Kreisel aus Garnspulen. Die Spulen verjüngten sich in der Mitte zu einer Art Taille, wo der Faden aufgewickelt wurde. Dort konnte man sie durchsägen. Großvater klebte ein Stück Holz auf die breite Seite, und fertig war der Kreisel, ein winzig kleines Spielzeug, das Giovanni mit einem Faden in Schwung versetzen konnte. Damit spielte er auf der Tischplatte, während Poi Giuseppin seine Zeitung las.
Im Dorf wimmelte es von Katzen, und Giovanni hatte eine Lieblingskatze, einen kleinen Kater, den er ins Herz geschlossen hatte. Bei schönem Wetter durfte der Junge in den Garten. Das Haus lag auf einem Hügel, die Wege waren mit Steinen befestigt, und das Grundstück wurde nach unten von einer Mauer begrenzt. Wenn es regnete, rutschten die Steine ab, so steil war es, und wurden lawinenartig zur Mauer hinuntergespült, wo sie große Löcher schlugen. In solch einem Mauerloch pflegte Giovanni Zufluchtsort zu suchen.Dort versteckte er sich und bastelte Spielzeug aus Drähten und Metallstückchen und aus all den Sachen, die dort herumlagen. Denn in diesem Teil des Gartens stand Großvaters Zementmischmaschine, sein Werkzeug und alles, was er für die Maurerarbeit brauchte. Manchmal saß...




