May / Heinrich | Rechtsextremismus pädagogisch begegnen | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 184 Seiten

May / Heinrich Rechtsextremismus pädagogisch begegnen

Handlungswissen für die Schule
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-17-037224-5
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Handlungswissen für die Schule

E-Book, Deutsch, 184 Seiten

ISBN: 978-3-17-037224-5
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Right-wing extremism and inhuman attitudes do not stop at the school gates. This volume aims to outline the problem area of right-wing extremism in relation to schools in a condensed form and to present options for action on the basis of specific cases and examples. Following a discussion of the current state of research, the phenomenon is described and examined in relation to its causes as well as educational and legal options for action. For teachers, the book offers assistance in understanding and dealing with right-wing extremist trends and inhuman tendencies in schools.

Prof. Michael May is Professor of Political Education in the Institute for Political Science at the University of Jena. Dr. Gudrun Heinrich is Head of the Department of Political Education in the Institute for Political and Administrative Sciences at the University of Rostock.
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Einleitung


Das Handeln in Schule und Unterricht ist wertegebunden. Es orientiert sich an den Werten der Demokratie und der Völkerverständigung. In allen Schulgesetzen der Bundesländer finden sich entsprechende Aussagen an prominenter Stelle und stecken den Werterahmen des Schulsystems ab, so beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern:

»Der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schulen wird bestimmt durch die Wertentscheidungen, die im Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und in der Verfassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern niedergelegt sind. Zu ihnen gehört eine Kultur des gegenseitigen Respekts und der wertschätzenden Kommunikation, die die Würde der Schülerpersönlichkeit wie der Lehrpersönlichkeit achtet. Ziel der schulischen Bildung und Erziehung ist die Entwicklung zur mündigen, vielseitig entwickelten Persönlichkeit, die im Geiste der Geschlechtergerechtigkeit und Toleranz bereit ist, Verantwortung für die Gemeinschaft mit anderen Menschen und Völkern sowie gegenüber künftigen Generationen zu tragen« (Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur MV 2019, § 2 (1)).

Damit wird auch eine Anforderung an die Professionalisierung der Mitarbeiter/innen1 des Schulsystems deutlich, von den Lehrer/innen sämtlicher Fächer und Funktionen, anderen pädagogischen und nicht-pädagogischen Mitarbeiter/innen bis hin zur Bildungsverwaltung. Schule und Unterricht sollen so gestaltet werden, dass Schüler/innen im Geiste von Demokratie und Völkerverständigung aufwachsen können. Schule und ihr Personal sind damit per Gesetz für die Vermittlung demokratischer Einstellungen und Kompetenzen bei den Schüler/innen zuständig. Es ist somit auch Teil des Professionalisierungsprozesses von (angehenden) Lehrer/innen, sich mit dieser Aufgabe auseinanderzusetzen. Politische Bildung ist nicht eine zusätzliche Aufgabe, die zur Perspektive des eigenen Unterrichtsfaches noch hinzukommt. Vielmehr stehen die demokratische Schul- und Unterrichtsarbeit sowie die politische Bildung im Zentrum des professionellen Auftrages von Lehrer/innen.

Bildungstheoretisch kommt in der Anbindung des Schulsystems an die Werte der Demokratie und der Völkerverständigung zum Ausdruck, dass die Schule einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllt und – unter anderem – für die Stabilisierung und Weiterführung der zentralen Prinzipien und Werte unseres Zusammenlebens Verantwortung trägt. Um Demokratie zu erhalten, muss die heranwachsende Generation – auch eine Lehre aus der deutschen Geschichte – diese Prinzipien und Werte teilen. Die Gesellschaft und das Verbindende zwischen den Gesellschaftsmitgliedern ist indes nur ein Bezugspunkt pädagogischen Handelns. Hinzu kommt die Aufgabe, es den einzelnen Schüler/innen zu ermöglichen, sich in Auseinandersetzung mit den Prinzipien und Werten der Gesellschaft zu entfalten und einen eigenen, individuellen Weg im Leben zu finden. Der Pädagoge Friedrich D. E. Schleiermacher hat dies die »universelle« und die »individuelle« Seite der Erziehung genannt (Schleiermacher 1994: 67 ff.).

Gerade die »universelle« Seite der Erziehung, die Stabilisierung und intergenerationelle Weitergabe demokratischer Prinzipien, scheint dabei mit der »individuellen« Seite, der Entwicklung eigener Perspektiven und Lebenswege der Schüler/innen, nicht immer zu harmonieren. Aber: Nur die Demokratie mit ihren verbürgten Selbstentfaltungs- und Mitbestimmungsrechten ermöglicht es den Menschen und auch den Schüler/innen, eigene Weltzugänge und Lebensentwürfe zu entwickeln und in die Tat umzusetzen.

Angesichts der skizzierten Zuständigkeit von Schule und Unterricht stellen rechtsextreme Einstellungen und Handlungen im Kontext der Schule eine Herausforderung dar, denn Rechtsextremismus lehnt die zentralen Prinzipien und Werte der Demokratie ab. Dabei ist Rechtsextremismus als kohärentes und verfestigtes Weltbild ( Kap. 2) zwar eher ein Randphänomen, aber viele Einstellungsfacetten und Versatzstücke rechtsextremen Denkens sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Bei allen Vorbehalten, die man gegenüber dem Vorgehen der empirischen Rechtsextremismusforschung haben kann, geben die empirischen Ergebnisse doch einen Hinweis auf die Realität der pädagogischen Herausforderung. Die Leipziger Mitte-Studien haben zwischen 2002 und 2018 einen kleiner werdenden Teil von Menschen identifizieren können, der über ein umfassendes rechtsextremes Weltbild verfügt (seit 2014 5 bis 6 %). Manifest ausländerfeindlich eingestellt waren in diesem Zeitraum aber relativ stabil 18 bis 27 % der Bevölkerung, chauvinistisch eingestellt (= übersteigertes Nationalgefühl) waren zwischen 14 und 19 % – wobei die Werte in den ostdeutschen Bundesländern teilweise deutlich höher liegen (Decker et al. 2018: 82 f.). Das Pew Research Center stellt fest, dass 24 % der Deutschen eine negative Sicht auf Muslime haben (36 % in den neuen Ländern) (Pew Research Center 2019: 80, 87).

Schule ist ein Spiegel der Gesellschaft und kann angesichts ihres demokratischen Auftrages vor rechtsextremen Einstellungen und Handlungen nicht die Augen verschließen. Neben der Aufgabe, die Prinzipien und Werte der Gesellschaft zu vermitteln sowie Möglichkeiten der Selbstentfaltung zu eröffnen, müssen sich die Akteure auch Gedanken über den Umgang mit rechtsextremen Tendenzen in der Schule machen. Dieses Buch möchte dabei eine Unterstützung bieten. Was ist unter Rechtsextremismus zu verstehen, welche Ursachen hat er, wie ist er etwa von Rechtspopulismus abzugrenzen? Was kann getan werden, um die Schüler/innen vom Rechtsextremismus abzuhalten, wie kann man mit Schüler/innen arbeiten, bei denen bereits rechtsextreme Einstellungsfacetten zum Vorschein kommen? Ist Schule Teil der Lösung oder eher Teil des Problems? Was können Schule und Unterricht gegen die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen und Verhaltensweisen bewirken? Diese und weitere Fragen sollen in diesem Buch diskutiert werden. Wie nicht anders zu erwarten, werden dabei keine Patentlösungen angeboten. Es muss darum gehen, das pädagogische und didaktische Handeln in Unterricht und Schule vor dem Hintergrund der Wirkungen auf die politische Sozialisation Jugendlicher und speziell auf Prozesse des Entstehens und Verfestigens von rechtsextremen Einstellungen zu reflektieren.

Dabei erwartet den/die Leser/in keine Forschungsarbeit und systematische Darstellung des Forschungsstandes im engeren Sinne. Jedoch fließen relevante Erkenntnisse aus der (teils eigenen) Forschung in die Ausführungen ein. Wir verstehen das vorliegende Buch als eine Einführung in das Problemfeld Rechtsextremismus und Schule. Auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse sollen Überlegungen zum Umgang mit Rechtsextremismus in der Schule angestellt und Vorschläge unterbreitet werden. Gemäß unserer Überzeugung, dass auch die akademische Forschung die Praxisperspektive nicht aus dem Blick verlieren darf, schlagen wir einen Bogen von begrifflich-theoretischen Klärungen und empirischen Evidenzen hin zu Anregungen für die Praxis, die die Handlungsperspektiven der Professionellen berücksichtigen. Dabei greifen wir auch auf ausgewählte, bereits vorhandene Vorschläge der Praxisgestaltung zurück.

Mit dem Buch streben wir zudem an, eine Lücke zu schließen. Zwar sind nach einer langen Zeit, in der das Thema Rechtsextremismus und Schule nur eine sehr geringe Beachtung fand, nun wieder mehr Publikationen zu verzeichnen (z. B. Besand 2019; Schedler et al. 2019; Hunecke et al. 2020), was auch mit dem Aufkommen rechtspopulistischer Bewegungen und deren zum Teil schwierigen Abgrenzungen gegenüber dem Rechtsextremismus zu tun hat. Der Versuch einer kohärenten Gesamtdarstellung mit klarer Praxisperspektive liegt bislang aber noch nicht vor.

Das nun folgende, zweite Kapitel widmet sich dem Phänomenbereich »Rechtsextremismus in der Schule« und zielt auf der Grundlage zu klärender Begrifflichkeiten darauf ab, Erscheinungsformen des Phänomens bei Schüler/innen, Eltern und Lehrer/innen zu umreißen. In engem Zusammenhang damit sind auch Phänomene wie Vorurteilsstrukturen zu betrachten, die als »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« analytisch gefasst werden. »Hate Speech« bezieht sich nach unserem Begriffsverständnis nicht nur auf die Online-Welt und muss daher ebenso berücksichtigt werden wie Fragen des Rechtspopulismus. Gleichzeitig werden aber auch die Phänomene abgegrenzt, die zwar mitunter im Zusammenhang mit rechtsextremen oder menschenfeindlichen Einstellungen auftreten, aber nicht mit diesen gleichgesetzt werden können (z. B. Mobbing).

Das dritte Kapitel befasst sich mit den Ursachen rechtsextremer Einstellungen und Verhaltensweisen, weil wir davon ausgehen, dass erfolgreiches pädagogisches Handeln nur unter...


Prof. Michael May is Professor of Political Education in the Institute for Political Science at the University of Jena. Dr. Gudrun Heinrich is Head of the Department of Political Education in the Institute for Political and Administrative Sciences at the University of Rostock.



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