E-Book, Deutsch, 350 Seiten
May Schatten über Malbury Hall
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-492-98700-4
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine geheimnisvolle Familiensaga in Cornwall
E-Book, Deutsch, 350 Seiten
ISBN: 978-3-492-98700-4
Verlag: between pages by Piper
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Valentina May schreibt erfolgreich Liebesromane und Familiensagas der Gegenwart und Historie. Oft spielt die Natur in ihren Romanen eine wichtige Rolle. Ihre Geschichten spielen an Orten, die sie selbst besucht hat. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren Tieren im Weserbergland. Wenn sie nicht am Schreibtisch sitzt und sich neue Geschichten ausdenkt, reitet sie von ihren Hunden begleitet durch Wald und Wiesen, was sie zu neuen Romanideen inspiriert.
Autoren/Hrsg.
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1.
Es zählte jede Sekunde. Stella atmete schneller, ihre Muskeln spannte sich an, und ihr Herz schlug hart gegen die Rippen. Würde er sie angreifen? Aus blutunterlaufenen Augen starrte er sie an, schnaubte und senkte den Kopf. Stellas Finger schlossen sich fester um die Zügel.
Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.
Fairway, ihr Hengst, wartete auf ein Kommando. Sie hatten schon mehrere solcher riskanten Situationen zusammen gemeistert, waren ein eingespieltes Team und konnten sich aufeinander verlassen. Doch diesmal war ihr Gegner hartnäckiger und gefährlicher als seine Vorgänger. Sie musste den Bullen unbedingt ins Fanggatter locken, bevor er weiteren Schaden anrichtete. Beim Ausbruch hatte er mehrere Zäune niedergetrampelt und fast zwei ihrer Kollegen aufgespießt. Zum Glück war nur einer leicht am Bein verletzt worden.
In ihrem Hirn spielte sie alle Möglichkeiten durch, wie sie es am besten anstellen könnte, den Bullen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Es gab nur eine Möglichkeit. Und die war gefährlich. Sie musste den Lockvogel spielen.
Fairway drehte den Kopf und schaute sie an, als wisse er, was sie überlegte. Seine Nüstern blähten sich. Er wusste, dass es vor allem auf ihn ankam, seine Wendigkeit, Stärke und vor allem seine Schnelligkeit. Sie spürte, wie er darauf brannte, ihr seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.
»Stay calm and wait«, flüsterte sie. Sofort spitzte Fairway die Ohren und gehorchte ihr.
Stella betrachtete den massigen Körper des Bullen. Einen flüchtigen Moment lang kämpfte sie gegen die aufsteigende Angst. Keiner der Cowboys hatte den Mumm gehabt, sich dieser Aufgabe zu stellen. Wie ihre älteren Brüder, die sich sogar vor dem Schafbock auf der Farm ihrer Großmutter gefürchtet hatten. Stella hingegen hatte zwar Respekt, aber keine Angst vor dem Bock gehabt.
Als Teamchefin musste sie den Cowboys beweisen, wie viel Mut in ihr steckte, um nicht deren Respekt zu verlieren. Auch wenn sie in einer modernen Zeit der Emanzipation lebten, fiel es den Cowboys schwer, eine Frau als Vorgesetzte zu akzeptieren. Ständig musste sie sich beweisen.
»Sei ihnen ein Vorbild. Nur dann werden sie dir folgen«, hatte ihre Grandma gesagt, und Stella hatte ihre Worte beherzigt.
Der Bulle scharrte mit dem Huf. Tief blickte Stella ihm in die Augen. Du entkommst mir nicht! Einen Augenblick lang stand er nur da und glotzte sie an. Die Zeit schien stillzustehen, bis er plötzlich vorstürzte. Die Hufe trommelten dumpf auf dem trockenen Boden. Stella reagierte sofort, indem sie Fairway mit dem Schenkel nach rechts dirigierte und dann einen erneuten Richtungswechsel per Schenkeldruck einleitete. Der Hengst verlagerte seinen Schwerpunkt auf die Hinterläufe und sprang mit den Vorderhufen geschmeidig hin und her. Das irritierte den Bullen, der auswich. Doch ihre Strategie fand ein jähes Ende, als der Bulle erneut auf sie zu preschte. Schweiß brach Stella aus allen Poren. Sie war sich der neugierigen Blicke der Cowboys bewusst und konnte sich keinen Fehler erlauben. Wütend galoppierte der Bulle mit gesenktem Kopf auf sie zu, bereit, seine Hörner im Leib des Pferdes zu versenken. Ehe Stella reagieren konnte, sprang Fairway mit einem mächtigen Satz beiseite und galoppierte vorwärts. Nach einer Weile bremste er ab. Sie wusste, dass sie sich seinem Instinkt anvertrauen konnte, der sie oft genug gerettet hatte. Doch diesmal schien er sich zu irren, denn nach dem Stopp schlitterte er über den trockenen Boden direkt auf den massigen Bullen zu, der clever ebenfalls einen Bogen geschlagen hatte. Staub wirbelte auf und nahm Stella für einen Moment die Sicht. Erst als er sich lichtete, erkannte sie zu ihrem Entsetzen, wie nah sie dem Bullen gekommen waren. Die Situation schien aus dem Ruder zu laufen. Der Bulle schüttelte den Staub aus dem Fell und raste erneut direkt auf sie zu. »Verdammt, Fairway!« Stella riss die Zügel nach rechts und schnalzte mit der Zunge. Diesmal befolgte Fairway ihr Kommando und vollführte eine Vierteldrehung auf den Hinterbeinen, bevor er blitzschnell in eine andere Richtung galoppierte und tief geduckt dem Bullen den Weg abschnitt, der sofort die Richtung wechselte. Im selben Augenblick sah Stella zu ihrer Erleichterung das Fanggatter, das sie vorhin für den aufgebrachten Bullen aufgestellt hatten. Sie warf einen Blick über die Schulter zurück, um sich zu vergewissern, dass der Bulle ihr folgte. Auf ihr Kommando hin preschte Fairway voran. Auf beiden Seiten des Fanggatters warteten ihre Kollegen Frank und Bodie mit besorgten Mienen. Das Fanggatter war zwischen zwei Paddocks platziert, in denen sich die Kühe und Kälber aufhielten. Frank und Bodie standen zu beiden Seiten geschützt hinter den Panels. Beide Tore des Fanggatters waren geöffnet, sodass Stella hindurchgaloppieren konnte. Frank und Bodie schlossen hinter ihr das zweite Tor. Danach wendete sie den Hengst und hielt direkt hinter der Box. Der Bulle raste wie erhofft auf das Fanggatter zu. Stellas Hände zitterten vor Anspannung. Würde er in die Falle laufen oder abdrehen? Sie fürchtete um ihre Kollegen. Sie wollte gar nicht daran denken, was wäre, wenn ihre Rechnung nicht aufgehen würde. Begleitet von einer Staubwolke rannte der Bulle in die Falle. Sofort schlossen Frank und Bodie hinter ihm das andere Tor. Wütend rammte das Tier die Metallgitter. Frank und Bodie sprangen zur Seite. Wieder und wieder knallte der Leib des Tieres gegen die Gitter, bis er sich seinem Schicksal ergab. Erleichtert wischte Stella sich den Schweiß von der Stirn. Beinahe wäre das schiefgegangen. Erst jetzt bemerkte sie, wie sehr sie diese Aktion erschöpft hatte. Dankbar tätschelte sie Fairways Hals. »Good boy«, lobte sie ihn. »Heute hast du dir eine extra Portion Hafer verdient.«
»Hey, Stella, ziemlich riskante Aktion!« Frank kam ihr entgegen. Sein Blick war eine Mischung aus Bewunderung und Besorgnis. Im Gegensatz zu Stella hatte er befürwortet, den wild gewordenen Bullen abzuschießen, obwohl er dem Eigentümer der Ranch beim Verkauf ein kleines Vermögen bescheren würde.
»Stella, great!« Bodie, mit neunzehn gerade den Teenagerschuhen entwachsen, hielt seinen Daumen hoch.
Als sie an ihm vorbeiritt, tätschelte er Fairways Hinterteil.
»Jetzt haben sich alle die heutige Feierabendparty mit Bier und Essen redlich verdient!«, rief Stella ihnen zu. »Ich habe jedenfalls einen Mordshunger.«
An jedem letzten Freitag des Monats lud der Rancher seine Mitarbeiter zu einem Barbecue ein.
Zu dritt ritten sie der Ranch entgegen, während die untergehende Sonne die Weiden warmrot übergoss.
Stella stieg vom Pferd. Jeder Knochen im Leib schmerzte. Wie nach jedem arbeitsreichen Tag auf der Ranch. Vor den Cowboys ließ sie sich nichts anmerken. Bloß keine Schwäche zeigen!
Das Leben mit drei älteren Brüdern, die nicht gerade zimperlich mit ihr umgesprungen waren, hatte sie geprägt.
Der Job auf der Ranch gefiel ihr, auch weil die harte Arbeit sie vom Nachdenken abhielt.
Manchmal drückte Stella das schlechte Gewissen, weil sie ihrer Mutter die ganze Farmarbeit und Pflege der Großmutter allein überließ. Die beiden lebten in ihrer Heimat, dem weit entfernten Wisconsin. Die Distanz half ihr, die schmerzlichen Erinnerungen ihrer Kindheit zu verdrängen.
Als Stella acht gewesen war, hatten sich ihre Eltern getrennt. Ihr Vater war durch und durch ein Stadtmensch gewesen und hatte das Leben auf der Farm nicht mehr ertragen. Besonders als Stellas ältere Brüder Ian, Rodney und Gavin weggegangen waren, um ein College zu besuchen. Stella hatte immer wieder die Auseinandersetzungen zwischen ihm und der Mutter miterlebt. In ihrer Not war sie stets zu ihrer Großmutter geflüchtet, die bei ihnen im Haus lebte. Eines Tages hatte ihr Vater die Farm verlassen und war nach Australien ausgewandert. Im ersten Jahr hatte er Stella noch Briefe oder Postkarten geschrieben und zum Geburtstag sowie Weihnachten ein Päckchen geschickt. Dann war die Post immer seltener geworden, bis sie schließlich ganz ausgeblieben war. Irgendwann hatte ihre Mutter dann erfahren, dass ihr Vater in Melbourne wieder geheiratet hatte und mit seiner neuen Familie in der Stadt lebte. Seitdem hatte sie nie mehr etwas von ihm gehört.
Jason, ihr Jugendfreund, hatte ihr damals über die Trennung hinweggeholfen.
Das lag alles eine Ewigkeit zurück, es erschien ihr mittlerweile fast wie ein anderes Leben.
In der nächsten Woche feierte ihre Großmutter ihren dreiundneunzigsten Geburtstag. Für ihr Alter war sie erstaunlich klar im Kopf. Nur ihr Körper verfiel. Bis zu ihrem achtzigsten Geburtstag hatte sie Stellas Mutter noch bei der Farmarbeit unterstützt. Nach einem Sturz hatte sie sich das Bein gebrochen und saß seitdem im Rollstuhl.
Vor wenigen Wochen hatte Grandma Debbie einen Schwächeanfall gehabt, von dem sie sich nur langsam erholte. Stella wusste, was ihre Mutter Rachel leistete. Manchmal warf sie sich deshalb vor, nur an sich selbst zu denken.
Stella schob den Stetson nach hinten und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Oft genug plagte sie das schlechte Gewissen. Alle fanden, ihr Platz sei auf der Farm ihrer Familie. Aber sie konnte und wollte nicht an diesen Ort zurückkehren, wo sie alles an Jason erinnerte.
Die Follow-Q-Ranch lag im Südosten von Texas. An manchen Tagen war es so heiß, dass der Atem in der Nase brannte und man ohne Lederhandschuhe keine Klinke anfassen konnte.
Alles, wonach Stella sich jetzt nach der Aktion mit dem Bullen sehnte, waren eine lauwarme Dusche, ein kaltes Bier und ein deftiges Essen. Zum Glück setzte das Essen nicht an.
Die Quartiere der Cowboys auf der Follow-Q-Ranch besaßen als einzigen Luxus ein bequemes Bett. Die Duschen mussten sich alle...




