E-Book, Deutsch, Band 138, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
Maybach Baby Sonnenschein
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98986-909-7
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der neue Dr. Laurin 138 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 138, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
ISBN: 978-3-98986-909-7
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie 'Der kleine Fürst' in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Der zur Waise gewordene angehende Fürst Christian von Sternberg ist ein liebenswerter Junge, dessen mustergültige Entwicklung zu einer großen Persönlichkeit niemanden kalt lässt. Viola Maybach blickt auf eine stattliche Anzahl erfolgreicher Serien zurück, exemplarisch seien genannt 'Das Tagebuch der Christina von Rothenfels', 'Rosenweg Nr. 5', 'Das Ärztehaus' und eine feuilletonistische Biografie. 'Der kleine Fürst' ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken.
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Es ging ganz schnell, die Tat war gut geplant. Er hatte sich allein ins Haus geschlichen, niemand hatte ihn gesehen. Er lauschte auf die ruhigen Atemzüge aus dem Nachbarzimmer, doch er wusste sicher, von dort drohte ihm keine Gefahr. Auch die Kleine schlief fest und wachte nicht auf. Das war der einzige heikle Punkt gewesen. Er atmete auf. Keine zwei Minuten später war er auch schon wieder draußen, wo sein Freund ihn am Ende des Gartens erwartete. Von dort gab es einen Schleichweg, den sie oft nutzten.
Es war nicht weit, sie erreichten ihr Ziel schnell. Alles lief wie am Schnürchen, besser hätten sie es nicht planen können. Sie fanden den Ort, den sie sich zuvor ausgesucht hatten, menschenleer um diese frühe Zeit, die Morgendämmerung würde erst in einer halben Stunde einsetzen.
Sie wechselten einen kurzen Blick, setzten den Karton behutsam ab, drehten sich um und waren schon eine Minute später wieder auf dem Heimweg.
Ab jetzt hatten sie nichts mehr zu befürchten. In den Nachbarhäusern war noch nirgends Licht zu sehen. Das Haus, in das sie zurückkehrten, war leer, die Mutter des Freundes würde erst später nach Hause kommen, sie hatte, wie sie es manchmal tat, bei einer Freundin übernachtet. Einen Vater gab es im Haus leider nicht mehr.
Sie gingen wieder ins Bett und schliefen trotz der überstandenen Aufregung sofort ein. Später, als sie ein zweites Mal aufstanden, war das Haus, bis auf sie selbst, noch immer leer. Sie begnügten sich mit einer Katzenwäsche, dafür frühstückten sie ausgiebig, bevor sie sich ganz gemächlich wieder auf den Weg machten. Sie hatten genug Zeit. Der Erfolg ihrer nächtlichen Aktion hatte sie früher aufwachen lassen als sonst. Sie alberten herum und grinsten sich verschwörerisch an.
Alles hatte perfekt geklappt.
*
Julia Nehring streckte sich, als der Wecker klingelte. Es war einer dieser Tage, an denen sie gern noch ein wenig länger geschlafen hätte. Es sah nach trübem Wetter aus, wieder einmal. Der Sommer war so schön gewesen bislang, aber jetzt, da er sich dem Ende zuneigte, verlor er an Kraft. Es war zwar noch einigermaßen warm, aber die Sonne machte sich rar. Auch in der vergangenen Nacht hatte es offenbar kräftig geregnet, sie sah das nasse Dach des Nachbarhauses. Ihr machte vor allem die Farblosigkeit zu schaffen, das ewige Grau des Himmels, das sich viel zu früh im Jahr eingestellt hatte, schlug ihr aufs Gemüt.
Doch sie nahm sich zusammen, schwang die Beine aus dem Bett und ging ins Bad. Nach dem Duschen war sie meistens wach, und dann gelang es ihr auch, sich auf den Tag zu freuen.
Das war heute nicht anders. Julia zog sich an und bereitete sich ihr Frühstück zu. Bis sie im Laden sein musste, blieb ihr noch über eine Stunde, aber sie wusste, dass sie die brauchen würde. Sie frühstückte gern lang, ging in Gedanken den vor ihr liegenden Tag durch, überlegte aber auch, was sie sich abends kochen würde, denn dafür musste sie noch einkaufen.
Als sie bei ihrer zweiten Tasse Kaffee saß, machte sie sich an den Einkaufszettel. Der wurde länger als erwartet, sie würde also zwei Taschen mitnehmen müssen, denn die Einkäufe wollte sie direkt auf dem Heimweg erledigen. Sie lächelte. Gefüllte Hähnchenbrust würde sie essen, darauf hatte sie Appetit. Sie aß nur noch wenig Fleisch, aber da ihr heute ein Tag mit viel Arbeit bevorstand, wollte sie sich abends mit einem ihrer Lieblingsgerichte belohnen.
Julia war Schuhfachverkäuferin. Sie arbeitete in einem großen, eher eleganten Geschäft, die Arbeit machte ihr Spaß. Sie hatte, wie viele Frauen, einen ›Schuhtick‹, es gefiel ihr, den ganzen Tag von unzähligen Schuhen umgeben zu sein. Endlich kamen auch wieder elegante Modelle in Mode.
Jetzt gab es wieder Schnallen und Riemchen, Absätze und an spitzen Lederschuhen viele schöne Farben, darüber freute sie sich. Sie trug auch gerne sportliche Schuhe, aber nicht immer und überall. Ab und zu, fand sie, durfte es ruhig auch einmal elegant sein.
Gedankenverloren bestrich sie ein Brot mit Butter und belegte es mit reichlich Käse. Dazu schnitt sie sich einen Apfel klein, legte ein paar Radieschen in die Box und auch noch ein Stück Gurke. Das war ihr Mittagessen. Kochen würde sie ja erst abends.
Sie räumte den Tisch ab und verschwand erneut im Bad, um die Zähne zu putzen, ihre Augen und Lippen zu schminken – denn auf eins legte ihre Chefin größten Wert: dass ihre Verkäuferinnen und Verkäufer gepflegt aussahen. Waltraud Mönke war dreiundsechzig Jahre alt und nannte sich selbst ›in manchen Dingen altmodisch‹. Dazu gehörten gewisse Regeln, die heutzutage nicht mehr unbedingt galten, aber in ihrem Laden setzte sie sie durch. Sie verlangte von ihren Angestellten gepflegtes Aussehen und angemessenes Auftreten. Dazu gehörten neben der Kleidung unbedingte Freundlichkeit und Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und die Fähigkeit, sich angemessen auszudrücken.
Julia kicherte, als ihr der Auszubildende einfiel, der einmal zu einem Kunden gesagt hatte: »Hallo, Alter, du hast eine echt krasse Jacke an.« Dem hatte Frau Mönke aber was erzählt! Außerdem hatte der junge Mann abgekaute Fingernägel gehabt – und fettige Haare. Nicht einmal drei Monate hatte er durchgehalten.
Zufrieden lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. Sie hatte lange dunkelblonde Haare, die sich ganz von selbst lockten. Ihre Kolleginnen beneideten sie darum, während sie selbst insgeheim lieber glatte Haare gehabt hätte. Ihre blauen Augen strahlten, den hübschen Mund mit der üppigen Oberlippe hatte sie durch den Lippenstift geschickt betont. Sie trug einen schmalen Rock und eine kurze Bluse, dazu Ballerinas, die fast so bequem wie Sportschuhe waren, die ihre Chefin an den Füßen ihrer Angestellten aber unter keinen Umständen sehen wollte.
»Klar braucht ihr bequemes Schuhwerk, ihr seid ja den ganzen Tag auf den Beinen«, hatte sie erst neulich wieder gesagt, »aber Turnschuhe kommen nicht infrage, so lange ihr im Laden seid. Danach könnt ihr tragen, was ihr wollt.«
Dabei verkauften sie natürlich auch Sportschuhe, daran war ja jahrelang kein Schuhgeschäft vorbeigekommen, aber Julia wusste, dass es Frau Mönke noch immer schmerzte. Jedenfalls: Alle hielten sich an Frau Mönkes Gebote. Ihre Chefin war nämlich sonst sehr großzügig und immer hilfsbereit, wenn jemand in Not war. Da tat man ihr gerne den kleinen Gefallen, auf Sportschuhe im Laden zu verzichten.
Julia setzte sich noch einmal hin, um die letzte halbe Tasse Kaffee zu trinken. Jetzt war sie bereit für den Tag.
*
Alex Weber verließ seine Wohnung an diesem Morgen früher als sonst, denn er wollte seine frisch operierte Mutter in der Kayser-Klinik besuchen, bevor er ins Büro ging. Er war kaufmännischer Angestellter in einer Firma, die eine Reihe von Fitnessstudios betrieb, aber auch eigene Geräte herstellte. Das Geschäft lief zurzeit großartig, und er fühlte sich am richtigen Platz. Er besaß das Vertrauen der Geschäftsleitung, und so trug er, obwohl er erst achtundzwanzig Jahre alt und noch nicht allzu lange in der Firma war, schon eine Menge Verantwortung.
Ihm blieb noch reichlich Zeit, bis er im Büro sein musste, und er wusste auch bereits, dass seine Mutter in der Nacht gut geschlafen hatte. Ihr waren die Mandeln herausgenommen worden, nachdem sie immer wieder an Halsentzündungen gelitten hatte. Seine Mutter war eigensinnig, sie hielt nichts von Antibiotika und begegnete Ärzten in der Regel mit größtem Misstrauen. Das hatte letztlich zu einer so schlimmen Entzündung geführt, dass sie mit einem Krankenwagen in die Notaufnahme der Klinik eingewiesen worden war, weil sie nicht mehr hatte schlucken können und schließlich sogar Atembeschwerden bekommen hatte.
Der Einzige, auf den sie nichts kommen ließ, war ihr Gynäkologe Dr. Laurin, der zugleich Leiter der Kayser-Klinik und im zweiten Fach Chirurg war. Die Mandeloperation jedoch hatte er einem Kollegen überlassen. »Frau Weber, das ist bei Ihnen ein komplizierter Eingriff«, hatte er gesagt, »wegen Ihrer Vorgeschichte, da lasse ich lieber einen Kollegen ran, der damit mehr Erfahrung hat als ich. Sie wissen ja: Ich stehe nicht mehr so oft wie früher im OP, und wir beide wollen ja kein Risiko eingehen, nicht wahr?«
Das hatte sie ihm hoch angerechnet. Er war aber immerhin als Assistent dabei gewesen, auch das hatte sie ihrem Sohn mit bewunderndem Unterton erzählt. »Stell dir das doch mal vor, Alex: Er ist der Klinikchef, er hat zwei Facharztausbildungen, auch die als Chirurg – und dann assistiert er nur und überlässt die OP einem Kollegen. Dass es solche Ärzte überhaupt noch gibt!«
Ja, Dr. Laurin vertraute sie, und er war es auch gewesen, der sie zu einem Hals-Nasen-Ohren-Spezialisten schicken wollte, weil sie zweimal kurz hintereinander einen Termin in seiner gynäkologischen Praxis wegen einer Halsentzündung nicht hatte wahrnehmen können. Er hatte sie deswegen extra angerufen.
»Lassen Sie das untersuchen, Frau Weber, da stimmt etwas nicht«, hatte er gesagt und sie gedrängt, die Sache nicht auf die lange Bank zu schieben. Aber bevor seine Mutter den Rat hatte annehmen können, war die Entzündung dann so schlimm geworden, dass ihr die Entscheidung aus der Hand genommen worden war.
Alex betrat den Park in Gedanken. Um diese Zeit war er menschenleer – die frühen Jogger waren schon wieder weg, die Kinder, die den Spielplatz liebten, waren noch nicht da, und für die Leute, die frühmorgens ihre Einkäufe erledigten und dafür manchmal den Park durchquerten, war es ebenfalls noch zu früh.
Eine Amsel sang irgendwo über ihm. Er lief weiter, als er nach ihr Ausschau hielt, bis sein rechter Fuß unversehens gegen ein Hindernis stieß. Er geriet ins Straucheln und konnte einen...




