E-Book, Deutsch, Band 37, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
Maybach Das Testament und die Liebe
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7409-7297-4
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der neue Dr. Laurin 37 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 37, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
ISBN: 978-3-7409-7297-4
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie 'Der kleine Fürst' in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Der zur Waise gewordene angehende Fürst Christian von Sternberg ist ein liebenswerter Junge, dessen mustergültige Entwicklung zu einer großen Persönlichkeit niemanden kalt lässt. Viola Maybach blickt auf eine stattliche Anzahl erfolgreicher Serien zurück, exemplarisch seien genannt 'Das Tagebuch der Christina von Rothenfels', 'Rosenweg Nr. 5', 'Das Ärztehaus' und eine feuilletonistische Biografie. 'Der kleine Fürst' ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken.
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»Wieso machst du das, Via? Wir sind nicht mal mit ihm verwandt! Er ist ein angeheirateter Großonkel und hat sich noch nie um uns gekümmert.«
Olivia Rosemeyer wollte ihrem jüngeren Bruder Niels widersprechen, doch er redete einfach weiter: »Das Haus ist eklig, und der Alte ist es auch. Er lebt im Müll! Nicht mal Mama und Papa wollen etwas mit ihm zu tun haben. Eigentlich kennt ihn ja auch keiner, wir wissen praktisch nichts über ihn. Ich verstehe nicht, wieso du ihn immer wieder besuchst.«
»Ihr wisst nichts über ihn, ich schon!«, sagte Olivia in bestimmtem Tonfall. »Schließlich fahre ich schon ziemlich lange regelmäßig zu ihm. Und auch, wenn ihr es nicht versteht: Ich mag ihn! Und ich rede gern mit ihm. Es stimmt, sein Haus ist nicht gerade gepflegt …«
»… die Untertreibung des Jahrhunderts!«, rief Niels. »Von ihm selbst ganz zu schweigen. Wahrscheinlich hat er sich schon seit Jahren nicht mehr gewaschen.«
»Jetzt hör schon auf, du warst nur einmal bei ihm, seitdem nie wieder.« Olivia schüttelte den Kopf. »Ich weiß sowieso nicht, wieso du dich so aufregst, es ist doch meine Entscheidung! Ich verlange ja nicht, dass mich jemand begleitet. Ich mag Onkel Herbert, und ich werde ihn weiter besuchen. Er freut sich, wenn ich komme. Ich werde in Zukunft gar nicht mehr erwähnen, wenn ich ihn wieder besuchen will. Du bist nicht der Erste, der mir solche Vorträge hält, das werde ich mir in Zukunft ersparen.«
Ganz plötzlich grinste Niels. »Clemens und Toby haben also genau so reagiert wie ich?«
»So ähnlich, sie haben es nur etwas … höflicher ausgedrückt. Genau wie Mama und Papa. Ich weiß ja nicht, was ihr euch vorstellt, schließlich wart ihr seit Jahren nicht mehr bei Onkel Herbert, oder? Also wisst ihr überhaupt nicht, wie es in seinem Haus aussieht.«
»Das letzte Mal war es schon schlimm, und da hat er uns hinausgeworfen und gesagt, wir sollen uns nie wieder blicken lassen.«
Das stimmte allerdings, Olivia erinnerte sich an diesen schrecklichen Besuch sehr deutlich. Ihre Mutter hatte sich verpflichtet gefühlt, ihren alten Onkel, den Mann ihrer längst verstorbenen Tante Lina, wieder einmal zu besuchen, obwohl sie weder zu ihrer Tante, noch zu deren Mann engeren Kontakt gehabt hatte. Herbert Klein war unfreundlich und abweisend gewesen und hatte sie nach einem sehr kurzen Besuch gebeten, wieder zu gehen, ohne ihnen etwas anzubieten.
Das Wenige, was sie vom Inneren seines baufälligen Häuschens gesehen hatten – es stand in einem kleinen Ort im Umland von München – hatte ihnen ohnehin jeglichen Appetit verdorben. Und leider stimmte auch, dass es seit damals nicht besser geworden war. Das Häuschen war noch verfallener, Onkel Herbert hatte seitdem noch mehr Sachen angesammelt, von denen er sich nicht trennen konnte, aber dass er sich nicht wusch, stimmte nicht. Gut, vielleicht nicht jeden Tag, aber er tat es, und er wusch auch seine Wäsche. Nicht so oft wie seine Nachbarn vermutlich, aber er tat es, in einer zwar alten, aber noch funktionierenden Waschmaschine
»Er hatte nicht mit uns gerechnet, deshalb war er so unfreundlich«, sagte Olivia. Sie hatte, anders als ihre Eltern und ihre Brüder, Herbert Kleins Einsamkeit gesehen, seine Verzweiflung, und ihm darum wenig später einen Brief geschrieben und ihm angekündigt, sie würde noch einmal wiederkommen, allein, und sich freuen, wenn sie dann miteinander reden könnten.
Er war wie ausgewechselt gewesen. Seitdem besuchte sie ihn regelmäßig.
Mit seiner Nachbarin Melanie Herold, einer resoluten Frau in den Sechzigern, hatte sie ein Abkommen getroffen. Melanie vergewisserte sich unauffällig, dass Herbert Klein nicht krank oder pflegebedürftig war – und wenn er etwas brauchte, besorgte sie es und Olivia gab ihr das Geld dafür. Bislang funktionierte das ganz ausgezeichnet. Einmal im Monat fuhr Olivia zu ihm, brachte seine Küche in Ordnung, wusch auch schon mal Wäsche, wenn sich zu viel angesammelt hatte, und räumte, wenn er sie ließ, ein bisschen auf.
»Er wirft jetzt sogar ab und zu mal etwas weg«, hatte Melanie ihr bei ihrem letzten Besuch anvertraut. »Überhaupt geht es ihm besser, seit du ihn regelmäßig besuchst. Er redet ja jetzt ab und zu auch mal mit mir, das ist früher nie vorgekommen. Und wenn ich klingele, öffnet er mir sogar die Tür.«
»Das hat er mir versprechen müssen. Ich glaube, es ist auch für ihn eine Beruhigung, wenn er weiß, dass du nach ihm siehst und mir Bescheid gibst, wenn etwas nicht in Ordnung ist.«
Sorgen machte ihnen vor allem das Haus. Der Putz blätterte ab, das Dach war an mindestens einer Stelle nicht mehr dicht, eine Hauswand war feucht. Man hätte eine Menge Geld in die Renovierung stecken müssen, doch Onkel Herbert hatte kein Geld, im Gegenteil, das Haus war mit Hypotheken belastet. Und mit Geld konnte Olivia nicht aushelfen. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt und verdiente als junge Buchhändlerin nicht so, dass sie am Monatsende große Summen hätte zur Seite legen können, zumal München ein teures Pflaster war. Allein die Miete für ihre kleine Wohnung verschlang einen Großteil ihres Verdienstes.
»Du verteidigst ihn immer«, sagte Niels in ihre Gedanken hinein.
Sie lächelte ihn an. »Lass uns das Thema wechseln, ja? Über Onkel Herbert werden wir uns doch nie einig. Wie geht’s mit deiner neuen Freundin?«
Niels’ offenes, rundes, sympathisches Gesicht verdüsterte sich.
»Schon wieder Schluss«, murmelte er. »Ich weiß auch nicht, warum die Frauen heute alle so kompliziert sein müssen! Sie sagt, sie liebt mich, aber sie kann nicht mit mir zusammen sein, weil sie mit sich selbst noch nicht im Reinen ist.«
Niels war dreiundzwanzig und damit nur knapp zwei Jahre jünger als Olivia, doch wenn sie sich mit ihm verglich, kam sie sich immer sehr erwachsen war. Er schien noch zu glauben, dass das Leben sich nach seinen Wünschen richten musste, denn jedes Mal, wenn es nicht so lief, wie er es sich vorgestellt hatte, reagierte er wie ein trotziges kleines Kind. Fehlte eigentlich nur noch, dass er mit zornrotem Gesicht mit den Füßen aufstampfte.
»Dann lass ihr doch etwas Zeit«, sagte sie.
»Ich will aber mit ihr zusammen sein und nicht ewig warten!«, rief er. »Ich bin jung, ich will mein Leben genießen und nicht irgendwann mit dreißig dasitzen und all die Dinge bedauern, die ich verpasst habe.«
Sie konnte nicht anders, sie musste lachen. »Clemens wird nächstes Jahr dreißig«, sagte sie. Clemens war ihr ältester Bruder, außerdem gab es noch Tobias, der jetzt siebenundzwanzig war und bald heiraten würde, als Erstes der Rosemeyer-Kinder. »Hast du das Gefühl, dass er dann alt ist und sein Leben nicht mehr genießen kann?«
Niels warf ihr einen zornigen Blick zu. »So habe ich das nicht gemeint«, verteidigte er sich. »Ich will mein Leben jetzt genießen, das wollte ich sagen, nicht erst später.«
In diesem Moment betrat eine Kundin die Buchhandlung. Olivia stand sofort auf. Niels war auf einen Sprung vorbeigekommen, und sie hatten Glück gehabt, dass so wenig los gewesen war und sie sich eine ganze Zeitlang ungestört hatten unterhalten können.
»Ich muss auch los«, sagte er, »bis dann, Via!«
Olivia begrüßte die Kundin, die sie gut kannte. Diese fragte nach dem neuen Roman einer erfolgreichen Schriftstellerin, und Olivia war froh, dass sie ihn bereits gelesen hatte und also etwas dazu sagen konnte. Sie verkaufte der Frau noch zwei andere Romane, und von da an hatte sie keine Zeit mehr, ihren Gedanken nachzuhängen oder sich auch nur einen Kaffee zu kochen.
Als sie abends nach Hause kam, war sie müde, aber auch zufrieden. Sie hatte gut verkauft, nette Gespräche geführt, und ihre beiden Chefs hatten ihr wieder einmal gesagt, wie zufrieden sie mit ihr waren.
Im Kühlschrank waren nur noch Reste, weil sie keine Lust gehabt hatte, einzukaufen, das würde sie also am nächsten Tag unbedingt erledigen müssen. Sie machte sich Rührei und Tomatensalat, aß ein Brot dazu und beschloss, einen gemütlichen Abend zu Hause zu verbringen. Sie musste ja viel lesen, um ihre Kundinnen und Kunden gut beraten zu können, und es stand noch ein Thriller auf ihrer Liste, für den sich vor allem Männer interessierten. Schon mehrere hatten danach gefragt, und sie hatte nur wiedergeben können, was sie dazu gelesen hatte. Das war, ihrem eigenen Anspruch gemäß, zu wenig. Also würde sie zumindest anfangen, den Thriller zu lesen.
Sie hatte sich gerade in ihren Lieblingssessel gesetzt, die Beine hochgelegt und das Buch aufgeschlagen, als ihr Telefon sich meldete. Die Nummer war ihr unbekannt.
»Ja, hallo?«
»Via, bist du das? Hier ist Lukas. Lukas Kister.«
Olivia hatte das Gefühl, dass ihr Herzschlag aussetzte. Lukas Kister, ihre erste heimliche Liebe – sechzehn war sie damals gewesen und hatte ihn von ferne angehimmelt, denn er, der Schulsprecher, war in ihren Augen der attraktivste Junge weit und breit gewesen. Es war aber gar nicht so sehr sein gutes Aussehen gewesen, das sie anziehend gefunden hatte, sondern eher sein Selbstbewusstsein, die Art, wie er seine Worte mit Gesten unterstrich, sein freundliches Lächeln und das Aufblitzen seiner Augen, wenn er sich über jemanden ärgerte. Und sein Gerechtigkeitssinn. Es war Lukas gewesen, der damals dafür gesorgt hatte, dass ein paar üble Typen, die Kleinere und Schwächere drangsaliert hatten, der Schule verwiesen worden waren, was ihn in ihren Augen endgültig zum Helden gemacht hatte.
Ein Jahr später hatten sie sich dann sogar angefreundet, aber mehr eben nicht.
Und noch heute, sechs Jahre nach dem Abitur, konnte sie nicht einfach ganz cool sagen: »Oh, hallo, Lukas.« Oder sogar: »Lukas Kister? Äh …...




