E-Book, Deutsch, Band 132, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
Maybach Julian und die Liebe
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98986-646-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der neue Dr. Laurin 132 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 132, 100 Seiten
Reihe: Der neue Dr. Laurin
ISBN: 978-3-98986-646-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie 'Der kleine Fürst' in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Der zur Waise gewordene angehende Fürst Christian von Sternberg ist ein liebenswerter Junge, dessen mustergültige Entwicklung zu einer großen Persönlichkeit niemanden kalt lässt. Viola Maybach blickt auf eine stattliche Anzahl erfolgreicher Serien zurück, exemplarisch seien genannt 'Das Tagebuch der Christina von Rothenfels', 'Rosenweg Nr. 5', 'Das Ärztehaus' und eine feuilletonistische Biografie. 'Der kleine Fürst' ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken.
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Caroline Nehring erkannte den Mann, der ihr mit schnellen Schritten entgegenkam, erst, als er sie schon fast erreicht hatte: Es war Julian Hoyer. Er schien in Gedanken zu sein, denn er hatte offensichtlich keinen Blick für seine Umgebung, und so erkannte er sie noch später als sie ihn. Einen Moment lang lag ungläubiges Erstaunen auf seinem Gesicht, das sich sogleich in reine Freude verwandelte – wie immer, wenn sie einander wieder einmal unerwartet auf der Straße begegneten. Er lächelte sie an und blieb stehen, genau wie sie.
»Caro!«, sagte er und umarmte sie leicht. »Willst du mich noch immer nicht heiraten? Mein Antrag besteht noch, ich hoffe, das weißt du.«
Sie musste lachen. Vor einem Jahr hatte er ihr seine Liebe gestanden, und es hatte ihr damals beinahe leidgetan, ihn abweisen zu müssen. Er war ein so durch und durch sympathischer und dazu noch attraktiver Mann! Aber sie war nun einmal nicht verliebt in ihn und konnte sich auch nicht vorstellen, dass sich das jemals ändern würde. Er war ihr viel zu ruhig, zu beständig, zu wenig aufregend und daher vom Wesen her überhaupt nicht ihr Typ, das hatte sie ihm schonend beizubringen versucht. Seine Reaktion darauf war so gefasst ausgefallen, dass sie den Eindruck gewonnen hatte, seine Liebeserklärung sei nicht ganz ernst gemeint gewesen. Doch diese Vermutung hatte er sofort von sich gewesen.
Sie trafen sich nicht oft, aber wenn, dann freuten sie sich, einander zu sehen, und Julian erinnerte sie jedes Mal an seine damalige Liebeserklärung. Es war nicht direkt ein Heiratsantrag gewesen, wie er jetzt behauptete, aber tatsächlich hatte er gesagt, sie sei die Frau seines Lebens, daran habe er keinen Zweifel. Dabei hatten sie sich damals gerade erst auf einer Party kennengelernt. Sie allerdings war da ganz frisch verliebt gewesen, in Till, mit dem sie noch immer zusammen war. Schon deshalb hatte sie Julian abgewiesen, aber geschmeichelt gefühlt hatte sie sich natürlich schon.
»Nein, ich glaube immer noch nicht, dass wir füreinander bestimmt sind«, erklärte sie.
Er ging mit einem Lächeln darüber hinweg und fragte: »Wie gehts dir?«
»Gut«, antwortete sie, was gelogen war, doch das würde sie ausgerechnet ihm nicht erzählen. Und auch den Grund dafür, dass sie gerade nicht in allerbester Stimmung war, würde sie ihm nicht verraten, sonst kam er noch auf die Idee, er könnte doch eine Chance bei ihr haben. »Und dir?«, erkundigte sie sich.
»Auch gut«, antwortete er, und er sah so aus, als sagte er die Wahrheit. »Mein Beruf macht mir richtig Freude, obwohl ja alle immer klagen, dass es heutzutage so schwer ist an den Schulen. Aber ich komme gut mit den Schülerinnen und Schülern aus, und ich habe den Eindruck, ihnen geht es mit mir auch so.«
Julian unterrichtete Mathematik und Physik an einem Münchener Gymnasium, er war Beamter und führte, nach allem, was sie von ihren seltenen Gesprächen mit ihm wusste, ein ruhiges, zurückhaltendes Leben. Ihm schien es zu gefallen, für sie wäre es ein Albtraum gewesen. Sie brauchte einen Mann, der die Welt erobern wollte, keinen Stubenhocker. So hatte sie ihm das noch nie gesagt, aber es war die Wahrheit. Sie liebte Abenteurertypen, besonders, wenn sie dazu noch gute Geschichten über ihre Abenteuer erzählen konnten.
Till war so einer, sie hatte sich damals sofort in ihn verliebt, schon bei ihrer ersten Begegnung. Dass sie nun mit ihm nicht mehr rundum glücklich war, stand freilich auf einem anderen Blatt. Sie schob den Gedanken beiseite, sie musste ja nicht ausgerechnet jetzt darüber nachdenken.
»Hast du Zeit für einen Kaffee?«, fragte Julian.
»Ich schon, aber du doch offenbar nicht«, sagte sie.
Er sah sie erstaunt an. »Wie kommst du denn auf die Idee? Für dich habe ich immer Zeit, das solltest du eigentlich wissen.«
»Als du mir entgegengekommen bist, warst du sehr schnell unterwegs, so, als müsstest du unbedingt pünktlich an einem bestimmten Ort sein.«
»Wenn es so aussah, hat es getäuscht. Ich bin zwar verabredet, aber nicht zu einer bestimmten Uhrzeit. Also? Kaffee?«
»Gern«, sagte Caroline und meinte es auch so.
Sie steuerten also das nächstgelegene Café an, und wie immer kamen sie schnell ins Gespräch. Julian erkundigte sich eingehend nach ihrer Arbeit. Sie hatte eine Ausbildung als Kamerafrau gemacht und träumte davon, eines Tages mit ihrer Kamera loszuziehen und Filmtagebücher über ihre Reisen zu drehen. Aber dafür musste sie erst einmal Auftraggeber finden, und das war nicht so einfach.
»Viel Brot- und Butter-Aufträge«, sagte sie seufzend. »Aber zum Glück habe ich einen guten Draht zu ein paar Regisseuren, die wissen, was ich gerne mache und gut kann, deshalb kommt ab und zu ein Auftrag, der mich richtig glücklich macht. Vor einem halben Jahr war ich mit einem kleinen Team auf Gran Canaria, das war einfach ein Traum. Ich wette mit dir, die Leute, die jedes Jahr dorthin fliegen, an die Südspitze, um einen Urlaub am Meer zu verbringen, die haben nichts von dem, was wir gefilmt haben, jemals gesehen. Im Norden ist die Insel noch wild und ursprünglich. Wir waren den ganzen Tag im Gebirge unterwegs, haben mit Leuten gesprochen, die da wohnen, seltene Tiere und Pflanzen gesehen und waren oft ganz allein. Es war einfach wunderbar.«
Noch bei der Erinnerung strahlte sie, ohne es zu merken. Dann fragte sie: »Und bei dir? Verstehst du dich immer noch gut mit deinen Schülerinnen und Schülern.«
»Im Großen und Ganzen schon. Es kommt auf das Alter an. Ich habe gerade eine Klasse von Vierzehn- bis Fünfzehnjährigen übernommen, das ist nicht immer einfach. Die haben andere Dinge im Kopf als Schule und Unterrichtsstoff. Sie träumen mit offenen Augen, ihre Hormone spielen verrückt, und sie haben ihre Gedanken nicht unter Kontrolle. Wenn ich mich nicht so gut erinnern könnte, wie das bei mir war, würde ich wahrscheinlich verzweifeln, aber ich weiß ja, dass es eine Übergangsphase ist. Irgendwann ist sie vorüber, und was herauskommt, sind im besten Fall Menschen, mit denen man wieder normal reden kann. Aber es kann halt dauern.«
»Aber das ist nur eine Klasse, oder?«
»Ja, die Jüngeren sind anders, die Älteren auch. Die heutigen jüngeren Kinder können sich nicht mehr so gut konzentrieren wie früher, das merken alle, die unterrichten. Die Ablenkungen sind einfach viel stärker geworden, und die Älteren können sehr fordernd sein. Da muss man sich schon gut vorbereiten, um da nicht aufs Glatteis geführt zu werden. So ein paar oberschlaue Achtzehnjährige, wenn die sich vornehmen, dich mal richtig herauszufordern, dann musst du schon ausgeschlafen sein.«
»Sind ja offenbar nicht alle«, bemerkte Caroline.
»Nein, überhaupt nicht. Vor allem bei den älteren Kolleginnen und Kollegen sind einige richtig verzweifelt, weil sich ihr Beruf so stark verändert hat, dass sie nicht mehr mitkommen. Die haben noch zu einer Zeit angefangen, in der Schüler Respekt hatten vor Lehrern – also jedenfalls die meisten. Ausnahmen gab es ja schon immer. Und sie nehmen alles persönlich, was Schüler so sagen, wenn sie sauer sind. Das darf man nicht, sonst ist man ständig gekränkt.«
»Ich könnte das nicht, glaube ich«, sagte Caroline nachdenklich. »Du musst doch über ein ziemlich starkes Selbstbewusstsein verfügen, um es zum Beispiel auszuhalten, dass jemand dich beleidigt.«
»Du darfst es dir auch nicht gefallen lassen, du musst klarmachen, dass es Grenzen gibt und dass diese Grenzen eingehalten werden müssen«, erwiderte Julian. »Es stimmt schon, einfach ist das wahrscheinlich nicht für alle. Warum es mir nicht besonders schwerfällt, kann ich dir nicht sagen. Ich glaube, ich lasse mich nicht so leicht beirren, wenn ich von einer Sache überzeugt bin. Ich will einfach, dass diese Kinder und Jugendlichen, die ich unterrichte, etwas lernen, das ich für sinnvoll halte. Und ich kann ja ziemlich hartnäckig sein.«
»Das weiß ich«, sagte sie und lachte.
Er lachte auch, aber seine Augen sagten ihr, dass er seine Worte ernst gemeint und auch an seine Gefühle für sie gedacht hatte.
Spontan sagte sie: »Du bist so ein netter Mann, Julian, ich finde es richtig schade, dass ich mich nicht in dich verlieben kann.«
»Oh, du könntest schon«, erwiderte er. »Aber offenbar stehen da ein paar Hindernisse im Weg. Und so lange das so ist, wird nichts aus uns beiden.«
Sie war froh, dass er nicht nach Till fragte, denn sie hätte ihn nicht gerne angelogen. Also sagte sie nur: »Ja, so ist es wohl.«
Zum Glück wechselte er danach das Thema und kam auch nicht darauf zurück, als sie sich voneinander verabschiedeten. Er sagte nur: »Bis zum nächsten Mal, Caro – ich hoffe, es dauert nicht wieder so lange, bis wir uns begegnen.«
Nie hatte er bislang versucht, sich mit ihr zu verabreden – darüber dachte Caroline nach, als sie ihre Einkäufe erledigt hatte und auf dem Heimweg war. Wenn er tatsächlich so verliebt in sie war, wie er es damals gesagt hatte, warum versuchte er dann nie, sie wenigstens häufiger zu treffen?
Und was wäre eigentlich gewesen, wenn sie auf seine Eingangsfrage mit ›ja‹ geantwortet hätte? Hätten sie dann gleich geheiratet? Wären sie sofort ein Paar geworden? Natürlich nicht – beides waren absurde Vorstellungen. Aber, dachte sie, sie sollte es vielleicht einmal ausprobieren, um zu sehen, wie er darauf reagierte. Zumindest, nahm sie an, würde er ganz schön in Verlegenheit kommen, wenn sie anders reagierte als erwartet.
Vielleicht würde sie es beim nächsten Mal ausprobieren.
Als sie die Wohnungstür öffnete, war Till schon da. Damit hatte sie nicht gerechnet, er hatte ihr gesagt, es könnte spät werden. Ein Blick in sein Gesicht...




