E-Book, Deutsch, 100 Seiten
Mayer Das Problem des Wahnsinns in Odoevskijs 'Russischen Nächten'
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7504-4794-3
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
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Ich bin gelernter Gymnasiallehrer für Russisch und Sozialkunde. Seit meinem 2. Staatsexamen bin ich in der Erwachsenenbildung tätig. Seit 1999 bin ich NLP Lehrtrainer DVNLP. Ich lebe als Trainer, Berater und Buchautor im Allgäu und arbeite für verschiedene Firmen und Institutionen. Im Via Nova Verlag erschienen meine Bücher Praxisbuch Entscheidungen und Effektiv und mit Leichtigkeit lernen. Im Junfermann Verlag erschien meine Einführung ins NLP und in die Lebenskunst Neue Lebens Perspektiven. In 2020 erscheint im Xoxo Verlag (Eisermann Gruppe) mein neuestes Buch zum Thema Kreativität.
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2. Odoevskijs allgemeine Konzeption der Psyche
Bevor ich zur Darstellung des Problems des Wahnsinns bei Odoevskij übergehe, will ich eine Übersicht geben über Odoevskijs allgemeine Konzeption der menschlichen Psyche. Diese Konzeption bildet die Grundlage aller Ausführungen Odoevskijs, insbesondere derer über den Wahnsinn, der bei Odoevskij ein Problem der Psyche ist. Zum Verständnis dessen, was Odoevskij über den Wahnsinn schreibt, ist die Kenntnis seiner allgemeinen Konzeption der Psyche unentbehrlich.
Odoevskij stützt sich in seiner allgemeinen Konzeption der Psyche auf verschiedene abendländische Philosophen, insbesondere auf Schelling, aus dessen ‚System des transzendentalen Idealismus’ (Tübingen 1800) er in einer Anmerkung der ‚Russischen Nächte’ ausführlich zitiert.(136) In den ‚Russischen Nächten’ werden auch Schellings Schriften ‚Über Gottheiten in Samothrace’, Stuttgart 1815(77) und ‚Von der Weltseele’, 1798(187) erwähnt.
Erwähnt wird auch der ‚Philosoph inconnu’ (17) Louis-Claude de Saint-Martin (1743-1803), der ebenfalls einen großen Einfluss auf Odoevskij hatte. Dessen Schrift ‚Des Erreurs et de la Vérité’ war 1785 ins Russische übersetzt worden.47 Odoevskij kannte auch einen Teil des Briefwechsels Saint-Martins mit Baron Kirchberger, den er 1847 in Lausanne im Original einsah.48 „Dieser Briefwechsel ... besitzt eine sehr große Bedeutung für das Studium Saint-Martins.“49
Neben Saint-Martin erwähnt Odoevskij auch John Pordage (1607-1681)(15), einen Schüler Jacob Böhmes (1575-1624). Pordage und Böhme hatten einen großen Einfluß auf die Philosophie Odoevskijs. Pordages Schrift ‚Metaphysika vera et divina’ war 1786 über das Deutsche ins Russische übersetzt worden.50
Eine eingehendere Darstellung der Quellen Odoevskijs würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Ausführlich sind seine Quellen dargestellt bei Pavel N. Sakulin.51
Den Kern von Odoevskijs Konzeption der Psyche bildet seine These von der Kluft zwischen Gedanke und Ausdruck. Diese Kluft habe jedoch nicht immer bestanden.
„Es gab eine Zeit“, da „verstand (die Menschheit - M.M.) sowohl Gott als Natur, Gegenwart und Zukunft“ (120), „damals brauchte die Menschheit keinen “ (120). Mit der Entstehung der Vernunft und damit auch der Sprache, „denn die Sprache ist ein Produkt der Epoche der Vernunft“52 - entstanden „die zwei beständigen, ewigen, aber gefährlichen, verräterischen Verbündeten der Seele des Menschen: und .“(120) Beim Turmbau zu Babel (34,135) „vermischten sich alle Begriffe, und jedes Wort erhielt eine ihm entgegengesetzte Bedeutung.“(149)
Durch diese Störung der Kommunikation mit Gott, der Natur und den Mitmenschen wurde der Mensch nicht nur diesen fremd, sondern auch sich selbst: „vor der Seele des Menschen erschien ein neuer Feind, schrecklicher, strenger, lästiger und unzufriedener - er selbst.“ (120)
Durch die Kluft zwischen Gedanke und Ausdruck ist die Harmonie der Seele gestört. Diese Störung der Harmonie der Seele lässt sich auch interpretieren als Störung des Gleichgewichtes der vier Elemente der Seele. „diese vier Elemente heißen ganz einfach: das Bedürfnis nach Wahrheit, Liebe, Ehrfurcht und Kraft oder Macht.“ (179) „wenn kein Gleichgewicht und keine Harmonie zwischen den Elementen bestehen, leidet der Organismus,“ (180) „denn er hat die Fülle des Lebens nicht erreicht.“ (180)
Weiter lässt sich die Störung der Harmonie der Seele betrachten als eine Störung des Gleichgewichtes zwischen Instinkt und Vernunft. Die Kluft zwischen Instinkt und Vernunft hängt eng zusammen mit der Kluft zwischen Gedanke und Ausdruck. Wie wir sahen, ist die Entstehung der Kluft zwischen Gedanke und Ausdruck verbunden mit der Entstehung der Vernunft. Der Instinkt ist älter als die Vernunft.
Was versteht Odoevskij unter dem Begriff ‚Instinkt’? Der Instinkt ist bei Odoevskij der Gegenpol der Vernunft, also alles Irrationale, Gefühlsmäßige, Unbewusste und auch Mystische. Hier ist eine gewisse Unklarheit in Odoevskijs Theorie des Instinktes festzustellen: Odoevskij versteht unter dem Instinkt einerseits die frühere Einheit aller seelischen Kräfte, andererseits aber nach Entstehen der Vernunft nur die eine Seite, den Gegenpol der Vernunft.
Das Wesen des Instinktes bei Odoevskij können wir am besten erkennen, wenn wir betrachten, was Odoevskij über den Traum sagt, denn „im Zustand des Traumes handeln wir instinktgemäß, außerhalb der Bedingungen der Vernunft.“53
Odoevskij schreibt über den Traum: „Wir denken oft, dass wir im Traum großen Unsinn sehen; bei großer Aufmerksamkeit kommt man aber nicht umhin, zu bemerken, dass dieser Unsinn größtenteils eine Ungereimtheit mit unserem gewöhnlichen Verständnis ist.“54 „Folglich besteht die Möglichkeit für ein völlig anderes Verständnis, als wir es im hiesigen Leben besitzen, und für dieses Verständnis gibt es eine Sprache, die uns unbekannt ist.“55
„schade, dass wir nicht die Gesetze dieser besonderen Welt studieren, in die wir während des Traumes hinüberwechseln.“56
Odoevskij greift hier auf Schelling zurück, der ihm 1842 in einem Gespräch sagte: „was ist der Traum; oder, besser gesagt, wo befinden wir uns im Traum - aber wir befinden uns irgendwo, denn wir holen von dort neue Kräfte.“57
Odoevskij fährt in seiner Theorie des Traums fort: „Die Träume sind symbolische Abbilder der Gedanken und Gefühle des Menschen; aber wie in der Natur jeder Gegenstand Symbol ist für einen anderen Gegenstand, so vergessen wir im Traum das erste Glied jener Reihe von Symbolen und erinnern uns nur an die letzten, und weil jede Reihe sich voneinander entfernt, wie die Radien eines Kreises untereinander, so erscheinen uns die Träume als Unsinn; dieser Unsinn muss sich verstärken, wenn es geschieht, dass der eine Gedanke 5 symbolische Glieder durchlief, ein anderer 7 und so weiter.“58
Der Traum ist also eine völlig andere Art von ‚Verständnis’ (ponjatija) - ein symbolischer Ausdruck unserer Gedanken und Gefühle.
Interessant ist, dass in dem Wort ‚Verständnis’ (ponjatija) im Russischen die Kluft zwischen Gedanke und Ausdruck aufgehoben ist. Denn ‚ponjatija’ beinhaltet sowohl die Ideen als auch die Begriffe, also Gedanke und Ausdruck. Im Traum, und damit auch im Instinkt, denn der Traum ist ein Zustand des Instinktes, ist die Kluft zwischen Gedanke und Ausdruck überbrückt.
Odoevskij sieht die Aufgabe der Menschheit darin, die verlorengegangene Harmonie der Seele wiederherzustellen, Gedanke und Ausdruck, Instinkt und Vernunft zu versöhnen: „Es ist eine große Aufgabe, seinen Instinkt zu verstehen und seinen Verstand zu fühlen! Darin liegt vielleicht die ganze Aufgabe der Menschheit.“ (177)
Der Mensch kann die gestörte Harmonie der einzelnen Elemente der Seele wieder herstellen in der Kunst: „Dem Menschen ist das Privileg gegeben, eine besondere Welt zu schaffen, in der er die Grundelemente in jeder beliebigen Proportion vereinen kann, sogar in Ihrem wirklichen natürlichen Gleichgewicht: Diese Welt heißt Kunst, Poesie.“(180)
„die Menschheit wäre schon gestorben, wenn ihr der Himmel nicht einen neuen Verteidiger geschickt hätte: “ (120)
„Alle Künstler arbeiten an einer Sache, alle sprechen eine Sprache ... der einfache Mann aber muss diese Sprache erst lernen, im Schweiße seines Angesichts ihre Ausdrücke suchen“ (104)
Wie erreicht man nun den Zustand der Kunst? „Die ästhetische Tätigkeit gelangt zur Seele nicht mittels der künstlichen logischen Bildung der Gedanken, sondern ; ihre Bedingung ist jener besondere Zustand, der genannt wird“ (138)
Die künstlerische Tätigkeit erfolgt nicht mittels der Logik, also der Vernunft, sondern nur im „natürlichen, d.h. inspirierten Zustand“ (8) der Seele.
Welche Chance hat die Menschheit, ihr Ziel, Gedanke und Ausdruck, Instinkt und Vernunft zu versöhnen, zu erreichen? „Bei dem jetzigen, unvollkommenen Zustand der Gesellschaft ist eine völlige Erreichung des Ziels des Lebens unmöglich; daher der unablässige Kampf zwischen der natürlichen Organisation des Menschen und den Bedingungen der Gesellschaft, in denen er sich befindet.“59
Wie wir gesehen haben, führt ein Ungleichgewicht der einzelnen Elemente der Seele zum Leiden. Folglich führt auch der innere Kampf im Organismus der Gesellschaft - Odoevskij sieht in der Gesellschaft einen ‚lebenden Organismus’ (177) - zum Leiden. Hieraus wird die Resignation der beiden Freunde Fausts verständlich, die die Rettung der...




