Mayer / Krumpen | Das Geheimnis ist immer die Liebe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: HERDER spektrum

Mayer / Krumpen Das Geheimnis ist immer die Liebe

Mein Leben
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-451-82117-2
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Mein Leben

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Reihe: HERDER spektrum

ISBN: 978-3-451-82117-2
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wie wäre es, wenn die Liebe an erster Stelle steht? Die Liebe zu den Menschen, mit denen wir unterwegs sind, zu den Armen und Schwachen, den Verfolgten und Einsamen. Es würde die Welt verändern. Karoline Mayer setzt die Liebe an die erste Stelle und verändert so die Welt. Ihr Leben führte sie aus der bayerischen Provinz in die Armenviertel Santiago de Chiles und in Bergregionen Lateinamerikas, wo sie sich seit mehr als 50 Jahren engagiert. In diesem Buch erzählt sie ihre mitreißende Lebensgeschichte - aufgeschrieben von Angela Krumpen.

Karoline Mayer, geb. 1943, lebt seit 1968 in Santiago de Chile, wo sie sich zur Universitätskrankenschwester ausbilden lies. Sie Leiterin der Fundacíon Cristo Vive. Für ihr Lebenswerk wurden ihr zahlreiche Auszeichnungen verliehen, u.a. das Bundesverdienstkreuz, die Kardinal-Frings-Medaille des KSI der Erzdiözese Köln (2008) und der Edith-Stein-Preis (2009). Angela Krumpen, geb. 1963, ist freie Radiojournalistin und Moderatorin. Sie konzipierte und moderierte u.a. die Sendung 'Menschen' beim Domradio Köln. Zudem veröffentlichte sie zahlreiche Bücher. Sie lebt mit ihrer Familie in Tönisvorst.
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Einmal Chile und zurück


Der Traum ist ausgeträumt


März 1973. Ich sitze im Flugzeug und Chile bleibt hinter mir zurück. Es ist ein schrecklicher Moment. Am chilenischen Himmel sind schwere Wolken aufgezogen. Das ganze Land ist in Aufruhr. Die politischen Unruhen sind schon bis in die Armenviertel gedrungen. Es liegt in der Luft: etwas ganz Schlimmes wird passieren.

Schon auf dem Flughafen konnte ich mein Weinen nicht in den Griff bekommen. Ich habe immer weiter geweint: bei den Schwestern, bei der Gepäckabgabe, immer weiter. Maruja sagte mir: „Nun wein’ doch nicht mehr. Du kannst im Flugzeug weiter weinen.“ Was sie nicht wusste, was niemand wissen durfte, weil ich im Gehorsam stand: Ich reiste nicht in einen Heimaturlaub, so wie ich es den Mitschwestern, meinen Freunden und allen Menschen in den Armenvierteln sagen musste. Niemand durfte wissen, dass ich für immer das Land verließ. Damals war das im Orden so.

Schon im November hatte ich Nachricht bekommen, dass irgendetwas nicht stimmte. Mit zwei Schwestern lebte ich in einem Armenviertel in Santiago. Die übrigen Schwestern lebten in einem Konvent in einem Viertel der Oberschicht. Ich hatte mehrmals an bestimmten Versammlungen der Ordensgemeinschaft oder auch an manchen Aktivitäten des Ordenslebens nicht teilgenommen. Einige Male war ich nachts über den Zaun des Klosters gestiegen, wenn ich die Türe nicht öffnen konnte, weil jemand den Riegel vorgeschoben hatte. Immer, wenn so etwas passiert war, hatte ich meine Entschuldigungen abgegeben und geglaubt, dass meine Begründungen angenommen wurden. Bis ich die ernüchternde Ansage der Provinzoberin erhielt, dass ich nicht mehr zum Orden in Chile passte.

Tausende Male hatte ich den Armen in meinem Wohnviertelversprochen, sie nie zu verlassen. Ihre Zweifel aber waren immer geblieben: ob wir, die wir aus der Oberschicht kamen, die wir Ausländerinnen waren, ob wir es bei ihnen aushalten würden. Immer wieder hatten sie mir vorgehalten, wie unwahrscheinlich das sei. Menschen aus unseren Schichten hätten sich noch nie für die Armen engagiert. Dreieinhalb Jahre lang hatte ich versucht, ihnen klarzumachen, dass wir als Kirche bei ihnen bleiben und im Auftrag Jesu unser Leben mit ihnen teilen würden.

Nun aber sitze ich endgültig im Flugzeug und schreie vor Schmerz so laut wie die Turbinen. Eine der Stewardessen denkt, ich sei durchgedreht. Aber ich kann nicht aufhören zu schreien: vor Ohnmacht, vor Wut, vor Angst. Und immer wieder frage ich mich, ob ich in Chile nicht doch alles verkehrt gemacht habe. Es ist unfasslich für mich, dass ich von meinem Orden einfach ausgewiesen wurde. Ich habe die Menschen in den Armenvierteln im Stich gelassen. Alles ist zu Ende.

Im Altmühltal


Pietenfeld. Ein kleines Dorf mit damals 600 Einwohnern. Wenn man über den Berg vom Altmühltal her kommt, liegt das Dorf in einer kleinen Mulde, umgeben von Wäldern und Feldern. In der Mitte des Dorfes ist die Kirche. Neubarock, nicht elegant, sondern fest gebaut. Rund um den Dorfplatz stehen die Bauernhäuser. Und genau gegenüber der Kirche, am anderen Ende des Dorfplatzes, liegt das Großelternhaus: ein altes Jurasteinhaus aus dem 17./18. Jahrhundert. Über dem großen Hauseingang, einer grünen Eichentür, steht „mane nobiscum Domine“. Als Kind habe ich mir das immer angeschaut: „Bleibe bei uns Herr.“ In dieser Zeit war alles unter einem Dach, vorne das große Wohnhaus und gleich anschließend der Pferde- und der Kuhstall. Über den Ställen waren sogar noch Wohnungen.

Dort habe ich gewohnt, zusammen mit den Großeltern – der Vater meiner Mutter war der ehemalige Bürgermeister von Pietenfeld –, meiner Großmutter, einem Onkel, zwei Tanten, einem Knecht, einer Magd und meiner Familie, bis ich zehn Jahre alt war.

Mein Großvater war für mich ein Patriarch. Eine große Persönlichkeit, die ich sehr achtete. Er dachte viel nach. Ein großer Sekretär stand in seinem Zimmer, der mich immer faszinierte: darin waren viele Dokumente über das Dorf.

Ich hörte oft, wie politisch diskutiert wurde. Sehr leise. Die Nazizeit steckte allen noch in den Gliedern. Genauso wie mein Urgroßvater vor ihm, wurde mein Großvater als Bürgermeister geschätzt: Er kümmerte sich um die Leute.

Manchmal hatte er auch für Menschen in Not gebürgt und dabei Geld verloren. Darüber gab es im Haus einige Diskussionen. Bis 1933 war er Bürgermeister gewesen: Die Kommunalwahlen 1933 hatte er auch gewonnen. Von den Nazis wurde ihm aber ein Verwalter zugeordnet und später wurde er ganz abgesetzt. Mein Großvater war ein ganz offener Nazigegner. Nur wenige Familien im Dorf waren Nazis. Weil sie so in der Minderheit waren, wurden sie später natürlich enorm stigmatisiert. Einmal ist Hitler durchs Dorf marschiert. Die meisten hatten, wie meine Großeltern, keine Fahnen gehisst. Meine Tanten, meine Mutter, meine Onkel waren nicht in der HJ oder beim BDM. Das war ihre Form des Widerstandes, die Form, die sie leisten konnten. Ich selbst habe später, mit zehn oder elf Jahren, ein Buch über Dachau gesehen. Einen Bildband mit großen Fotos. Mit all den Gräueln, den ausgehungerten Menschen, mit den Gasöfen und den Bergen von Toten. Das Buch muss von Amerikanern gemacht worden sein; diese Bilder haben mich für immer geprägt. Da habe ich gefragt: „Warum habt ihr nicht mehr gemacht? Ihr wusstet, dass es Dachau gab.“ Ein Taufpate meines Großvaters war im KZ in Dachau gewesen. Als er zurückkam, ist er direkt zu meinem Großvater gegangen und hat ihm von den Gräueln erzählt. Meine Mutter hat mir damals gesagt: „Kind, das verstehst du nicht. Wir waren acht Geschwister. Wir konnten nicht mehr tun.“ Der Großvater hat mir geantwortet: „Ja, das war eine harte Zeit. Wir standen unter Verdacht. Mehr ging nicht.“

Mein Großvater mochte mich, weil ich sehr lustig war und mich für das interessierte, was er zu erzählen hatte. So lud er mich ab und zu ein, mit dem Karrella, der kleinen Pferdekutsche, durch Felder und Wiesen zu fahren. Was mich vor allem faszinierte, waren die Wälder, die er gepflanzt hatte. Da waren die eigenen wie auch der Gemeindewald, für den er zu sorgen hatte. Er erklärte mir, warum manchmal Mischwald und manchmal Fichtenwald gepflanzt wurde. Er nahm mich ernst als kleines Mädchen. Er starb im selben Jahr, in dem wir ausgezogen sind. Ich war zehn Jahre alt. Am Abend zuvor war ich noch bei ihm gewesen und hatte ihm erzählt, wie viel Sack Weizen an dem Tag gedroschen worden war: Ich wollte ihn immer über alles genau informieren.

Mein Vater, Josef Mayer, stammte aus Grösdorf, war also ein Eingeheirateter in Pietenfeld. Außerdem hatte er als Arbeiter nicht denselben Stand wie meine Mutter. Das spürte ich als Kind sehr deutlich. Aber ich spürte auch sein Selbstbewusstsein. Jeden Morgen ging er in den Steinbruch, wo er als Sprengmeister arbeitete.

Karolina Hofbeck, meine Mutter, war die Frau seines Herzens. Aber mein Vater hatte es sehr schwer gehabt, sie zu erobern. Er lernte sie kennen, als sie mit 19 auf dem Hof ihrer Schwester war. „Auswarten“ nannte man das damals. Die Schwester meiner Mutter bekam ein Baby – und meine Mutter half deshalb auf ihrem Hof aus. Mein Vater arbeitete zur selben Zeit als Knecht auf dem Hof. Er verliebte sich sofort in sie. Aber ihm war auch klar, dass er als Knecht kaum Aussichten hatte, diese Bauerntochter zu heiraten. Er befürchtete, sie niemals heiraten zu dürfen. Deshalb beschloss er, sie zu „verführen“ und so eine Heirat zu erzwingen. Dieser Plan funktionierte nur zum Teil: Meine Mutter wurde schwanger. Aber an Heiraten war trotzdem nicht zu denken.

Daraufhin riss mein Vater mit meiner Mutter nach Würzburg aus. Er brachte sie dort in einer Familie unter und arbeitete selber in der Nähe. Aber meinem Großvater gelang es durch seine Beziehungen, die immer noch minderjährige Karolina aufzuspüren und wieder nach Hause zu bringen. Sie musste dann weit weg bei einer Tante ihre Schwangerschaft austragen und das Kind zur Welt bringen. Doch mein Vater gewann das Herz dieser Tante: Sie erlaubte ihm, seine Geliebte jedes Wochenende ein paar Stunden zu besuchen. Er fuhr dafür 100 Kilometer weit mit dem Fahrrad. Deshalb nannten wir unseren erstgeborenen Bruder Josef immer „das Liebeskind“.

Die beiden haben auf die Heirat lange warten müssen. Geheiratet haben sie schließlich im Dezember 1941, als mein Vater als Sanitäter an die Ostfront verpflichtet worden war. Ich vermute, dass sie nur aus diesem Grund überhaupt die Erlaubnis bekamen, zu heiraten. Bis zur Hochzeit durfte unser Bruder auch nicht bei der Mutter leben. Ein „lediges Kind“ schädigte den Ruf der Familie sehr und brachte viel Leid über sie. Für unsere Familie war das damals alles sehr schwer zu akzeptieren. Aus dem Gefühl, dieses Leid, das sie der Familie zugefügt hatte, wiedergutmachen zu müssen, hat meine Mutter später noch einmal einen sehr hohen Preis bezahlt: Als wir aus dem Haus der Großeltern auszogen, hat meine Mutter meinen Bruder bei den Großeltern als Hilfe auf dem Hof gelassen. Unser Bruder kam natürlich häufig zu uns, aber wir haben ihn alle sehr vermisst.

Innerhalb der Ehe war ich dann das erste Kind. Vater war so verliebt in seine Frau Karolina, dass auch seine erste Tochter Karolina heißen musste. Mama bestimmte den zweiten Namen: Maria.

Von meiner Geburt erfuhr mein Vater im Krieg in Russland, 70 Kilometer vor Moskau.

Ich war schon groß, als er mir von diesem Tag in einem Brief zum Geburtstag erzählte:

Mein geliebtes Töchterchen!

(…) Ich feierte die Nachricht, dass du auf die Welt gekommen warst, zusammen mit einem Freund. Jeder von uns, der Vater geworden war,...


Krumpen, Angela
Angela Krumpen, geb. 1963, ist freie Radiojournalistin und Moderatorin. Sie konzipierte und moderierte u.a. die Sendung »Menschen« beim Domradio Köln. Zudem veröffentlichte sie zahlreiche Bücher. Sie lebt mit ihrer Familie in Tönisvorst.

Mayer, Karoline
Karoline Mayer, geb. 1943, lebt seit 1968 in Santiago de Chile, wo sie sich zur Universitätskrankenschwester ausbilden lies. Sie Leiterin der Fundacíon Cristo Vive. Für ihr Lebenswerk wurden ihr zahlreiche Auszeichnungen verliehen, u.a. das Bundesverdienstkreuz, die Kardinal-Frings-Medaille des KSI der Erzdiözese Köln (2008) und der Edith-Stein-Preis (2009).

Karoline Mayer, geb. 1943, lebt seit 1968 in Santiago de Chile, wo sie sich zur Universitätskrankenschwester ausbilden lies. Sie Leiterin der Fundacíon Cristo Vive. Für ihr Lebenswerk wurden ihr zahlreiche Auszeichnungen verliehen, u.a. das Bundesverdienstkreuz, die Kardinal-Frings-Medaille des KSI der Erzdiözese Köln (2008) und der Edith-Stein-Preis (2009).
Angela Krumpen, geb. 1963, ist freie Radiojournalistin und Moderatorin. Sie konzipierte und moderierte u.a. die Sendung »Menschen« beim Domradio Köln. Zudem veröffentlichte sie zahlreiche Bücher. Sie lebt mit ihrer Familie in Tönisvorst.



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