E-Book, Deutsch, 440 Seiten
Mayes Die Jungs aus dem Panther 3: Bitchboy
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96089-369-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 440 Seiten
ISBN: 978-3-96089-369-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Milan wünscht sich nichts mehr als spießige, langweilige Normalität in seinem Leben. Mit einem Bruder, der den städtischen Straßenstrich vollkommen und gnadenlos im Griff hat, ist er davon allerdings so weit entfernt, dass er kaum mehr davon zu träumen wagt. Das und nichts anderes ist seine Normalität. Auf einer Party trifft er auf verhängnisvolle Weise jemanden wieder, an dessen Namen er sich zunächst nicht erinnern kann und von dem er dachte, dass er ihn nie wiedersehen würde. Jay hat vor einigen Jahren fast den Absprung aus dieser düsteren Welt geschafft, aber nun droht sie, ihn erneut in den Abgrund zu reißen. Diesmal endgültig ...
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Kapitel 1: Milan
»So voll wie erwartet«, murmelte Milan kaum hörbar zu sich selbst, als er am Tag nach den Weihnachtsfeiertagen durch das vollkommen überfüllte Stadtzentrum schlenderte. Ja, er gab es zu: Er war selbst schuld, wenn er auf so bescheuerte Ideen kam. Klar, so früh nach Weihnachten waren die Heerscharen der schlecht beschenkten Menschen unterwegs, um umzutauschen, was ihnen nicht gefiel oder was ihnen nicht passte. Milan kannte so etwas nicht, denn ihm schenkte normalerweise niemand etwas zu Weihnachten.
Nein, das war kein Grund für Mitleid; er war froh darüber. Es entband ihn von der Pflicht, etwas zurückzuschenken – worin er nicht gut war, denn woher sollte er denn wissen, was jemand anderes gebrauchen konnte – oder Freude zu heucheln, um niemanden enttäuscht zurückzulassen.
Überhaupt, der einzige Mensch, der ihm etwas hätte schenken können, war sein Bruder und dafür, dass der nicht auf solche Ideen kam, betete Milan jedes Jahr aufs Neue. Auf Geschenke, die Andrej vermutlich machen würde, konnte man verzichten.
Der Dezember war erstaunlich schneereich gewesen und obwohl die Straßenmeisterei sich bemühte, die Verkehrswege zu räumen, türmte sich zumindest an den Ecken das weiße Zeug noch ziemlich hoch. Von dem zarten Puderzuckerschnee der Adventszeit konnte keine Rede mehr sein. Das, was da den Boden bedeckte und auch noch immer vom Himmel fiel, war pappig und schwer und wurde von den Autos auf der Straße zu Matsch gefahren. Es gab der Stadt ein tristes Aussehen. Vielleicht lag es aber auch am fehlenden Sonnenschein, wer wusste das schon? So oder so war es kein Wetter, das Milans gedämpfte Laune aufheiterte.
Nachdenklich hielt Milan vor dem kleinen Antiquariat inne und blickte durch das Schaufenster hinein. Er ging oft daran vorbei. Betreten hatte er es noch nicht ein einziges Mal, obwohl ihm das, was sich hinter dem Glas präsentierte, ausgesprochen gut gefiel. Die alten Stücke waren wunderschön, hatten ihre Geschichte und ihren ganz eigenen Charakter. Sie bildeten einen starken Gegensatz zu der schnelllebigen Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts und erst recht zu jener, in der Milan sich für gewöhnlich bewegte und die er gern für einige Augenblicke hinter sich ließ und vergaß.
Er änderte seinen Fokus und sah plötzlich nicht mehr den glänzend polierten Sekretär oder das Vertico aus rötlichem Holz, sondern einen hochgewachsenen Mann in einem dunklen Trenchcoat mit Fellkragen. Den trug er schon seit Jahren, wusste nicht einmal mehr, woher er ihn hatte. Dunkles, vom Schnee gepudertes Haar hing ihm ins Gesicht, doch das ignorierte er. Er war es leid geworden, die widerborstigen Strähnen wieder und wieder aus dem Gesicht zu streichen. Sinnlos war es bei diesem Wetter sowieso, vor allem auch, weil seine Haare allgemein gern ein Eigenleben zu entwickeln schienen.
Milan wandte sich von seinem Spiegelbild ab und setzte seinen Stadtbummel fort. Er tat das gern, weil es ihm das Gefühl von Normalität gab. Von einem schnöden, langweiligen, wunderbar normalen Leben. Mit Häuschen und Garten in der Vorstadt. Vielleicht sogar mit einem Hund oder so.
Aber natürlich gab es diese Normalität nicht.
Für niemanden.
Und erst recht nicht für Milan.
Jeder hatte doch irgendeine Leiche im Keller, oder nicht? Die einen mehr, die anderen weniger, aber ganz sicher war niemand normal und bei den Menschen, die ihm entgegenkamen und die ihn nicht einmal wahrzunehmen schienen, fragte er sich, was ihr dunkles Geheimnis sein mochte.
Der scheinbar glückliche Familienvater hatte möglicherweise eine Geliebte, die Oma von nebenan trank vielleicht oder nahm sogar Drogen, die Hausfrau dort konnte kaufsüchtig sein oder bereute insgeheim, je Kinder bekommen zu haben. Und der Teenager, der auf der anderen Straßenseite an der Bushaltestelle herumlungerte und in einer abgewetzten Lederjacke vor Kälte zitternd an einer Zigarette oder an was auch immer zog, verkaufte Tag für Tag und Nacht für Nacht seinen Körper für Geld.
Milan seufzte, hielt auf den Fußgängerüberweg zu und wechselte die Straßenseite, als es grün wurde.
Aus seiner Richtung kommend konnte er bloß schulterlanges, hellblondes Haar und einen schlanken, fast etwas zu schlanken Körper erkennen, doch es genügte, um mit neunzigprozentiger Sicherheit zu sagen, wer da unter dem schneebedeckten Glasdach stand und gerade seine Kippe auf dem rostigen Mülleimer ausdrückte.
Der Junge schien ihn nicht einmal zu bemerken, als Milan direkt neben ihn trat, aber er wusste, dass das täuschte. Vermutlich hatte er ihn sogar schon vorher gesehen.
»Was tust du hier?«, wollte Milan wissen, war sich bewusst, dass seine Stimme dunkel und bedrohlich klang, aber auch davon ließ der Junge sich scheinbar nicht beeindrucken. Er zuckte bloß kaum merklich zusammen. Milan sah es nur, weil er ihn inzwischen etwas kannte.
»Ich darf hingehen, wohin ich will«, war die gleichgültig klingende Antwort, bevor der Angesprochene den Kopf drehte und Milan aus himmelblauen Augen ansah. Wie üblich reserviert und mit einer gewissen Distanz, die nicht wirklich greifbar war.
»Sicherlich darfst du das«, stimmte Milan ihm schulterzuckend zu, »aber das beantwortet meine Frage nicht.«
Wortlos wandte der Junge den Blick zurück auf die Straße, folgte einigen vorbeifahrenden Autos mit glasigen Augen. Er wirkte nicht, als würde er Milan allzu bald eine Antwort geben.
»Ist dir nicht kalt?«, versuchte Milan noch einmal, das Gespräch aufzunehmen, aber wieder erhielt er keine wirklich eindeutige Antwort darauf.
»Ich mag die Kälte«, murmelte der Junge, klang mit einem Mal so erschöpft, wie die dunklen Ringe unter seinen Augen es vermuten ließen, aber sah Milan noch immer nicht wieder an.
»Wann hast du zuletzt was gegessen? Komm, ich lad dich auf einen Kaffee ein.« Es sollte sein letzter Versuch sein, aber auch dieser wurde ohne den Hauch eines Zögerns abgeschmettert.
»Ich brauche deine Hilfe nicht. Ich kann mir meinen Kaffee selbst kaufen, wenn ich einen möchte.«
»Schön, wie du willst.« Milan sagte es mehr zu sich selbst als zu diesem Sturkopf und drehte sich noch im gleichen Moment um. Sollte der doch weiterfrieren, wenn er sich davon irgendwas versprach.
*~*~*
Ruckartig schreckte Milan aus dem Schlaf auf, wusste im ersten Augenblick nicht, wo er war oder warum er von diesem Jungen geträumt hatte, an dessen Namen er sich nicht einmal erinnern konnte. Je mehr er sich anstrengte, an diesem Umstand etwas zu ändern, umso blasser wurde das Bild, bis selbst das Gesicht vor seinem inneren Auge unkenntlich wurde.
Milan rieb sich mit dem Zeigefinger und dem Daumen der rechten Hand die Augen, als könnte er das Bild so wieder zurückholen, aber auch das war vergebens.
Nur ein paar Lidschläge später hatte er den Traum fast vollständig vergessen, der nur noch als dunkle Ahnung irgendwo in seinem Unterbewusstsein herumgeisterte und Stück für Stück verschwand.
Also gab er die Bemühungen um seine Erinnerung auf und hievte sich von der Couch, die in seinem »Büro« stand. Milan setzte bei dieser Bezeichnung in Gedanken Gänsefüßchen. Ganz einfach deshalb, weil es mit einem normalen Büro nicht viel gemeinsam hatte, obwohl es ziemlich so aussah.
Ein Schreibtisch, darauf ein Computer, altersdunkle Regale, auf denen sich neben Büchern auch Ordner stapelten, ein Teppich in der Mitte des Raumes …
Alles wirkte normal.
Der gar nicht so unbedeutende Unterschied zu einem normalen Büro lag jedoch darin, dass Milans sich im Hell’s Heaven befand. Einem fragwürdigen Club in einer noch fragwürdigeren Gegend.
Neben der Couch war ein großes Fenster, von dem aus man in den Hinterhof hinuntersehen konnte. Neben den Mülltonnen standen drei Jungs um die zwanzig beisammen und schienen sich zu unterhalten. Wenn man sie lang genug beobachtete, stellte man fest, dass die eine oder andere illegale Substanz den Besitzer wechselte oder ein selbst gedrehter Glimmstängel von Hand zu Hand ging.
Milan konnte darüber nur voll Unverständnis den Kopf schütteln und wusste doch, dass es so sein musste und auch immer so sein würde.
Er wandte sich ab und ging an seinem riesigen Schreibtisch vorbei zur Tür, öffnete sie und trat auf den dunklen, engen Flur. Dann wandte er sich nach rechts und wollte sich gerade auf den Weg nach unten machen, als er auf dem oberen Treppenabsatz um ein Haar mit einem der Jungs zusammenrasselte.
Ihre Blicke kreuzten sich; dunkles Braun traf helles Blau. Nur für einen kurzen Moment hielt der Kontakt, der jedoch lang genug dauerte, um den Jungen aschfahl werden zu lassen. Milan kannte die Jungs nicht alle bei ihren Namen, aber der schmale Kerl mit dem schmutzig-blonden Haar vor ihm war ihm leider sehr bekannt.
»Milan … Ich …«, stammelte Kai, riss in einer Bewegung, die schon mehr als nur ein bisschen hektisch war, die Hand hoch zu seinem Kopf, um etwas zu verbergen, aber Milan hatte es trotzdem gesehen. Obwohl Kai Anstalten machte, sich wegzuducken, ließ Milan ihm diese Möglichkeit nicht, sondern packte ihn unnachgiebig am Handgelenk. Wortlos schleifte er ihn kurzerhand den Weg zurück, den er gerade gekommen war, den Flur hinauf in sein Büro. Kai wehrte sich, aber das konnte Milan...




