E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Mayle Der Coup von Marseille
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-11079-6
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-641-11079-6
Verlag: Blessing
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sam Levitt, ein Schlitzohr mit ausgeprägten Hang zum leichten Leben hart an der Grenze der Legalität, möchte nur noch sein wiedergefundenes Liebesglück mit der umwerfend attraktiven Elena genießen. Da erhält er von einem alten Bekannten, dem Großunternehmer Reboul, einen heiklen Auftrag: Er soll in Marseille für ein Bauprojekt werben, das die Fischerbucht östlich vom alten Hafen aufwertet. Reboul selbst will im Hintergrund bleiben.
Voller Elan nimmt Sam seine Arbeit in Marseille auf, merkt jedoch schon bald merkt, dass jede Bouillabaisse hier seine letzte sein könnte: Geschäftsmänner aus London, und schlimmer noch - jedenfalls für die Menschen in Marseille - aus Paris wollen ebenfalls den lukrativen Bauauftrag an Land ziehen und schrecken vor Gewalt nicht zurück.
Peter Mayle wurde 1939 in Brighton geboren. Er war Kellner, Busfahrer und erfolgreicher Werbetexter, bevor er 1975 dauerhaft in die Provence zog und Schriftsteller wurde. Seine Bücher wie "Ein guter Jahrgang" (Blessing, 2004) wurden internationale Bestseller. Mit "Ein diebisches Vergnügen" (Blessing, 2010) begann Peter Mayle eine neue Serie um den mit detektivischen Fähigkeiten ausgestatteten Anwalt Sam Levitt und seine Freundin Elena Morales.
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2. Kapitel
Elena und Sam hatten sich verspätet. Jetzt eilten sie durch den Gang zum Aufzug, der sie nach unten in das Restaurant des Chateau Marmont fuhr.
Sie waren von Elenas Ehrgeiz aufgehalten worden, ihrem brennenden Wunsch, Reboul vor Augen zu führen, dass die Französinnen nicht die einzigen heißen Feger auf der Welt waren, wie sie es auszudrücken beliebte. Nach mehreren Fehlstarts und langatmigen Diskussionen hatte sie sich für ein Kleid entschieden, das gerade als der letzte Schrei galt: schwarz, hauteng und megakurz.
Während sie auf die Ankunft des Aufzugs warteten, legte Sam den Arm um ihre Taille, bevor seine Hand sanft hinabglitt, um die oberen Hanglagen der wohlproportionierten Morales-Kehrseite zu erkunden. Plötzlich hielt seine Hand inne, bewegte sich abwärts und geriet abermals ins Stocken.
»Elena? Trägst du irgendetwas unter diesem Kleid?«
»Nicht viel. Nur ein paar Tropfen Chanel.« Sie schaute mit ihrem unschuldigsten Lächeln zu ihm auf. »Das liegt an dem Kleid, weißt du. In dem ist nur Platz für mich.«
»Mhm.« Sam blieb jeder weitere Kommentar erspart, als sich die Türen des Aufzugs öffneten und den Blick auf einen Mann mit Blazer und ziegelroter Hose freigaben, passend zu seinem ziegelroten Gesicht. Er hielt ein halb leeres Martiniglas in der Hand, mit dem er ihnen zuprostete. »Bin auf eine Gartenparty eingeladen«, nuschelte er. »Dachte, ich übe schon mal.« Als der Aufzug hielt, leerte er das Glas auf einen Zug, verstaute es in der Tasche seines Blazers, straffte die Schultern und eilte leicht schwankend von dannen.
Reboul saß bereits am Tisch, den Champagnerkübel in Reichweite, und blätterte in einem Stapel Papiere. Als er Elena erspähte, sprang er auf und ergriff ihre Hand, wobei er sich dieses Mal auf einen einzigen Kuss und ein gemurmeltes »ravissante, ravissante« beschränkte. Elena neigte anmutig den Kopf, während Sam die Augen verdrehte. Der Ober schenkte Champagner ein.
Reboul war ein Mann, auf den der Begriff »elegant« wie zugeschnitten schien. Heute Abend glänzte er in einem schwarzen Seidenanzug (das kleine scharlachrote Ordensband der Légion d’Honneur, der ranghöchsten Auszeichnung Frankreichs, die Menschen mit besonderen Verdiensten um das Vaterland vorbehalten ist, verlieh dem Revers einen Hauch Farbe) und einem Hemd von zartestem Blau. Ein blendend weißes Taschentuch, ebenfalls aus Seide, steckte im Ärmelaufschlag seines Jacketts. Wie bei vielen vom Glück gesegneten Männern des Mittelmeerraumes hieß seine Haut die Sonne willkommen, und sein glatter, hell mahagonifarbener Teint bildete einen höchst schmeichelhaften Kontrast zu den in perfektem Weiß gehaltenen, akkurat geschnittenen Haaren. Sogar seinen Augenbrauen war die fachkundige Aufmerksamkeit eines Meisterbarbiers zuteilgeworden, wie Elena nicht umhin konnte zu bemerken. Die braunen Augen unter den perfekt gestylten Brauen zeichneten sich durch eine gehörige Portion Humor aus. Er war der wandelnde Beweis für die kleinen Freuden der Gutbetuchten. »Trinken wir auf den Erfolg unseres kleinen Vorhabens«, sagte er und hob sein Glas.
Sams Hand mit dem Glas hielt auf halbem Weg zum Mund inne. »Es liegt mir fern, Ihnen den Spaß zu verderben«, sagte er. »Aber ich würde gerne einiges mehr über meine kleinen Vorhaben erfahren, bevor ich in Begeisterungsstürme ausbreche.«
»Das werden Sie, mein lieber Sam, das werden Sie.« Leutselig reichte er Sam die Weinkarte. »Doch darf ich Sie zuerst bitten, den Wein für uns auszuwählen? Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie ein Händchen für einen guten Tropfen.« Seine Worte wurden von einem Stirnrunzeln und einem verschwörerischen Nicken des Kopfes begleitet, als würde er ihm ein Geheimnis anvertrauen.
Es war das erste Mal, dass Reboul – wenn auch indirekt – auf Sams Rolle beim Raub von mehreren Hundert Flaschen Wein anspielte, dessen Beschaffung ihn so große Mühe gekostet hatte. Doch der Vorfall belustigte den Mogul aus Marseille offenbar, wie man aus seinem wohlwollenden Verhalten und der lächelnden Miene schließen konnte. Ein trügerischer Schein? Vielleicht war das nicht der richtige Moment, um dieser Frage nachzuforschen, dachte Sam. Er schob die Weinkarte beiseite, ohne einen Blick hineinzuwerfen. »Ich hoffe, Sie sind einverstanden, aber der Wein ist bereits bestellt. Ich habe mir hier einen kleinen Weinkeller angelegt, leider nicht mit Ihrem zu vergleichen, und zwei Flaschen ausgewählt, die Sie interessant finden könnten. Einen Châteauneuf-du-Pape – einen weißen – und einen unserer lokalen Weine, den Sie vielleicht noch nicht probiert haben: den Beckstoffer Cabernet aus Napa Valley. Wie klingt das?«
Reboul blickte von der Speisekarte auf. »Vorzüglich. Und nun sagen Sie mir, meine liebe Elena, was soll ich essen? Frauen wissen das immer am besten. Ich gebe mich ganz in Ihre Hände.«
Elena tätschelte seinen Arm. »Überlassen Sie das ruhig mir.« Sie vertiefte sich ein paar Minuten in die Speisekarte. »Soupe au pistou? Nein, lieber nicht, ich schätze, eine provenzalische Gemüsesuppe bekommen Sie überall in Ihrer Heimat. Die Meeresfrüchte sind hier ausgezeichnet; als Vorspeise würde ich vorschlagen, Krebsküchlein an Avocadopüree …«
Reboul hob die Hand. »Halt, sagen Sie nichts mehr! Ich bin ganz versessen auf Krebsküchlein. Dafür würde ich sogar einen Mord begehen.«
»Aber doch nicht hier. Eher schon in Marseille, oder? Hoffen wir, dass sich das erübrigt.« Elena blickte von der Speisekarte auf. »Was für einen Tag haben wir heute? Dienstag? Sehr gut – die Spezialität des Hauses ist heute Kaninchenschmorbraten mit Pappardelle und Waldpilzen. Köstlich, glauben Sie mir.«
»Erstaunlich«, erwiderte Reboul. »Ich wusste nicht, dass Amerikaner Kaninchen essen.«
»Eine Amerikanerin wie ich schon.«
Die Bestellungen wurden aufgegeben, die Flaschen entkorkt, und der Champagner wurde mit der gebührenden Aufmerksamkeit bedacht. Reboul zuckte entschuldigend mit den Schultern, weil er bei Tisch geschäftliche Angelegenheiten zur Sprache brachte, bevor er in groben Zügen den Grund seines Besuches zu schildern begann.
»Sie müssen wissen, Marseille ist eine außergewöhnliche Stadt«, begann er. »Sie wurde vor mehr als zweitausendsechshundert Jahren gegründet, bevor Paris auch nur dem Namen nach zu Paris wurde. Und hat riesige Ausmaße. Die Grundfläche von Marseille ist heute doppelt so groß wie die von Paris. Doch wie Sie sich vorstellen können, ist das Land entlang der Küste von Marseille – Land, das sich mit den Füßen im Mittelmeer befindet, wie wir sagen – beinahe vollständig erschlossen.« Er hielt kurz inne, um einen Schluck Champagner zu trinken. »Mit Ausnahme einer idyllischen kleinen Bucht, der Anse des Pêcheurs, die sich östlich des Vieux Port, des Alten Hafens, befindet. Ich möchte Sie nicht mit historischen Details langweilen, sondern mich darauf beschränken, dass dieses Areal in Bestlage hundertzwanzig Jahre lang von Kommunalpolitikern und Bauunternehmen mehrerer Generationen heiß umkämpft wurde. Es gab deswegen etliche Schmiergeldaffären auf beiden Seiten, mehrere Gerichtsverfahren und mindestens einen Mord. Doch vor zwei Jahren fiel die Entscheidung, die Anse des Pêcheurs nun doch zu erschließen. Das Projekt liegt mir sehr am Herzen, ich habe bereits viel Zeit und Geld investiert, aber …«
Die Ankunft der Krebsküchlein veranlasste Reboul, eine Pause einzulegen, die Serviette in den Kragen seines Hemdes zu stopfen, den weißen Châteauneuf zu kosten und Sam zu seiner Wahl zu gratulieren.
»Sagen Sie, was hat die Leute nach hundertzwanzig Jahren doch noch zu einem Sinneswandel bewogen?«, erkundigte sich Sam.
Reboul nahm einen längeren, achtsameren Schluck Châteauneuf, behielt ihn eine Weile im Mund und nickte zustimmend, bevor er antwortete. »2010 wurde Marseille zur Europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2013 gewählt mit dem Ziel, die ›Entwicklung zu beschleunigen‹, wie es im offiziellen Sprachgebrauch hieß. Ich denke, das gab letztlich den Ausschlag. Wie dem auch sei, öffentliche Ausschreibungen und Ideen für die Erschließung der Bucht waren willkommen, und drei Vorschläge kamen schließlich in die engere Wahl. Einer von ihnen – der beste meiner Meinung nach – stammt von mir. Außerdem muss man wissen, dass meine beiden Konkurrenten einen Nachteil haben: Sie sind Ausländer, vertreten eine Interessengemeinschaft aus Paris und ein englisches Konsortium. Keiner von beiden hat auch nur einen Funken Fantasie gezeigt. Beide wollen Hotels bauen, gigantische Bettenburgen mit allen Schikanen des modernen Lebens – Swimmingpool auf dem Dach, Wellnessoase, Shoppingmall der Luxusklasse, immer das gleiche geistlose Konzept. Ganz nach dem Geschmack der Touristen, aber weniger erbaulich für die Bewohner von Marseille. Und was die Bauweise betrifft, so würden damit nur die nächsten...




