E-Book, Deutsch, 141 Seiten
Reihe: Eichborn
M‘Barek I feel you
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8389-7
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Über Empathie
E-Book, Deutsch, 141 Seiten
Reihe: Eichborn
ISBN: 978-3-7517-8389-7
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Empathie gilt als höchste Kunst des Miteinanders. Trotzdem scheint sie der gegenwärtigen Debattenkultur abhanden gekommen zu sein. Im digitalen survival of the fittest beschäftigen sich alle mit allem, vorrangig jedoch mit sich selbst. Meinungen werden absolut, Zwischentöne unmöglich.
Warum wir wieder lernen müssen, empathisch zu sein - oder zumindest mehr empathische Egoisten brauchen -, erzählt Yasmine M’Barek in I FEEL YOU . Von relatable content auf Instagram über den Zusammenhang von Empathie und Kapitalismus bis zum Tod der Kritik: Mit Schärfe, Humor und analytischer Klarheit plädiert Yasmine M’Barek für ein gesellschaftliches Wiederentdecken der Empathie - politisch, privat und popkulturell.
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In meiner Welt sind die meisten alten Menschen Opfer ihrer Sozialisierung. Ich gestehe ihnen daher mehr Fehler zu, feiere ihre Erfolge schneller als die der anderen. Alte Menschen emotionalisieren mich. Sie erinnern mich an meinen Großvater, der jeden Cent in die Bildung seiner Kinder investierte, uns Enkelkindern stets zuerst ein Stück Brot reichte und uns mehrere Dinar zusteckte, damit wir uns im Sommer Eis kaufen konnten. Der oft erschöpft alleine in seinem Zimmer aß, während wir anderen draußen im offenen Innenhof gemeinsam am großen Tisch Platz nahmen. Er wollte uns nie mit seinen Gedanken oder ernsten Blicken stören. Nach dem Essen gesellte er sich dann dazu – gestärkt von dem Couscous meiner Großmutter – und machte Witze. Er ist Teil einer Generation, die ihre Bedürfnisse selten als solche formulierte. Wenn ich ältere Menschen sehe, sehe ich in ihnen meine Großeltern. Ich fühle so viele Emotionen, blicke auf so viel Erlebtes, dass es mein Inneres zerreißt.
Öffne ich TikTok, werden mir in zwei von zehn Fällen Videos von alten Menschen angezeigt. Darüber prangt der Schriftzug »dieser alte Mann isst ganz alleine«. In den Kommentaren bringen Menschen ihre starken Gefühle zum Ausdruck: »Ich heule gleich«, »Ich bin schon am Heulen«, »Wieso setzt sich denn niemand zu ihm?«. Ich nicke es ab, denke, weil ich etwas fühle, bin ich noch Mensch, like das Video und scrolle schnell weiter. Ich möchte ja nicht wieder an all die alten Leute in meinem Leben denken, auch nicht an die, die ich hasse. Nachher muss ich wirklich noch heulen. Bloß nicht zu lange schauen, sonst spült der Algorithmus nur noch solche Videos in meinen Feed. Das nächste TikTok zeigt einen älteren Herrn, einen typischen westlichen Opa im karierten Kurzarmhemd, der an einer Nähmaschine sitzt und irgendeinen weißen Stoff in den Händen hält. Dann erscheinen Lammfellslipper im Bild. Der dazugehörige Text: »Mein Großvater näht den ganzen Tag für seinen kleinen Shop Hello-Kitty-Schlappen.« Ganz antikapitalistisch wird hier auf den selbstständigen Kleinunternehmer aufmerksam gemacht, der es nicht leicht hat im Leben und nun – natürlich völlig verdient – mit meiner Empathie in der Dämmerung seines Lebensabends noch das ganz große Geld macht. Ich brauche ein paar Sekunden, um zu verstehen, dass das Videomaterial vom Anfang vermutlich geklaut ist und der Rest von einer KI erstellt wurde. Und dass das gar keine Hello-Kitty-Schlappen sind, sondern gefakte UGG-Slipper, ihr Lutscher. Trotzdem war die Emotionalisierung erfolgreich.
Da scrollt man als selbsternannter empathischer Mensch völlig unbedarft durch diese App und dann das. Selbst der Antikapitalismus lässt uns im Stich. Zwischen Spendenaufrufen, Solidaritätsgesuchen, Realness und den Appellen an unsere Menschlichkeit stellt sich die Frage, ob es sich im Kapitalismus überhaupt empathisch sein lässt. Und damit meine ich nicht die LinkedIn-Posts, in denen stolz verkündet wird, wie viel besser die Company jetzt läuft, nur weil sich die Führungsebene auch mal in die Situation der teilzeitarbeitenden Mutter versetzt hat. Ist dieses System überhaupt empfänglich für aufrichtiges Mitgefühl, für die Fähigkeit, einander zu verstehen? Schließlich wollen im Internet alle nur, dass ich Slipper kaufe oder ihre Inhalte konsumiere, damit sie im TikTok Creator Rewards Program belohnt werden. Oder nicht?
Wir bringen uns gegenseitig bei, nett zueinander zu sein, höflich, verständnisvoll. Lernen schon als Kind, wie wichtig es ist, einander zu verzeihen. Auch wenn man im Beruf später auf sich selbst achten soll, darf die Nächstenliebe dabei natürlich nicht zu kurz kommen. In den Sozialen Medien gelten viele dieser Verhaltensregeln nicht mehr. Rücksichtslose Enthemmung tritt an die Stelle von Verständnis und aufrichtigem Interesse am Gegenüber. Im Internet regiert der Dauernarzissmus. Ich, ich, ich. Alle erzählen ihre Geschichte, machen ihr Business. Wenn ich mit dem Inhalt anderer relate, dann, weil ich mich gesehen fühle, den Content also auf mich beziehen kann. Wir existieren online nebeneinander und können nicht unbedingt darauf hoffen, ernste Verbindungen fürs Leben zu knüpfen. Hier scheint allein der Kapitalismus das Steuer in der Hand zu haben.
Auch wenn man einigen Bres (Marx, meinem alten Sozialwissenschaftslehrer) oder der Ikone bell hooks danken kann, dass sie uns die negativen Auswirkungen des Kapitalismus auf das Individuum nahegebracht haben, ist klar, dass dieses System nicht in naher Zukunft gestürzt wird. Als eines der wenigen Mittel der sozialen Gegenwehr scheint uns also auch in Zukunft vor allem die Empathie zu bleiben. Dass sich die Sehnsucht nach Empathie in Anbetracht all der Erschöpfung immer wieder als kollektiver Wunsch äußert, ist daher ein Nebenprodukt des Kapitalismus, ein Faktor der gar nicht eingerechnet war. Vor allem, weil der Begriff Kapitalismus auch zuerst da war. Denn das Wort Empathie ging laut der Journalistin Regina Voss erst im späten 20. Jahrhundert in den allgemeinen Sprachgebrauch ein.
»Mitleid«, »Mitgefühl« und »Sympathie« beschreiben das Gefühl, sich spontan in andere einzufühlen. Auch im Wort Empathie stecken diese Bedeutungen: Der altgriechische Wortstamm »-path« bedeutet »leiden« und »fühlen«. 1902 entwickelte der Psychologe und Philosoph Theodor Lipps das Wort »Einfühlung«. Es bezog sich zunächst auf den Zwang zur motorischen Nachahmung des Gegenübers. Aus dem Wort »Einfühlung« wurde in der englischen Übersetzung »empathy«, das ab 1960 mit »Empathie« zurück ins Deutsche übersetzt wurde. Viele Jahre war »Empathie« nur in der Wissenschaft geläufig, um dann gegen Ende des 20. Jahrhundert zu einem allgegenwärtigen, alltäglichen Begriff zu werden.2
Mittlerweile ist Empathie ein inflationär gebrauchtes Schlagwort, das gerne als Gegenentwurf zum kapitalistischen Umgang miteinander ins Feld geführt wird. Leistung wird Empathie gegenübergestellt und scheint uns im Westen tatsächlich oft weiterzubringen – zumindest oberflächlich. Wer schafft mehr Überstunden? Wer lebt für den Konzern? Wer opfert sein soziales Leben und wird dafür befördert? Und das alles, obwohl wir ja eigentlich nur Geld verdienen, um uns im Rewe Avocados leisten zu können. Für irgendwas muss sich die Arbeit ja lohnen. Wer ausfällt, wird morgen ersetzt. Das wissen wir und entscheiden uns trotzdem nicht für den Umsturz. Empathie wird dann hin und wieder zum Mittel in der Not, um alles überhaupt irgendwie auszuhalten. Zumindest so lange, bis man das nächste Mal zwei Stunden länger im Büro bleibt, um die anderen auszustechen und bloß nicht schwach zu wirken.
Ohne den Begriff als solchen verwendet zu haben, versteht auch der neoliberale Vorbegründer Adam Smith eine empathische Haltung als essenzielle Fähigkeit des sozialen Miteinanders, die er dem Kapitalismus gegenüberstellt.3 Laut der Historikerin Ute Frevert war Smith »vollkommen klar, dass ein wilder, ein sozial ungezähmter Kapitalismus das menschliche Zusammenleben extrem belasten, wenn nicht gar unmöglich machen würde«.4 Die Illusion, dass der Kapitalismus unser aller Leben bereichert, wird von der Empathie also eigentlich unterstützt: Empathisch zu sein, erleichtert den Kapitalismus, schafft die Voraussetzung dafür, dass ein kapitalistisches Miteinander praktisch umsetzbar ist. Verräter.
Empathie sei so was wie »der soziale Klebstoff, der uns ermöglicht zusammenzuleben«, so der Neuropsychologe Claus Lamm. Bei der »Fähigkeit zu fühlen, was andere fühlen« und der damit verbundenen Möglichkeit, auch die Standpunkte der anderen besser zu verstehen, handle es sich laut Lamm jedoch nicht um einen »Automatismus«.5 Wir erziehen uns diese Fähigkeit an, weil wir umgekehrt wissen, dass wir für unsere Empathie belohnt werden können – also gegenseitige Unterstützung oder Verständnis erhalten im gestressten Alltag. Das kann man als sich andauernd selbst optimierende Person auch ganz schön missbrauchen, wenn das eigene Einfühlungsvermögen zum Mittel wird, um sich selbst als guten Menschen zu definieren.
Vielleicht kann man auch gar nicht anders, als empathisch zu reagieren, weil man eben sehr sensibel oder gefühlig ist, und wie ein Seismograf jede Veränderung der Außenwelt wahrnimmt. Häufig ist das ein Nebeneffekt negativer Erfahrungen, die uns sensibilisiert haben. Wer zum Beispiel als Kind am Gang der Eltern auf dem Weg zum Kinderzimmer erkennen konnte, ob man sich besser auf schlechte Laune einstellen sollte, hat vermutlich schon früh verinnerlicht, wie wichtig es ist, auch kleinste Veränderungen im Tonfall interpretieren zu können – und hat in der Konsequenz vielleicht angefangen, lieber schon bei minimalen Verhaltensänderungen die Bedürfnisse anderer zu befriedigen anstatt die eigenen, weil das üblicherweise weniger Ärger und Stress bedeutet.
Ich erinnere mich an Momente auf dem Schulhof, in denen in meiner »Freundesgruppe« abgesprochen wurde, nicht mehr mit mir zu reden. Schon früh konnte ich an den Gesichtern der anderen ablesen, was Sache war. Finde ich mich heute in ähnlichen Situationen wieder, in denen ich merke, dass andere hinter meinem Rücken über mich geredet haben – Gott sei Dank spricht niemand mehr ab, mich anzuschweigen –, erkenne ich in meinem Bewusstsein für die Situation diese Sensibilität. Auch wenn ich sie mir selbst oft als empathische Fähigkeit verkaufe, ist der Ursprung auf dem Schulhof nicht zu leugnen.
Trotzdem möchte ich mein empathisches Gespür keinesfalls missen. Die empathische Haltung greift auch mit Blick...




