E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Reihe: tredition GmbH
McAdams Beas Traum in Weiß
2. Auflage 2023
ISBN: 978-3-384-02891-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 232 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-384-02891-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Morag McAdams wurde 1987 in Heidelberg geboren. Bereits in der Gymnasialzeit unternahm sie erste schriftstellerische Gehversuche. Ihr erster Roman "Eine Heimat in den Highlands" erschien 2019 (Neuauflage 2023), daraufhin folgten mehrere Veröffentlichungen im Bereich Romance, Fantasy und Jugendbuch.
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Kapitel 1
Sie hatte in ihrem Leben bereits viele Hochzeitskleider gesehen. Die meisten waren weiß oder cremefarben gewesen, manche rosa, eines sogar tiefschwarz. Sie waren von hageren, hübschen, angespannten oder molligen Frauen getragen worden, und Bea hatte sich oft gewünscht, eine Kombination aus den besten Teilen davon bekommen zu können. Aber das Kleid, das an diesem Tag den Mittelgang entlangschritt, war außergewöhnlich hässlich. Innerlich schüttelte Bea den Kopf und konzentrierte sich auf die Melodie, die durch ihre Finger von den Saiten floss. Sie durfte nicht zu hart urteilen, denn innen an der Tür ihres Kleiderschranks hingen Bilder von Kleidern, die ebenfalls nicht unbedingt hübsch zu nennen waren.
Immerhin hatte sie die Ausrede, jung gewesen zu sein, als sie das erste davon ausschnitt, doch es stand ihr gewiss nicht zu, das Kleid aus altmodischer Spitze unter einem mintgrünen Plüschfelljäckchen zu kritisieren, das gerade am Arm eines ebenfalls minzkaugummifarbenen Anzugs an ihr vorbeilief. Vor allem deshalb nicht, weil die Trägerin des Kleides ihr ein Honorar zahlte, das ihre gewöhnliche Gage weit übertraf. Böse Zungen behaupteten, dass für die extravagante Hochzeit die Stadtkasse erleichtert würde, schließlich heiratete an diesem Junisamstag die Tochter des Oberbürgermeisters höchstpersönlich. Doch Bea tratschte nicht, sondern spielte Ton für Ton die Lieder, die auch auf jeder anderen Hochzeit gewünscht wurden.
Sie hatte sich längst damit abgefunden, dass diese Melodien nie für sie erklingen würden. Nur noch selten erlaubte sie sich diese Träume, die sie als Jugendliche geträumt hatte, gemeinsam mit Martin. Jung waren sie beide gewesen, jung und dumm. Sie hatten gedacht, die Welt gehörte ihnen, um sie nach ihren Vorstellungen zu prägen. Wie dumm sie gewesen waren.
Bea blendete die Worte des Pfarrers und die tränenreichen Schwüre des Brautpaares aus und hing ihren eigenen Gedanken nach, wobei ihr Gesicht die professionelle Maske höflicher Sympathie trug. Sie war dankbar, dass die Hochzeit in der evangelischen Kirche der Nordstadt standfand, die vor einigen Jahrzehnten von Grund auf saniert worden war, um den Gläubigen der neu erschlossenen Baugebiete eine zeitgemäße geistliche Heimat zu bieten. Das modernisierte Gebäude kam ohne eine Orgel aus, war dafür allerdings mit einem Steinway-Flügel ausgestattet, der anonym finanziert worden war. Bea war nicht nur deshalb dankbar, weil sie dieses Instrument wirklich gerne unter ihren Fingern spürte, sondern vor allem, weil sie sich mit Pfarrer Weltecke gut verstand. Die Veranstaltungen, die sie miteinander organisierten, verliefen stets ruhig und entspannt, weil sie so oft miteinander gearbeitet hatten, dass sie jedes seiner Stichworte kannte und wusste, wann ihr Einsatz kam.
Sie rieb unbewusst einen Fingerabdruck von der weißpolierten Holzleiste unter den Tasten. Gleich käme der Auszug der Eheleute zu „All you need is love“, dann hätte sie kurz Pause, bevor sie den Sektempfang, der in einem nahegelegenen Hotel stattfände, musikalisch untermalen würde. Danach war sie in diesem Monat noch für zwei weitere Hochzeiten gebucht, bevor im Juli wieder Flaute herrschen und erst der August mit Sommerfesten, lokalen Konzerten und weiteren Hochzeiten für ein verbessertes Einkommen sorgen würde. Pfarrer Weltecke war es gewesen, der ihr damals den ersten Auftrag vermittelt hatte. Das war vor sechzehn Jahren gewesen und mittlerweile hatte Bea sich als Pianistin ein gutes zweites Standbein geschaffen.
Als Bea am Abend vor ihrem Spiegel stand und sich mit müden Fingern die Haarnadeln aus der Frisur zog, dachte sie an das schreckliche Brautkleid zurück und schüttelte den Kopf. Beinahe war sie darüber froh, dass sie diese Wahl nicht würde treffen müssen. Wie es ihre Gewohnheit war, öffnete sie nach der abendlichen Badezimmerroutine ihren Kleiderschrank und flippte durch den Stapel ausgeschnittener Fotos, der an der Innenseite der Tür klebte. Weiß mit Spitze und Puffärmeln. Cremefarben mit sportlich breiten Neckholderträgern. Silberfarben mit kurzem Rock und Handschuhen. Rote Korsage über Unmengen aufgebauschten Stoffs. Insgesamt fünf Ausschnitte klebten an der Schrankwand. Fünf Hochzeitskleider, die zu fünf Männern gehörten. Dennoch war keiner von ihnen mehr als ein Lebensabschnittsgefährte gewesen. Bea seufzte und ließ das letzte Bild zurückklappen, das die Kleider überdeckte. Ein Mädchen war darauf zu sehen, mit blonden Locken und dem leicht überheblichen Lächeln einer Heranwachsenden. Sie erinnerte Bea an die wichtigeren Dinge im Leben. Der Grund dafür, dass sie nie eines dieser Kleider gekauft hatte, trat neben sie.
„Mama, brauchst du den Korkenzieher?“
Der Grund, warum Martin letztendlich dem Drängen seiner Familie nachgegeben und sie alleingelassen hatte, weil er sich nicht so früh binden sollte, hieß Julia und hatte vor wenigen Wochen das Abitur bestanden. Martin hatte sie nicht einmal angerufen, damals, als ihr Vater ihm die Nachricht von der Geburt seiner Tochter überbracht hatte.
„Wofür brauchst du denn einen Korkenzieher?“
Bea bedachte ihre Tochter mit strengem Blick. Unterhalt bekam sie vom Jugendamt, weil Martin auch nach fast neunzehn Jahren, die seit der mit Beas Vater erstrittenen Anerkennung seiner Vaterschaft vergangen waren, finanziell noch nicht Fuß gefasst hatte.
Sie schnaubte abfällig. Martin war vierzig Jahre alt, zwei Jahre älter als sie, und benahm sich kindischer als ihre gemeinsame Tochter. Sie sollte froh sein, sich nicht an ihn gebunden zu haben.
„Was ist?“ Julia sah sie fragend an.
„Ich dachte nur daran, was für ein Versager dein Erzeuger ist.“
„Ach Mama.“ Julia schloss die Schranktür. „Was ist jetzt mit dem Korkenzieher?“
„Billigen Fusel gibt es im Supermarkt im Tetra Pak“, lag Bea auf der Zunge, doch sie seufzte nur.
„Nimm ihn dir. Ich wüsste ohnehin nicht, mit wem ich eine Flasche Wein trinken sollte.“
„Weißt du was, Mama?“ Sie kannte den schnippischen Ton und runzelte warnend die Stirn. „Wenn du von Hochzeiten nach Hause kommst, badest du den restlichen Tag in Selbstmitleid. Das ist echt anstrengend!“
Sie sah ihrer Tochter hinterher. Immerhin wurde der Vorwurf nicht mit einem Türenknallen unterstrichen.
Bea widersprach ihr nicht, obwohl gerechtfertigter Ärger über die Respektlosigkeit in ihr hochkam. Seit einiger Zeit führten sie diese Gespräche, und sie wusste, dass Julia recht hatte.
„Ehrlich, Mama, du solltest mal wieder ausgehen“, rief die Abiturientin, als sie erneut an der offenen Tür vorbeiging. „Nicht immer nur mit Nadine und Bernd oder Simone. Das täte dir gut.“
Bea verlor die Beherrschung.
„Mit wem denn dann?“, schrie sie zurück. Sie war sich bewusst, dass ihre Tochter nicht der richtige Gesprächspartner für dieses Thema war, doch ihre Art zerrte an diesem Abend an ihren Nerven. Julia sah alles rosarot und die Romantik der Jugend hielt sie fest in ihrem Griff. Bea dagegen war diesem Alter und dieser Leichtigkeit längst entwachsen. Sie sah ihr Leben manchmal wie auf einem Fernseher, dessen Farbeinstellungen nicht stimmten. Der Film war nicht schlecht, nur leider grau. Ein kräftiger Schlag auf das Gehäuse würde vermutlich wieder Farbe ins Bild flimmern lassen.
Bea ahnte nicht, dass dieser Schlag unmittelbar bevorstand.
„Folgende Schüler kommen bitte ins Sekretariat: aus der 9a: Hannes Blüm und Jeremy Scholz, aus der 9c: Mathis Gessner, Milan Özterek und Annika Bering, und aus der 12a: Annalena Gerbersdorf. Für die Klassenstufen fünf bis zehn ist der Unterricht wegen des Wetters nach dieser Stunde beendet.“
Das fröhliche Gebrüll, in das die Schüler nach Beas Durchsage ausbrachen, war sogar durch die geschlossenen Türen bis in den hintersten Flügel des Schulgebäudes zu hören, in dem das Sekretariat lag. Es übertönte das leise Murren, das die Oberstufenschüler von sich gaben, weil die Hitzefreiregelung sie nicht einschloss. Bea hörte ihre Kollegin seufzen und sah sie fragend an.
„Möchtest du nicht auch noch einmal so jung und unbeschwert sein?“, fragte Wiebke.
„Du hast doch nur noch ein Jahr vor dir.“
Manchmal beneidete Bea sie. Wiebke war erst vor wenigen Jahren eingestellt worden und begegnete der Hektik des Schulalltags mit norddeutscher Gelassenheit, während Bea sich oft zusammenreißen musste, um nicht im Alltagsfluss fortgeschwemmt zu werden und in der Arbeit unterzugehen. Und das, obwohl sie anders als ihre ergraute Kollegin nur eine Halbtagsstelle besetzte. Sie mochte ihren Job nicht besonders, doch damals war es das beste – und einzige – Angebot gewesen, das sie erhalten hatte. Sie brauchte eine Arbeit, um für sich und Julia zu sorgen, und so war sie Sekretärin geworden und...




