E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: tredition GmbH
McAdams Gezeitenwende mit dir
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-347-97196-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Reihe: tredition GmbH
ISBN: 978-3-347-97196-7
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Morag McAdams wurde 1987 in Heidelberg geboren. Bereits in der Gymnasialzeit unternahm sie erste schriftstellerische Gehversuche. Ihr erster Roman "Eine Heimat in den Highlands" erschien 2019 (Neuauflage 2023), daraufhin folgten mehrere Veröffentlichungen in den Bereichen Romance, Fantasy und Jugendbuch.
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1
Mhairi stand an der Klippe und zwang sich zu ruhigen Atemzügen. Es war nicht die Anstrengung des Laufs, die ihr die Luft raubte. Diese Zeiten waren vorbei. Mittlerweile erledigte sie ihre allmorgendliche Runde in einer halben Stunde, ohne außer Atem zu geraten. Doch an diesem Morgen wehte der Wind kräftige Sturmböen über das Meer und machte ihr das Luftholen schwer. Über die Kante, an der sie stand, wurden Möwen ins Landesinnere getrieben, ohne dass sie einen Flügelschlag dafür taten. Ihre Schreie verklangen im Wind, und Mhairi hätte es ihnen gerne gleichgetan und ihren Frust auf das Meer hinausgebrüllt. Die Wellen rauschten laut in ihren Ohren. Ein Kloß in ihrem Hals schnürte ihr die Kehle zu und Tränen stiegen ihr in die Augen. Trotzig wischte sie sich die Wangen ab und gab dem Wind die Schuld. Dabei war ihr vollkommen bewusst, dass sie sich selbst etwas vormachte. Es war nicht der Wind oder die raue See an der Küste Schottlands, die ihr das Leben schwermachten. Es war auch nicht der Frühling, der sie rastlos hinaustrieb. An ihrer inneren Unruhe war sie ganz allein schuld. Tjark kam zurück. Aus heiterem Himmel hatte er ihr eine Nachricht geschrieben. Und sie wusste nicht, wie sie ihm begegnen sollte.
Mhairi war der Jeans-und-T-Shirt-Typ. Selbst zu ihrem Schulabschluss und als sie ihr Ausbildungszeugnis erhalten hatte, war sie in legerer Kleidung erschienen. Es war einfach und bequem und sparte Zeit, wenn alles in ihrem Kleiderschrank miteinander kombinierbar war. Doch nachdem sie an diesem Morgen von der Küste zurückgekehrt und frisch geduscht war, hatte sie tatsächlich lange vor ihrem Schrank gestanden und überlegt, ob sie den Hosenanzug anziehen sollte oder gar das Kleid, für das es noch viel zu kalt war.
Nun stand sie, wie immer in Jeans und Shirt, am Eingang zur Gepäckausgabe, und falls sie zufällig das grüne Oberteil trug, das so gut zu ihren roten Haaren passte, dann wollte sie nicht weiter darüber nachdenken. Endlich kamen die ersten Passagiere mit ihren Koffern durch die geöffneten Schiebetüren. Mhairi war überrascht, auch Tjark unter ihnen zu sehen. Sie kannte ihn noch als den größten Trödler von Schottland. Das waren die Worte seiner Mutter, nicht ihre.
„Mhairi?“ Er riss die Augen auf. „Bist das du?“ Er war also beeindruckt, dachte sie. Gut. Tjark machte Anstalten, sie zu umarmen, und sie wich zurück. Ihre Beziehung war kompliziert. Seit dem Kindergarten waren sie befreundet, und doch gab es immer wieder Zeiten, in denen sie sich wochenlang aus dem Weg gingen. Als Jugendliche hatten sie sich notgedrungen zusammengerauft, denn in dem kleinen Dorf, in dem sie aufgewachsen waren, gab es nicht viele Kinder in ihrem Alter. Sie konnten sich zu einer Clique zusammenschließen, oder sie konnten ohne Freunde durchs Leben gehen. Doch zwischen Mhairi und Tjark herrschte schon damals eine Spannung, die sich in Streitigkeiten entlud. Dennoch würde Mhairi für ihn durchs Feuer gehen, trotz allem, was vorgefallen war.
„Hattest du einen guten Flug?“ Ihre Worte klangen in ihren eigenen Ohren gestelzt. Es würde wohl eine Weile dauern, bis sich wieder die gewohnte Leichtigkeit zwischen ihnen einstellte. Auf die unterschwellige Aggressivität dagegen könnte sie verzichten. Mhairi fragte sich, ob sie zu viel erhoffte. Seit damals hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen, auch nicht vor knapp zwei Jahren, als Tjark an Weihnachten nach Hause gekommen war.
Er brummte etwas Unverständliches, schulterte seine Reisetasche und lief los.
„Wo steht dein Auto?“, rief er ihr über die Schulter zu. Mhairi schnaubte. Aller guter Wille, ihre Freundschaft in diesem Anlauf funktionieren zu lassen, minimierte sich, und sie überlegte, ihn einfach suchen zu lassen. Was fiel ihm eigentlich ein? Erst bestellte er sie nach Glasgow wie ein Taxi, dann ließ er sie einfach stehen. Und zu allem Überfluss besaß er die Frechheit, umwerfend auszusehen.
Man erkannte in Tjark deutlich seine niederländischen Vorfahren. Er war groß gewachsen, immer auf der leicht schlaksigen Seite, mit blonden Haaren und einem kantigen Kinn, das normalerweise glattrasiert war. Als er sich erneut zu ihr umdrehte, erkannte Mhairi die dunklen Ringe unter seinen Augen. Sie zwang die Erinnerung an eine durchwachte Nacht zurück in ihre Kiste und beeilte sich, zu ihm aufzuschließen. Jetzt war nicht der Zeitpunkt für kindische Streitereien oder eine Aussprache. Gemeinsam umrundeten sie eine Gruppe junger Frauen, die alle das gleiche schweinchenrosa Oberteil trugen. Tjark würdigte sie keines Blickes und Mhairi wunderte sich. Sollte ihn die Zeit in den USA so verändert haben, dass er nicht mehr jedem Rock hinterherschaute?
Für jeden Schritt, den er machte, benötigte sie mit ihren kurzen Beinen zwei, und so geriet sie doch außer Atem, bis sie am Auto ankamen.
Als sie in ihrem Fiat schließlich auf die A9 auffuhren, hielt Mhairi das Schweigen nicht länger aus.
„Hast du Urlaub?“
„Nein.“
„Kommst du ganz zurück?“ Freude mischte sich mit dem alten Unwohlsein, und die Angst, niemals genug sein zu können, bereitete ihr beinahe körperliche Schmerzen. Sie ärgerte sich, dass bereits diese kurze Zeit mit ihm ausreichte, um ihr dieses Gefühl zu bereiten. Das würden lange zwei Stunden Fahrt werden. Dann fiel ihr auf, dass er nicht antwortete, und sie warf einen schnellen Blick nach links. Tjark sah stur geradeaus. Mhairi wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße zu. Sie würde ihn nicht zum Reden zwingen. Sie stieß die Luft durch die Nase aus und schwieg ebenfalls. Erst als sie sich Sochorper aig Tairn näherten, musste sie fragen, wo sie ihn absetzen sollte. Schließlich hielten sie vor Laurel Court, Tjarks Elternhaus.
„Tapadh leat, a Mhairi.“
„Gern geschehen.“ Sie war noch damit beschäftigt, über den seltsamen Klang nachzudenken, den seine Muttersprache bekommen hatte, um die Lüge zu beachten, die sie aussprach.
„Können wir reden? Irgendwann, meine ich?“ Tjark stieß erst die Autotür auf und sich dann den Kopf, als er sich aus dem Sitz schälte. Mhairi verbiss sich ein Grinsen.
„Wenn du möchtest.“ Sie war wieder an der Stelle ihres Gefühlskreisels angekommen, an der sie ihm nichts abschlug. „Ruf mich einfach an, in Ordnung?“
Er nickte und schwang seine Tasche über die Schulter. Leichter Nieselregen sammelte sich wie Tau in seinen Haaren. Plötzlich sah er so müde aus, als fiele er gleich um.
„Bye.“
„Tìoraidh.“
Mhairi wendete auf der Einfahrt, die zum Haus führte. Der Kies knirschte unter ihren Reifen. Im Rückspiegel erahnte sie in der Dämmerung das alte Herrenhaus hinter den Hecken, die seinen Eingang flankierten. Als sie Kinder waren, waren viele Türen im Inneren versperrt gewesen, und Planen hatten manch zerborstene Scheibe abgedeckt, doch in den letzten Jahren war das Anwesen renoviert worden. Tjarks Mutter lebte noch immer dort und vermietete von Zeit zu Zeit Fremdenzimmer an Touristen. Allerdings verschlug es nur selten einen Wanderer oder zwei in diese Gegend. Für einen großen Ansturm war Sochorper zu abgelegen von den typischen Routen, die an der Küste entlangführten oder die Highlands durchquerten. Sochorper aig Tairn war keine der bekannteren Ortschaften mit Golfplatz und malerischen Häuschen wie die Nachbarstadt Portpatrick. Doch es war Mhairis Heimat und gerade groß genug, um eine Grundschule zu haben, und der Weg zu den Klippen an der Küste war weit genug, dass die Jugendlichen dort ihr Lagerfeuer entzündeten, wenn sie der elterlichen Aufsicht entfliehen wollten. Mhairi liebte die Landschaft der Galloway-Rhins. Sie war geprägt von viel Grün, mageren Wiesen und Feldern und ab und zu steilen Abhängen an der Küste. Die Strecke, die sie jeden Morgen lief, führte sie ans Meer und zurück. Vor fast zwei Jahren hatte sie damit begonnen, als ihr der desolate Gesundheitszustand klar wurde, in dem sie sich mit damals vierundzwanzig Jahren befand. Dass sie Tjark über ihre Kilos lästern gehört hatte, hatte ihre Entschlossenheit nicht beeinflusst, redete sie sich ein. Dabei war er doch schuld an dem Kummerspeck gewesen, wie ihre Großmutter es nannte. Die Bewegung an der frischen Luft klärte ihre Sinne und sorgte für einen freien Kopf, doch seit Tjark ihr am Vortag diese Nachricht geschickt hatte, war ihr das versagt geblieben. Nun stahl sich dieser verflixte Kerl schon wieder in ihre Gedanken. Resolut schob Mhairi den Schmerz beiseite und parkte im Hinterhof des Hauses, das sie mit ihrer Großmutter bewohnte. Sie warf die Autotür mit mehr Schwung als notwendig zu, holte tief Luft und betrat den Laden durch die Hintertür.
„Hallo Granny.“
Ihre Großmutter saß an der Kasse und tippte hektisch darauf herum.
„Du bist früh zurück. Kannst du dir dieses verflixte Ding hier angucken? Das reagiert schon wieder nicht.“
Mhairi schürzte die Lippen, um ihr...




